NCAA Saison 2005/2006

Mountaineers auf dem Weg an die Spitze

Die zweite deutsche Hoffnung auf einen Meisterschaftsring in diesem Jahr (nach Dirk Nowitzki) heißt Jo Herber und kommt aus Darmstadt. Crossover stellt sein Team, die West Virginia Mountaineers, vor.

Von Mario Kyriasoglou
 30.01.2006 |

Im Laufe der aktuellen, höchst spannenden NCAA-Saison werden die Top 25 wieder von den üblichen Verdächtigen dominiert: Duke ist vorne dabei, ebenso Connecticut, auch die Traditionsmannschaften North Carolina (nach großem Aderlass) und UCLA.

Zu den überraschenden Teams in den Top 25 gehört zweifelsohne West Virginia, eine Provinzuni aus einem Staat, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen ? Profisport ist hier in Ermangelung einer Großstadt Fehlanzeige, und auch die Fans der West Virginia Mountaineers sind in der Vergangenheit nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden. Sicher, mit Jerry West lief ?The Logo? einst im schwarz-gelben Mountaineer-Trikot auf, aber mal ehrlich ? wer kann sich heute noch daran erinnern, dass der Hall-of-Famer hier im Jahr 1960 als Senior 29,3 PpG und 16,5 RpG auflegte. Der zweitbekannteste Ex-Mountaineer ist der heutige Nets-Manager Rod Thorn. Platz Nr. 3 auf der Alumni-Liste dürfte schon an Marcus Goree gehen, der vor einigen Jahren mit den Frankfurt Skyliners in ihrem Gründungsjahr die BBL ganz schön aufmischte (lies: der BBL ordentlich ins Gesicht stopfte). Die Prominentenliste der WVU kann also offensichtlich nicht mit den Ex-Superstars der anderen Unis wie Duke (Grant Hill, Elton Brand etc.) oder North Carolina (Michael Jordan, Vince Carter usw.) mithalten.

Auch in diesem Jahr können sich die Spieler der Mountaineers kaum mit der individuellen Klasse der Konkurrenz in der Big East messen. Dass West Virginia trotzdem nach fünf Spieltagen als einziges Team ungeschlagen dasteht, liegt an drei Dingen: Teamwork, Teamwork und? Teamwork. Bereits im vergangenen NCAA-Tournament bissen sich einige Superstars wie Chris Paul und Eric Williams (Wake Forest) sowie Ronald Ross (Texas Tech) die Zähne an der Teamleistung der Mountaineers aus, und an der Grenze zum Final Four hatte die Truppe von Coach John Beilein sogar Louisville am Rande einer Niederlage.

Diese Saison startete das Team mit nur zwei Siegen aus fünf Spielen eher schlecht. Gegen die Top-Teams von Texas, Kentucky und LSU (nach Verlängerung) gab es allesamt knappe Niederlagen. Seit dem 26. November hat West Virginia jedoch nur eins von 14 Spielen verloren, und das ausgerechnet gegen den Lokalrivalen Marshall ? normalerweise ein Gegner von viel geringerer Klasse als die Teams, denen WVU in der Big East normalerweise gegenüber steht. Lokalderbys haben aber bekanntlich eigene Gesetze.

Der Erfolg der Mountaineers hat sehr viele Gesichter. Da wäre zum einen John Beilein, der Coach ? seine Vielzahl an taktischen Variationen in Defense und Offense ist in einer Zeit, in der viele NCAA-Coaches an starren Ideologien festhalten, Gold wert. Beilein bevorzugt weder Mann- noch Zonenverteidigung, weder Fastbreak noch Set Offense; seine Devise lautet: Nimm immer, was der Gegner dir gibt. Und das funktioniert bisher hervorragend.

Die Stars des Teams sind mindestens so ungewöhnlich wie der Erfolg. Center Kevin Pittsnogle hat nicht nur den wohl besten Namen im College-Basketball, sondern auch ausreichend Game, um sämtliche Namenswitze im Keim zu ersticken. Gegnerische Center, die meinen, sie müssten den 2,11m-Hünen nicht bis hinter die Dreierlinie verfolgen, werden kurzerhand aus der Distanz ?gepittsnoglet? (Dreierquote: 45%), und kleinere Center werden unter dem Korb vernascht wie ein Kinderriegel. Pittsnogle hatte sich letzten Sommer zwar schon für den Draft angemeldet, jedoch vor der Deadline eine weise Entscheidung gegen die NBA und für ein Senior-Jahr an der WVU getroffen. Zu Buche stehen bisher 19,8 ?gepittsnoglete? Punkte pro Spiel. Pittsnogle profitiert auch von dem Abgang von D?Or Fischer, einem defensiv talentierten Riesen, der jedoch nie sein Potenzial ausschöpfen konnte. Pittsnogle ist bei den Mountaineers der uneingeschränkte Herrscher in der Zone und der einzige Starter, der mehr als zwei Meter misst.

Apropos Seniors: West Virginia startet mit vier Seniors und einem Junior. Gerade in der NCAA, wo die Stars von Jahr zu Jahr jünger werden, ist Erfahrung unbezahlbar. Da wäre zum Beispiel Mike Gansey. Gansey hat eigentlich alles, was ein guter Basketballer nicht braucht: Er ist zu klein, zu unathletisch, zu langsam ? zu alles halt. Ein solcher Spieler muss sich eigentlich in einer Power-Liga wie der Big East kaum Hoffnungen auf Spielzeit machen. Dumm nur, dass das Gansey niemand ausreichend klargemacht hat. Nach seinem Transfer von St. Bonaventure vor zwei Jahren hat Gansey sich erst zu einem passablen Spieler und dann zu einem Star entwickelt. Für viele Experten ist der 1,93m große Small Forward momentan der heißeste Anwärter auf den Titel des Spielers des Jahres in der Big East Conference ? in der nebenbei auch noch NBA-reife Talente wie Rudy Gay und Josh Boone (Connecticut), Taquan Dean und David Padgett (Louisville), Jeff Green und Brandon Bowman (Georgetown) sowie Allan Ray und Randy Foye (Villanova) spielen, um nur ein paar zu nennen. Nach den drei Niederlagen im November begann Ganseys scheinbar besinnungsloser Lauf; ein Ende ist bisher nicht in Sicht. Seine 19,8 PpG erzielt Gansey mit absolut wahnsinnigen Wurfquoten von 73% bei den Zweiern und 52% von der Dreierlinie. Die Quoten erscheinen umso unglaublicher, wenn man bedenkt, dass Gansey überwiegend Mitteldistanz- und Distanzwürfe nimmt. Nebenbei sammelt der für einen Forward sehr kleine Gansey zwischen den Hünen der Big East noch knapp sechs Rebounds pro Partie ein. Und das Beste kommt noch: Gansey ist ein Mr. Clutch, wie es seit Jerry West keinen mehr in West Virginia gegeben hat. Gegen South Florida war es Gansey, der mit einem wunderschönen Pass Kevin Pittsnogle für den letztlich spielentscheidenden Korb bediente, gegen Villanova gab er den Pass zu Patrick Beileins vorentscheidendem Dreier, und gegen UCLA stahl er wenige Sekunden vor Schluss Point Guard Jordan Farmar den Ball aus der Hand und nahm den Bruins so die Chance zum Ausgleich.

Im Backcourt spielt Coach Beilein mit einer Drei-Mann-Rotation: Senior Johannes Herber (ehemals TV Langen) spielt seine beste Saison und agiert mehr als Spielgestalter, was sich in 5,6 ApG pro Spiel ausdrückt. Herber, den wir schon vor der Silber-EM im DiBa-Trikot sehen konnten, wird wohl in der Zukunft eine feste Größe bei DiBa (Dirk Bauermann, was dachtet ihr denn?) werden. Momentan aber spielt der Senior, der letzte Saison mit einem Dreier kurz vor Schluss gegen Louisville die Chance auf den Final-Four-Einzug vergab, noch seine Rolle als emotionaler Leader der Mountaineers. Wohin der Weg von Herber (von den deutschunkundigen amerikanischen Kommentatoren immer wieder liebevoll ?Joe Hair Bear? genannt) nach der Saison führen wird, ist noch unklar: Der Guard wird sich wohl vor Angeboten aus der BBL nicht retten können, doch es würde nicht überraschend sein, wenn der Darmstädter nach der Saison versuchte, sich über die Rookie- und Free-Agent-Camps einen der begehrten Kaderplätze bei einem NBA-Team zu sichern.

Unterstützt wird er dabei von Patrick Beilein, dem Sohn des Coaches. Beilein kann vor allem eines: den offenen Dreier verwandeln. Das war es dann auch schon fast für den Senior. Trotz miserablen Quoten in diesem Jahr ist Beilein eminent wichtig für den Erfolg, da er auch Würfe trifft, die andere Spieler nicht einmal nehmen würden. Der Dritte im Guard-Bunde ist J.D. Collins, ebenfalls ein Senior, der nicht allzu viel vom Scoren hält. Collins beschränkt sich darauf, den Ball zu bringen, Spielzüge anzusagen und ansonsten solide Defense zu spielen. Collins ist zwar keine Scoring-Option bei West Virginia, macht aber die kleinen Dinge, die in keinem Scouting auftauchen ? die dreckigen Aktionen, die sonst niemand machen will. Wohlwollend könnte man das als "Hustle" bezeichnen; Gegner von Collins würden das ganze wohl eher eine schmutzige Spielweise nennen.

Fünfter Starter ist der Junior Frank Young, der in jedem Spiel alles gibt und trotz seinen nur 1,95m unter dem Korb seinen Mann steht. Wenn er eine Pause braucht, macht Gansey auch noch diesen Job: In der Offense Dreier treffen, in der Defense 10-15 cm größere und 20 kg schwerere Spieler verteidigen ? für den MVP der Mountaineers scheint dies alltäglich.

West Virginia war bis zum Betriebsunfall gegen Marshall zwölf Spiele in Folge ungeschlagen und hatte in dieser Phase keineswegs einen Haufen Gurkentruppen zu Gast. Im Gegenteil: Die Mountaineers gewannen auswärts gegen die gerankten Teams von Oklahoma und UCLA und brachten zudem noch Villanova die erste Heimniederlage der Saison bei. Zudem gewann WVU gegen Georgetown  ? immerhin dieselben Hoyas, die am vorherigen Wochenende den haushohen Titelfavoriten Duke bezwingen konnten ? und als Rehabilitierung für die Marshall-Pleite gab es eine dezente Ohrenwatsche für St. John?s, die kurz vorher den Pittsburgh Panthers ihre erste Niederlage beibrachten und auch gegen Louisville gepunktet hatten.

Bewährungsproben werden die Mountaineers jedoch vor dem NCAA-Tournament noch zur Genüge haben: In der Big East muss sich West Virginia noch mit Top-Teams wie Pittsburgh (zweimal), Louisville, Syracuse, den hochmotivierten Georgetown Hoyas (Rückspiel) sowie der neuen Nummer Eins, Connecticut, auseinandersetzen. Wenn es den Mountaineers gelingt, von den genannten sechs Spielen wenigstens drei zu gewinnen und sich ansonsten unliebsame Überraschungen zu ersparen, sollte das Team am Saisonende in den Top 20 sein und möglicherweise den nächsten Schritt tun können. Kevin Pittsnogles erklärtes Ziel vor der Saison war es jedenfalls, das Team ins Final Four zu führen.

Für West Virginia würde ein solcher Erfolg Neuland bedeuten ? na ja, fast Neuland. Im Jahr 1959 führte Jerry West die Mountaineers ins NCAA-Finale, wo das Team mit einem Punkt gegen California unterlag. Wenn Gansey und Pittsnogle weiterhin so brilliant in Beileins System aufblühen, stehen die Chancen dafür alles andere als schlecht. Je tiefer ins Tournament ein Team vorstößt, desto wichtiger ist es, einen versierten Coach an der Seitenlinie zu haben. Und mit Beilein hat West Virginia einen der besten und vielleicht den ausgefuchstesten Trainer der gesamten NCAA.




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von Crossover 30.05.2012 um 12:51:44


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