NCAA Saisonvorschau

Das College-ABC

Gute Nachricht für alle NBA-Abstinenzler: Es gibt nun wieder eine legitime Ersatzdroge! Denn diese Woche beginnt die NCAA-Saison 2011/12. Pünktlich zum Saisonstart geben wir einen Einblick in die wundersame Welt des College-Basketballs - mit Einsteiger-Infos, aktuellen Themen und einem Ausblick auf die neue Saison. Doch Vorsicht: Es besteht Suchtgefahr!

Von Björn Lehmkühler
 09.11.2011 |

Während in der NBA ein heute auslaufendes Ultimatum die gesamte Saison in Gefahr bringt, beginnt dieser Tage ganz nach Plan die NCAA-Saison. Bereits am Montag fanden die ersten drei Partien statt, doch der wahre Anpfiff des College-Jahres findet am Freitag statt – mit 126 Spielen. Es ist eine Zahl, die College-Fans in Verzückung versetzt und gleichzeitig Gelegenheitszuschauer und neue Anhänger Fragezeichen ins Gesicht malt. 126 Spiele – wer soll das noch verstehen?!

NCAA, NAIA und JUCO – Durchblick im Buchstabensalat

Zugegeben: Sich in der College-Basketball-Welt zurecht zu finden, ist ungleich schwerer als in der NBA, der BBL oder sogar den europäischen Wettbewerben. So gibt es in den USA über tausend Hochschulen, die ein eigenes Basketball-Team unterhalten. Fast tausend Mannschaften sind dabei alleine in der NCAA organisiert, der „National Collegiate Athletic Association“, deren Wettbewerb wiederum in drei hierarchische Niveaus unterteilt ist – Division I, II und III.

Hinzu kommen die 290 zumeist kleinen Unis der „National Association of Intercollegiate Athletics“, kurz NAIA, sowie eine beträchtliche Zahl an Junior Colleges und Community Colleges, die schwachen Schülern die Möglichkeit bieten sich für die Universität zu qualifizieren und einen eigenen Basketball-Wettbewerb veranstalten.

Wenn hier von NCAA- oder College-Basketball die Rede ist, sind allerdings stets die 345 Teams der NCAA Division I gemeint!

Conference ist nicht gleich Conference...

Die 345 Division-I-Teams sind wiederum in 32 Conferences unterteilt. Diese sind im Gegensatz zur NBA jedoch nicht symmetrisch, sondern können acht bis sechszehn Teams umfassen. Und auch die Stärke der einzelnen Ligen unterscheidet sich dramatisch.

Da wären zum einen die sechs so genannten Power, Key, BCS oder auch Major Conferences – die großen Sechs, wenn man so will. Diese heißen ACC, Big East, Big Ten, Big-12, Pac-12 und SEC. Sie bringen nicht nur die mit Abstand meisten NBA-Spieler hervor, sondern auch die meisten College-Meister. So gingen 44 der letzten 45 NCAA-Titel an Mannschaften aus einer der sechs Major Conferences. Lediglich 1990 konnte mit der UNLV eine andere Uni die Meisterschaft feiern.

Unterhalb dieser sechs Major Conferences stehen in der Hierarchie die so genannten Mid-Major Conferences. Dieser Begriff ist ebenso wenig definiert wie die dazugehörigen Conferences, doch im Allgemeinen werden die Atlantic-10, Colonial, Conference-USA, Horizon League, Mid-American, Missouri Valley, Mountain West, West Coast und Western Athletic Conference zu den Mid-Majors gezählt. Sie sind zwar nicht so tief besetzt wie die großen Ligen, doch ihre Top-Teams können regelmäßig in die Top-25-Rankings vorstoßen und sogar um den Titel mitspielen. Zu den erfolgreichsten Mid-Majors gehörten in den letzten Jahren etwa Memphis, Butler und auch Elias Harris‘ Gonzaga Bulldogs.

Die restlichen Ligen gelten als Minor Conferences, also unterklassige Ligen innerhalb der NCAA Division I. Ihre Mannschaften werden von den nationalen Medien nur am Rande beachtet, bringen vergleichsweise wenige NBA-Spieler hervor und können selten Teams aus den großen Ligen schlagen. Zu diesen kleinen Ligen gehört übrigens auch die so genannte Ivy League, deren Mitglieder um Harvard, Yale und Princeton zwar die akademische Elite des Landes bilden, im Sport jedoch nicht um nationale Titel mitspielen können.

Die Drei-Stufen-Saison

Einer Erläuterung bedarf wohl auch die Struktur der NCAA-Saison. Denn wer bereits im November auf Duelle zwischen Duke und North Carolina oder Texas und Kansas wartet, muss von vornherein enttäuscht werden. Bis zum Jahreswechsel treten sämtliche Teams nämlich traditionell nur gegen Kontrahenten aus anderen Conferences an – daher der Name Non-Conference Schedule. Dieser wird übrigens von den Teams selbst festgelegt und kann in seiner Schwierigkeit extrem stark variieren. Während manche „Big Names“ oder auch selbstbewusste Mid-Majors wie Gonzaga gerne schon zu Saisonbeginn Gegner auf Augenhöhe herausfordern, suchen sich andere Unis ganz bewusst nur unterlegene Opponenten, um mit möglichst wenigen Niederlagen auf dem Konto in das neue Jahr zu starten.

Um den Jahreswechsel herum beginnt nämlich die Conference Season, die bis in den März andauert. Dabei treffen die Mannschaften auf die Gegner aus ihrer jeweiligen Conference, wobei es aufgrund der unterschiedlichen Anzahlen an Teams nicht in jeder Liga genau ein Hin- und ein Rückspiel gibt wie in der BBL, sondern teilweise ein Spiel oder aber deren drei. Auch das Niveau divergiert. Während starke Mid-Majors wie Gonzaga, Butler oder Memphis hier ihre teils unterklassigen Gegner dominieren, sind in den Major Conferences Top-Duelle quasi an der Tagesordnung. Am Ende der Conference Season steht dann jeweils ein Conference Tournament, in dem der Conference Champion bestimmt wird. Doch auch hier gibt es eine Ausnahme: Die Ivy League hat nämlich kein Abschlussturnier!

Schließlich kommt es im März zum NCAA Tournament, das aufgrund seiner unvergleichlichen Spannung im Volksmund auch „March Madness“ genannt wird. Mit dabei sind 31 Conference Champions sowie 37 weitere Mannschaft (die sog. „At-Large Teams“), die von einem Auswahlkomitee bestimmt und am so genannten „Selection Sunday“ verkündet werden. Aufgrund der unterschiedlich starken Conferences und der kaum vergleichbaren Spielpläne ein faszinierendes, aber wenig transparentes Verfahren. Die 68 Teams ermitteln dann in sieben Runden (First Four, First Round, Second Round, Sweet Sixteen, Elite Eight, Final Four und Championship Game) den Meister – doch mehr dazu im März...

Ist das System in Stein gemeißelt?

Klares nein! Das First Four wurde im März beispielsweise erstmals ausgetragen, als Folge der Aufstockung von 65 auf 68 Teams. Und sogar eine weitere Vergrößerung des Teilnehmerfeldes auf bis zu 128 Mannschaften ist im Gespräch, wenngleich ein solcher Sprung einige namhafte Kritiker hat und deshalb nicht unmittelbar bevorsteht. Ein größeres Thema ist stattdessen das Conference Realignment – also der Wechsel von Unis in andere NCAA-Conferences. Seit vielen Jahren hat es nicht mehr so viel Bewegung und Aufregung gegeben wie in den letzten Wochen und Monaten, in denen alle sechs großen Conferences Mitglieder aufgenommen und/oder verloren haben.

Diese Saison wird man sich zum Beispiel daran gewöhnen müssen, dass die Pac-10 nach dem Zugang von Colorado (Big-12) und Utah (MWC) nun Pac-12 heißt. Gleichzeitig spielen in der Big-12 nach den Abgängen von Colorado und Nebraska (jetzt Big Ten) nur noch zehn Teams. Stärker geworden ist derweil die Liga von Elias Harris‘ Gonzaga Bulldogs. In der West Coast Conference treten nämlich ab sofort die BYU Cougars (vorher MWC) an. Diese Wechselspiele haben übrigens nur sekundär mit Basketball zu tun. Primär geht es um die lukrativen TV-Rechte für den College-Football-Wettbewerb. Und diese Wechsel sind erst der Anfang: Die größten Bewegungen stehen nämlich ohne Frage noch bevor...

Was erwartet uns in der Saison 2011/12 und wer sind die Favoriten?

Nach einer etwas ernüchternden Saison 2010/11, die eher von ihren Stars (Jimmer Fredette und Kemba Walker) gelebt hat als von überragenden Teams, erwartet uns aller Voraussicht nach eine wirklich hochklassige Saison. Aufgrund des bevorstehenden Lockouts entschieden sich im Frühjahr nämlich viele Top-Spieler für ein weiteres Jahr an der Uni, und auch der Freshman-Jahrgang weckt große Erwartungen. Da zudem fast zwei Dutzend Deutsche die NCAA Division I aufmischen werden, lohnt sich eine Investition in den ESPN College Pass.

Als großer Favorit gehen die North Carolina Tar Heels in die Saison. Mit PG Kendall Marshall, SF Harrison Barnes, PF John Henson und C Tyler Zeller sind die vier Stars der Vorsaison an Bord geblieben und bilden einen erfahrenen, harmonischen und offensiv extrem potenten Kern. Insbesondere Barnes zählt zu den besten Spielern des Landes. So kann sich Coach Roy Williams den Luxus erlauben, mit SF/PF James McAdoo ein echtes Riesentalent nur von der Bank zu bringen. Wenn schlimme Verletzungen ausbleiben und die Defense stimmt, geht der Titel nur über UNC!

Ein ernster Rivale sind derweil die Ohio State Buckeyes. PF Jared Sullinger ist in seinem zweiten Uni-Jahr der große Favorit auf den Titel zum Spieler des Jahres und in Korbnähe kaum zu stoppen. PG Aaron Craft und SG Williams Buford formen zudem einen hochkarätigen Backcourt. Doch können neben diesem Trio noch weitere Spieler auftrumpfen, etwa der talentierte Sophomore Deshaun Thomas? Und wer bestraft nach dem Abgang von Dreierspezialist Jon Diebler die Double-Teams gegen Sullinger?

Fehlendes Talent ist sicherlich kein Problem der Kentucky Wildcats. Mit PF Anthony Davis, SF Michael Kidd-Gilchrist und PG Marquise Teague konnte Coach John Calipari gar die vermeintlich besten High-School-Spieler auf ihrer Position verpflichten. Kombiniert man dieses Trio mit den Rückkehrern um SF/PF Terrence Jones und SG Doron Lamb, entsteht eine Truppe, deren Talent auf einem Niveau mit North Carolina ist. Doch wie lange dauert es, bis die jungen Neuzugänge integriert sind? Und kann eine Mannschaft mit drei Freshman-Stars überhaupt Meister werden?

Nicht vergessen darf man in der Favoriten-Diskussion natürlich den Titelverteidiger, die Connecticut Huskies. Zwar wird sich nach dem Abgang von Kemba Walker das Teamgefüge und die Spielweise massiv ändern – mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Insbesondere die Point-Guard-Position wirft Fragen auf, doch SG Jeremy Lamb ist der Sprung zum All-American zuzutrauen, und Freshman-Center Andre Drummond hat das Talent, direkt eine dominante Rolle zu spielen. Und auch dem Berliner Niels Giffey ist ein Sprung zuzutrauen...

Welche Spieler gilt es zu beobachten?

Gerade für NBA-Fans dürfte es besonders spannend sein, in der Lockout-Zeit schon einmal einen Blick auf die Talente für den Draft 2012 zu werfen. Detaillierte Infos zu den Top-Talenten wird es in zwei Crossover Draft Checks am Samstag und Sonntag geben. Passend zum Saisonstart wird am Samstag auch die erste Version des Crossover Mockdraft 2012 erscheinen. Und wer sich vor allem für die Deutschen in der NCAA interessiert, kann sich auf einen entsprechenden Artikel am kommenden Mittwoch freuen. Also: Dran bleiben!




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von Raquel 09.11.11 um 22:35:52


Sehr sehr interessant! Guter Artikel.



von TNT 09.11.11 um 22:48:57


Freu mich auf die kommenden Artikel!



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