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Superstars ohne Titel

Weiße Jungs bringen's doch

Mit den Seattle Sonics kletterte Tom Chambers langsam auf der Karriereleiter empor, ehe er mit den Phoenix Suns in die Ligaspitze aufstieg. Doch kurz vor dem Gipfel sank der Stern des großen Blonden.

Von Thomas Käckenmeister
 28.12.2007 |

Es ist egal, an welchem Fleckchen Erde man über Basketball philosophiert. Häufig kommt es vor, dass Klischees dem Gespräch beiwohnen. Basketball sei ein Sport ausschließlich für große Leute, nur die dunkelhäutigen Athleten können hoch springen, die weißen Spieler seien nur für die Distanzwürfe zuständig. Bloß weil es einige Basketballer gab, die diese Fähigkeiten besaßen, kann es nicht gleich auf die Allgemeinheit übertragen werden.

Zu Beginn der Achtziger Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts machte sich ein 2,08 Meter großer Blondschopf auf, die Basketballwelt zu bereichern. Die Rede ist diesmal ausnahmsweise nicht von Larry Bird (Foto), der zu jener Zeit gemeinsam mit Magic Johnson und Michael Jordan aufbricht, der damaligen Profiliga NBA auf dem gesamten Globus zu Popularität zu verhelfen. Von allen drei Genannten sind bereits vielzählige Blickwinkel ihrer Karrieren beleuchtet worden. Dabei ist es gerade der "Schnauzbart aus French Lick" (Larry Bird entstammte diesem Örtchen in Indiana), der für das Stereotyp sorgt, weiße Basketballer können nur von außen draufhalten. Tom Chambers ist jedoch nicht der sichere Experte von jenseits des Dreierbogens gewesen. Für die Punkte von Downtown hat er zeit seiner Karriere stets zuverlässige Scharfschützen an seiner Seite: Dale Ellis nimmt in Seattle Maß aus der Distanz, bei den Phoenix Suns lässt Dan Majerle die Dreier Richtung Sonne fliegen. Bei diesen beiden NBA-Teams verbringt "Tommy Gun" einen Großteil seiner Laufbahn. Zehn Jahre, in denen er sich mit individuellen Glanztaten seinen Eintrag in den Memoiren der elitären Basketballliga verschafft und in den Playoffs Erfolge feiert.


Die Anfänge

Chambers' Weg beginnt am 21. Juni 1959 in Odgen, Utahs zweitgrößtem Städtchen. Wie etwa drei Viertel der Bevölkerung Utahs in jener Zeit erfährt auch der kleine Thomas Doane Chambers die Lehre der Mormomen. Eiserne Disziplin, regelmäßige Kirchgänge und der Verzicht auf Alkohol und Glücksspiel prägen sein Weltbild. Er probiert viele Sportarten aus. Als er zu wachsen beginnt, konzentriert er sich auf Basketball. Die Liebe zum Spiel erwacht.

1977 zieht es Chambers nach Salt Lake City. An der University of Utah spielt er für das Basketballteam der Utes, das zuletzt College-Stars wie Keith Van Horn, Andre Miller oder Andrew Bogut auf die NBA vorbereitete. Die 1.698 Punkte, die Chambers in seinen vier Hochschuljahren und 116 NCAA-Partien erzielt, bedeuten noch heute den achten Platz in der Geschichte der Universität. Jahr für Jahr steigert er seine Trefferquote, sowohl aus dem Feld (von 49,6% auf 59,4% FG) als auch von der Freiwurflinie (von 62,5% auf 74,2% FT). Entsprechend steigert sich auch seine Punktausbeute: Waren es in seinem Freshman-Jahr lediglich 6,3 Zähler pro Begegnung, düpiert er seine Gegner als Senior mit 18,6 Zähler pro Partie.

Gemeinsam mit Danny Vranes verbringt Chambers seine vier Jahre als akademischer Basketballlehrling, und zusammen gelingt dem Forntcourt-Duo auch der Sprung vom Amateur- in den Profisport: 1981 werden die beiden Utes gedraftet; Vranes wird an fünfter Stelle von den Seattle Supersonics gewählt, während Commissioner Larry O'Brien nach zwei weiteren Namen die San Diego Clippers als Chambers' neuen Club verliest. Die NBA-Karriere von Chambers' College-Kumpel verläuft nicht so verheißungsvoll wie zu der Zeit, als beide noch gemeinsam auf Korbjagd gingen: Vranes fristet sein Dasein als mittelmäßiger Big-Man, der zwar knapp die Hälfte seiner Profispiele seiner sieben Jahre andauernden NBA-Karriere startet, aber nie einen Schnitt von mehr als neun Zählern in einer Saison aufweisen kann. Als Danny Vranes die Liga nach der Saison 1987/88 still und leise wieder verlässt, wird der Rummel um Tom Chambers immer lauter.


Der Aufstieg

Nach zwei Jahren bei den Clippers wird "Tommy Gun" - wie er ob seiner offensiven Feuerkraft gern bezeichnet wird - zur Saison 1983/84 zu den Seattle Sonics getradet. Dort ist er drei Spielzeiten lang mit seinem ehemaligen Kommilitonen Vranes vereint, verkörpert jedoch bei den Sonics eine etwas andere Rolle als noch zu College-Tagen: Als einer der Leistungsträger im Team reißt Chambers fünf Jahre lang mindestens 18 Punkte pro Abend ab, hinzu kommen mindestens sechs Rebounds. Tom Chambers erspielt sich den Respekt seiner Ligagenossen, kombiniert seine Größe und Sprungkraft zu einer vielseitig einsetzbaren Waffe am Zonenrand. Sein weiches Handgelenk lässt Verteidiger verzweifeln, denn seine Freiwürfe verwandelt er für einen Power Forward traumwandlerisch sicher - acht von zehn Versuchen passieren durchschnittlich den Ring.

So gut Tom Chambers auch auf dem Feld starke Statistiken abliefert, so schlecht ist der Teamerfolg mit den Sonics. Obwohl er in Jack Sikma, Gus William, Fred Brown oder Xavier McDaniel überdurchschnittliches Personal an seiner Seite weiß, bleibt die Tür zu den Playoffs verschlossen. Gelingt es ihnen doch mal, die Postseason-Pforte ein wenig aufzustoßen, werden sie von besseren Teams gleich wieder aus dem Haus geworfen.

Nicht so in der Saison 1986/87. Bernie Bickerstaff geht in sein zweites Jahr als Head Coach der Sonics. Der von ihm installierte Run-and-Gun-Mantel passt der nordwestlichsten Franchise der USA wie angegossen. Ein weiterer Faktor ist die Veränderung auf der Center-Position, die eine schnellere Spielweise ermöglicht. Jack Sikma wird nach neun Jahren im Sonics-Trikot gegen den drei Jahre jüngeren Alton Lister an die Milwaukee Bucks abgegeben. Hinzu kommt mit Dale Ellis einer der gefährlichster Distanzschützen aller Zeiten. In Kombination mit Sophomore Xavier "X-Man" McDaniel und Tom Chambers bilden die drei eines der offensivstärksten Trios der Ligageschichte: Erstmals gelingt es drei Spielern eines Teams, jeweils mindestens 23 Punkte pro Spiel aufzuweisen (Ellis: 24,9 PpG, Chambers: 23,3 PpG, McDaniel: 23,0 PpG). Alle drei Sonics finden sich in den Top-15 der Punkte-Tabelle wieder. Rookie-Aufbau Nate McMillan verteilt den Ball, das Team befindet sich auf dem aufsteigenden Ast. In den Playoffs 1987 bezwingen sie zunächst die Dallas Mavericks, besiegen anschließend die Houston Rockets in sechs Spielen. Gegen den späteren Meister, die Los Angeles Lakers, ist dann jedoch im Conference-Finale nach vier Spielen Feierabend. Für Chambers, der in diesem Spieljahr sein Debüt als All-Star feiert und sofort MVP beim Spektakel in Seattle wird (34 Punkte, vier Rebounds, vier Steals gelangen ihm beim 154:149-Sieg des Westens nach Verlängerung), ist es der Gipfel der Schaffenskraft, den er im Trikot der Sonics erklimmt. In der darauffolgenden Saison soll er nicht mehr in Grün-weiß auflaufen. "Die Sonics wollten mich traden, also entschied ich mich, sie zu verlassen", blickt Chambers zurück.

Als erster Spieler der Ligageschichte unterschreibt Tom Chambers somit vor der Saison 1988/89 einen Vertrag als Free Agent. Er sucht sich die Phoenix Suns aus, die 1987/88 nur 28 Siege einfuhren. In Sachen Siege konnte man diese Saison als erfolglos betrachten, jedoch nicht im Hinblick auf die Transaktionen, die die Suns in diesem Jahr vollzogen. Der Wüstenclub aus Arizona verpflichtete sieben neue Profis, darunter unter anderem Kevin Johnson (Foto), ein herausragender Spielgestalter mit exzellentem Auge, explosivem Antritt und edlem Offensivarsenal, und eben Tom Chambers. Zusammen bilden sie Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger Jahre ein Abziehbild von John Stockton und Karl Malone bei den Utah Jazz bzw. von Steve Nash und Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks. Wie die beiden genannten Gespanne wissen auch Johnson und Chambers das Pick-and-Roll als offensives Instrument perfekt einzusetzen: "Es hat gut zu uns gepasst", erinnert sich Chambers in einem Interview. "Ich werde immer daran denken, dass es uns knapp 40 Punkte pro Spiel bescherte."

Die neuen Suns machen sich mit Beginn der Spielzeit 1988/89 auf, das Image des Verlierers (die Bilanz von 28-54 ist die schlechteste seit dem Debütjahr in der Liga) abzulegen. Fünf Jahre lang, bis zur Saison 1992/93, gewinnen die Phoenix Suns pro Jahr immer mehr als 50 Partien und nisten sich in den oberen Tabellenregionen der Western Conference ein. Chambers, der in Seattle kaum Siege und gehaltvolle Playoff-Luft einatmen durfte, dringt mit seinem neuen Team in seinen ersten beiden Jahren jeweils bis in die Western Conference Finals vor, jedoch setzen entweder die Los Angeles Lakers oder die Portland Trail Blazers den Titelträumen der Suns ein Ende.

In der Saison 1992/93 haben die Suns die besten Chancen auf die Krone. Im Sommer 1992 kommt Charles Barkley als neue Lichtgestalt in die Wüste Arizonas. Für Chambers bedeutet dies mit Zunahme der Titelchancen jedoch auch einen Abfall der Minuten auf dem Feld. War er in den ersten vier Spielzeiten bei den Suns regelmäßig in der ersten Fünf zu finden, muss er nun den Sprungball von der Bank aus erleben - eine Rolle, die er fortan für den Rest seiner Laufbahn akzeptieren muss. "Charles war einfach ein dominanter Spieler. Er liebte den Ball in seinen Händen", gab Chambers bewundernd zu. "Ich wusste, dass wir mit Charles eine bessere Mannschaft sein würden. Ich wollte zum Teamerfolg beitragen." Während der regulären Saison 1992/93 erzielen die Suns in lediglich 20 Partien weniger Punkte als ihre Gegner; nie zuvor in der Franchise-Geschichte verloren Phoenix so wenig Spiele. In den Playoffs dringen sie bis in die Finals vor, fordern den Chicago Bulls sechs harte Partien ab - und scheitern letztlich mit 2:4.


Der Abschied

Für Tom Chambers bedeutet die Finalschlappe den Abstieg vom NBA-Olymp. Er wechselt zur Saison 1993/94 in seine Heimat. Bei den Utah Jazz spielt er als Ersatz für Karl Malone. Die Quoten früherer Tage sind aber auf dem Weg an den großen Salzsee verloren gegangen. Ohnehin ist es in Utah anders als noch in Phoenix. Zwar hat er in John Stockton ebenfalls einen grandiosen Aufbauspieler an seiner Seite, doch dessen "erste Anspielstation war natürlich Karl Malone. Die Jazz gehörten ihnen." Dennoch genießt er die zwei Jahre in seiner Heimat, zumal er vor seiner Familie auflaufen darf.

Nach einem Jahr in Israel bei der dortigen Spitzenmannschaft Maccabi Tel Aviv versucht es Chambers (Foto) erneut in den Staaten. Bei den Charlotte Hornets (heute New Orleans Hornets) und den Philadelphia 76ers gewöhnt er sich langsam an den Alltag ohne Schweiß, Shorts und Sprungwürfe. Bei den Hornets kommt er nur in zwölf Begegnungen zum Einsatz; für Philly steht der viermalige NBA All-Star in der Saison 1997/98 nur in einer einzigen Partie für lediglich zehn Minuten auf dem Parkett. Nach 16 Ligajahren und 20.049 Punkten, die er in 1107 Partien erzielt, nimmt Tom Chambers Abschied vom aktiven Basketball.

Doch was war das Besondere an dem Mormomen mit klassischer Vokuhila-Frisur (Abkürzung für einen VOrne-KUrz-HInten-LAng- Haarschnitt)? Tom Chambers besaß weder den "Shooting Touch" eines Larry Bird noch dessen Auge für frei stehende Mannschaftskollegen, aber die Art und Weise, wie er seinen Namen zu Bekanntheit verhalf, ist außergewöhnlich.

Als weißes Sprungwunder überlieferte er der gegnerischen Bigman-Gilde mit brachialer Gewalt nicht selten eine Packung geladener Autorität. Während er den Ball in den Korb stopfte, schien es, als würde er zugleich überprüfen wollen, ob alles auf Ringniveau in Ordnung ist. Korb und Kopf waren des Öfteren auf gleicher Höhe. Einer seiner beeindruckendsten Korbaktionen vollzog er im Dress der Phoenix Suns. Am 27. Januar 1989 sorgte er mit einer Aktion gegen die New York Knicks für Aufsehen, als er Mark Jackson sein Knie schmecken ließ.

Außerdem ist Chambers der einzige Spieler der Phoenix Suns, der jemals die 60-Punkte-Marke in einer Partie knackte: Am 24. März 1990 begrüßte er seinen alten Teamkollegen aus Seattle mit einem Gastgeschenk. Beim 121:95-Heimsieg traf er 22 seiner 32 Feldwürfe sowie 16 von 18 Versuche von der Linie für insgesamt 60 Zähler. Sein damaliger Head Coach Cotton Fitzsimmons rang nach dem Spiel nach Worten: "Eine unglaubliche Offensivshow. Er ist ein Monster." Ein Monster, das der Basketballwelt gezeigt hat, das Vorurteile auf dem Spielfeld nichts zu suchen haben.




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von falkman 29.12.07 um 02:04:04


sehr schön. unbedingt mehr solcher artikel.



von duuude 14.07.08 um 14:33:01


dem kann ich nur zustimmen!
klasse artikel. vielen dank fürs verfassen, mr. käckenmeister.



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