Omri Casspi
Unter dem Stern Davids
Omri Casspi, für die meisten lediglich ein weiterer Ausländer in der NBA, ist für sein Heimatland Israel mehr als bloß das. Seine bisher so erfolgreiche Karriere versucht Casspi derzeit als Rookie bei den Sacramento Kings weiterzuführen.
Von Jan Karon |
22.11.2009 | |
Der Davidstern, Krieg, Jesus' Geburtsstätte und eine beeindruckende Zeitgeschichte – das sind wohl ein paar der Assoziationen, die Otto Normalverbraucher zum Land Israel besitzt. Zwischen Märtyrern und Verfolgung, Palästina und den Synagogen, den geheimen Schriften Jesu und Freimaurern lebt die Republik Israel am Mittelmeer vor sich hin. Ebenfalls aus dem sagenumwobenen Land kommt der nur etwas weniger bekannte Basketballer Omri Casspi, der dieser Tage der erste israelische Spieler geworden ist, der in der NBA spielt.
Dabei ist Casspi (Foto) mehr als irgendein beliebiger Sportler für das Land am Gazastreifen. Mit ihm ist eine riesige Hoffnung verbunden; nahezu zu einer heroischen Figur ist Casspi in den letzten Wochen aufgestiegen, als feststand, dass er sein Debüt in der NBA feiern könnte. Eine Hoffnung, die auch in Anbetracht des derzeitigen Basketball-Skandals in Israel, fruchtbaren Nährboden hat. So bringt sich Mitte Oktober Moni Fanan, der 16 Jahre lang stellvertretender Vorsitzender und Manager des Traditionsklubs Maccabi Tel Aviv gewesen ist, um. Es wird ein riesiger Skandal ans Tageslicht gebracht: So wird vermutet, der Unternehmer habe für mehrere Spitzensportler dubiose Geschäfte in Millionenhöhe abgewickelt. Der Clou dabei: Fanan war 20 Millionen Dollar hoch verschuldet. Aus der lebhaften Stilikone des israelischen Basketballs ist eine umstrittene Persönlichkeit geworden, die die derzeitige Spielzeit überschattet.
Auch deshalb steht Omri Casspis Auftreten in der NBA unter besonderen Vorzeichen – gilt er doch als Hoffnung und als Vorbild für den Basketballsport. Ist er doch an Tagen wie diesen das glimmernde Licht an einem sonst eher dunklen Basketball-Himmel Israels.
Casspis Karriere verläuft absolut prototypisch für die des talentierten Basketballers: Er wächst in Yavne auf, was eine eher ärmere Gegend und ein Vorort Tel Avivs ist, verfolgt als kleines Kind Spiele der Chicago Bulls und begeistert sich früh für Michael Jordan. Sodann durchläuft er eine überaus erfolgreiche Jugendkarriere und wagt schlussendlich den Schritt über den Ozean, wo es über Workouts zur Draft-Anmeldung geht.
Heute ist Casspi 21 Jahre alt, 2,03 Meter groß, spielt auf den Position zwei und drei und kann schon jetzt auf eine beeindruckend erfolgreiche Karriere zurückblicken: Mit bereits 17 Jahren absolviert er sein Profidebüt bei Maccabi. Wenig später überzeugt er beim Albert-Schweitzer-Turnier in Mannheim, bei dem er ins All-Star-Team gewählt wird. Schließlich landet er bei der „FIBA Europe Young Men's Player of the Year 2008“-Preisvergabe auf dem vierten Platz und wird dabei in einem Atemzug mit Ausnahmetalenten wie Ricky Rubio, Kosta Koufos oder Danilo Gallinari (Foto) genannt.
Im Juni 2009 wird Casspi beim NBA-Draft an 23. Stelle von den Sacramento Kings gezogen, die an das Talent des Israeli glauben und es fördern wollen. Casspi begreift seine Chance – wie er sie immer schon begriffen hat – und spielt sich im Training Camp und während der Preseason in die Rotation von Head Coach Paul Westphal.
„Als ich im Umkleideraum vor dem ersten Saisonspiel saß, dachte ich über den Zeitpunkt nach, am dem alles anfing. Ich sah in meinen Gedanken meine ganze Karriere: die Siege und Niederlagen, Höhen und Tiefen, all meine Trainer – und in dem Moment begriff ich: Wow, du sitzt jetzt in der Umkleidekabine von einem der weltbesten Basketball-Teams und wirst gleich gegen die besten Basketballer der Welt antreten“, sagt Casspi rückblickend auf sein erstes reguläres Saisonspiel gegen die Oklahoma City Thunder, bei dem er in 19 Minuten 15 Punkte auflegt.
Casspis Karriere ist eben eine im Schnelldurchlauf. Mit Talent gesegnet, durch harte Arbeit umgesetzt, samt dem nötigen Quäntchen Glück, ist er heute das, was bereits viele ausländische NBA-Spieler für ihr Heimatland sind: der oberste Repräsentant der Basketballsportart und der Mann, auf dessen Schultern die Hoffnung einer gesamten Sportnation liegt. Denn hatten es zuvor auch andere Israelis, wie beispielsweise Yotam Halperin (53. Draft-Pick 2006) oder Lior Eliyahu (44. Draft-Pick 2006), geschafft, gedraftet zu werden, ist Casspi derjenige, der als Erster Parkettboden der NBA betritt. Ohne wirklich Außerordentliches geleistet zu haben, ist Casspi also jetzt schon nahezu eine Koryphäe der zweitbeliebtesten Sportart Israels. Einer Sportart, welche derzeit in den Ketten des Finanzskandal-Despotismus liegt.
Seiner extrem großen Verantwortung ist Casspi sich bewusst: Er hält auch nach elf Spielen in der NBA den Kontakt zur Heimat aufrecht, zahlt monatlich 4.500 Dollar an Telefonrechnung, trauert um den Verstorbenen Fanan mit und hat es sogar geschafft, die israelische Gemeinschaft in Sacramento zu beleben, kommt diese doch zahlreich zu Kings-Spielen – samt Casspi-Trikot in hebräischen Lettern und samt Davidstern auf dem Trikot.
So funkeln nun die pechschwarzen Augen der Nummer 18 Sacramentos, wenn er mit seinen langen Beinen über das Feld rennt. Jeder Kontakt ein Kurzschluss mit dem Hallenparkett. Jede Bewegung ein Interagieren. Casspi hat es geschafft. Und er ist tatsächlich erfolgreich: Schon in den Workouts vielfach gelobt und mit europäischen Vertretern wie Hedo Turkoglu (Foto) verglichen, kann der 21-Jährige sich in den Vorbereitungsspielen der Preseason mit knapp zwölf Punkten in durchschnittlich 21 Minuten Spielzeit als Allzweckwaffe bewähren. Er wirft gut (unter allen NBA-Rookies die beste Drei-Punkte-Quote der Preseason), kann mit dem Ball umgehen und Fastbreaks mitlaufen, zum Korb ziehen, rebounden und passen. Casspi ist einer dieser Spieler, von denen man sagt, sie haben keine wirkliche Stärke – ohne das negativ zu meinen. Mit all den Aspekten, die er möglicherweise nur sporadisch ins Spiel einbringt, wirkt er wertvoll. Casspi hat das Basketballgen, er versteht das Spiel. Er liest es.
Nach der Preseason beginnt für den gelernten Small Forward dann die große Bewährungsprobe. Doch auch in der regulären Spielzeit enttäuscht er bisher nicht, legt zumindest solide Zahlen auf und erspielt sich trotz beachtlicher Konkurrenz um Andres Nocioni, Donte Greene, Ime Udoka und Kevin Martin (Foto) derzeit 22,5 Minuten pro Partie. Er bedankt sich für das Vertrauen von Coach Westphal und trägt bis dato knapp neun Zähler und all die kleinen Dinge, die sein Spiel ausmachen, zum Erfolgsstart der Kings (fünf Siege aus den ersten sieben Partien; derzeit 5-7) bei. Und dann gibt es auch die wahrlichen Highlights, in denen er sein gesamtes Talent aufblitzen lässt: Gegen die Golden State Warriors beispielsweise legt er zwölf Zähler, zehn Rebounds, fünf Assists und drei Steals auf, trifft dabei vier seiner sechs Drei-Punkte-Würfe, woraufhin NBA.com ihn im Rookie-Ranking auf Platz sieben aufführt. Als 23. Draft-Pick wohlgemerkt.
Sicherlich profitiert Casspi vom Ausfall Kevin Martins – der auf Grund einer Handgelenks-Verletzung seit Anfang November aussetzen muss und erst im Laufe des Januars 2010 zurückerwartet wird – und von der Tatsache, dass derzeit sicherlich auch noch keinerlei Erfolgsdruck auf seinen Schultern liegt.
Aber dafür der Druck eines gesamten Landes, das neugierig auf Casspi und seine Leistungen schaut. Man wird sehen, wie der Weg des ersten Israeli in der NBA verläuft. Sacramento also junges, aufstrebendes Team und Casspis Rolle darin als ein vielseitiger Spieler sind zumindest die richtige Umstände, um auf eine relativ erfolgreiche Karriere zu hoffen. Die an ihn gestellten Erwartungen sind die der Basketballnation eines ganzen Landes – die gerade jetzt kollektiv zum „Schma Jisrael“ ausholt.






von Hanan 22.11.09 um 14:17:36
sehr schöner artikel über DIE hoffnung des israelischen basketballs...ich glaube bisher wurden hier(ich lebe in israel) alle spiele der kings übertragen...kleiner fehler der mann heißt yotaM halperin ;)sonst sehr gut!
von TheMainIngredigent 23.11.09 um 18:55:55
mit interesse gelesen, ein guter rückblick auf seine bisherige saison
evtl. etwas unkritisch?
von N'Awlins 24.11.09 um 23:02:56
Wem gegenüber? Casspi?
von Cabalios 25.11.09 um 10:50:35
echt n guter Artikel. :-)