NCAA-Tournament 2006

NCAA-Finale: Gators holen erstmals Titel

In der vergangenen Nacht nahm die NCAA-Saison im ausverkauften RCA Dome in Indianapolis ihr Ende. Die UCLA Bruins und die Florida Gators trafen im alles entscheidenden Spiel aufeinander.

Von Mario Kyriasoglou
 04.04.2006 |

UCLA Bruins ? Florida Gators 57:73

Nach dem Schlusspfiff brachen alle Dämme. Nichts war es mit dem 12. Titel für UCLA, die erfolgreichste Basketball-Universität des Landes. Stattdessen: Championship Nummer Eins für die University of Florida, traditionell eher eine Football-Uni. Und es war noch nicht einmal sonderlich knapp gewesen. Während nach dem Schlusspfiff die UCLA Bruins um ihren Star Jordan Farmar und ihren Fünftjahres-Senior Cedric Bozeman wie begossene Pudel den Tränen nahe das Feld verließen, wollte Adrian Moss nach seinem letzten Spiel als Gator seinen Coach Billy Donovan gar nicht mehr loslassen. Joakim Noah, der als Most Outstanding Player (MOP) des Final Four ausgezeichnet wurde, sprang auf den Anschreibetisch, um mit den Armen das Erkennungszeichen der Gators, das Krokodilmaul, zu zelebrieren, und die zahlreichen Gators-Fans im RCA Dome machten dankbar mit. Wie immer im Sport lagen Freud und Leid nah beieinander.

Die Bruins, mit der Empfehlung zweier sensationeller Defensivleistungen gegen die Topteams aus Memphis und LSU (jeweils nur 45 Gegenpunkte) in das Finale gekommen, gerieten bereits in den ersten fünf Minuten ins Hintertreffen. Vom anfänglichen Rückstand erholte die Mannschaft sich nie, weil außer Jordan Farmar und Cedric Bozeman keiner der UCLA-Spieler auch nur annähernd seine Normalform erreichte. Maßgeblich dafür war vor allem die brillante Verteidigungsarbeit der Gators. Wissend, dass ein Spieler vom Kaliber Farmars niemals komplett ausgeschaltet werden kann, konzentrierten sich die Gators darauf, den anderen wichtigen Scorern der Bruins das Leben schwer zu machen. Mit Erfolg: Arron Afflalo, der Topscorer der Bruins kam gegen den langarmigen Corey Brewer (elf Punkte, sieben Rebounds, vier Assists) so gut wie nie frei zum Wurf, Luc Richard Mbah a Moute (sechs Punkte, zehn Rebounds) verzog aus Angst vor weiteren Blocks von Joakim Noah viele einfache Würfe und der 2,16m-Hüne Ryan Hollins (zehn Punkte, zehn Rebounds) konnte seine Größenvorteile gegen den kräftigen Al Horford in keiner Phase des Spiels nutzen. Hollins, der in den ersten fünf Spielen des Turniers 19 von 22 Würfen getroffen hatte, kam gegen den starken Frontcourt der Gators nur auf vier Treffer bei zehn Versuchen.

Accidental Hero

Ganz anders die Gators-Offense: Auf den Punkt zeigten sich alle Spieler der Gators in Hochform, selbst jene, mit denen eigentlich niemand gerechnet hatte. Adrian Moss, der einzige Senior in Coach Donovans Team, schaffte im größten Spiel seines Lebens eine Art Wiedergutmachung für all die Enttäuschungen, die er in fünf Jahren in Gainesville verursacht hatte. Mit viel Vorschusslorbeeren war der Power Forward nach Florida gekommen und fiel in seiner Zeit als Gator eher durch Lethargie und dumme Fehler auf, so dass er zum Ende hin kaum noch eine Rolle in Billy Donovans Konzept spielte. Irgendwie muss der Coach aber gerochen haben, dass der Mann mit der Nummer Vier noch einen Trumpf in der Hinterhand hatte. Mit neun Punkten und sechs Rebounds in fast fehlerlosen zehn Minuten auf dem Feld schenkte der Senior den Fans zum Abschied sein wohl bestes Spiel.

Ansonsten taten die Gators in der Offense genau das, was die Bruins nicht vermochten: Sie verteilten den Ball und spielten gegen die aggressive Defense von UCLA nahezu fehlerfrei. Florida konnte am Ende 21 Assists verbuchen, denen nur sechs Ballverluste gegenüberstanden ? ein sensationeller Wert. Großen Anteil daran, dass die Gators in jeder Phase des Spiels einen ruhigen Kopf bewahrten, hatte Point Guard Taurean Green, der zwar nur zwei Punkte markierte, aber bei nur einem Ballverlust mit acht Assists und vier Rebounds aufwarten konnte und jederzeit das Tempo des Spiels kontrollierte. Spätestens jetzt verstand auch der skeptischste Zuschauer, warum Joakim Noah die Frage, ob er lieber mit Adam Morrison oder JJ Redick zusammenspielen würde, mit den Worten ???Taurean Green? quittierte.

Bereits zu Beginn des Spiels stellte Joakim Noah klar, dass unter dem Korb der Gators heute nicht einmal eine Fliege unbehelligt Platz gefunden hätte. Bereits zur Halbzeit hatte der Sophomore den Rekord von vier Blocks für ein NCAA-Finale überboten und stellte mit insgesamt 30 Blocks im NCAA-Turnier ebenfalls einen neuen Rekord auf. In der zweiten Hälfte glänzte Noah auch in der Offensive und konnte so seinen neun Rebounds und sieben Blocks noch 16 Punkte und drei Assists hinzufügen. Wie schon im ganzen Turnier stand ihm sein Enforcer Al Horford unter den Brettern zur Seite und konnte mit 14 Zählern, sieben Rebounds und zwei Blocks ebenfalls ein starkes Spiel machen.

Viele der Punkte des Centerduos kamen in der zweiten Halbzeit zustande, als Florida ein ums andere Mal die Ganzfeldpresse von UCLA durchbrach, um in der Offense per krachendem Dunking abzuschließen. Insgesamt neun der letzten elf Gators-Körbe kamen durch Dunks zustande. Während UCLA in der Offense kämpfen musste, um überhaupt Würfe zu bekommen und sich meist in Einzelaktionen verstrickte, machten die Gators ihre Zähler so auf dem einfachsten denkbaren Weg. Zu Beginn der zweiten Halbzeit waren es noch erneut die Dreier von Lee Humphrey (15 Punkte, 4/8 Dreier) gewesen, die den Gators ein beruhigendes 20-Punkte-Polster verschafft hatten; später waren es dann die Würfe am Korb, die den Vorsprung hielten. Diese Variabilität in der Offensive ließ UCLA, das letztlich einzig von Einzelaktionen ihres Point Guards Farmar (18 Punkte, vier Assists) abhängig war, vermissen.

Gegen Ende der Partie konnte UCLA nach zwei Dreiern in Serie des ansonsten glücklosen Arron Afflalo (zehn Punkte, 3/10 FG) noch einmal auf zwölf Punkte verkürzen, doch ein Dreier von Floridas Scharfschützen Lee Humphrey brachte beim 68:53 die endgültige Entscheidung. Spätestens jetzt gab UCLA-Coach Ben Howland, der das ganze Spiel über keine Antwort auf Floridas phasenweise fehlerfreies Spiel gehabt hatte, die Partie verloren und verordnete seinen Spielern, die Gators nicht mehr durch taktische Fouls an die Freiwurflinie zu schicken. An diesem Abend hatten die Florida Gators dank Coach Donovan einen starken Game Plan, den sie mit ungeheurer Präzision umsetzten, wie auch Ben Howland nach dem Spiel neidlos anerkennen musste.

Fazit

Die Bruins begannen die Saison eher durchwachsen und fanden seltsamerweise erst nach der Verletzung von Josh Shipp (einem ihrer besten Spieler) zu der Form, die sie im NCAA Tournament so gut und so unberechenbar machte. Dass es letztenendes für das Team von Ben Howland nicht ganz gereicht hat, sollte keinen Schatten auf die ansonsten herausragende Saison werfen, die UCLA gespielt hat. Mit dem größten Erfolg seit über zehn Jahren (1995 gewannen die Bruins das letzte Mal den Titel) hat das Team zeigen können, dass UCLA wieder auf dem aufsteigenden Ast ist.

Die Gators begannen die Saison mit einer Siegesserie von 17 Spielen und beendeten sie mit elf Siegen in Folge. Das Team, dem frühestens in der nächsten Saison eine Chance eingeräumt wurde, um den Titel mitzuspielen, hat durch seine mannschaftliche Geschlossenheit selbst den Kritikern bewiesen, dass es zurecht einen Großteil der Saison in den Top 25 verbrachte, obwohl vor der Saison niemand mit den Gators gerechnet hatte. Möglich ist es, dass jetzt viele andere Teams das Geheimnis der Erfolges der Gators kopieren wollen: Die vier Sophomore-Starter Brewer, Green, Horford und Noah wohnen alle im selben Wohnheim und sind somit nahezu Tag und Nacht zusammen.

Spieler des Tages: Joakim Noah, Florida (16 Punkte, neun Rebounds, sieben Blocks, drei Assists, 7/9 FG)

Man stelle sich einen Spieler vor, der zehn Arme hat. Zehn lange Arme. Und dieser Spieler hat nichts Besseres zu tun, als aus reiner Boshaftigkeit einfach alles wegzublocken, was ihm in die Quere kommt. So oder so ähnlich müssen sich die Gegenspieler von Joakim Noah im NCAA Tournament und besonders im Finale gefühlt haben. Noah hat zwar wie jeder normale Mensch nur zwei Arme, aber die waren dafür wirklich überall. Sieben Blocks im Finale bedeuten einen sensationellen neuen Rekord, lag die vorherige Bestmarke doch bei vier geblockten Würfen.

Aber diese Zahl spiegelt nicht den Wert von Noah für die Defense der Gators wider. Aus Angst vor weiteren Wurfblocks von Noah warfen besonders UCLAs Innenspieler Ryan Hollins und Luc Richard Mbah a Moute oftmals überhastet und kamen daher auf für ihre Verhältnisse miserable Trefferquoten. In der Offensive traf Noah sieben seiner neun Feldwürfe und gab drei Assists. Wie schon im ganzen Turnier füllte der Forward nahezu jede Spalte im Statistikbogen aus. Noahs Lauf im NCAA Tournament wird mit den ganz großen Turnierleistungen verglichen werden, und es ist nur verdient, dass der Sohn von Tennis-Opa Yannick diesen Award bekommt. Noah war ohne Zweifel der konstanteste Spieler in diesem Turnier, und auch konstant der beste.

Die bohrendste Frage, die sich den Florida-Fans stellen wird, ist die nach Noahs Rückkehr. Nach den Leistungen im Turnier wird der dürre Forward bereits als Lottery Pick gehandelt, hat jedoch angedeutet, zumindest noch ein weiteres Jahr in ???Orange and Blue? auflaufen zu wollen. Ungewöhnlich wäre dies in jedem Fall: Von den letzten elf Championship-Teams hat nur ein MOP im folgenden Jahr weiter am College gespielt (Arizonas Miles Simon, der 1997 MOP war). Sollte Noah konsequent bleiben und weiter in Gainesville seine Schuhe schnüren, werden die Gators auch in der kommenden Saison wieder einer der Favoriten sein.




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von Crossover 30.05.2012 um 12:53:41


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