Rollenspieler

Die Show des Leon Powe

Leon Powe war einer der Sieggaranten der Boston Celtics im zweiten Spiel der NBA Finals. Der Junge aus Oakland ging einen holprigen Weg für seine 15 Minuten Ruhm im internationalen Rampenlicht.

Von Florian Voß
 10.06.2008 |

Leon Powe, Power Forward der Boston Celtics, schenkte den Los Angeles Lakers im zweiten Spiel der Finals 21 Punkte in knapp 15 Minuten ein. Das ist an Effizienz nicht zu überbieten. Die offizielle Seite der NBA schreibt dazu: ?Der unbekannte Leon Powe erzielte 21 Punkte? und stellt damit indirekt die Frage, wer dieser Bankspieler der Kelten überhaupt ist.

Bisher spielt Powe in den Playoffs durchschnittlich zwölf Minuten. Ist er also eine nebensächliche Erscheinung im Kampf um den Titel? Ist er wirklich so unbekannt, so unwichtig? Leon Powe ist sicherlich kein auffälliger Charakter. Er wirkt introvertiert, wenn man mit ihm spricht und zeigt auf dem Feld kaum Emotionen. Kein Wunder, wenn man weiß, was er durchgemacht hat. Mit einer solchen Karriere würde wohl so mancher Gangster Rapper gerne prahlen.

Dem Großteil der Fans ist der 24-Jährige bisher wohl tatsächlich noch unbekannt. Fakt ist aber, dass Powe sich schon während der regulären Saison bewährt hat. Laut John Hollingers Statistik der Spielereffizienz (kurz PER) ist er der siebtbeste Power Forward der Liga vor All-Stars wie Antawn Jamison, David West und Shawn Marion.

Trotzdem blieb der 2,03 Meter lange Flügelspieler große Teile der Playoffs eher unscheinbar. Ein exzellentes siebtes Spiel von PJ Brown in der Cavs-Serie minimierte Powes Spielzeit auf 4,5 Minuten in den Conference Finals gegen die Detroit Pistons. Einige Spiele kam er gar nicht zum Zug, für ihn war dieser aber noch lange nicht abgefahren. Im dritten Viertel der zweiten Partie mutierte Kevin Garnett mal wieder zum Jumpshooter und die Celtics besaßen keinem Postup-Spieler mehr. Es war somit an der Zeit für die Nummer Null sich zu beweisen. Doc Rivers wechselte ihn ein. ?Ich wusste nur, dass der Coach meine Nummer rief?, sagte Powe. ?Er brachte mich ins Spiel und sagte einige Postups für mich an. Ich wusste, dass ich Erwartungen zu erfüllen hatte.?

Ohne Heimat und Familie

Wer ist aber der Mann, der seine denkwürdige Leistung so trocken kommentiert? Powe ist in Oakland aufgewachsen. Genauer lässt sich das nicht sagen, denn eine lange Zeit in seiner Jugend ist er obdachlos. Als er zwei Jahre alt ist, verlässt ihn und seinen gerade geborenen Bruder Tim sein Vater Leon Powe Sr. Seine Mutter Connie Landry arbeitet hart, um die beiden riesigen und hungrigen Kinder durchzufüttern und ihnen ein Dach über dem Kopf zu bewahren. Als Leon sieben Jahre alt ist, fackelt sein Bruder dieses jedoch unabsichtlich ab. Die Familie verliert ihr gesamtes Hab und Gut.

Es beginnt eine Odyssee. Sie leben zunächst bei Landrys Mutter, dann bei ihrer Tante. Diese wiederum wird wenig später jedoch ins Altersheim eingewiesen, so dass ein erneuter Umzug nötig ist. ?Wir lebten überall?, sagt Powe zu den folgenden Unterkünften, die mal schäbige Appartements, mal Motels sind, mal wohnen sie zur Zwischenmiete, mal fliegen sie aus der Wohnung, weil sie nicht mehr genug Geld haben. Schlimmer kann es nicht werden, könnte man meinen, doch die Mutter hält dem Druck nicht stand und versucht auf illegalem Weg den Unterhalt zu sichern ? zumal die Familie inzwischen auf acht Mitglieder angewachsen ist. Die Väter verschwinden abermals oder landen im Gefängnis.

Dorthin gelangt auch Connie Landry kurzzeitig nach mehrfachem Betrug. Aus ihren nicht gesetzestreuen Machenschaften kommt sie allerdings nicht mehr so schnell wieder heraus. 1998 muss sie alle ihre Kinder abgeben. Leon und Tim bleiben zusammen und kommen zu der gleichen Pflegemutter.

Der Wendepunkt

Auch Leon droht abzurutschen und gerät in Drogendealer-Kreise. Der Teenager muss aber wieder umziehen, so dass ihm sein Nomadenleben auch einmal zu Gute kommt: Er lernt Bernard Ward kennen, einen ehemaligen All-State-Junior-College-Spieler. Powe wünscht sich, von ihm trainiert zu werden, doch dieser scheint zunächst nicht sonderlich interessiert.

Der großgewachsene 14-Jährige lässt aber nicht locker, er ruft Ward immer wieder an. Dieser entschließt sich, ihn zu testen und sagt ihm, er solle sieben Runden um den Court im Stadtteil laufen und danach solange werfen, bis es dunkel wird. Dort versteckt Ward sich und wartet, ob sein Schützling kommt. Das tut dieser tatsächlich und führt seinen Auftrag genauestens durch. Also nimmt Ward ihn unter seine Fittiche.

Mit der Zeit frisst der Mentor einen Narren an dem Jungen, der ihn immer mehr mit seiner professionellen Einstellung und harten Arbeit beeindruckt. Powe wirkt sehr erwachsen. Das führt Ward darauf zurück, dass sein Schützling sich schon früh um seine Geschwister kümmern musste, als die Mutter auf der Arbeit war. Zeitweise ging er deshalb nur sporadisch zur Schule, weshalb seine Noten auch nicht besonders gut waren. Letztlich hindern ihn diese am Spielen für sein Team, so dass er daran arbeiten muss. Auch das schafft er und begeistert anschließend seine Trainer mit Leistungen, die ihm eine Nominierung für das McDonalds All-American Game einbringen sowie das First-Team Parade All-American und die Gatorade California Player-of-the-Year Trophäe.

Connie Landry darf diesen Moment nicht mehr erleben; sie stirbt vier Tage vor seiner Zeugnisübergabe an der Highschool an einem Herzfehler. Ihr Sohn heuert daraufhin bei den California Golden Bears an. Es bleibt ihm aber vergönnt, seine Erfolgsstory weiter zu schreiben. Er zieht sich eine ernste Knieverletzung zu, mit der er auch noch seine weiteren drei College Jahre zu kämpfen hat. Nichtsdestotrotz spielt er sich 2006 zum Pac-10 Player-of-the-year und ins All-American-Second-Team. Sein Spitzname ?The Show? drückt seine Spielweise aus: Immer wieder sorgt er mit krachenden Aktionen über Ringniveau für Aufsehen.

Die Bedenken um ihn und sein Knie bleiben jedoch, sodass er erst in der zweiten Runde (49. Stelle im NBA Draft 2006) von den Denver Nuggets gedraftet und sofort nach Boston weiter verschifft wird. Dort findet er sich hinter Michael Olowokandi, Al Jefferson, Brian Scalabrine und Kendrick Perkins wieder. Er nutzt jedoch die wenigen Minuten, die er spielt, um zumindest eine Vertragsverlängerung zu bekommen. Als im Sommer 2007 der halbe Kader der "Mission Championship" zum Opfer fällt, ist Powe einer der wenigen, der in Massachussetts bleiben darf.

In dieser Saison hat Leon Powe sich trotz Kevin Garnett, PJ Brown und Glen Davis im Team bewiesen, dass er sich keine Sorgen mehr um seine Zukunft in der NBA zu machen braucht. Vor allem nicht nach der Show im zweiten Spiel der NBA Finals.




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von N9ne 10.06.08 um 20:56:41


Super Artikel!
Würde gerne mehr solcher Hintergrundstories lesen. Auch gerne über weniger bekannte Spieler. Echt Interessant, was einige so für einen Hintergrund haben und mit welchen Hindernissen sie zu kämpfen hatten, um ihren Traum zu verwirklichen..
Grüße



von Suck My Diktiergerät 11.06.08 um 23:38:51


naja, sich gegen pj brown und glen davis zu beweisen ist nicht so hart meiner meinung nach (wenn man es denn mal in die nba geschafft hat)

ansonsten schicker artikel. mehr davon (auch wenn ich mehr das gefühl habe, dass der artikel für powe stark von dem bericht von game 2 beeinflusst wurde bzw nur deswegen hier reinkam...

achja. er führte auch einmal (und damit war er erst der 6.spieler überhaupt) die pac10 imn punkten und rebounds pro spiel an.



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