Elias Harris

Der amerikanische Traum

Noch vergangene Saison spielte Elias Harris in der ProB gegen Teams wie Stahnsdorf, Ehingen oder Urspring und galt als Hoffnungsträger für die Nationalmannschaft der nächsten Jahre. Nach einem sensationellen Saisonverlauf als Freshman am College von Gonzaga gehört der 20-Jährige mit einem Mal zum elitären Kreis legitimer NBA-Anwärter und darf sich große Hoffnungen auf eine goldene Zukunft machen.

Von Peter Bieg und Florian Lindemann
 12.02.2010 |

Als Elias Harris in der letzten Saison noch in der ProB Basketball spielte, war die NBA nur ein ferner Traum. Der Weg von der dritten deutschen Liga in die beste Liga der Welt schien allzu weit und lang. Nur ein Jahr später ist die nordamerikanische Profiliga auf einmal zum Greifen nah für den 20-Jährigen. US-Experten loben den jungen Deutschen überschwänglich und prognostizieren ihm eine Karriere in der NBA.

Harris hat einen steilen Aufstieg hinter sich. Dabei half ein glücklicher Zufall dem deutschen Nationalspieler. Der Assistenztrainer der Gonzaga Universität, Tommy Lloyd, war auf der Suche nach neuen Spielern für sein College-Team. Nach einem Tipp von seinem deutschen Trainerfreund Torsten Daume (Head Coach des USC Heidelberg, ProA) wurde er auf den athletischen Flügelspieler aufmerksam. "Tommy Lloyd, der Co-Trainer hat mich und meine Familie zwei Mal in Deutschland besucht, wodurch ein enger, persönlicher Kontakt entstanden ist", erinnert sich der 2,01 Meter große Harris über die Phase der Rekrutierung.

Foto: DBB/ Camera 4

Nach einem Flug nach Deutschland inklusive Spielbesuch und diversen Telefongesprächen mit Harris sowie Nationaltrainer Dirk Bauermann, der seinem Schützling beratend zur Seite stand, wollte Lloyd den jungen Deutschen für Gonzaga verpflichten. Obwohl Harris von anderen US-Hochschulen umworben wurde und das College noch nicht einmal besichtigt hatte, sagte er ihm zu.

Aus heutiger Sicht ist das die bisher beste sportliche Entscheidung seines Lebens. Die Voraussetzungen in Gonzaga scheinen ideal. Bereits der Franzose Ronny Turiaf heute bei den Golden State Warriors unter Vertrag - hat dort als Europäer eine äußerst erfolgreiche College-Karriere (13,6 PpG, 6,8 RpG) als Sprungbrett in die NBA genutzt. Doch nicht nur das Umfeld schien zu stimmen, auch das Team der Universität befand sich vor der Ankunft Harris' im Umbruch und bot dem Jungnationalspieler damit die Aussicht auf reichlich Spielzeit. Der Star der Mannschaft, Austin Daye, verließ das College in Richtung NBA (Detroit Pistons) und so war ein Platz in der ersten Fünf frei geworden. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir mit sechs Neulingen so gut dastehen würden", gibt Harris zu Protokoll und stellt fest: "Dass es gleich so gut läuft, hätte ich nicht geglaubt." Er selbst ist inzwischen längst zum Schlüsselspieler der Zags avanciert.

Der Sprung über den großen Teich war schon immer der Traum des Sohns eines Amerikaners. Schon als Kind infizierte der Vater den kleinen Elias mit dem College-Virus. Für seinen Traum, einmal am College Basketball zu spielen, schlug er viele Vertragsangebote aus und blieb in Speyer, wo keine Profispieler unter Vertrag standen. Die Angst vor einer möglichen Sperre (wie sie Lucca Staiger oder Fabian Böke erdulden mussten) aufgrund der strengen NCAA-Regularien war zu groß.

Der aktuelle Saisonverlauf gibt Harris' Entscheidungen Recht. Als Neuling hat er sich sofort als Leader seines Teams etabliert. Er läuft als Power Forward auf, trotz seiner Größe von nur 2,01 Metern. Da Head Coach Mark Few allerdings Smallball spielen lässt, geht das Konzept bisher auf. Harris kann sich dank seiner Athletik und Sprungkraft auch gegen größere Gegenspieler durchsetzen. Von Schüchternheit, die man vielleicht von einem 20-Jährigen in einem neuen Land und einer neuen Umgebung erwarten könnte, keine Spur. Gleich in seiner ersten Partie legte er 18 Punkte auf und sammelte sieben Rebounds.

Dem Nationalspieler kommt dabei wohl auch seine internationale Erfahrung zu Gute. Bei der Europameisterschaft im Sommer spielte er bereits gegen Basketballgrößen wie Tony Parker, Boris Diaw oder auch Ronny Turiaf. Turiaf weckte Harris während der EM sogar eines Morgens unangekündigt, um sich mit ihm über seine Zukunft und die Basketball-Familie in Gonzaga unterhalten zu können. Von seiner Umgebung in Gonzaga ist Elias dabei vom Start weg restlos begeistert und berichtet: "Es ist wahrscheinlich für jemanden, der das nicht erlebt hat, fast unvorstellbar. Aber schon bei meinem ersten Besuch in Spokane, nachdem es klar war, dass ich zu den Zags gehe, haben mich völlig unbekannte Menschen mit 'welcome to the familiy' begrüßt. Daran hat sich auch nichts geändert. Es hätte nicht besser sein können."

Die große Aufmerksamkeit der US-Analysten zog er mit einer markanten Spielweise, die US-amerikanische Athletik und europäische Spielintelligenz verbindet, auf sich. Die Herzen der Fans gewann er unter anderem mit einem unglaublichen Dunk über Matthew Dellavedova vom St. Mary's College direkt nach einem Einwurf (siehe Video ab 2:35 Min.). Doch auch seine Verteidigung scheint sich am College zu verbessern, da er defensiv sowohl gegen schnelle Guards als auch gegen Big Men gefordert wird.

Seine guten Statistiken von rund 16 Punkten und gut acht Rebounds im Schnitt, gepaart mit Einsatzwillen und internationaler Erfahrung, ließen ihn in den Mock Drafts, die den Ausgang der nächsten NBA-Talentauswahl prognostizieren, rasant nach oben klettern. Mittlerweile rangiert der Deutsche im Schnitt in den Top 20 der Talente für die kommende NBA-Saison. Doch es ist noch nicht einmal sicher, ob Harris sich überhaupt für den Draft 2010 anmelden wird. Er könnte auch noch ein weiteres Jahr am College bleiben und erst 2011 den Sprung in die beste Liga der Welt wagen. Das zumindest empfiehlt Dirk Bauermann: "Für mich ist es klar. Er sollte an der Uni bleiben, wir haben auch bereits darüber gesprochen und er stimmt komplett mit mir überein. Elias sieht, dass er an vielen Dingen arbeiten muss, bevor er den nächsten Schritt nehmen kann, deshalb ist der Plan klar."

Um den großen Schritt in die NBA zu schaffen, muss Harris wohl dauerhaft von der Position des Power Forwards auf die des Small Forwards wechseln, da er sonst körperlich in der Profiwelt wenig Chancen hat. Als Small Forward könnte er sich dank seiner guten Koordination und Fußarbeit sowie seiner beeindruckenden Athletik für einen Europäer einen Namen machen. Dafür muss sein Dreipunktewurf noch öfter eingesetzt werden. Seine Quote ist derzeit mit rund 46 Prozent mehr als akzeptabel, allerdings hat er auch nur 28 Würfe jenseits der Dreierlinie genommen, die zudem meist frei waren. Sein größtes Manko ist allerdings noch immer das kaum vorhandene Ballhandling, das ihn in Eins-gegen-eins-Situationen ungefährlich macht. Harris selbst möchte sich vom ganzen Hype dabei nicht beirren lassen und erklärt: "Um ehrlich zu sein, beachte ich die Mockdrafts gar nicht. Es wäre zu viel Ablenkung für mich."

Klar scheint jedoch, dass Harris' Draft-Wert eigentlich kaum noch steigen kann. So könnte ein weiteres Jahr am College seine individuellen Fähigkeiten zwar definitiv fördern, andererseits seine Aussichten im Draft auch empfindlich schmälern, falls er sich in einem eventuellen zweiten Jahr bei den Bulldogs nicht weiter verbessern sollte. Sollte der junge Deutsche seine Leistungen im NCAA-Tournament bestätigen oder gar steigern können und zu einem sicheren Erstrunden-Pick avancieren, scheint es schwer vorzustellen, dass Harris nicht am Draft teilnimmt und auf sehr viel und recht sicheres Geld verzichtet. Wie auch immer sich Elias Harris entscheiden und entwickeln wird: Basketball-Deutschland darf sich über einen neuen, großen Hoffnungsträger für die Post-Nowitzki-Ära freuen.




Artikel-Funktionen

Bewerte diesen Artikel:
5.00
(5 Bewertungen bisher)
 

Speichere diesen Artikel:


Kommentare

(0 Kommentare bisher)

von Crossover 30.05.2012 um 12:49:13


Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.



Du benötigst einen myCrossover-Account um Artikel kommentieren zu können!

 Registrieren oder  Einloggen

 





Du bist nicht eingeloggt. Jetzt bei myCrossover registrieren.
  •  
    Passwort vergessen?