Talente

Erstklassige Erstklässler

Die North Carolina Tar Heels sind zurzeit eines der besten Teams im College-Basketball. Dies ist nicht zuletzt ihrer überragenden Freshman-Klasse zuzuschreiben. Wir stellen euch die ?Erstklässler? vor

Von Björn Lehmkühler
 10.02.2007 |

Lute Olsen ist es nicht gewohnt zu verlieren. 22 Mal in Folge hat der Erfolgscoach der Arizona Wildcats nun das NCAA-Tournament erreicht und in seiner Karriere den Großteil der Spiele gewonnen. Genau deshalb ist er am Abend des 27. Januar 2007 auch so schockiert: ?Ich habe meinen Jungs nur gesagt sie sollen diesen Albtraum vergessen. Wir werden uns nicht einmal die Videoaufnahmen ansehen.", gibt er nach dem Spiel gegen die North Carolina Tar Heels enttäuscht zu Protokoll. 64:92 lautete das Endergebnis aus Arizonas Sicht ? die höchste Heimniederlage in Olsens 24-jähriger Laufbahn als Head Coach der Wildcats.

?Der stärkste Gegner aller Zeiten" ? dank der Freshmen

Doch seine persönliche Analyse besteht nicht darin, über das Versagen seiner Mannschaft zu schimpfen; stattdessen betont er, dass er sich nicht erinnern könne, jemals gegen ein so gutes Team gespielt zu haben. Was für ein Lob aus Olsens Munde, wenn man bedenkt, wie lange er bereits im Geschäft ist. Doch warum sind diese North Carolina Tar Heels so gut?

Ein Großteil der Antwort lässt sich durch ein einziges Wort ausdrücken: Freshman.

Dieser englische Ausdruck steht für die Spieler, die gerade ihr erstes Jahr am College absolvieren. Seitdem den amerikanischen Supertalenten der direkte Sprung von der High School in die NBA untersagt ist, stehen die ?Erstklässler" der NCAA mehr den je im Fokus der Öffentlichkeit. Dieser Effekt ist vor allem mit zwei Namen verbunden, über die man an dieser Stelle sicher nicht mehr viel sagen muss: Kevin Durant und Greg Oden. Ersterer ist der wohl dominanteste Freshman, seit ein gewisser Carmelo Anthony mit Syracuse den NCAA-Titel gewann, und gilt als Mitfavorit auf den Titel des ?National Player of the Year". Letztgenannter wird vermutlich der erste Pick im kommenden NBA-Draft sein und gilt als einer der besten Freshman-Center aller Zeiten.

Hier soll es aber um andere Freshmen gehen, die im langen Schatten der Durants und Odens leicht vergessen werden: Die ?Baby-Tar-Heels". Hinter diesem Namen verstecken sich die fünf Neulinge der Universität von North Carolina. Die Tar Heels befinden sich zurzeit mit einer Bilanz von 19 Siegen bei nur zwei Niederlagen unter den besten Teams der Liga ? getragen von eben jenen Jungspunden. Brandan Wright, Wayne Ellington, Tywon Lawson, Alex Stepheson und Deon Thompson zeichnen zusammen für ganze 882 Punkte verantwortlich; das bedeutet über die Hälfte aller Team-Punkte.

Brandan Wright ? Das Ausnahmetalent

Vor allem Brandan Wright hat sich mit 15,2 PpG, 6,8 RpG, 1,7 BpG und 64,6 FG% bereits ganz nach oben in den Notizbüchern der NBA-Scouts gespielt. Dass er diese Stats neben einem der besten Big Men der Liga (Tyler Hansbrough) bringt, der auch deutlich mehr Wurfversuche verbucht, macht Wrights Leistungen nur noch erstaunlicher. Zu den größten Stärken des 2,06 Meter großen Power Forwards, der aufgrund seiner spielerischen und körperlichen Anlagen durchaus mit All-Star Chris Bosh verglichen werden kann, zählt vor allem seine Athletik. Seine überragende Sprungkraft, gepaart mit einer für einen Big Man außergewöhnlichen Mobilität und einer Spannweite von 2,24 Meter, machen ihn zu einem gefährlichen Spieler auf beiden Seiten des Feldes. Hinzu kommt, dass Wright sein Talent noch lange nicht ausgereizt zu haben scheint. Sämtliche Scouts attestieren ihm noch eine Menge Potential, was angesichts der bereits außergewöhnlichen Leistungen seiner Freshman-Saison geradezu verlockend für NBA-Coaches klingt. Verbessern sollte Wright vor allem seine körperlichen Eigenschaften, denn mit weniger als 100 Kilogramm ist er noch deutlich zu schmächtig für das Leben in der NBA-Zone. Doch dass Wright mit seinen erst 19 Jahren noch genug Zeit hat um diesen und auch andere Aspekte (z.B. Distanzwurf, Ballhandling) seines Spiels zu verbessern, steht außer Frage. Sollte Wright sein Team bis ins ?Final Four" oder gar zum Titel führen, was keineswegs unwahrscheinlich erscheint, dürfte Platz drei im Draft 2007 nicht außer Reichweite sein.

Ty Lawson und Wayne Ellington ? Das gefährliche Guard-Duo

Doch gerade Lute Olsen kann bestätigen, dass Brandan Wright nicht der einzige gefährliche Freshman bei UNC ist, denn im Spiel gegen Arizona war der zweitbeste Scorer und Rebounder des Teams - bedingt durch eine Krankheit - nicht einmal dabei. Das heißt in das beste Team, gegen das Lute Olsen laut eigener Aussage jemals gespielt haben will, ist Wright nicht einmal mit eingeschlossen. Stattdessen standen in Tucson, Arizona, vor allem die vier anderen Neulinge im Mittelpunkt. In erster Linie sorgt neben Wright nämlich ein furioses Guard-Duo in Chapel Hill für Aufsehen. Point Guard Tywon Lawson und Shooting Guard Wayne Ellington wurden ? wie auch Wright ? beide schon zu ihren Highschool-Zeiten als Beste auf ihrer jeweiligen Position geführt und sie rechtfertigen diese Vorschusslorbeeren bisher.

Lawson bringt im Schnitt solide neun Punkte und fünf Korbvorlagen und ist vor allem für seine außergewöhnliche Schnelligkeit bekannt, die bereits Vergleiche mit seinem Vorgänger Raymond Felton hervorruft. Gegen Arizona erzielte er ein ?Career-High" von 18 Punkten (8/14 FG) und bereitete acht Körbe vor. Dabei verursachte er lediglich einen Turnover. Insgesamt betrachtet war Lawson der Motor auf dem Weg zum ?Blowout" gegen die Wildcats; ein Aktivposten, der stets in Bewegung zu sein scheint und mit seiner Explosivität, Schnelligkeit und Kraft im Fastbreak und Halbfeld Lücken reißt. Wäre der 1,80-Meter-Aufbauspieler zehn Zentimeter größer, würde man hier von ?Lottery-Material" sprechen, doch auch so ist Ty Lawson ein interessanter NBA-Spieler mit Erstrunden-Chancen.

Wayne Ellington ist in erster Linie ein begnadeter Punktejäger (12,5 PpG), der bereits in seinem ersten Jahr die Rolle des primären Outside-Scorers übernimmt. Mit 1,93 Meter ist der Shooting Guard etwas klein geraten, doch er weiß seine Athletik zu nutzen und hat einige gut entwickelte Bewegungen in seinem Arsenal (allem voran ein NBA-typischer Fadeaway-Sprungwurf), um zu Punkten zu kommen. Auch von jenseits der Dreierlinie ist Ellington gefährlich (40 Prozent), wenn auch etwas unkonstant. So erzielte er zum Jahreswechsel 12 Dreier in drei aufeinander folgenden Spielen (bei 19 Versuchen), bevor er in den nächsten drei Partien nur vier von 18 Distanzwürfen verwandelte. Alles in allem sieht Ellington jedoch nach einem zukünftigen NBA-Spieler aus. Ein Platz in der ersten Runde scheint auch bei dem Shooting Guard realistisch.

Deon Thompson und Alex Stepheson ? Die Talente aus der zweiten Reihe

Wenn man jedoch sagt, dass Lawson und Ellington im tief besetzten Tar-Heels-Team relativ wenig Aufmerksamkeit erhalten, ist ein Hinweis auf die Freshmen Nummer vier und fünf angebracht: Deon Thompson und Alex Stepheson. Die beiden Big Men agieren als Backups von Hansbrough und Wright, doch es ist anzunehmen, dass sie in den meisten NCAA-Teams in der Starting-Five stehen würden ? nicht so in North Carolina. Hier kann sich Head Coach Roy Williams den Luxus erlauben, zwei Top-50-Rekruten von der Bank zu bringen. Dass beide mehr als nur Ergänzungsspieler sind, bewiesen sie ebenfalls im Spiel gegen Arizona. Der 2,03 Meter große und 111 Kilogramm schwere Thompson (5,2 PpG, 2,5 RpG, 12,6 MpG), der für den kranken Brandan Wright von Beginn an auf dem Parkett stand, brachte es auf starke 14 Punkte und sechs Rebounds, bei sechs von sieben Versuchen aus dem Feld. Stepheson (3,2 PpG, 3,1 RpG, 7,5 MpG), der 2,06 Meter sowie 102 Kilogramm misst, erzielte in 15 Minuten Einsatzzeit zehn Punkte und ebenfalls sechs ?Boards", wobei auch er eine sehr effektive Wurfauswahl zeigte (fünf von sieben aus dem Feld).

Da mit Sophomore Tyler Hansbrough, Freshman Brandan Wright und Senior Reyshawn Terry voraussichtlich der gesamte Starting-Frontcourt im kommenden NBA-Draft sein wird, und auch aus der Highschool kein zweiter Hansbrough oder Wright zu erwarten ist, sollte sich für Thompson und Stepheson nach einem Jahr Einspielzeit die Chance auf deutlich mehr Spielanteile ergeben. Gut möglich, dass sich einige Experten noch über diese beiden talentierten aber unbemerkten Power Forwards wundern werden, wenn diese in den nächsten drei Jahren mehr in den Vordergrund rücken.

Fazit

Alles in allem hat diese Freshman-Klasse alles: Ein nationales Ausnahmetalent, gleich mehrere NBA-Talente und genug Tiefe, um North Carolnia in den kommenden Jahren an der Spitze der Liga zu halten. Hinzu kommt der enorme Anteil, den die Neulinge am Erfolg des Titelanwärters (gegenwärtig #5 in der NCAA) haben. Nächstes Jahr werden vermutlich vier von ihnen (alle außer Wright, sofern er in die NBA wechselt) die Anfangsaufstellung der Tar Heels bilden - die nähere Zukunft ist also direkt von diesen Spielern abhängig. Roy Williams und die Fans in Chapel Hill können mit diesen ?erstklassigen Erstklässlern" nur zufrieden sein.




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Kommentare

(3 Kommentare bisher)

von SharpComfort 10.02.07 um 15:16:27


war sehr interessant zu lesen!gern weitere artikel über UNC..



von Munichs Finest 21.02.07 um 02:06:08


cooler Artikel



von WhatUneed 25.02.07 um 11:05:36


Super Artikel, gerade weil man sonst wenig über den College-Ball hört bei uns!



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