Teamanalyse

Schlafende Riesen

Ein Blick auf das Recruiting in der NCAA und fünf College-Teams mit ruhmreicher Vergangenheit, die darauf warten, auch in der Gegenwart wieder zu den ganz Großen zu gehören.

Von Christian Neumann
 13.12.2007 |

Alles Glück ist vergänglich, und Erfolg ebenso. Das gilt auch im College-Basketball: Anders als in der NBA, wo jemand wie Tim Duncan (Foto) seinem Team als Rookie schonmal ein Jahrzehnt voller Titel und Triumphe in Aussicht stellt, drohen zu viele Siege in der NCAA oft zugleich das Ende der Erfolgs einzuleiten, da diejenigen, die ihn garantiert haben, in der Regel umgehend ins Profilager wechseln. So war es nach Syracuse' Meisterschaft 2003 in Carmelo Anthonys einziger College-Saison, und auch Greg Oden verabschiedete sich im vergangenen Sommer in Richtung NBA, nachdem er mit Ohio State das NCAA-Finale erreicht hatte.

Es gibt genügend weitere Beispiele für dieses Phänomen, das dafür sorgt, dass es im College-Basketball kaum Dynastien gibt (die Florida Gators um Joakim Noah, Al Horford und Corey Brewer sind eine seltene Ausnahme). Der ständige Abgang der besten Spieler bedeutet jedoch nicht zwingend, dass auch ihre Universität in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, denn wo gute Spieler sind bzw. waren, kommen zumeist auch neue hinzu, die in deren Fußstapfen treten, für eine traditionsreiche Hochschule spielen oder einfach nur ihre NBA-Chancen erhöhen wollen, was im Rampenlicht der Elite-Programme Duke, North Carolina oder UCLA nunmal am ehesten funktioniert.

Schaut man sich die aktuelle Situation in der Recruiting-Szene der NCAA an, wird schnell deutlich, dass diese Theorie gängige Praxis ist: So verpflichtete sich der mit Auszeichnungen überhäufte High-School-Star Kevin Love den UCLA Bruins, die gerade zweimal in Folge das Final Four erreicht hatten (2006 sogar das Endspiel), und Ohio State ist drauf und dran, mit den Rekruten Greg Oden (2006, Foto), Kosta Koufos (2007) und BJ Mullens (2008) eine Center-Tradition aufzubauen, wie es sie zuletzt vor zwanzig Jahren bei den Georgetown Hoyas (Patrick Ewing, Dikembe Mutombo, Alonzo Mourning) gab.

Erfolg zeugt Erfolg

Doch die Buckeyes sind nicht die einzigen, die es verstehen, ihre momentane Attraktivität gleich auch für die nahe Zukunft zu nutzen und sich die Dienste hoffnungsvoller Nachwuchsspieler zu sichern. Tatsächlich ist es sogar eher die Regel, dass Talent Talent anzieht: Ein Großteil der führenden High-School-Seniors steht bei Universitäten im Wort, die bereits gute Spieler hervorgebracht haben oder sogar die Aussicht bieten, mit solchen zusammenzuspielen.

So haben mit Jrue Holiday und Malcolm Lee zwei der gefragtesten Guards der Klasse 2008 UCLA den Zuschlag gegeben; USC profitierte beim Werben um Demar DeRozan von der Aufmerksamkeit, die OJ Mayo den Trojans zurzeit verschafft, und Top-Rekrut Brandon Jennings wird sich wohl Arizona anschließen, das mit seinem Ruf als "Point Guard University" bereits seinen diesjährigen Star-Freshman Jerryd Bayless gelockt hat.

Für Qualität wird also gesorgt, und die Universitäten investieren viel Zeit, Geld und Aufwand in den nie endenden, hartumkämpften Recruting-Kampf, der dafür dann auch Jahr für Jahr Früchte trägt, zumindest für die bedeutendsten Colleges und Universitäten.

Nur noch Ruhm vergangener Tage

Und dennoch kommt es vor, dass sich renommierte Programme für mehrere Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, aus der Spitzengruppe der NCAA verabschieden, manche auf Nimmerwiedersehen: So stellte die Duquesne University mit Dick Ricketts (1955) und Si Green (1956) zwei Jahre in Folge den Nummer-1-Pick im Draft, hat seitdem aber nur einen weiteren Erstrundenpick zustandegebracht (Norm Nixon, 1977) und ist seit 13 Jahren (Derrick Alston, 1994) überhaupt nicht mehr im Draft vertreten gewesen. Auch die Einrichtungen, an denen NBA-Legenden wie Bob Lanier (St. Bonaventure) und Robert Parish (Centenary, Foto) ihr Können erlernten, sind längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Es gibt verschiedene Gründe für einen solchen Abstieg: eine Umorientierung der internen Schulpolitik (Konzentration der Finanzmittel auf eine Sportart oder gar ein vollständiger Verzicht der Sportförderung zugunsten der Lehre), Rückkehr zur Normalität für kleine Programme, die einen einzelnen Glückstreffer landen konnten (z.B. David Robinson bei der Navy), schlechtes Management oder ganz einfach Pech bei der Rekrutierung, wenn die mit Stipendien versorgten Spieler nicht das erhoffte Niveau besitzen. Fest steht nur: Anhaltender Misserfolg ist Gift für die Bemühungen, Talente für die Zukunft an Land zu ziehen ? welcher ambitionierte Basketballer will schon an eine Hochschule mit Verliererimage gehen, wenn er bei den Eliteunis mit offenen Armen empfangen wird?

Fünf schlafende Riesen

Ganz so schlimm steht es um die nun folgenden Teams nicht, und doch sind sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, denken ihre Fans mit Wehmut an die großen Zeiten und vielbeachteten Erfolge zurück. Hier sind fünf Universitäten, die einen Star-Rekruten davon entfernt sind, zu altem Glanz zurückzukehren:

5. Maryland Terrapins (Atlantic Coast Conference)
größte Erfolge: NCAA-Champion 2002, Final Four 2001, ACC-Champion 2004
bedeutendste Spieler: Buck Williams, John Lucas, Steve Francis, Joe Smith, Sarunas Jasikevicius

Es ist erst fünf Jahre her, dass die Maryland Terrapins unter Head Coach Gary Williams den NCAA-Titel gewannen, und doch scheint es wie eine halbe Ewigkeit. Die Stars des damaligen Teams ? Juan Dixon, Steve Blake, Chris Wilcox und Lonny Baxter ? haben seitdem alle ihren Weg in die NBA gefunden, und es ist bezeichnend, dass ihnen dorthin seitdem kein namhafter Terrapin gefolgt ist. John Gilchrist war der aussichtsreichste Kandidat, wurde 2005 aber nicht gedraftet, pendelt nun zwischen der D-League und Israel und wird wohl sein Talent wohl auch in Zukunft nicht zur Entfaltung bringen. Im aktuellen Kader verdient vor allem Combo-Guard Greivis Vasquez Erwähnung, doch der Venezuelaner schwankt zu oft zwischen Brandon Roy und Reece Gaines, als dass er der Hoffnungsträger der Terrapins sein könnte. Ein herausragendes Talent, wie es Steve Francis und Nr.1-Pick Joe Smith (Foto) waren, würde Maryland guttun, ist aber für die kommenden Jahre nicht in Sicht.

4. Michigan Wolverines (Big Ten Conference)
größte Erfolge: NCAA-Champion 1989, Final Four 1992 und 1993 (annulliert)
bedeutendste Spieler: Chris Webber, Glen Rice, Jalen Rose, Jamal Crawford, Juwan Howard, Rudy Tomjanovich

In der NCAA gibt es eine einfache Rechnung: Michigan" plus "Basketball" ergibt "Fab Five", womit einst ein Wolverines-Team bezeichnet wurde, dem u.a. die späteren NBA-Stars Chris Webber (Foto), Juwan Howard und Jalen Rose angehörten. Wie lange dies schon her ist, wird auch daran deutlich, dass sich deren NBA-Karrieren dem Ende zuneigen: Howard dreht gerade seine Ehrenrunde; Webber denkt noch über seine nach, und Rose hat sich bereits aufs Altenteil begeben. Über den Zustand der Wolverines lässt sich Ähnliches sagen: Als mehrere Spieler (darunter die späteren Profis Maurice Taylor und Robert Traylor) Mitte der Neunziger illegale Gelder annahmen, was dazu führte, dass etliche Erfolge aus den Geschichtsbüchern der NCAA gelöscht wurden, geriet Michigan in einen Abwärtsstrudel, der bis heute angehalten hat. Die aktuelle Bilanz (vier Siege, sechs Niederlagen) ist lausig, und von jedem guten Gegner gab es ordentlich auf die Mütze (u.a. 67:96 gegen Duke). Hoffnung auf Besserung besteht nicht: Der derzeitige Kader gibt wenig her, und auch die Rekruten machen einen Bogen um die Wolverines: Selbst wer aus Michigan stammt und zu Hause bleiben will, entscheidet sich lieber für den Rivalen Michigan State.

3. Cincinnati Bearcats (Big East Conference)
größte Erfolge: NCAA-Champion 1961 und 1962, Final Four 1963 und 1992
bedeutendste Spieler: Oscar Robertson, Kenyon Martin, Nick Van Exel, Ruben Patterson, Jason Maxiell

Sicher, Cincinnatis ganz große Zeiten liegen fast ein halbes Jahrhundert zurück, als ein gewisser Oscar Robertson (Foto) in drei aufeinanderfolgenden Jahren (1957 ? 1960) der beste Scorer des Landes war und seine Universität dann in den beiden Spielzeiten nach seinem Wechsel in die NBA die national championship gewann. Doch auch in jüngerer Vergangenheit wussten die Bearcats zu überzeugen und erreichten unter Head Coach Bob Huggins zwischen 1992 und 2005 jedes Jahr das NCAA Tournament (1992 sogar das Final Four). Huggins coacht inzwischen West Virginia, und bei Cincinnati sucht man Spieler vom Niveau, wie es Robertson und Kenyon Martin hatten, vergeblich. Allerdings besteht dank Sophomore-Guard Deonta Vaughn und Freshman-Center Anthony McClain wenigstens wieder ein Ansatz von Hoffnung in Ohio, auch wenn zukünftige Talente bisher Fehlanzeige sind.

2. Kentucky Wildcats (Southeastern Conference)
größte Erfolge: siebenmal NCAA-Champion (1948, 1949, 1951, 1958, 1978, 1996, 1998), insgesamt 13 Final Fours
bedeutendste Spieler: Louie Dampier, Cliff Hagan, Dan Issel, Jamal Mashburn, Antoine Walker, Tayshaun Prince

Schaut man allein auf den Kader, hat Kentucky von den hier aufgeführten fünf Teams sicher den wenigsten Grund zur Klage; besonders Freshman-Forward Patrick Patterson sieht wie ein künftiger NBA-Spieler aus und könnte schon nach einer College-Saison ein Erstrundenpick im Draft sein. Doch die Ansprüche bei den Wildcats sind etwas größer; verständlicherweise, wenn man ihre Tradition bedenkt: die zweitmeisten NCAA-Titel (sieben), die meisten Siege der NCAA-Geschichte (1948), die höchste Siegquote (76,2%), eines der berühmtesten Stadien (Rupp Arena) und der Ruf als eine der besten Ausbildungsstätten für zukünftige NBA-Spieler (68). Da kann ein Saisonstart mit vier Siegen bei drei Niederlagen natürlich nicht zufriedenstellen, schon gar nicht wenn man von einem Team wie Gardner-Webb vorgeführt wird (68:84, Crossover berichtete). Die gute Nachricht: Der neue Head Coach Billy Gillispie hat neuen Schwung ins Wildcats-Programm gebracht, das mit einigen guten Spielern der Klasse von 2008 planen kann und auch noch im Rennen um die Stars der Jahrgänge 2009 ist (hier vor allem die Bigmen Renardo Sidney und DeMarcus Cousins), auch wenn von denen noch keiner Kentucky seine Zusage gegeben hat.

1. St. John's Red Storm (Big East Conference)
größte Erfolge: Final Four (1952 und 1985), NIT-Champion (1943, 1944, 1959, 1965, 1989, 2003)
bedeutendste Spieler: Ron Artest, Mark Jackson, Dick McGuire, Chris Mullin, Jayson Williams

Gibt es ein NCAA-Programm, das mehr auf eine Wiederauferstehung wartet als St. John's? An einer ruhmreichen Vergangenheit mangelt es den Red Storm jedenfalls nicht: die fünftmeisten Siege der NCAA-Geschichte (1673), die siebtbeste Siegquote (68%), die siebtmeisten Teilnahmen am NCAA Tournament und gleich sechs Hall-of-Famer, die einmal das St. John's-Trikot trugen. Wenigstens gelang den "Redmen" (wie das Team bis 1994 hieß) diese Saison ein 4-0-Start, doch bereits gegen den ersten halbwegs guten Gegner gab es eine herbe Klatsche (47:66 gegen Miami). Der aktuelle Kader bietet wenig Anlass zu Optimismus und dürfte in Zukunft kaum um namhafte Rekruten bereichert werden. Zwar wird Dexter Strickland (einer der Stars der Klasse von 2009) mit den Red Storm in Verbindung gebracht, doch werden die sich kaum gegen Recruiting-Konkurrenten wie North Carolina durchsetzen können. Wie es aussieht, reicht nicht einmal die Aussicht, seine Heimspiele im New Yorker Madison Square Garden auszutragen, aus, um St. John's für die ganz großen Talente interessant zu machen. Vielleicht wird sich Assist-König Mark Jackson (Foto) ja doch noch dazu durchringen, Head Coach seiner Alma Mater zu werden ? an zu hohen Erwartungen würde er sicherlich nicht scheitern.




Artikel-Funktionen

Bewerte diesen Artikel:
4.33
(6 Bewertungen bisher)
 

Speichere diesen Artikel:


Kommentare

(0 Kommentare bisher)

von Crossover 30.05.2012 um 12:56:45


Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.



Du benötigst einen myCrossover-Account um Artikel kommentieren zu können!

 Registrieren oder  Einloggen

 





Du bist nicht eingeloggt. Jetzt bei myCrossover registrieren.
  •  
    Passwort vergessen?