Talente

Kevin Durant gegen Colorado

Kevin Durant wird von vielen Experten als eine Mischung aus Kevin Garnett und Tracy McGrady betrachtet. Doch was ist wirklich dran an dem Hype? Crossover hat den Forward unter die Lupe genommen.

Von Christian Neumann
 07.01.2007 |

Die diesjährige Freshman-Klasse, die schon jetzt als eine der besten aller Zeiten angesehen wird, hält zwei Ausnahmetalente bereit, die bereits kommende Saison in der NBA spielen könnten: Greg Oden (Center bei Ohio State) und Texas-Forward Kevin Durant. Oden haben wir bereits einen detaillierten Artikel gewidmet. Nun wird es Zeit, auch Durant einer ausführlichen Analyse zu unterziehen.

Die Ausgangslage

Die Texas Longhorns (zehn Siege, drei Niederlagen) waren zu Gast bei den Colorado Buffaloes, die nur vier ihrer ersten zehn Spiele gewonnen hatten, mit Shooting Guard Richard Roby (17,9 PpG) jedoch trotzdem einen NBA-Kandidaten in ihren Reihen haben. Der Star des Spiels war aber ohne Frage Durant: Mit 21,5 Punkten und 10,3 Rebounds pro Spiel zaubert der 18-Jährige die beste Freshman-Saison aufs Parkett, seit Carmelo Anthony die Syracuse Orange 2003 zum NCAA-Titel führte.

Das Spiel

Die Partie verlief von Anfang an sehr hektisch und war von schnellem Basketball geprägt. Das lag nicht zuletzt daran, dass es beiden Teams an guten Lowpostspielern fehlte, die man im Halbfeldangriff hätte in Szene setzen können. So wurde früh und schnell geworfen, wobei Colorado nach einem anfänglichen 0:6-Rückstand das Tempo nicht nur mitgehen konnte, sondern sich als ebenbürtiger Gegner präsentierte. In der Folge entwickelte sich ein offensivlastiges Spiel, in dem sich Durant und Roby ein spannendes Scoring-Duell lieferten und zur Halbzeit bereits 21 bzw. 22 Punkte erzielt hatten.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit nutzte Texas eine unglaubliche Phase, in der sieben von neun Dreiern getroffen wurden, dazu, einen sicheren Vorsprung von 20 Punkten aufzubauen, den die Longhorns dann den Rest des Spiels mehr oder weniger verwalteten. Am Ende stand ein 102:78 mit 30 Punkten von Colorados Richard Roby, der sich ebenso als NBA-Kandidat präsentiert hatte wie Texas' Point Guard DJ Augustin (15 Punkte, neun Assists), der die Rolle als Spielmacher souverän ausgefüllt hatte. Star des Abends war aber Kevin Durant mit 37 Punkten und 17 Rebounds. Seine Punkteausbeute stellte den Texas-Rekord für Freshmen ein, den der spätere BBL-Spieler Terrence Rencher 1992 erreichte.

Kevin Durant - der erste Eindruck

Das erste, was mir an Kevin Durant auffiel, war seine unglaubliche Körpergröße: Nicht nur dass die von Texas offiziell angegebenen 2,06m wahrscheinlich nach oben korrigiert werden müssen ? sie wurden vermutlich ohne Schuhe gemessen, was den Unterschied zu den 2,08m bis 2,11m erklärt, die ihm in Draftkreisen zugestanden werden ?; Durant wirkt durch seine langen Arme und Beine zudem noch größer. Da er unter allen Startern ohnehin der größte Spieler auf dem Parkett war, ähnelte er mit seinen spindeldürren Beinen Seattles afrikanischem Center Saer Sene.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Durant über das vergangene halbe Jahr bereits zugenommen hat. Allerdings ist unklar, wieviel er wirklich wiegt: Während espn ein Gewicht von 204 lbs. angibt, spricht Texas' offizielle Teamseite von 225 lbs., was allerdings nur schwer zu glauben ist: Durant hat schmale Schultern und sehr dünne Gliedmaßen, wodurch er mich sehr an Chicagos Luol Deng erinnert. Bedenkt man, dass Durant an der High School mit 190 lbs. gewogen wurde und inzwischen 20 Pfund zugenommen haben soll, kommt man auf rund 210 lbs., was realistischer erscheint als 225. Diese wird er aber mindestens haben müssen, wenn er in der NBA bestehen will.

Power Forward oder Small Forward?

Der zweite Punkt, der ins Auge stach, war, dass Durant bei Texas eigentlich keine Position hat: Er begann die meisten Spielzüge am höchsten Punkt der Dreierlinie und half dort beim Ballverteilen, doch ohne einen guten Lowpostscorer (oder überhaupt einen großen Mitspieler, denn Power Forward Damion James misst auch nur 2,01m) rotierte er regelmäßig in Richtung Lowpost, ohne dort jedoch wirklich Position zu beziehen. Genau genommen wirkte Durant in der ersten Halbzeit direkt am Brett reichlich verloren, und sein einziger Versuch, aufzuposten, endete in einem Ballverlust, weil er beim Spinmove die Kontrolle über den Ball verlor. Die Art und Weise, wie Durant für Offensivrebounds ausblockte ? nämlich gar nicht ? ließ weitere Zweifel daran aufkommen, dass er in (naher) Zukunft ein klassischer Power Forward sein wird. Zur Erinnerung: Neben Tracy McGrady wird er auch oft mit Kevin Garnett verglichen.

Durants Stärke: sein Wurf von außen

Kevin Durant ist also kein geborener Lowpost-Spieler, doch um so besser ist er auf dem Flügel. In bester Rashard-Lewis-Manier warf er Dreier um Dreier mit einer blitzsauberen Technik. Die ersten beiden waren drin; der dritte war bei guter Flugbahn nur ein wenig zu kurz, und der vierte Versuch saß erneut. Ein fünfter Dreier (der sein dritter Treffer gewesen wäre) wurde nur deshalb nicht gewertet, weil ein anderer Longhorns-Spieler ein Offensivfoul beging, während Durant warf. In Halbzeit zwei verwarf Durant zwar den ersten Dreier, traf jedoch die letzten beiden. Jeder einzelne Wurf war exakt auf die Mitte des Korbs gezielt, hatte eine sehr gute Flugbahn (die vielleicht ein wenig höher sein könnte, aber das ist Ansichtssache, solange er trifft) und wurde an einem sehr hohen Punkt geworfen, was ihn schwer zu blocken macht. Ganz wichtig: Durant nahm vier der Dreier einen Meter hinter der College-Dreierlinie, was seine NBA-Reichweite unter Beweis stellte.

Durants Schwäche: das körperbetonte Spiel

Kevin Durant kann also werfen, und das mit Leichtigkeit. Problematisch wird es vielmehr, wenn er zum Korb zieht. Eigentlich kann er das sehr gut, was vor allem an seiner Schnelligkeit, seinem ersten Schritt und seinen unglaublich langen Beinen liegt: Wie auf Stelzen ist er mit zwei, drei Schritten in Korbnähe. Durants Ballbehandlung ist ebenfalls recht gut für einen so großen Spieler (auch wenn er beim Penetrieren noch zu viele Ballverluste begeht). Er hat es also nicht schwer, zum Korb zu gelangen.

Sein Problem setzt erst ein, wenn er dort ankommt, denn Durant ist kein physischer Spieler. In einer Situation zog er mühelos zum Brett, ließ sich dort jedoch von einem Gegenspieler abdrängen und von einem anderen beim Korbleger blocken. Als er Mitte der zweiten Halbzeit mehrmals aufpostete (und dabei durchaus auch mal punktete), ließ sich Durant viel zu leicht rumschubsen und nahm Fadeaways und andere schwere Würfe, anstatt zu versuchen, seinen Gegenspieler mit dem Körper wegzuschieben. Auch Durants 17 Rebounds, die beeindruckend klingen, waren vor allem das Produkt langer Arme und fehlender Rebound-Konkurrenz. Ein wirkliches Ausblocken beim Rebounden und ein anschließendes Sichern des Balles war so gut wie nie zu sehen.

Durants großes Plus: sein Talent

Dieser Kritikpunkt relativiert sich aber, wenn man bedenkt, wie jung Kevin Durant noch ist, denn sein 18. Geburtstag liegt gerade mal ein viertel Jahr zurück. Das entschuldigt vieles von dem, was in seinem Spiel noch nicht rund laufen mag. Insgesamt macht Durant einen sehr reifen Eindruck. Der Erwartungsdruck, der auf dem Ausnahmetalent lastet, scheint ihm nichts auszumachen. Vielmehr befindet er sich auf dem besten Weg zum Titel des Freshman des Jahres, wobei ihm wohl nicht einmal der übermächtige Greg Oden Konkurrenz machen dürfte: Durants Leistungen und besonders seine Statistiken sind denen Odens doch recht deutlich überlegen.

Was bleibt, ist Durants Potential. Sein Wurf ist bereits NBA-reif, ebenso seine Athletik und sein Ballhandling. Man mag sich kaum vorstellen, was er schon jetzt leisten könnte, wenn er einen guten Lowpostscorer an seiner Seite hätte, der ihm Räume zum Ziehen und Werfen eröffnet. Die Vorstellung, ihn an der Seite von Yao Ming, Dwight Howard oder Zach Randolph zu sehen, ist beängstigend. 

Durant hat jedes bisschen Hype verdient, das um ihn gemacht wird. Dabei steht er erst am Anfang seiner Entwicklung: Er wird weiter an seinem Körper arbeiten und dadurch vielleicht völlig neue Möglichkeiten entdecken, das Spiel zu spielen: Dunks gegen mehrere Gegenspieler. Körperbetonte Verteidigung. Aggressives Rebounding. "The sky is the limit" trifft auf kaum einen Spieler so sehr zu wie auf Kevin Durant.




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Kommentare

(6 Kommentare bisher)

von SharpComfort 07.01.07 um 13:59:19




von Headbänga 07.01.07 um 14:45:35


sehr guter artikel. welche spieler werden in zukunft noch "gescoutet" werden?



von Chris 07.01.07 um 14:55:42


Das hängt davon ab, welche Spiele ich sehen kann. Ich würde gern noch Berichte zu anderen Spielern schreiben, aber auch weitere zu Oden und Durant, um Vergleichsmöglichkeiten zu früheren Spielen zu haben. Mal sehen, welche Gelegenheiten sich in Zukunft bieten werden.



von N'Awlins 07.01.07 um 14:59:04


Kann dem von dir geschrieben nur zustimmen.



von gamelover 08.01.07 um 15:10:35


ich wuerde mich unheimlich ueber einen artikel zu tyler hansbrough von UNC freuen. er ist in meinen augen ein sehr interessanter spieler und warscheinlich der wichtigste spieler beim diesjaehrigen titelfavoriten. der artikel ist gut, und es freut mich, das man auch was ueber die zukunft der NBA zu lesen bekommt.



von Sedan 09.01.07 um 00:24:13


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