Teamanalyse

Der Meister und sein Schüler

In jüngster Vergangenheit wirkten die Los Angeles Lakers wie ein Rudel ohne Leitwolf. Eine eigenartige Symbiose hat sie jedoch auf den Weg zum Erfolg geführt.

Von Nikolaus Raab
 20.01.2008 |

Die Los Angeles Lakers sind unter denkbar ungünstigen Bedingungen in die aktuelle Saison gestartet. Ihr Superstar wollte lieber auf dem Pluto spielen, als weiter das gold-violette Trikot zu tragen. Im vergangenen Sommer konnte jedoch kein vorteilhafter Trade (im Gespräch war in aller erster Linie ein Tauschgeschäft mit den Chicago Bulls) eingefädelt werden - weder um Kobe Bryant los zu werden, noch um ihm Unterstützung zu besorgen. Lediglich Veteran Derek Fisher konnte wieder zur Mannschaft gelockt werden. Würde das genug sein, um sich in diesem Jahr entscheidend zu verbessern und den quengelnden Bryant zufrieden zu stellen? Der eigene Coach mochte nicht recht daran glauben. Phil Jackson verkündete bereits Ende November - also nur wenige Woche nach Saisonstart -, dass man in dieser Spielzeit keine 50 Siege einfahren werde, und das, obwohl die Lakers kurz davor die Denver Nuggets deutlich mit 127:99 geschlagen hatten. Heute schaut man auf die Tabelle und stellt erstaunt fest, dass die Lakers zu den besten Teams im Westen gehören. Wie haben sie das geschafft?


Auf dem Feld ? Die Freiheit im System

Der überraschende Erfolg der Los Angeles Lakers ist natürlich zuallererst durch ihr Spiel auf dem Feld zu erklären. Deshalb sollen zunächst einmal die Leistungsträger auf den einzelnen Positionen näher betrachtet werden.

Center

Der Ausfall von Andrew Bynum könnte für die Lakers ein echter Prüfstein werden. Der Jungprofi ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Startaufstellung. Durch seine Knieverletzung fehlen den Lakers nun bis voraussichtlich Mitte März 13,1 Punkte und 10,2 Rebounds pro Begegnung. In seiner dritten Saison hat Bynum deutlich an Spielverständnis dazu gewonnen. Sein massiger, aber sehr beweglicher Körper (Bynum bringt 129 kg auf die Waage) lässt leicht vergessen, dass er gerade einmal 20 Jahre jung ist. Sein Potential scheint enorm zu sein und nicht wenige Fans in Los Angeles erhoffen sich von ihm Leistungen, die an einen jungen Shaquille O?Neal erinnern sollen. Dieser Vergleich ist allerdings eine arg hohe Messlatte für den 2,13m großen Center ohne College-Erfahrung. Der Diesel begann bereits auf einem ganz anderen Offensiv-Level als Bynum und war von Anfang an ein sehr dominanter Akteur unter den Brettern. Die größte Sorge von Coach Phil Jackson scheint dabei darin zu bestehen, dass Bynum nicht den nötigen Willen zeigen könne, an den eigenen Leistungen zu arbeiten. Selbst die guten Statistiken dieser Saison und die harte Arbeit vor der Saison lassen seine Kritik nicht verstummen. Der Zen-Meister unterstellte seinem Center-Talent erst kürzlich, seine Motivation wohl aus einem kommenden Multimillionen-Dollar-Vertrag, welcher Bynum bis zu 75 Millionen Dollar einbringen könnte, zu ziehen.

Vielleicht schielt Jackson dabei auch mit einem Auge auf den Ersatz für Bynum auf der Fünf. Kwame Brown (Foto) kann dabei fast als eine Art böses Omen erscheinen. Auch Brown ging bereits direkt nach der High School in die NBA. Mit einer Körperlänge von 2,11m und einer erstaunlicher Athletik gesegnet, erhielt er im Jahr 2001 den Ritterschlag vom Basketball-Gott persönlich. Michael Jordan leitete zu dieser Zeit die Geschicke der Washington Wizards als General Manager und wählte den Jungspund aus der Glynn Academy in Georgia mit dem ersten Pick des damaligen Drafts. Brown galt zunächst als Hoffnungsträger auf der Position des Power Forwards, letztlich konnte er die in ihn - vielleicht auch zu Unrecht - gesetzten Erwartungen nie erfüllen und gilt bis heute als Prototyp des ewigen Talents. Seine Karrierewerte von 7,6 Punkten und 5,6 Rebounds müssen angesichts seines Potentials als Enttäuschung gelten. In dieser Saison (5,3 PpG / 5,1 RpG) kommt Brown an diese Werte nicht einmal heran. Seine beste Spielzeit ist und bleibt bis heute ? Überraschung ? sein drittes Jahr (10,9 PpG / 7,4 RpG). Vielleicht hat Jackson nicht ganz Unrecht, wenn er Bynum keine all zu langen Verschnaufpausen gönnt.

Mit Chris Mihm (4,1 PpG / 3,7 RpG) steht den Lakers eigentlich noch ein echter Center zur Verfügung. Mihm muss jedoch seit Ende Dezember mit Problemen an der rechten Achillessehne pausieren und wird erst Ende Januar zurück erwartet. Deshalb kursieren viele Gerüchte in Los Angeles, die sich um einen weiteren ?Big Man? drehen. Mögliche Kandidaten sind Chris Webber und neuerdings auch der vor kurzem entlassene DJ Mbenga.


Power Forward

Lamar Odom (Foto) ist die zweite Angriffsoption der Lakers. Seine Rolle besteht darin, die Verteidigung des Gegners auf sich zu ziehen, damit Kobe Bryant etwas mehr Freiräume im Angriff erhält. Das macht er so effektiv, dass seine Werte (13,5 PpG / 9,6 RpG / 2,8 ApG)seit seiner Ankunft in Los Angeles in der Saison 2004/05 recht stabil geblieben sind. Seine leicht gesunkene Punktausbeute geht sicherlich auf die Steigerung Andrew Bynums zurück, während das routinierte Aufbauspiel von Derek Fisher ihn ein wenig von der Funktion des ?Point-Forwards? erlöst, weshalb er in diesem Jahr weniger Vorlagen verteilt. Obwohl man sich vor direkten Vergleichen hüten sollte, erinnert seine Spielweise für die Lakers etwas an die von Scottie Pippen bei den Chicago Bulls der Neunziger Jahre unter demselben Coach. Dafür spricht auch, dass Odom ungefähr ein Drittel seiner Spielzeit auf der Position des Small Forwards verbringt und auch dort aufgrund seiner Beweglichkeit und Größenvorteile effektiv agiert.

Als Ersatz auf der Vier steht ein Spieler bereit, den Phil Jackson einmal seinen ?liebsten Marsmenschen? nannte. Vladimir Radmanovic (7,4 PpG / 2,4 RpG) ist ein wenig berechenbarer Faktor im Angriff der Lakers. Seine Spezialität sind Schüsse aus der Distanz, sein Problem ist seine Unkonstanz. Im Dezember erzielte er lediglich zweimal zehn Zähler oder mehr und legte sogar fünf Nullnummern aufs Parkett. Momentan wartet man in L.A. auf seine Rückkehr von einer Knöchelverletzung.

Ronny Turiaf (6,3 PpG / 3,4 RpG) ist dagegen ein gänzlich anderer Spielertyp. Er erzielt seine Punkte hauptsächlich unter dem Korb und an der Freiwurflinie. Sein enormer Einsatzwille und Spielspaß haben ihn im Staples Center zu einem Publikumsliebling werden lassen. Dabei werden sich viele Fans noch daran erinnern, dass sein Karriere bereits in seiner Rookie-Saison vor dem möglichen Aus stand. Nachdem bei einer Routineuntersuchung eine Anomalie an der Aorta festgestellt wurde, musste sich Turiaf einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Die Lakers zahlten den Eingriff und ermöglichten ihm die allmähliche Rückkehr zum Team. Inzwischen gilt er durch seine ansteckende Lebensfreude als bester ?Cheerleader? der Lakers, obwohl das seiner Rolle auf dem Feld Unrecht tut. Einen Teil seiner Einsatzzeit verbringt der gebürtige Franzose auch auf der Center-Position. Dort könnte für ihn sogar der ein oder andere Startplatz abfallen, sollte Phil Jackson sich nach dem Ausfall von Bynum für eine schnellere, athletischere Startaufstellung entscheiden.


Small Forward

Luke Walton (Foto) ist nicht der typische Small Forward der heutigen Zeit. Er ist weder besonders athletisch noch ein aggressiver Punktesammler. Er gleicht eher einer Achse, auf der das Spiel der Lakers ins Rollen kommen kann. Tex Winters ?Triangle Offense?, auf die Phil Jackson schon seit seinen Bulls-Tagen zurückgreift, verlangt geradezu nach einem solchen Akteur, der gleichermaßen an allen Bereichen des Angriffs beteiligt ist. In den letzten Spielen musste Walton allerdings Kritik von seiten der Fans einstecken, da diese sich mit seinen Statistiken (7,6 PpG / 3,6 RpG / 3,1 ApG) nicht ganz zufrieden zeigten. Jackson ist jedoch ein Realist. Er weiß, dass er es in der Regel nicht mit selbstlosen Teamspielern zu tun hat. Ein Spieler wie Luke Walton wirkt da wie ein natürliches Bindeglied zwischen den Stars des Teams und seinen Rollenspielern. Der Sohn der Center-Legende Bill Walton liefert nicht nur gute Vorlagen - wenn es sein muss auch durch die Beine seines Kontrahenten -, oft ist er derjenige bei den Lakers, der das Anspiel vor dem entscheidenden Pass vollzieht.

Außer Walton und Odom kann Phil Jackson seit dem Trade von Brian Cook und Maurice Evans zu den Orlando Magic Mitte November nun auch auf einen Überathleten setzen, wenn er das Tempo anziehen will. Trevor Ariza (5,5 PpG / 3,1 RpG / 1,3 ApG) zeigt sich vor allem beim Zug in die Zone korbgefährlich und wird gerne eingesetzt, wenn Odom und Bynum auf dem Parkett stehen. Wenn er will, kann Ariza ein guter Verteidiger auf der Flügelposition sein.


Shooting Guard

Ob man es nun gerne sieht oder nicht, die Lakers stehen und fallen mit der Leistung von Kobe Bryant (27,7 PpG / 5,8 RpG / 4,9 ApG). Er ist die erste und die letzte Option im Angriff. Abend für Abend spielt er knapp 37 Minuten und in jeder einzelnen Minute kann er plötzlich ein ganzes Spiel an sich reißen. Auf diesem Level kann nur noch Lebron James mithalten und diesem hat Bryant einige Jahre an Erfahrung und vor allem die bessere Verteidigung voraus. Eins-gegen-Eins wagen ihn nur ganz wenige Mannschaften zu verteidigen. Wie schwer dies ist, beweist gerade die Bekanntheit, die beispielsweise ein Raja Bell dabei erlangte, Bryant zu verteidigen und der Spott, dem sich mancher, selbst ernannte, ?Kobe-Stopper? ausgesetzt sieht. Wer den Mann ausbremsen will, der bereits 81 Punkte in einem NBA-Spiel verbuchen konnte, der tut gut daran, sich daran zu erinnern, dass Basketball ein Mannschaftssport ist und holt sich Hilfe. Eine der wenigen Schwächen von Bryant liegt im Übrigen genau dort. Er selbst neigt oft noch dazu, eine Partie im Alleingang entscheiden zu wollen und nimmt somit oft schwere Würfe am Verteidiger.

Von seinem Vertreter auf der Zwei wird im Grunde nur ein solides und selbstloses Spiel erwartet. Und genau das liefert Sasha Vujacic (6,2 PpG / 1,4 RpG / 1,0 ApG) auch ab. Wenn Not am Mann ist, dann kann er auch zweistellig punkten. In der Regel konzentriert er sich aber auf ein seine Würfe aus der Distanz. Im Januar kam er jedoch aufgrund einer Rückenverletzung kaum zum Einsatz. Dafür konnte Javaris Chrittenton (3,4 PpG / 1,0 RpG) weiter NBA-Luft schnuppern. Der Rookie sammelt vorerst die wenigen, übrig bleibenden Minunten auf. Die Lakers konnten sich jedoch bereits von seinem Potential überzeugen. Anfang Januar brachte er es gegen die Philadelphia 76ers in 24 Minuten Einsatzzeit auf stattliche 19 Punkte. Auch Coby Karl bekommt derzeit kaum das Feld zu sehen. Der Sohn von NBA-Head Coach George Karl wurde erst im Januar aus der D-League zurückberufen.


Point Guard

Derek Fisher (Foto) ist, um beim vorigen Bild zu bleiben, die zweite Achse, auf der der Laker-Wagen rollt. Fisher (12,1 PpG / 2,3 RpG / 3,3 ApG) kehrte vor der Saison von den Utah Jazz kommend zu der Mannschaft zurück, mit der er bereits drei Meisterschaftstitel gewinnen konnte. Als einer der Eckpfeiler des damaligen Erfolgs bringt der Veteran die nötige Erfahrung und Autorität mit, um Phil Jackson als Coach auf dem Feld zu vertreten. Sein gutes Verhältnis zu Kobe Bryant ist ein weiterer Pluspunkt. ?Fish? sorgt nicht nur für einen geordneten Spielaufbau, sondern hat sich trotz seiner fortgeschrittenen Dienstzeit wieder als Distanzschütze im Angriff etabliert. Sein Dreier in kritischen Situationen ist ähnlich gefährlich wie der von Robert Horry.

Jordan Farmars (9,6 PpG / 2,4 RpG / 2,8 ApG) Spielanlage ähnelt die von Fisher. Farmar ist der Anführer der zweiten Garde und steht knapp 21 Minuten auf dem Feld, und damit nicht sehr viel weniger als der etatmäßige Aufbau vor ihm. Neben Bynum ist Farmar wohl die positive Überraschung bei den Lakers, steigerte er sich doch im Vergleich zu seiner Rookie-Saison bis auf die Freiwurfquote in allen Kategorien.


Phil Jackson etabliert in seinen Teams gerne eine Spielkultur, die auf möglichst vielen eigenständigen Entscheidungen der Akteure beruht. Sie sollen selbst Verantwortung für das Geschehen auf dem Feld übernehmen und aus eigenen Schwächen lernen. Deshalb verzichtet er des öfteren auf die ein oder andere Auszeit in engen Spielsituationen. Die Strategie ist an der ?Triangle Offense? ausgerichtet, die ein komplexes Angriffschema darstellt, das in der Regel eine lange Einarbeitungszeit für die Spieler erfordert. Deshalb ist es von großem Vorteil, dass Derek Fisher wieder zur Mannschaft gestoßen ist. Er ist mit den Laufwegen und Grundprinzipien bestens vertraut und hat als Point Guard noch dazu die Kontrolle über den Spielaufbau. Doch ein wesentliches Merkmal des Lakers-Angriffs ist auch, dass der Ball über jeden Spieler laufen soll. Lamar Odom und Luke Walton verteilen ebenso viele Vorlagen wie Fisher. Für Kobe Bryant gilt, was auch schon für Jordan bei den Bulls galt. Es gibt eine Verbindung zwischen dieser starken Betonung des Mannschaftsspiels und den Freiheiten, die ein Ausnahmetalent wie Bryant daraus gewinnt. Bryant verteilt bei den Lakers nicht nur die meisten Assists, er ist auch der zweitbeste Punktesammler der Liga und liefert immer wieder Soloeinlagen mit 30 oder 40 Punkten ab. Das beste daran ist: die Lakers gewinnen.

Hinter den Kulissen ? Das Yin und das Yang im LaLa-Land

Dass der Mensch Kobe Bryant nicht wirklich zum Vorzeigespieler der Liga taugt, wissen die meisten Fans seit der unrühmlichen Seifenoper vom Sommer 2003, bei der er sich wegen der angeblichen Vergewaltigung einer 19-jährigen Hotelangestellten vor Gericht verantworten musste. Zwar wurde die Anklage schließlich fallen gelassen, der finanzielle Verlust und der Image-Schaden waren nach über einem Jahr ununterbrochener Berichterstattung über den ?Fall Kobe Bryant? dennoch gewaltig. Nicht nur dass er bis zu zehn Millionen Dollar für seine Verteidigung aufbringen musste, wichtige Werbepartner begannen, sich von ihm abzuwenden. Immerhin hatte der junge Ehemann und Vater in aller Öffentlichkeit Ehebruch eingestehen müssen.

Seit dieser Zeit ist Kobe oft zum Buhmann gemacht worden. So wurde der Weggang Shaquille O?Neals (Foto) nach Miami unter anderem auf das schlechte Verhältnis des einst so beliebten und dominanten Duos geschoben. In einer Medienlandschaft, die stets das Gute gegen das Böse zu stellen versucht, wurde Shaq dabei zum Sympathieträger und Meistermacher für die Heat, während für Bryant die Rolle eines bösen kleinen Bruders blieb, der nicht zu schätzen wusste, was er dem ?Diesel? zu verdanken hatte. Die kommenden Aufeinandertreffen der beiden wurden von der Liga und den Fernsehsendern zu Großereignissen hoch stilisiert, obwohl es sich im Endeffekt doch nur um reguläre Saisonspiele handelte. Bissige Kommentare beider Seiten wurden genüsslich seziert. Und als Shaq und Kobe sich schließlich vor laufenden Kameras wieder auf die Schultern klopften, da hatte die (Medien-) Welt eine ihrer Attraktionen verloren.

Bryant war von der guten Seite der Macht verstoßen worden. Er taugte nicht mehr zum Goldjungen, doch seine Leistungen auf dem Feld sollten es unmöglich machen, ihn nicht zu beachten. Er begann die NBA-Fans zu spalten. Die eine Hälfte bewunderte die Aktionen des besten Spielers der Gegenwart und war froh, dass er noch immer für die eigene Mannschaft spielte. Der andere Teil rollte die Augen über den angeblich unbelehrbaren Egomanen. Dann kam der 22. Januar 2006. Die Toronto Raptors waren zu Gast im Staples Center. Vor den Augen der eigenen Anhänger spielte sich Kobe Bryant in die Geschichtsbücher. Mit einer unglaublichen Ausbeute von 81 Punkten wurde er schon zur Legende. Die ?Black Mamba? hatte zugeschlagen. Plötzlich schien ihm die Welt zu Füßen zu liegen. Commissioner David Stern beschloss im selben Augenblick, Kobe Bryant wieder zu einem Aushängeschild der NBA zu machen. Es war wie die Heimkehr eines verlorenen Sohnes.

Endlich hatte er sein Idol - zumindest was die persönliche Bestleistung betrifft - überflügelt. Kobe ist ein Getriebener. Seit frühester Jugend richtet er sein Spiel ganz und gar auf sein großes Vorbild Michael Jordan (Foto) aus. Darin gleicht er den meisten Spielern seiner Generation. Doch niemand betreibt diese Idolverehrung so intensiv wie Bryant. Mit gleichen körperlichen Vorraussetzungen ausgestattet gelang es ihm tatsächlich über die Jahre, seine Spielweise an der von Jordan auszurichten. Unheimlich wird es allerdings, wenn man bemerkt, dass er sogar sein Interview-Verhalten, seinen Tonfall und seine Mimik übernommen hat. Eine kleine Episode im vergangenen November erinnert stark an diese Obsession. Mitten in den wildesten Trade-Gerüchten wurde bekannt, dass Bryant Interesse an Michael Jordans Haus in Chicago zeige. All das wirkt wie der Versuch, sich der eigenen Identität zu versichern.

Kobe scheint jedoch immer stärker seinen eigenen Abdruck hinterlassen zu wollen. So verkündete er nur wenige Monate nach der Partie gegen Toronto, er werde seine Trikotnummer mit Beginn der folgenden Saison ändern. Der Abschied von der Nummer 8 war vielleicht auch der Abschied vom alten Kobe Bryant. Seine neue Nummer 24 stammte aus seinen ersten High-School-Jahren. Sie ermöglichte die Neuetablierung der Marke ?Kobe Bryant?. Zyniker verwiesen schnell darauf, dass er Jordans 23 ?übertreffen? wolle. Der neue Kobe wurde fordernder und unbequemer als bisher.

Im Sommer 2007 setzte er schließlich alles auf eine Karte und begann zu zündeln. Zunächst zog er im Mai über Andrew Bynum her und forderte lautstark, ihn für einen Spieler wie Jason Kidd zu traden, statt darauf zu warten, dass Bynum irgendwann sein Potential verwirkliche. Am Ende desselben Monats erkläre er in der bekannten Radioshow von Stephen A. Smith, er wolle getradet werden. Auf die Frage, ob die Lakers seine Meinung noch ändern könnten, antwortete er mit einem klaren ?Nein.?. Das Machtspiel war eröffnet. Alle Welt begann sich den Kopf zu zerbrechen, was Kobe zum Bleiben bewegen könne oder wohin er wohl gehen würde. Mögliche Ziele waren Detroit, Chicago, New York und Philadelphia. Fans und Medien zerrauften sich die Haare. Die NBA durchlebte eine unruhige Offseason. Die wildesten Trade-Gerüchte machten die Runde. Der Druck auf Teambesitzer Jerry Buss und General Manager Mitch Kupchak war gewaltig.

Plötzlich wurde deutlich, welche Macht Bryant (Foto) eigentlich in Los Angeles besaß. Die Ticketpreise im Staples Center sind die höchsten der Liga. Fans sind bereit, für eine Karte durchschnittlich 89 Dollar auszugeben. Wären sie das auch ohne ?Mister 81?? Dazu kommt, dass Hollywood sich in dieser Arena die Klinke in die Hand gibt. Der bekannteste Fan der Franchise dürfte wohl Jack Nicholson sein, und dieser ist bestimmt auch noch am Spielfeldrand zu finden, wenn Kobe geht. Aber wie steht es um den Rest der Prominenz? Die Glamourwelt des Filmgeschäfts sucht die Nähe der absoluten Superstars des Sports. Die Lakers sind ?Showtime? aus Tradition. Man denke nur an Magic Johnson und sein ewig strahlendes Lächeln. Wen aber könnte man im Austausch für Kobe Bryant nach Los Angeles bringen, der diese Rolle besser verkörpere als das Original? Nicht zu vergessen, dass Kobe für das Rampenlicht lebt!

Es gab jedoch einen Menschen bei den Lakers, der das ganze Spektakel mit ungewöhnlicher Gelassenheit betrachtete. Jeden anderen Coach hätte der mögliche Weggang seines Superstars mit Sicherheit die letzten Haare gekostet. Phil Jackson dagegen schien in manchen Äußerungen gegenüber der Presse fast ein wenig spöttisch auf die Welt um ihn herum zu schauen. So antwortete er auf die Frage, ob ihn die Aussage Bryants, er würde gerne in New York spielen, nicht beunruhige: ?Er wollte nur nett sein. Das war keine ernste Sache.? Woher nimmt der Mann nur diese Ruhe?

Phil Jackson ist ein Phänomen. Seine zum Teil ungewöhnlichen Methoden haben ihn zum Coach mit der besten Siegquote (knapp 70 Prozent) der Geschichte der NBA werden lassen. Es ist bekannt, dass er gerne Hollywood-Filme als Leitmotive in seine Videostudien für die Mannschaft schneidet, schon mal die Umkleidekabine mit indianischen oder buddhistischen Riten reinigt oder Bücher auf Mannschaftsflügen verteilt. Wer darüber mehr erfahren will, dem seien Jacksons eigene Bücher empfohlen, in denen er detailliert und ungemein unterhaltsam seine Erfahrungen in der NBA und anderen Ligen beschreibt. Seine spirituelle Ader hat ihm den Spitznamen ?Zenmaster? eingebracht. Und tatsächlich erinnert seine Herangehensweise an das Spiel oft an Grundprinzipien aus der asiatischen Philosophie. Doch man verkennt den Wolf im Schafspelz, wenn man Jackson für einen selbstlosen Idealisten hält.

Wer es in seiner Karriere mit den großen Egos a la Michael Jordan, Shaquille O?Neal und Kobe Bryant zu tun bekommt und dabei nicht untergehen will, der braucht zweifelsohne selbst eine große Portion Eigenliebe. Jackson hat auch allen Grund, ein großes Ego zu pflegen, denn er hält zusammen mit Red Auerbach den Rekord von neun Meisterschaftsringen als Head Coach. In der Anzahl der regulären Saisonsiege hat er diesen bereits überholt und rangiert auf dem siebten Rang der Liste der erfolgreichsten Coaches. Mit Michael Jordan und den Chicago Bulls ist ihm das Kunststück eines zweifachen ?Three-Peats? gelungen und auch das dynamische Duo, Shaq und Kobe, schafften unter seiner Führung den Hattrick. Im vergangen Jahr wurde Jackson feierlich in die Hall of Fame aufgenommen.

Phil Jackson repräsentiert auf der Ebene der Anzugträger das, was Kobe Bryant oder Lebron James auf dem Spielfeld darstellen ? eine eigene Liga. Jackson muss nicht mehr um eine Vertragsverlängerung bangen. Er lässt auf seine Entscheidung warten. Andere Head Coaches mit ?lame duck?-Status schauen sich in solchen Momenten schon mal nach dem nächsten Moderatorenjob bei ESPN um. Der ?Zenmaster? dagegen segnete die Los Angeles Lakers pünktlich vor Weihnachten mit dem Geschenk seiner Zusage, weitere zwei Jahre für die Franchise zu arbeiten. Und die Franchise weiß, was sie an ihm hat.

Die Lakers übertreffen momentan die Erwartungen. Mit einer Bilanz von 26 Siegen in 38 Begegnungen liegen sie hinter den Phoenix Suns (28-12) auf dem zweiten Platz der Pacific Division. Phil Jackson hat sich als geschickter Motivator erwiesen. Ganz wie Kobe Bryant nutzt er immer wieder die Medien, um mit dem Team zu kommunizieren. Seine Voraussage, die Lakers würden in dieser Saison kaum die 50-Siege-Marke knacken können, scheint den richtigen Nerv des Teams getroffen zu haben. 24 Siege in den verbleibenden 44 Partien scheint ein realistisches Ziel zu sein. Kobe Bryant hat derweil öffentlich verkündet, er wäre froh, nicht getradet worden zu sein und ist dabei soweit gegangen, Andrew Bynum (Foto) für seine Leistungen zu loben. So sprach Byrant davon, mit Bynum könne dieses Lakers-Team sogar um den Titel spielen. Bryant selbst bastelt weiter fleißig an der eigenen Legende. Im Dezember erreichte er als jüngster Spieler aller Zeiten 20.000 Karrierepunkte.

Bryant und Jackson hängen zusammen wie Yin und Yang, deren Energien sich ergänzen und die ohne einander nicht denkbar sind. Jacksons angeblich so demokratisches Angriffsschema hat eigentlich noch nie ohne einen Superstar auskommen müssen, der diese Grenzen immer wieder sprengt. Kobe Bryant dagegen hat noch nie die Playoffs ohne Jackson erreicht, der ihm seine Grenzen setzt. Das hört sich doch an wie pures Zen - alles fließt.




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Kommentare

(14 Kommentare bisher)

von Sheed 20.01.08 um 17:34:07


Eigentlich guter Artikel, wenn es nicht zu 80% um Kobe gehen würde... Alles das hat man schon tausend mal gelesen.
Ich kanns nich mehr höhren bzw lesen.



von xax 20.01.08 um 20:45:35


Sehrsehrsehrsehr guter Artikel.
Klar gehts viel um Kobe, in einem Bericht über die Cavs würde es auch viel um Hr. James gehen, dass sind eben die Franchise-Player.
Mann kann von ihm denken was man will aber ohne Kobe würden die Lakers mit Minnesota um den letzten platz fighten.
Ich denke LA kommt in Runde 2, wer wettet dagegen?



von RunTMC 20.01.08 um 23:43:11


Für eine Teamanalyse viel zu oberflächlich. außerdem fehlt mir auch wie sich das spiel von kobe trotz ähnlicher werte des vorjahres sich im gegensatz zum vorjahr verändert hat, was zweifelsohne geschehen ist. außerdem gebe ich sheed recht, das bei einer teamanalyse z.b. die vermarktung von kobe im Jahr 2003 für die diesjährige saison keine rolle spielt.
stimme dir zu xax, 2 runde sollte drin sein



von Der Mann mit dem eisernen Puller 21.01.08 um 01:21:31


Ich



von presidentsamy 21.01.08 um 10:30:35


ich denke eher, kobe hat die 20.000 punkte marke geknackt ;)

sehr ausführlicher artikel, der das geschehen und vor allem die hintergründe gut reflektiert.
saubere arbeit!



von begnadeter Legginssportler 21.01.08 um 12:01:01


schwache teamanalyse weil zu unkritisch in den Spielerberurteilungen, und den Kobe-Teil hätte man rausnehmen können.



von Sheed 21.01.08 um 12:33:28


ich habe ne Team-Analyse erwartet, als ich das eben gelesen habe und im Enddefekt war es eine Analyse von Kobes verhalten...



von Manu Ginobili 21.01.08 um 15:56:03


@ xax icvh wette dagegen wenn bynum bis zu den playoffs seine form findet sage ich finals!



von Boysetsfire 22.01.08 um 11:57:16


Einerseits ist es schon richtig,dass das Spiel und das Verhalten von Kobe Bryant einen sehr großen Einfluß auf die Saison der lakers hat.Andererseits allerdings wird für meinen Geschmack tatsächlich etwas zu wenig auf die Rolle von Spielern wie Lamar Odom,Luke Walton und Derek Fisher eingegangen,deren wahre Leistungen meistens nicht wirklich auf dem Statsheet auftauchen.Ohne diese Glueguys wäre der mit der 24 ganz schön aufgeschmissen...davon abgesehen ist wahrscheinlich Phil Jackson der einzige Coach der den Typen coachen kann bzw die triangel-offense eins der wenigen System in dem Kobe existieren kann....

Ich schliesse mich der 2.Runde-Prognose an



von Boysetsfire 22.01.08 um 11:57:42


Einerseits ist es schon richtig,dass das Spiel und das Verhalten von Kobe Bryant einen sehr großen Einfluß auf die Saison der lakers hat.Andererseits allerdings wird für meinen Geschmack tatsächlich etwas zu wenig auf die Rolle von Spielern wie Lamar Odom,Luke Walton und Derek Fisher eingegangen,deren wahre Leistungen meistens nicht wirklich auf dem Statsheet auftauchen.Ohne diese Glueguys wäre der mit der 24 ganz schön aufgeschmissen...davon abgesehen ist wahrscheinlich Phil Jackson der einzige Coach der den Typen coachen kann bzw die triangel-offense eins der wenigen System in dem Kobe existieren kann....

Ich schliesse mich der 2.Runde-Prognose an



von Junie 22.01.08 um 12:38:22


sicher kommt die team-analyse hier etwas zu kurz, und ich bin auch ganz sicher kein kobe-fan, aber ich muss zugeben, dass er sich inzwischen prima entwickelt hat und von der reife her so einige spieler weit hinter sich gelassen hat. mal schauen, ob ein lebron da auch mal hin kommt, wo kobe jetzt ist



von aircanadia 22.01.08 um 12:43:27


zu dem kommentar das die lakers sonst am ende deswesten mit den wolves dümpeln würden........... schwachsinn der lakersk ader hat doch schon etwas nehr klasse als der der wolves der sonics und auch wohl als der der kings und clippers



von aircanadia 22.01.08 um 12:44:34


wie weit es in den plaoffs geht wird man sehen wie stark andrew bynum dort wieder ist und wie sich lamar odom weiter entwickelt noch in der saiso nweil er kann definitiv mehr als er zurzeit zeigt dann können die lakers jeden schlagen............ allerdings vermute ich trotzdem das phoenix meister wird



von schlund 22.01.08 um 20:53:05


hat wohl geklappt mit mbenga...



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