Trades

Der nächste Star am Hudson River

Alle Experten waren sich einig: Würde einmal der Wechsel von Carmelo Anthony offiziell bekannt gegeben werden, würden andere Transfers wie Dominosteine fallen. Und so erlebte die NBA ihren nächsten Blockbuster: Deron Williams (Foto) wird fortan für die New Jersey Nets auflaufen. Im Gegenzug erhalten die Utah Jazz unter anderem Devin Harris und Derrick Favors. Wohin gehen beide Franchises mit diesem Wechsel?

Von Manuel Baraniak
 24.02.2011 |

Gut sechs Monate lang hatte das Wechseltheater um Carmelo Anthony Vorstellungen gegeben, bei denen auch das Management der New Jersey Nets einen der vorderen Plätze eingenommen hatte. Letztlich waren jedoch am anderen Ufer des Hudson Rivers Jubelarien zu vernehmen: Der Small Forward, der zuletzt in Diensten der Denver Nuggets stand, erzwang einen Wechsel zu den New York Knicks.

Doch in New Jersey begnügte sich das Front Office um Hauptanteilseigner Mikhail Prokhorov und General Manager Billy King nicht lange mit trauern. Nicht einmal 24 Stunden nach der Entscheidung von „Melo“ gelang den Nets ein Transfer-Coup, der die ganze NBA-Welt überrascht hat.

Die Franchise aus New Ark einigte sich mit den Utah Jazz auf ein Tauschgeschäft, das Deron Williams an die Ostküste bringt. Im Gegenzug wechseln Devin Harris und Derrick Favors, zwei zukünftige Erstrunden-Picks sowie ein Geldbetrag in Höhe von drei Millionen US-Dollar zu den Salzseen.

New Jersey Nets: Plan B für besser

Es war nicht abzusehen, dass die Nets einen Plan B schmieden würden, der sie vielleicht besser dastehen lässt, als es ein Trade für Carmelo Anthony getan hätte. Was aber unvermeidlich schien, war ein Transfer von Devin Harris. Der 27-jährige Aufbauspieler war schon länger in Gerüchte verwickelt, die ihn mit den Portland Trail Blazers sowie Dallas Mavericks in Verbindung gebracht hatten. Doch in solchen Tauschgeschäften hätten sich die Nets wahrscheinlich nur mit Paketen um einen Andre Miller oder Caron Butler sowie Dominique Jones begnügen müssen. Mit Williams erhalten sie nun ein ganz anderes Kaliber.

Während Harris schon seit seiner Zeit bei den Mavericks einiges an Potential zugeschrieben wird, so konnte er den nächsten Schritt eines starken Anführers nicht wirklich gehen; geschweige denn, den Status eines Franchise-Spielers einnehmen. Einen solchen hat New Jersey nun mit Deron Williams (Foto) in den eigenen Reihen. Der 27-Jährige wurde in jüngster Vergangenheit in den Diskussionen um den besten Aufbauspieler von einigen Experten an erster Stelle genannt. Der dritte Pick des Drafts von 2005 ist ein potentieller 20/10-Spieler. Derzeit kratzt der Point Guard mit durchschnittlich 21,3 Punkten und 9,7 Korbvorlagen an jener Marke, die in den letzten Jahren nur von Chris Paul erreicht wurde. Unter seiner Regie erreichten die Utah Jazz in den letzten vier Jahren stets die Playoffs, wobei in den letzten drei Spielzeiten jeweils gegen die gold-violette Übermacht aus Los Angeles Schluss war. Dennoch galten die Jazz mit Williams als Anführer lange Zeit als der nächste potentielle Contender im Westen. Diese Zeiten haben sich nach den Abgängen von Carlos Boozer, Head Coach Jerry Sloan und nun Williams geändert.

Doch zurück zu den Nets: Mit Williams erhalten sie einen Aufbauspieler, der weit besser die Geschicke New Jerseys leiten sollte, als Harris das getan hat. Doch wie zufrieden wird Williams mit der neue Umgebung sein? Der Aufbauspieler soll sich zum einen sehr verwundert über den Trade gezeigt haben. Nach dem Abgang von Jerry Sloan wird sich Williams wohl darüber gefreut haben, neue Freiheiten zu genießen. Denn Sloan galt als Coach, dem das Einhalten von Systemen sowie die Autorität des Head Coaches immens wichtig waren. Nun wird Williams mit Avery Johnson einen Übungsleiter vorfinden, dem auch immer wieder nachgesagt wird, seine Aufbauspieler an die kurze Leine zu nehmen. Sind somit Reibereien vorprogrammiert? Zumal Williams in New Jersey nicht gerade einen sehr konkurrenzfähigen Kader vorfindet. Gerade die fehlende Qualität in Salt Lake City soll ein Grund dafür gewesen sein, warum Williams sich unglücklich bei den Jazz zeigte und dies öffentlich kundtat. Immerhin ließ das Management um General Manager Kevin O’Connor jüngst immer wieder Free Agents gehen (zuletzt Carlos Boozer, Kyle Korver, Wesley Matthews) oder tauschte Spieler ohne nennenswerten Gegenwert.

Doch auch wenn der Kader in New Jersey punktuell an Qualität vermissen lässt, so schielen die Nets mit diesem Trade auch ganz klar auf die Zukunft. Bei einem Trade für Anthony wären sie das Risiko eingegangen, den neu verpflichteten Spieler schon im Sommer zu verlieren, wenn Anthony Free Agent wird bzw. werden könnte. Williams hingegen besitzt noch einen Vertrag bis zum Ende der Saison 2011/12 sowie eine Spieleroption für das darauf folgende Jahr. Die Nets haben also noch mindestens eineinhalb Jahre Zeit, dem Point Guard einen Verbleib in New Jersey schmackhaft zu machen. Wobei: Ein Wechsel scheint hierbei ebenso attraktiv, schließlich steht für die Nets ein Umzug nach Brooklyn an. Im Gegensatz zum Front Office der Jazz wird das Management in New Jersey einiges an Geld springen lassen, die Konkurrenzfähigkeit vorausgesetzt, um seinen Star zu befriedigen bzw. weitere Topspieler an die Ostküste zu lotsen.

Bis dahin wird Head Coach Avery Johnson ein Duo um Williams und Center Brook Lopez (Foto) vorfinden, das im Mittelpunkt der Nets stehen wird. Längerfristig sind nur Rollenspieler wie Travis Outlaw, Anthony Morrow, Jordan Farmar, John Petro und Damion Jones an die Franchise gebunden. Und der zweite Trade, der am gestrigen Mittwoch in der Gerüchteküche zirkulierte, würde den Nets keine Spieler mit längerfristigen Verträgen einbringen. Demnach soll Troy Murphy zu den Golden State Warriors wechseln, während im Gegenzug Dan Gadzuric und Brandan Wright fortan das Nets-Trikot tragen werden. Würden die Nets Wright nicht dessen Qualifying Offer anbieten, ist auch der Forward nach der Saison Free Agent.

Egal, wie ein neuer Tarifmantelvertrag aussieht: Im Sommer 2012 dürften die Nets durch viel Platz unter dem Salary Cap ein Wörtchen bei der Free Agent-Vergabe mitreden. Die Nets sind also nicht nur punktuell besser geworden, sondern haben sich auch für die Zukunft mit diesem Trade gewappnet.

Utah Jazz: Ein sinkendes Schiff im Salzsee?

Nach dem Rücktritt von Head Coach Jerry Sloan und der darauf folgenden Niederlagenserie von drei Partien unter Tyrone Corbin schienen die Jazz auf einem Salzsee gekentert zu sein. Doch nun könnten sie noch weiter sinken. Mit Deron Williams haben die Jazz einen Franchise-Spieler und das Gesicht der letzten sieben Jahre verloren.

Salt Lake City ist nicht gerade als Markt bekannt, der Free Agents anzieht. In Zukunft dürfte es also wieder nur durch den Draft, wie das bei Williams schon der Fall war, Verstärkung eines solchen Kalibers geben. Und derart hoch (an dritter Position) dürften die Jazz auch nicht ziehen.

Das aber ist noch Zukunftsmusik. Vorerst hat es den Anschein, als ob die Jazz der Unzufriedenheit Williams’ nachgegeben haben, ehe den Point Guard ohne Gegenwert zu verlieren. Wie bereits zuvor angesprochen, zeigte sich Williams bezüglich der Personalpolitik der Jazz samt Vermeidung der Luxussteuer unzufrieden. Man hätte nun annehmen können, dass durch den Abgang von Sloan Ruhe in Salt Lake City einkehren und Williams vorerst besänftigt werden würde. Doch anscheinend war das nicht der Fall. So sollen die Jazz bereits seit über einem Monat Tauschgeschäfte für Williams diskutiert haben. Mit Williams ist nun der letzte Eckpfeiler der jüngeren Vergangenheit in Salt Lake City zusammengebrochen. Damit stehen die Jazz vor einem Neuaufbau.

Bei einem solchen sogenannten „Rebuild“ sind natürlich aufstrebende Spieler und Draft-Picks von immenser Bedeutung. Mit Harris (Foto) erhalten die Jazz einen ein paar Monate älteren Aufbauspieler als Williams, der sicherlich nicht an die Qualitäten seines Vorgängers herankommt. Zwar kann Harris eine All-Star-Nominierung (2009) aufweisen, als All-Star-Spieler kann man ihn dennoch nicht bezeichnen. Der fünfte Pick des 2005er Drafts hat sich mittlerweile als grundsolider Aufbauspieler etabliert, der mehr von seiner Schnelligkeit als von seinem Wurf lebt sowie ein überdurchschnittlicher Verteidiger ist. Harris ist bei weitem kein Franchise-Spieler wie Williams es darstellt, doch er kann durchaus ein wichtiges Puzzleteilchen in einem homogenen Team darstellen und als dritte Option fungieren. Die Jazz werden durchaus von Harris’ Qualitäten überzeugt sein, schließlich werden sie in den kommenden zwei Jahren knapp 18 Millionen auf sein Konto überweisen müssen.

Mit Derrick Favors (Foto) verstärkt ein gerade einmal 19-jähriges Talent den Frontcourt Utahs. Schon bei der Altersangabe sollte deutlich werden, dass die Jazz keinen fertigen Spieler in ihren Reihen wissen, sondern einen Rohdiamant, der erst noch geschliffen werden muss. Favors verbrachte nur eine Spielzeit bei den Georgia Tech Yellow Jackets, wurde aber immerhin zum Rookie des Jahres der ACC gewählt. In der bisherigen Saison zeigte Favors durchaus gute Ansätze, sein Offensivspiel wird sich aber noch verbessern müssen. Der Big Man stellt aber schon allein auf Grund seiner körperlichen Voraussetzungen samt Athletik und Armspannweite ein Hindernis in der Zone dar. Unter allen Liganeulingen holt sich Favors auf 40 Minuten hochgerecht die viertmeisten Rebounds. Die Jazz waren schon vor dem letztjährigen Draft von Favors begeistert, doch der Jungspund ging bereits an dritter Stelle über die Draft-Theke, während die Jazz erst an neunter Stelle wählen durften.

Sich Bälle von den Brettern zu schnappen, wird bei den Jazz aber nicht einfach sein. Denn im Frontcourt wartet mit Al Jefferson, Paul Millsap und Mehmet Okur sowie mit Abstrichen Kyrylo Fesenko sowie Francisco Elson einiges an teaminterner Konkurrenz. Durch diesen Trade und den Weg des Umbaus wird aber auch klar, dass die Jazz weitere Trades folgen lassen könnten. Einer der drei erstgenannten Bigmen könnte vor der Trading Deadline heute Abend ebenso noch das Trikot wechseln.

Zusätzlich zu den drei Millionen US-Dollar erhalten die Jazz zwei Draft-Picks. Bereits in diesem Jahr wird sich die Franchise aus Salt Lake City den Pick der Nets in der ersten Runde sichern dürfen. Da die Nets derzeit auf dem zwölften Platz liegen und neun Spiele Rückstand auf einen Playoff-Platz haben, dürfte es sich um einen Lottery-Pick handeln. Im Draft 2012 kommt den Jazz dann ein Erstrunden-Pick von den Golden State Warriors zugute – auch keine schlechte Wahl.

Und so zeigt sich, dass der Verlust eines Franchise-Spielers wie Williams zwar jeder Mannschaft teuer zu stehen kommt. Doch wenn für die Jazz ein Trade Williams’ unabdingbar gewesen ist, so sind sie dabei gar nicht so schlecht weggekommen. Das Jazz-Boot mag zunächst noch gekentert sein, doch ob es weiter sinkt, werden erst die Gezeiten zeigen.




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Kommentare

(10 Kommentare bisher)

von Mt.Mutombo 24.02.11 um 07:47:10


Ich würde mich aber - auch wenn er es dementiert - nicht wundern, wenn Sloan nun zurück kommt. Irgenwie im Gefühl, kann aber auch totaler Murks sein.

Zum Trade, my humble opinion: Von beiden Seiten gut und richtig. Vielleicht hätte man mit D-Will noch mehr verlangen können, aber immerhin ist der Gegenwert OK und nun wird entweder Jefferson oder Millsap getradet.



von RedWater 24.02.11 um 09:30:18


Wenn man sich mal die Jazz der letzten Wochen angesehen hat, dann merkt man das da der Wurm drin ist. Als Jazzfan hat mich der Trade aus den Socken gehauen, zumal ich trotz der Gerüchte um Williams, keinen Zweifel hatte, dass Wiliiams diese Saison zu Ende spielt.
Ich denke wenn man sich den Westen jetzt so anschaut stellt man fest, dass der halbe Westen sich im Umbruch befindet. Ob sich der Trade der Jazz rentiert wird sich erst in 3 oder 4 Jahren zeigen. Favors traue ich eine 20/10 Karriere hin und mal sehen was die Drafts in den kommenden Jahren bringen.



von Mt.Mutombo 24.02.11 um 09:33:46


Jupp, aber ich bin mir ziemlich sicher das D-Will nach dieser Saison weg gewesen wäre. Dann lieber nen Favors dafür absahnen und nen PG, der zumindest solide&gut ist!



von durant35 24.02.11 um 10:00:15


Win Win Situation würde ich sagen. NJ hat Ihren Superstar und Utah noch nen guten Gegenwert bekommen.
Favors hat großes Potenzial und Harris ist ein guter PG oder kann noch getradet werden. Und die zwei Picks können noch viel Wert sein, da NJ vermutlich trotz DWill die Playoffs nicht erreichen wird.
NJ geht für mich das größere Risiko ein. Schaffen Sies bis 2012 noch mindestens nen weiteren Superstar an Derons Seite zu holen wird er vermutlich bleiben und NJ im Nachhinein der große Gewinner sein. Wenn nicht, wird Deron 2012 wohl das Trikot wechseln, denn mit den Erfolgen in Utah war er ja auch unzufrieden. Dann könnte NJ 2012 das Cleveland 2010 werden.



von RedWater 24.02.11 um 10:07:37


Wobei über die Draftpicks gesagt werden muss, dass der 2011 unprotected aus NJ kommt, während der für 2012 protected aus Golden State kommt. Wenn die Jazz den Aufschwung nicht schaffen wird man wohl um Favors und Hayward ein neues Team bauen.
Da ist ein Fehler im Text Williams war 2005 der dritte pick, nicht 2003. Da war Anthony.



von Eastcoast 24.02.11 um 11:25:42


Und ein weiterer Superstar, der in den Osten wechselt! Kann mir zwar nicht vorstellen, dass Williams in New Jersey glücklich wird, aber mal abwarten! Wenn er tatsächlich so viel wegen Mitspielern, Trainern und Co. motzt, wie immer berichtet wird, dann sind aber einige Gewitterwolken in New Jersey vorprogrammiert!
Wenn einer der Big Men Utah noch verlassen wird, dann tippe ich ganz stark auf Mehmet Okur! Millsap geben die nicht her und Jefferson hat meiner Meinung nach gut eingeschlagen in Salt Lake City! Hat doch super funktioniert mit den den beiden in der Starting Five! Der Ausfall von Okur war zu Saisonbeginn eigentlich nicht bemerkbar! Viel werden sie für Okur aber glaub ich nicht bekommen!



von Gerald Wallace 24.02.11 um 13:32:40


Wenn Williams in Utah schon unzufrieden war, dann wird er in New Jersey ganz bestimmt sehr sehr glücklich. Welchen Star könnten die denn mit der miesen sportlichen Perspektive nach New Jersey locken? Zach Randolph könnte etwas werden, der ist ja eh nur auf's Geld scharf. Und Josh Smith sollte wohl zu haben sein, da Atlanta kein Geld mehr hat.



von xax 24.02.11 um 14:00:12


@ Mt.Mutombo
das gleiche habe ich auch gedacht, sloan würde dem team im umbruch gut tun

ich glaube wir erleben gerade d. Renaissance d. ostens, david stern hatte recht.



von Mt.Mutombo 24.02.11 um 15:04:05


@Gerald Wallace: Naja, ne S5 mit D-Will, Zach Randolph, Josh Smith und Lopez ist jetzt nicht wirklich superschlecht... im Gegenteil. Auf der Band nen Famar, Morrow. Gibt beileibe miesere Teams im Osten. Nicht nur die Cavs! ;)



von Mt.Mutombo 24.02.11 um 15:07:33


Wobei ich mich ehrlich wundere warum alle Welt Troy Murphy nicht mehr haben will. Find den gar nicht so schlecht, die Stats (waren) auch nicht ultramies (in der Vergangenheit) und der ist sicherlich noch nicht ZU alt, gerade mit 31 als F/C. Komische Kiste, vielleicht holen sich die Mavs den ja. Wäre ein netter Dirk-Backup.



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