Wochenrückblick

Duke in der Krise

Man ist erfolgsverwöhnt in Durham, doch dieses Jahr will nichts gelingen: Die berühmten Duke Blue Devils stolpern von Niederlage zu Niederlage. Nach vier Pleiten in Folge ist es Zeit für eine Analyse.

Von Christian Neumann
 14.02.2007 |

Es gibt im College-Basketball nur wenige Teams, die mit der Erfolgsgeschichte der Duke Blue Devils mithalten können: drei NCAA-Meisterschaften (1991, 1992, 2001), vierzehn Auftritte im Final Four, sechszehn Titel in der Atlantic Coast Conference (ACC). Viele Spieler, die später in ihrer Karriere zu Ruhm und Ansehen kamen, wurden in Durham, North Carolina zu Spitzenspielern geformt. Ein Blick auf die Draftbilanz beweist es: Seit Beginn der Neunziger sind siebzehn "Blue Devils" in der ersten Runde gewählt worden, davon neun in den Top-Ten. Zu den bekanntesten Absolventen zählen NBA-Stars wie Grant Hill, Corey Maggette und Elton Brand.

Erfolg gebiert Erfolg

So viel Tradition verpflichtet und macht zudem attraktiv: Immer wieder entscheiden sich landesweit begehrte High-School-Talente, den Weg nach Durham anzutreten, um sich unter der Leitung des berühmten "Coach K" (Mike Krzyzewski) auf eine Profikarriere vorzubereiten. Nicht umsonst stehen im aktuellen Kader so hochgehandelte Rekruten wie Power Forward Josh McRoberts und Point Guard Greg Paulus; auch die diesjährige Freshman-Klasse um den athletischen Shooting Guard Gerald Henderson, der letztes Jahr im Rahmen des McDonald's All-Star Games den Dunk-Wettbewerb gewann, darf zu den besseren der NCAA gezählt werden. Und als wäre dieser Kader nicht genug, haben sich für die Saison 2007/2008 mit Kyle Singler (Top-Ten-Rekrut), Nolan Smith und Taylor King drei weitere Talente angekündigt, die allgemein zu den Top-50 der USA gezählt werden.

Die schöne Theorie...

Allerdings sollten Singler und Co. ihre Zusage an die Duke University vielleicht noch einmal überdenken, denn das aktuelle Team lässt in seinen Leistungen doch stark zu wünschen übrig. Auf dem Papier sehen die Voraussetzungen sehr gut aus: Unterm Korb spielt mit Josh McRoberts einer der talentiertesten Bigmen der gesamten NCAA: ein athletischer 2,08m-Forward, der wegen seiner Fähigkeiten als Allrounder bisweilen mit Chris Webber verglichen wird. Sein Partner im Backcourt ist Point Guard Greg Paulus, der vielleicht ein sogar noch besserer Quarterback ist, sich aber für den Basketball entschied und punktgenaue Pässe an den Mann bringen kann. Rechnet man dann noch Spieler wie Henderson, Topscorer DeMarcus Nelson (14 PpG bei 50% aus dem Feld) und einen tiefen, ausgeglichen besetzten Kader hinzu, ergibt sich ein Team, das theoretisch um den NCAA-Titel mitspielen kann.

... und die traurige Praxis

Theoretisch ? denn praktisch stecken die Blue Devils nach vier Niederlagen in Serie (gegen Virginia, Florida State, North Carolina und Maryland) in einer tiefen Krise. Seit elf Jahren hatten sie nicht mehr viermal in Folge verloren, und ebenfalls seit elf Jahren ist das Team nun nicht mehr unter den Top-25 des College-Basketballs zu finden, wie sie von der associated press sowie einer Auswahl von NCAA-Coaches (im Auftrag von espn und USA Today) jeden Montag eingeschätzt werden. Zurzeit stehen mit Boston College (#21 ap, #21 espn) oder auch West Virginia (#23 ap, #22 espn) Teams in den Top-25, die in Sachen Talent keinesfalls mit Duke mithalten können, aber deutlich mehr aus ihren Möglichkeiten machen.

Wie lässt sich Dukes Schwäche erklären?

Das Problem eines Teams fängt oft genug bei seinem besten Spieler an, und genau das ist bei den Blue Devils der Fall. Josh McRoberts gehört zu den talentiertesten NCAA-Spielern und wird seit Jahren als Top-10-Pick für den NBA-Draft gehandelt. Seine Kombination aus Größe, Athletik und Vielseitigkeit ? besonders sein Passspiel ist auffällig gut ? macht den fast 20-Jährigen zu einem exzellenten Basketballer mit dem Potential, auch in der NBA zum Star zu werden. Dass er es jedoch sogar auf dem College kaum ist, liegt weniger an seinen Fähigkeiten als daran, wie er sie einsetzt: McRoberts fehlt einfach die Mentalität, die einen Anführer auszeichnet. Selbst gegen schwächere Gegner präsentiert er sich oft genug nur als Mitläufer, und gegen Top-Konkurrenten wartet man meist vergeblich darauf, dass er das Heft in die Hand nimmt und sein Team zum Sieg führt.

Die Folge sind 13 Punkte pro Spiel und die Erkenntnis, dass McRoberts solide spielt ? doch solide ist nicht gut genug, wenn man derart talentiert ist, und besonders nicht, wenn zur selben Zeit weniger talentierte Forwards wie Jared Dudley (Boston College, 20 PpG, 9 RpG, 59% FG) oder Al Thornton (Florida State, 18,8 PpG, 6,7 RpG, 52% FG) die Netze der ACC abfackeln. Dazu kommt, dass keiner dieser beiden einen Point Guard vom Kaliber Greg Paulus an seiner Seite hat. Das Duo McRoberts-Paulus ist von den Voraussetzungen her eines der talentiertesten der NCAA, doch das ist reine Theorie. Praktisch hat Paulus immer wieder mit Verletzungen und fehlender Konstanz zu kämpfen, und in den Augen der College-Experten ziehen mehr und mehr Point Guards an ihm vorbei. Das dritte Problem sehen einige Experten im Spielsystem von "Coach K", das den einzelnen Spielern nur wenig Freiraum lässt und vor allem junge Spieler wie Freshman Henderson einschränkt ? es ist kein Zufall, dass die meisten Talente drei oder gar vier Jahre brauchen, um zu guten Duke-Spielern zu reifen.

Wird Duke noch die Kurve kriegen?

Diese Saison lassen viele Top-Programme ihre gewohnte Dominanz vermissen: Die landesweite Nummer 1 (Florida) sichert sich immer wieder Siege, bei denen ein Rückstand aufgeholt wurde, und auch Dukes Erzrivale North Carolina präsentiert sich alles andere als souverän: Letzte Nacht kassierten die Tar Heels beim 80:81 gegen Virginia Tech bereits ihre vierte vermeidbare Niederlage der Saison. Dennoch ist dieses Jahr niemand so abgestürzt wie die Blue Devils. Schon ihre Gesamtbilanz von 18-6 ist mager, doch die ACC-Bilanz von 5-6 ist geradewegs blamabel ? so sehr, dass inzwischen ernsthaft darüber spekuliert wird, ob Duke überhaupt am NCAA Tournament teilnehmen dürfen wird.

Noch ist es nicht zu spät, die laufende Spielzeit zu retten, aber die Uhr tickt in Durham inzwischen doch deutlich schneller. Dukes nächste Gegner (Boston College, Georgia Tech) sind weitere potentielle Stolpersteine, und ein weiteres Duell gegen North Carolina wartet drohend am Horizont ? das letzte Spiel gegen die Tar Heels ging vergangene Woche mit 73:79 verloren; McRoberts hatte dabei magere sechs Punkte. Selbst wenn die Duke Blue Devils ihre letzten sechs ACC-Spiele noch gewinnen sollten, werden sie schon ein überzeugendes ACC-Turnier spielen müssen, um doch noch zum "Big Dance" ? dem NCAA Tournament ? eingeladen zu werden. Wer hätte das vor Saisonbeginn erwartet?

Der produktivste Spieler, den keiner kennt...

... könnte sehr wohl Stephan Lasme sein: Der Forward der Massachusetts Minutemen hat im laufenden Spieljahr einen Schnitt von 13,3 Punkten, 9,5 Rebounds ? und sagenhaften 5,1 Blocks. Allein diese Saison hat der Senior bereits drei Triple-Doubles aufgelegt, die allesamt mit Blocks zustandekamen: 19 Punkte, zehn Rebounds und elf Blocks gegen St. Francis, 23 Punkte, 15 Rebounds und elf Blocks gegen die George Washington Colonials, und letzte Woche 18 Punkte, zwölf Rebounds und elf Blocks gegen Rhode Island. Gegen LaSalle fehlte dem Forward nur ein Block zu einem weiteren Triple-Double. Dazu kommen drei weitere Spiele mit sieben Blocks, eines mit sechs Blocks, fünf mit fünf Blocks und die Erkenntnis, dass man kein Riese sein muss, um solche Zahlen aufzulegen ? Lasme ist gerademal 2,03m groß.




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von _flo 14.02.07 um 23:57:37


nett geschrieben, aber ist nicht das eigentliche problem in der defense zu sehen?
meine, was der demarcus nelson spielt (defensiv) ist schon ziemlich peinlich und auch paulus ist defensiv alles andere als stark (hand-off kann er gar nicht, also überhaupt nicht verteidigen). Duke lässt einfach viel zu viel penetration zu und verteidigt auch das anspiel "in the paint" nicht grade ruhmreich.
aber egal das team ist einfach verdammt jung, das wird noch!



von Chris 15.02.07 um 08:25:34


Guter Punkt. Defensiv kommt meiner Meinung nach dasselbe Problem zum Tragen wie offensiv: Einzelne Spieler machen nicht das beste aus ihren Möglichkeiten, nutzen / verhindern die Penetration nicht (Paulus, Nelson) und stellen keine Gefahr / kein Hindernis unterm Korb dar (McRoberts).

Dukes Team ist nicht jung genug, als dass man dadurch alles entschuldigen könnte. UNC, Texas und Ohio State sind mindestens ebenso jung und spielen deutlich besser.



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