NCAA-Tournament 2006
Diese Woche in der NCAA: March Madness
Diese Ausgabe unseres NCAA-Roundups befasst sich ausschließlich mit der March Madness des NCAA Tournament: was es ist, wie es abläuft und wie man sich dafür qualifiziert.
Von Christian Neumann |
16.03.2006 | |
March? Madness! Die fünfte Jahreszeit des Basketballs ist eingeläutet! Liebe NBA-Fans: Vergesst die Playoffs, denn 16 Teams, die in meist viel zu langen Serien den NBA-Champion ausspielen, sind die reine Langeweile verglichen mit dem, was derzeit die Schlagzeilen der US-Medien beherrscht: das NCAA Tournament, in dem ab kommender Nacht 64 Teams aus den gesamten Vereinigten Staaten den US-College-Meister ausspielen werden. In mehr als einem Dutzend Hallen zwischen Michigan und Florida, Utah und Pennsylvania werden Tausende und Abertausende Zuschauer die Creme de la Creme des College-Basketballs unterstützen.
64 Teams, aber keine langweiligen Spiele gelangweilter Stars, keine zickigen Multimillionäre und keine Primadonnen, die gegen ihren Coach spielen. Dies sind nicht Isiah Thomas' New York Knicks; dies ist das NCAA Tournament, und das gehört den Fans! Es wird auch nicht vorkommen, dass irgend ein Coach oder Spieler beschließt, ein Spiel wegzuschenken und sich stattdessen auf das nächste zu konzentrieren, wie man es in einer Playoff-Serie tun kann ? hier besitzt der Modus noch knallharten Pokalcharakter von Single-Out und One-and-Done: Wer einmal versagt, hat fertig, und der größte Außenseiter kann mit einem perfekten Spiel den größten Favoriten stürzen. Groß gegen klein, David gegen Goliath, jeder gegen jeden, aber alle für ein großes Turnier!
Was ist das NCAA Tournament, und wie setzt es sich zusammen?
"The Big Dance", wie das Turnier landläufig auch genannt wird, stellt den abschließenden Höhepunkt einer gesamten Saison dar und steht am Ende sowohl der regulären Saison als auch der Conference-Turniere. Soll heißen: Die 334 College-Teams der NCAA Division I ? die unterklassigen Divisionen II und III spielen jeweils ihre eigenen Meister aus ? bereisen das Land nach selbsterstellten Spielplänen und treten in untereinander abgesprochenen Partien gegen stärkere und weniger starke Gegner an.
Wie man in diesen Partien der regulären Saison abschneidet und wie stark die jeweiligen Gegner sind, bestimmt den Platz in den vielbeachteten Rankings, in denen die Top-25 der NCAA aufgelistet sind. Am Ende der regulären Saisonspiele spielen die verschiedenen Conferences ihren Meister aus. Je nach Größe der Conference gibt es ein mehr oder weniger großes Turnier im Single-Out-Modus; quasi ein NCAA Tournament im Kleinen. Haben sich die Colleges während der regulären Saison noch Gegner aus dem ganzen Land aussuchen dürfen, werden diese Turniere nur innerhalb der eigenen Conference ausgespielt.
Die NCAA besteht derzeit aus 31 Conferences, deren 31 Turniersieger einen Platz im NCAA Tournament sicherhaben (die sogenannten "automatic bids"). Das ist das Verlockende an den Conference-Turnieren: Teams, mit denen die großen Universitäten wie Texas, Florida oder Duke während der regulären Saison den Boden wischen oder die wegen ihres schwachen Spielplans keine Chance haben, zum Big Dance eingeladen zu werden, können als Sieger ihrer eigenen Conference einen automatischen Platz ergattern.
Beispiel Davidson: Die Wildcats aus der Southern Conference gewannen 20 ihrer 30 regulären Saisonspiele zumeist gegen schwache Teams wie Appalachian State, North Carolina Greensboro oder The Citadel. Die Duelle gegen die wenigen namhaften Gegner (Charlotte, Syracuse) gingen verloren; von Duke (55:84) und North Carolina (58:82) wurden die Wildcats sogar regelrecht vermöbelt. Allein ein Triumph in der schwachen Southern Conference konnte Davidsons Saison noch retten, und den holte man sich mit einem hohen Sieg über Tennessee-Chattanooga. Dadurch stehen die Wildcats nun im NCAA Tournament, auch wenn es dort in Runde 1 gegen Ohio State eine deutliche Niederlage hageln dürfte.
Wieso gibt es 65 Teams für 64 Plätze?
Wie bereits erwähnt, gehen 31 Tournament-Plätze an die Sieger der 31 Conference-Turniere. Nur die elitäre Ivy-League (mit Top-Universitäten wie Yale, Harvard und Princeton) verzichtet auf ein Conference-Turnier, weshalb deren automatischer NCAA-Platz an den Sieger der regulären Saison (Pennsylvania) geht. Zum kompletten Feld fehlen aber noch 34 Teams, um auf die Gesamtzahl von 65 zu kommen. Warum gibt es also 65 Teams bei einem 64er Turnierbaum? Warum lädt man ein Team zuviel ein, das dann ein Extra-Qualifikationsspiel - das sogenannte "Play-In Game" - bestreiten muss? Ganz einfach:
Das Play-In Game geht auf das Jahr 1999 zurück, als sich die Mountain West Conference (MWC) von der Western Athletic Conference (WAC) abspaltete. Solche Verschiebungen sind ebenso wie der Wechsel ganzer Colleges von einer Conference in eine andere nichts Ungewöhnliches in der NCAA. Deren Regeln sehen eine Art Probezeit von einer Dauer von zwei Jahren vor, ehe eine neue Conference einen automatischen Platz im NCAA Tournament für sich beanspruchen kann. 2001 war es soweit, und die MWC bekam erstmals wie jede andere Conference ihren automatischen Platz im Big Dance. Dadurch, dass der automatic bid der MWC lediglich zum bestehenden Modus, der 64 Teams in einem Turnierbaum vorsah, hinzugefügt wurde, gab es nun 65 Teams.
Dies machte eine Art Vorrunde erforderlich, die offiziell den Namen "Opening Round" trägt. Dort treten die beiden qualifizierten Teams mit dem schlechtesten Rating Percentage Index (einer komplizierten Formel zur Erstellung einer Rangliste aller 334 NCAA-Division-I-Teams) gegeneinander an, um zu entscheiden, wer als Kanonenfutter für ein Top-Team in der wirklichen ersten Turnierrunde herhalten darf. Dass es so kommen wird, darf als sicher gelten, denn noch nie hat sich ein an Position 16 gesetztes Team gegen ein an 1 gesetztes Team durchgesetzt. Dass ausgerechnet Monmouth dies gegen die Villanova Wildcats schafft, würde an ein Wunder grenzen.
Was sind "at-large bids", und wozu sind sie gut?
Wir haben jetzt die Herkunft von 31 der 65 Teams erklärt, doch der Großteil der Teilnehmer fehlt noch. Um zu verstehen, woher diese 34 Mannschaften kommen, muss man auf den Charakter der Veranstaltung gucken, denn sie ist ein Einladungsturnier. Ihr kleiner Bruder, das NIT ? heute kaum mehr als ein Auffangbecken für an der Hürde zum Big Dance gescheiterte, mittelmäßige NCAA-Teams ?, trägt diese Tatsache sogar im Namen: National Invitation Tournament. Die 34 Ausgewählten ("at-large bids") werden nach einem komplizierten Verfahren von einem zwölfköpfigen "selection committee" bestimmt, gemeinsam mit den 31 "automatic bids" in einem Turnierbaum angeordnet und zusammen mit diesem am vielbeachteten "Selection Sunday" in einer Live-Übertragung bekanntgegeben.
Auch wenn sich der Kandidatenkreis jedesmal auf wenige Teams einengen lässt, gibt es doch immer wieder Überraschungen. So wurden dieses Jahr die Cincinnati Bearcats aus dem Turnier rausgelassen, während das Team der Air Force (trainiert von Jeff Bzdelik, dem früheren Coach der Denver Nuggets), das eine gute, aber im Vergleich keine überragende Saison gespielt hatte, eine Einladung erhielt. Neben Cincinnati müssen auch Maryland und Louisville zuschauen, wobei letztere noch im vergangenen Jahr bis ins Final Four (das Halbfinale des NCAA Tournament) vordringen konnten. Doch die Cardinals haben dieses Jahr eine zu schlechte Bilanz (18-12), was eine Einladung zum Big Dance unwahrscheinlich machte. Noch verheerender ist eine negative Bilanz, wie sie z.B. Georgia Tech hat, denn bei einer negativen Bilanz ist eine Einladung offiziell ausgeschlossen. Wer mehr Niederlagen als Siege hat, kann sich ausschließlich als Turniersieger seiner Conference für die Endrunde qualifizieren.
Andererseits kann auch eine gute Bilanz sehr täuschen. So gewannen die Utah State Aggies in der Saison 2003-2004 25 ihrer 29 regulären Saisonspiele und 17 von 18 Conference-Partien, doch sie scheiterten im Big-West-Turnier schon im Halbfinale (was sie den automatic bid kostete) und wurden zum Big Dance auch nicht eingeladen, weshalb sie im Trostturnier NIT antraten und auch dort prompt ausschieden. Es reicht also nicht, eine beeindruckende Bilanz aufzustellen, wenn die Gegner nicht entsprechend stark sind. Dadurch wird die Tatsache ausgeglichen, dass sich in den großen Conferences wie der Atlantic Coast Conference (ACC) oder der Big East Conference die guten Teams nur so tummeln. Das führt allerdings fast automatisch zu mehr schweren Spielen gegen bessere Gegner, worunter die Bilanz zu leiden hat. Wer in den Rankings, die ESPN/USA Today sowie die Associated Press unabhängig voneinander herausgeben, unter den Top-25 auftaucht, darf sich gute Chancen auf eine Einladung ausrechnen, selbst wenn man im Laufe der Saison ein paar Spiele verliert und auch im Conference-Turnier nicht sehr erfolgreich ist.
Allerdings ist durch die reine Einladung noch nichts gewonnen, denn an diese schließt sich das Problem der Setzposition an. Wie in den NBA-Playoffs gilt: Je niedriger man gesetzt ist, desto eher drohen Duelle mit den Spitzenteams, denen jeder möglichst lange aus dem Weg gehen will. Anders als in der NBA ist das aber nicht nur über die reine Bilanz zu erreichen, denn das selection committee legt fest, wer das an 1 gesetzte Team ist, wer an 2 usw. Da genügt es nicht, eine gute Bilanz zu haben, denn was ist, wenn sich der Top-Spieler verletzt (wie einst Cincinnatis Kenyon Martin)? Dann steht zu befürchten, dass das Team schlechter spielen wird, weswegen es im Turnierbaum schlechter gesetzt wird. Diese Saison betrifft das die George Washington University (nur an einem 8. Platz gesetzt) wegen deren verletzten Starspielers Pops Mensah-Bonsu, während das Kommittee davon absah, die Villanova Wildcats abzuwerten, obwohl deren Leistungsträger Allen Ray bei einem Foul neulich beinahe ein Auge verlor und für das NCAA Tournament fragwürdig war.
Wie ist nun der Ablauf des NCAA Tournament?
Es gibt einen Turnierbaum, der sich in vier Regionen unterteilt. Jede Region umfasst 16 Teams und spielt im Modus 1 gegen 16, 2 gegen 15 usw. ihren Regionssieger aus. Die Regionen sind nach dem Ort benannt, an dem das "regional final" ausgetragen wird. Wer sich also im Georgia Dome zu Atlanta behaupten kann, gewinnt die Region Atlanta. Die Sieger der vier Regionen sind zugleich die vier Teams im Final Four. Das Final Four? Jede der Spielrunden ab dem Achtelfinale trägt einen bestimmten Namen: Sweet Sixteen (Achtelfinale), Elite Eight (Viertelfinale) und Final Four (Halbfinale). Gespielt wird ab dem Donnerstag nach dem Selection Sunday; dieses Jahr also ab dem 16. März (kommende Nacht). Das "Play-in Game" findet bereits zwei Tage zuvor statt (siehe Spielbericht). Der Rhythmus ist wie folgt: 1. Runde 16./17. März (insgesamt 32 Spiele), 2. Runde 18./19. März (16 Spiele), Sweet Sixteen 23./24. März, Elite Eight 25./26. März, Final Four 1. April und das Finale am 3. April.
Crossover-Online wird zu jedem dieser Spieltage ausführliche Berichte liefern.
Das "Play-in Game": Monmouth gegen Hampton
Offiziell heißt es "Opening Round", doch das NCAA Tournament beginnt erst wirklich, wenn der Sieger dieser Partie das Feld der 64 Teams der ersten Hauptrunde komplettiert hat ? und der Sieger heißt Monmouth. Die Hawks aus West Long Branch in New Jersey konnten sich mit 71:49 deutlich gegen die Pirates der Universität von Hampton in Virgina durchsetzen. Point Guard Chris Kenny schenkte dem Gegner 20 Punkte ein, doch es war Center John Bunch, dessen 2,18m und 145 kg für Hampton das größte Problem darstellten und der auf sieben Punkte, sechs Rebounds und fünf Blocks kam. Monmouth wird nun als krasser Außenseiter auf die topgesetzten Villanova Wildcats treffen, die eine gute Nachricht für John Bunch bereithalten: Villanova, das mit vier Guards in der ersten Fünf spielt, hat ihm keinen Spieler über 2,05m entgegenzusetzen.



von Dickson 24.10.06 um 11:15:01
Toller Artikel, der einem das (komplizierte) System der MArch Madness näher bringt.