Orlando Magic

Déjà-Vu in Disney World

Die Orlando Magic stehen zum zweiten Mal in der Geschichte in den NBA Finals. In der Saison 2008/09 fahren sie mit einem klassischen Inside-Outside-Spiel in der Erfolgsspur. Vor 14 Jahren war die Taktik ähnlich, nur fehlte es am Ende zum großen Wurf.

Von Thomas Käckenmeister
 03.06.2009 |

Wer hätte das vor der Saison für möglich gehalten? Die NBA Finals 2009 werden zwischen den Los Angeles Lakers und Orlando Magic ausgespielt. Vor allem die Zauberer aus Florida waren unter Experten lediglich zum erweiterten Favoritenkreis gezählt worden – zu stark war der Konsens, dass entweder Boston oder Cleveland den Meisterschaftsteilnehmer der Eastern Conference stellen würde.

Doch diese hohen Hürden wussten die Orlando Magic mit ihrem schlichten Angriffsspiel zu überspringen und katapultierten sich vom Underdog zum Titelkandidaten.

Dabei verlief der Einstieg in die Playoffs 2009 alles andere als nach Maß. Zum Auftakt zitterte sich das Team von Head Coach Stan Van Gundy gegen die Philadelphia 76ers ins Ost-Halbfinale. Dort warteten die von der Verletzungsseuche geplagten Boston Celtics. Vor allem das Herz eines Champions und die Unberechenbarkeit der bisher unauffälligen Schattenspieler (z.B. Rajon Rondo und Glen Davis), die aus dem Licht des Startrios Ray Allen, Paul Pierce und des verletzten Kevin Garnett heraustraten, sorgte für die volle Distanz über sieben Partien. In der entscheidenden Begegnung in Boston unterstrichen dann die Gäste aus dem Rentnerstaat ihre Qualität und entthronten den Titelträger des Vorjahres mit 101:82.

Spätestens gegen den Hofstaat von King LeBron James sollte die Euphorie ein Ende finden. Von wegen; trotz hoher Rückstände in den ersten beiden Partien in der Heimstätte der Cleveland Cavaliers bewiesen die Magic Nervenstärke und wären beinahe mit einer 2-0-Führung zurück nach Hause gereist – wenn James nicht höchstpersönlich mit „dem wichtigsten Wurf seiner Karriere“ die Serie ausgeglichen hätte.

Auch in den anderen vier Partien war es nicht die Kavallerie aus Ohio, die Richtung Finals galoppierte, sondern die Mannschaft von Dwight „Superman“ Howard (Foto), die in jeder Partie – bis auf die fünfte, in der sich Cleveland mit dem Saison-Aus vor Augen gegen die Niederlage stemmte – tonangebend war. Die sechste Partie war dann ein Start-Ziel-Sieg für die Blau-Weißen. Alles, was Orlando bisher auszeichnete, sahen die abertausend Zuschauer in 48 Minuten in geballter Form. Auf der Gegenseite scheiterte Cleveland am Druck. Würfe und Systeme führten ins Nichts, auch Anführer James suchte vergebens nach seinem Zepter. Die Regentschaft des „Auserwählten“ muss somit mindestens ein weiteres Jahr warten. Ohne ein Wort an die Reporter verließ der amtierende MVP das Parkett, der Traum vom Ring war vorerst zerplatzt.

Die Orlando Magic setzten derweil zu Jubelstürmen an. Erstmals seit 1995 stehen die Nachbarn von Mickey Mouse und Co. wieder in einer Endspielserie. Damals kam der Gegner aus Houston, der das junge Team um Shaquille O'Neal und Anfernee Hardaway mit seiner ganzen Erfahrung (u.a. Hakeem Olajuwon, Clyde Drexler) in den Finals keine Chance ließ. Vier Spiele lang dauerte die erste Titeljagd der Magic. Das damalige Erfolgskonzept fußte auf einer ähnlichen taktischen Ausrichtung wie in diesem Jahr. Ein dominanter Center-Spieler (1995: O'Neal, 2009: Dwight Howard) und erstklassige Distanzschützen (1995: u.a. Nick Anderson, Dennis Scott; 2009: u.a. Rashard Lewis, Mickael Pietrus) brachten die beiden Mannschaften ins Endspiel um die Championship-Trophäe.

Auch 1995 starteten die Magic nicht gerade als Favorit in die Playoffs. Nach der Rückkehr von Michael Jordan zu den Chicago Bulls (MJ versuchte sein Glück kurzzeitig im Baseball), den starken New York Knicks und Indiana Pacers wurden gleich drei Teams bessere Chancen auf die Meisterschaft beigemessen als dem aufstrebenden Club von Head Coach Brian Hill. Doch während die Pacers dank Reggie Miller die Knickerbockers ausschalteten, nahm Orlando den Bulls den Wind aus den Segeln. Jordans Hoffnungen scheiterten an der euphorischen Spielweise der Magic (siehe Video). Im Conference Final besiegte die junge Truppe aus dem Südosten der USA die Korbjäger aus Indianapolis nach sieben Spielen und zog sechs Jahre nach der Gründung erstmals in die NBA Finals ein.

Heute wie damals gehen die Orlando Magic als vermeintlicher Underdog in die Endspielserie. Der Faktor, an dem der Nachteil gemessen wird, ist die fehlende Erfahrung der Blau-Weißen. Muss das aber ein Nachteil sein? Gegen Boston und Cleveland – immerhin die Finalisten der beiden zurückliegenden Jahre – bewies Orlando in dieser Postseason, dass unorthodoxe Offensive auch zum Erfolg führen kann. Mit einem Dwight Howard in der Mitte, der die Fehlwürfe seiner Kollegen einsammelt wie Fallobst (4,5 Offensiv-Rebounds pro Spiel in 18 Playoff-Spielen 2009), können die Magic-Schützen beruhigt von außen Maß nehmen. Dieses Bild wirkt wie eine Kopie bei einem Blick auf die Zahlen von 1995. Damals griff sich Shaquille O'Neal in 21 Postseason-Spielen ebenfalls 4,5 Offensiv-Fehlwürfe im Schnitt und sein Team feuerte ebenfalls knapp 40 Prozent der genommen Dreier ins Netz des Gegners.

Orlando Magic 1994/1995 (57 Siege, 25 Niederlagen)
S. O’Neal*: 25,7 PpG (57,7% FG, 57,1% FT), 11,9 RpG, 3,3 ApG, 1,9 BpG
Orlando Magic 2008/2009 (59 Siege, 23 Niederlagen)
D. Howard**: 21,7 PpG (62,2% FG, 64,7% FT), 15,4 RpG, 1,8 ApG, 2,2 BpG

Dreierquoten von 1995 und 2009 im Vergleich

  1995 2009
%3FG Reguläre Saison 37,0% 3FG
(523/1.412 3FG)
38,1% 3FG
(817/2.147 3FG)
Anzahl der Spieler der Regulären Saison mit mindestens 35% 3FG und mindestens 100 Versuchen 3
(Nick Anderson,
Dennis Scott,
Jeff Turner)
7
(Rashard Lewis, Hidayet Turkoglu, Jameer Nelson, Mickael Pietrus, Courtney Lee, Anthony Johnson, J.J. Redick)
% 3FG Playoffs 39,6% 3FG*
(178/450 3FG)
36,7% 3FG**
(163/444 3FG)

 


 

 

 

 

* Statistiken Playoffs '95 | ** Statistik Playoffs '09, ohne NBA Finals

Auffallend bei diesen Werten ist der Unterschied der Drei-Punkte-Versuche. Die Magic nahmen in der abgelaufenen Saison 2008/09 über 52 Prozent mehr Würfe von Downtown als 1994/95. Ein Wandel in der Quote schlug sich dann in den Playoffs nieder: Während der Hauptrunde vor 14 Jahren war die Magic-Distanzquote schlechter als in der Postseason, in diesem Jahr ist es anders herum. Allerdings stehen die Finalspiele noch aus, sodass diese Werte noch in eine endgültige Betrachtung mit hineinfließen müssen.

Das Bild beider Final-Teams ähnelt sich also, sofern diese beiden Faktoren – dominanter Center und Distanzwürfe des Teams – hervorgehoben werden.

Dass Orlando Mitte der Neunziger jedoch sieglos im Meisterschaftsfinale unterging, lag an der Dominanz des gegnerischen Centers. Die Werte O'Neals wurden von Hakeem Olajuwon (Finals 1995: 32,8 PpG, 11,5 RpG, 5,5 ApG und 2,0 BpG gegenüber O'Neals Statistiken in den Finals von 28,0 PpG, 12,5 RpG, 6,3 ApG und 2,5 BpG) egalisiert. Ausschlaggebend war außerdem der nervenaufreibende Overtime-Krimi zum Auftakt, dem Nick Andersons Freiwurfdrama (vier Fehlwürfe von der Linie am Ende der regulären Spielzeit) voraus ging – Olajuwons tippte den Ball dann 0,3 Sekunden vor Ende der Verlängerung zum 120:118 in den Korb. Diese erste Partie drückte auf die Moral der Magic, sodass in der Folge das Selbstvertrauen im Keller lag.

Während im Nachhinein die damalige Auftaktbegegnung als Schlüsselspiel der Serie betrachtet werden kann, sehen die Vorzeichen 2009 etwas anders. Die Orlando Magic wissen, dass Dwight Howards Dominanz nicht von den Los Angeles Lakers gekontert werden kann (ähnliches gilt auf der Gegenseite für Kobe Bryant).

Hinzu kommt das psychologische Gemunkel vor Beginn der Serie, dass Jameer Nelson (Foto) nach seiner Schulterverletzung wieder einsatzbereit sei. Mit Rafer Alston würde er die Lakers damit vor deren häufig beschriebenes Problem auf der Spielgestalter-Position stellen. Wer soll die Zonenzüge der beiden Point Guards bremsen, zumal das Pick-and-Roll mit Dwight Howard auch nicht zu unterschätzen ist.

Außerdem bleibt die Debatte um die Distanzschützen. Bleiben die Hände der Dreierwerfer Orlandos auch in den Finals heiß? Im direkten Vergleich mit den Lakers haben die Magic zwar in den bisherigen Playoffs 35 Dreier mehr verwandelt als die Kalifornier, dabei jedoch die etwas schwächere Quote erzielt (Lakers: 37,9% 3FG, Magic: 36,7% 3FG).

Letztlich ist das Vorab-Gerede um mögliche Vor- und Nachteile beider Finalteilnehmer aber hinfällig. Die Entscheidung fällt eh auf dem Parkett durch die Reaktionen des einen auf die Ausführungen des anderen Teams. Wer am Ende die Nase vorn haben wird, wissen wir spätestens am 18. Juni 2009. Dann steht auch fest, ob die Orlando Magic von 2009 erneut wie 1995 nur Vizemeister sind oder ob das Déjà-vu in Disney World ein positives Ende gefunden hat.




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von Suck My Diktiergerät 03.06.09 um 19:40:59


schicker artikel. an einigen stellen zwar ein wenig holprig, aber trotzdem interessant :) endlich mal nicht nur ein vergleich der beiden finals teams, sondern ein ganz neuer vergleich :)



von Cabalios 06.06.09 um 21:11:50


sehr gut geschrieben, interessante parallelen rausgearbeitet



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