San Antonio Spurs

Texas-Renaissance

In San Antonio findet derzeit eine bemerkenswerte Wiedergeburt statt. Nach drei ungenügenden Jahren schien sich das Titelfenster für eines der dominantesten Teams des letzten Jahrzehnts bereits geschlossen zu haben. Dank einer Rekombination altbewährter Kräfte mit jungem Blut haben die Spurs die Uhr nun um mehrere Zeigerumläufe zurückgedreht.

Von Joshua Wiedmann
 11.12.2010 |

Was wäre der Sport ohne Überraschungen? Richtig: langweilig, eintönig und berechenbar. Überraschungen sind das Salz in der Suppe. Sie machen jeden sportlichen Wettbewerb zu einem schwer kalkulierbaren und unwägbaren Gegenstand. Auch die NBA lebt von Überraschungen - im positiven wie negativen Sinne. In Zeiten, in denen die Los Angeles Lakers eine für die gemeinen Fans ätzend öde Dominanz pflegen, in denen die Miami Heat nun über Jahre hinweg als Team to beat gelten, in denen die Dallas Mavericks weiterhin 50 Siege einfahren, nur um dann wieder ein frühes Playoff-Aus zu erleben in diesen Zeiten, da tut etwas Abwechslung gut.

Drei Jahre ist es inzwischen her, dass die San Antonio Spurs ihre letzte Meisterschaft gewannen. Mit zuletzt einem Aus in der zweiten und einem in der ersten Playoff-Runde sahen sich viele Fans und Experten darin bestätigt, dass das Jahr 2007 wohl das letzte Hurra der großen Spurs-Ära darstellte. Immerhin waren die Sporen schon in jenem Titeljahr mit einem Altersschnitt von über 30 Jahren alles andere als taufrisch dahergekommen. Dass San Antonio vor der laufenden Saison kaum noch zum Nukleus der Titelkandidaten gezählt wurde, war da nur die logische Schlussfolgerung. Nach rund anderthalb Monaten der laufenden Spielzeit haben die Spurs alle Kritiker und diejenigen, die den Ex-Champ vor Saisonbeginn gedankenlos übergingen, eines Besseren belehrt und sind bis dato die Überraschung an der Ligaspitze. Stellt sich die Frage: Wie kam es zu der Generalüberholung? Und: Wie nachhaltig ist die Renaissance der Spurs?

Alles eine Sache der Umstände

Dass San Antonio in den vergangenen Monaten immer selten einen Platz im Favoritengruppetto diverser Experten und Web-Schreiberlingen fand, hat durchaus seine Gründe. Wer die Bauart der Spurs-Kader in den letzten fünf, sechs Jahren inspiziert, dem wird ein immer ähnliches Schema auffallen: Die Basis, das Fundament des Teams, bildete über Jahre hinweg der unbeugsame Tim Duncan. Mit ihm als eierlegende Wollmilchsau im Zoneninneren und den kreativen Gegenpolen Tony Parker und Manu Ginobili konnten die Spurs ein in sich stimmiges Grundgerüst vorweisen. Ergänzt von fähigen Rollenspielern und Coach-Genie Gregg Popovich hatte San Antonio eine Mischung, die der Liga zu Beginn des neuen Millenniums mit seiner stoischen Siegermentalität massig graue Haare bescherte.

Nach Jahren der Dominanz wurde aus dem Spursschen Ausrufezeichen zuletzt jedoch mehr denn je ein Fragezeichen. Neben dem von vielen prognostizierten Leistungsabfall Tim Duncans, der im April 34 Jahre alt wurde und mittlerweile fast 1.000 Partien auf dem Buckel hat, entwickelte sich besonders der Gesundheitszustand von Parker und Ginobili (Foto) zu einem unwägbaren Faktor. In den vergangenen drei Saisons verpassten die beiden Guards wegen diverser Leiden gemeinsam 102 Partien allein in der Hauptrunde. Stand das Star-Trio der Spurs dann einmal geschlossen auf dem Parkett, fehlte es oft an Routine und der blinden Verständigung, welche San Antonio früher wie eine gut geölte Maschine hatte anmuten lassen. "Sie waren immer gut. Aber einer ihrer drei Schlüsselspieler hat sich in den letzten drei Jahren stets mit Verletzungen herumgeschlagen", analysiert Stan Van Gundy, Coach der Orlando Magic.

Photo by Keith Allison (License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Dass sich sowohl Ginobili als auch Parker (Foto) im vergangenen Sommer eine Auszeit nahmen und die Weltmeisterschaft vom heimischen Sofa aus verfolgten, war für alle Beteiligten die beste Lösung. Hatten sich die beiden Internationalen in den Vorjahren oft durch kräftezehrende Sommerturniere gekämpft, konnten sie dieses Mal die Beine hochlegen und auch die letzten Beschwerden auskurieren. "Ich fühle mich so gut, wie seit 2007 nicht mehr", sagte Ginobili schon am Media Day der Spurs und auch Parker, der kurz vor Saisonbeginn eine Vertragsverlängerung über 50 Millionen Dollar unterzeichnete, gab an, in einer "außergewöhnlich guten Frühform" zu sein. Für Spurs-Head-Coach Gregg Popovich sind die wiedererstarkten Guards das entscheidende Element für den herausragenden Saisonstart von 19-3: "Es war sehr wichtig für beide, vollständig gesund zu werden und den Kopf im Sommer frei zu bekommen", bekennt Popovich. "Bislang spielen sie einfach großartig." Der routinierte Altmeister kann mit Parker (17,0 PpG, 7,0 ApG) und Ginobili (20,0 PpG, 4,9 ApG) nun wieder ein Guard-Duo aufbieten, dass ohne despektierlich gegenüber der Konkurrenz zu sein momentan das womöglich beste der ganzen Liga ist.

Die Revolution des Gregg P.

Der Spurs-Coach hat aber auch selbst großen Anteil daran, dass seine Mannschaft sich nach mäßigen Jahren quasi neu erfand. Popovich galt lange als knorriger Prinzipienfanatiker, der sich ungern von seinen Methoden trennte. So setzte der Coaching-Fuchs etwa lange Zeit vornehmlich auf routinierte Ligaveteranen an der Seite seines Dreigestirns Duncan, Ginobili und Parker (der Franzose selbst war dabei lange eine Ausnahme). Mit vier Titeln unter seiner Ägide konnte Pop seine Maßnahmen jedoch stets rechtfertigen. Im Sommer kehrten Popovich-typische Akteure wie Michael Finley, Roger Mason und Keith Bogans, alle mit einer Wagenladung Erfahrung ausgestattet, San Antonio jedoch den Rücken und konnten nicht durch gleichwertige Spieler ersetzt werden. Vor allem auf dem Flügel mangelte es offenbar an Optionen.

Anstatt jedoch seine Starter durchgehend für 40 Minuten Spielzeit zu verbraten, setzt Popovich aktuell gezielt auf einige Jungspunde, denen zuvor kaum Spielzeit prognostiziert worden war. Neben Rookie-Swingman James Anderson (21 Jahre, 7,0 PpG) integrierte der Coach auch Scharfschütze Gary Neal (Foto; 26, 6,6 PpG, 42,2% 3FG) ins System, der, was wiederum zur Philosophie San Antonios, passt aus Europa geholt wurde. "Man muss das nehmen, was man hat. Für Jungs, die bisher noch nicht in unserem Programm waren, zeigen sie tatsächlich gute Leistungen", lobt der Coach. Gemeinsam mit dem wiedergenesenen Tiago Splitter (25), sowie den Sophomores DeJuan Blair (21) und George Hill (25, 11,0 PpG), denen Popovich schon in der letzten Saison überraschend viel Einsatzzeit spendierte (letzterer stieg sogar zum Lieblingsspieler des Coaches auf), kann San Antonio aktuell ein talentiertes, junges Quintett vorweisen.

Der gestiegene Anteil an jungem Blut im Kader hat auch für einen Stilbruch in Texas gesorgt. Jahrelang definierten sich die Spurs über eine erstickende Defensive und eine langsame Offensive, in der gemächlich die Optionen durchgegangen wurden, bis sich schließlich ein möglichst guter Wurf fand. In der laufenden Saison ziehen die Sporen jedoch auch mehr denn je das Tempo an und nutzen die jungen Beine der Youngster sowie die Kreativität Ginobilis und Parkers: Mit 106,7 Zählern pro Spiel rangiert San Antonio derzeit ligaweit auf Rang drei bei den erzielten Punkten noch vor offensivpotenten Truppen wie Denver (106,2) oder Golden State (101,8). Auf 100 Ballbesitze hochgerechnet erzielen ebenso nur drei Clubs mehr Fastbreak-Punkte als San Antonio (17,9 PpG). "Wir haben viele Jungs am Perimeter, die werfen können. Coach will, dass wir mehr rennen und alle involviert werden", sagt Forward Richard Jefferson (Foto), der als geborener Highflyer selbst stark von den neuen Vorgaben profitiert.

Timmys Knochen schonen

Der vielleicht verwunderlichste Aspekt am Wiederaufstieg der Spurs ist allerdings die Tatsache, dass er mit einem Leistungsrückgang Tim Duncans einhergeht. The Big Fundamental, jahrelang Wahrzeichen und Symbol der Franchise, ist in der laufenden Saison zum Schattenmann in San Antonio mutiert: Nie punktete der vermeintlich beste Power Forward aller Zeiten auf einem NBA-Parkett weniger (13,6 PpG), nie holte er weniger Rebounds (9,0 RpG). Die zentrale Zahl ist jedoch 11,5. So viele Wurfversuche erhält Duncan bis dato pro Begegnung; nie - man wird es schon erraten haben - nahm er weniger Würfe.

Photo by Keith Allison (License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Diese Statistik ist ein Indiz für den veränderten Fokus im Offensivspiel der Spurs. Tony Parker und vor allem Manu Ginobili sind endlich vollends gesund und beanspruchen häufiger den Ball. Mehr denn je laufen die Fäden bei den beiden Kreativköpfen im Backcourt der Spurs zusammen. Die Verlagerung des Offensivschwerpunktes auf die beiden Internationalen ist ein Prozess, den Duncan (Foto) schon vor Jahren gerne billigte. Dass sich der zwölfmalige All-Star dennoch kommentarlos ins zweite Glied zurückstufen lässt, ist ein bemerkenswerter und seltener Wesenszug. "Was Coaches betrifft, habe ich vermutlich den leichtesten Job in der ganzen Liga - wegen Tim", adelt Gregg Popovich seinen Schützling. "Er ist der stille Anführer und Fels in der Brandung. Er ist immer da und akzeptiert, was wir tun." Dass Duncan, der in der vergangenen Saison noch 18 Zähler und zehn Rebounds geliefert hatte, sich trotzdem mit nur 29 Minuten im Schnitt zufrieden gibt, und bei hohen Spurs-Siegen regelmäßig schon nach 20 gespielten Minuten auf der Bank Platz nimmt, ist ein Unikum im von Eigennutz geprägten NBA-Geschäft. "Es ist anders und dauert ein wenig, bis man sich daran gewöhnt hat", sind die einzigen Töne, die von dem 34-Jährigen zu hören sind. "Solange wir gewinnen, bin ich zufrieden damit."

Allerdings kann es sich Spurs-Coach Popovich auch erlauben, seinen alternden Superstar nur begrenzt einzusetzen. Mit Oldie Antonio McDyess, Reboundmonster DeJuan Blair, Rookie Tiago Splitter und Wurfroboter Matt Bonner kann San Antonio einen vielseitigen und tiefen Frontcourt aufbieten, der für jeden Gegner eine passende Aufstellung bietet. Popovich kann derweil den 33-jährigen Knochen Duncans, die sich durch 13 Saisons und zahlreiche Playoff-Schlachten gekämpft haben, ausreichende Pausen gönnen. "Timmy gesteht sich derzeit öfter einen Platz auf der Rückbank zu, so dass wir ihn für die Endrunde schonen können", verbildlicht Tony Parker die Situation. Denn spätestens in den Playoffs, und das scheint so sicher zu sein wie das Amen in der Kirche, wird TD wieder mehr Minuten abreißen und einen Gang nach oben schalten.

Tatsächlich titelreif?

San Antonio besitzt derzeit scheinbar viele nötige Ingredienzien, um nach drei titellosen Jahren wieder nach den Sternen greifen zu können. Die Schlüsselspieler sind Playoff-erfahren, Ginobili, Parker und Duncan ein titelerprobtes Trio, die Jungspunde wie Hill (Foto) oder Blair bringen frischen Wind in das stoische Spurs-Gebilde. Gerade für die alten Hasen Duncan (34 Jahre) und Ginobili (33 Jahre) gilt aber: Die Knochen und Bänder müssen halten, ansonsten könnte San Antonio in die Mittelmäßigkeit der Western Conference zurückrutschen. Auch stellt sich die Frage, ob die Spurs auf der Shooting-Guard- und Small-Forward-Position genügend Qualität aufbieten können, um speziell gegen die Flügelzange der Los Angeles Lakers bestehen zu können. Hinter den Startern Ginobili und Jefferson präsentieren sich die NBA-Neulinge Gary Neal und der zur Zeit verletzte James Anderson zwar gut. Ob sie aber auch im Playoff-Becken, das generell von einer härteren Gangart geprägt ist, werden schwimmen können, ist die andere Frage. "Die Spurs sind einen routinierten Flügelspieler davon entfernt, die Lakers ernsthaft herausfordern zu können", glaubt NBA-Experte David Aldridge. Zumindest der Free-Agent-Markt bietet jedoch kaum noch solche erfahrenen Schlüsselspieler.

So oder so lässt sich aber feststellen: San Antonio ist nach zuletzt frühen Playoff-Pleiten auf dem Weg, wieder um die Krone im Westen mitbieten zu können. Dass sie dabei bis dato viele Prognosen widerlegt haben und die komplette Konkurrenz im Westen hinter sich lassen, ist ein angenehmer Nebeneffekt für die Liga.




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Kommentare

(3 Kommentare bisher)

von Suck My Diktiergerät 11.12.10 um 18:51:50


guter artikel.

kleine korrektur bloß nötig: Hill ist im dritten Jahr und kein Sophomore.



von Manu Ginobili 11.12.10 um 19:02:16


schöne Analyse aber noch besser ist natürlich der Erfolg der Spurs. 8-2 gegen Playoffteams bzw. Teams, die derzeit auf einen Playoffplatz stehen. Die einzige Niederlage gegen nicht Playoffteams gab es gegen Blake Griffin



von Hurricane 11.12.10 um 19:09:59


Intressanter Artikel und werden die Clips jetzt schon auf ein Mann reduziert :D



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