NBA-Saisonrückblick
Schockzustand
Nach 23 Jahren endete das Engagement von Head Coach Jerry Sloan bei den Utah Jazz. Der Rücktritt bewegte die Liga. Die Jazz (C.J.Miles, Foto) selbst trennten sich auch von Star Deron Williams und konnten sich von den Abgängen nicht mehr erholen. Sie verpassten die Playoffs.
Von Dennis Amedovski |
27.04.2011 | |

Bilanz 2010/11: 39 Siege, 43 Niederlagen (Siegquote: 47,6 Prozent)
4. der Northwest Division; 11. der Western Conference; keine Playoffs
Der 10. Februar 2011. „Niemals wird es wieder so werden, wie es war…“ Jerry Sloan hat gerade seinen Rücktritt als Head Coach der Utah Jazz erklärt – unter Tränen bedankt er sich bei der Franchise. Was seit 1988 unvorstellbar war, tritt urplötzlich ein. Eine Persönlichkeit, die das Bild der Utah Jazz so lange, so konstant und so erfolgreich prägte, hört auf. Völlig überraschend. Vier Tage nachdem er eine Vertragsverlängerung unterzeichnet hatte. Ob es an Differenzen mit dem damaligen Jazz-Star Deron Williams lag? „Ich hatte Streitigkeiten mit Spielern, seitdem ich in der Liga bin“, wiegelt Sloan ab.
Was von Sloans Rücktritt bleibt, sind mehr als nur nackte Zahlen: 1.221 Saisonsiege, als einziger Head Coach über 1.000 Erfolge mit ein und derselben Franchise. 15 Playoff-Teilnahmen in Folge. Die längste Station eines Coaches bei einer Franchise im gesamten US-Profisport (23 komplette Saisons). Aber nie der Titel als Head Coach des Jahres.
Von den Kollegen erhält der Neu-Rentner warme Worte. NBA-Boss David Stern bezeichnet ihn als einen der am meist respektiertesten Head Coaches der Geschichte. Sein ewiger Rivale Phil Jackson rief nach: „Er war ein Sturkopf. Das musst du aber in diesem Job sein. All seine Erfolge in solch einem kleinen Standort wie Salt Lake City sind beachtlich. Die Art wie er Basketball spielen ließ, war bewundernswert. Wir werden ihn vermissen.“ Sloans letztes Spiel: Eine glanzlose 86:91-Pleite – ausgerechnet gegen die Chicago Bulls. Diese vermasselten 1996 und 1997, jeweils in den Finals, Sloans ganz großen Triumph.
Sloans ehemaliger Spieler Tyrone Corbin übernahm eine Franchise im Schockzustand. Knapp zwei Wochen später tauschte das Management Deron Williams für Devin Harris, Derrick Favors und zwei Erstrunden-Picks zu den New Jersey Nets. Es ist das letzte Kapitel eines bereits im Sommer vorprogrammierten Chaos: Carlos Boozer entschied sich in Chicago für das höher dotierte Angebot (80 Millionen Dollar über fünf Jahre). Ebenso nach „Windy City“ wechselte Kyle Korver, und Überraschungs-Rookie Wesley Matthews ließen die Jazz nach einem Offer Sheet aus Portland zu den Trail Blazers ziehen. Mit Al Jefferson und Raja Bell holten sich die Jazz zumindest positionellen Ausgleich.
Und siehe da: Trotz der namhaften Abgänge entwickelten sich die Utah Jazz schneller als gedacht. Fünf und sieben Siege in Serie gelangen ihnen im November, nur fünf Niederlagen setzte es in den ersten 20 Spielen. Im November legte Williams „23/10“ auf, Paul Millsap (Foto links) nutzte die erhöhte Spielzeit für Karrierebestwerte, Andrei Kirilenko sammelte in jeder Kategorie gute Zahlen und C.J. Miles (Foto oben) traf zwar nicht hochprozentig, dafür aber häufig. Alles schien ganz nach dem Sloan’schen System zu laufen: Ein gutes Passspiel schafft gute Würfe, dazu eine solide Defense. Utah zählte damals zu den Top-Fünf-Teams des Westens. Doch irgendwo zwischen Neujahr und Valentinstag endete die große Liebe.
Vor Sloans Abgang verlor Utah zehn von 14 Spielen, Tyrone Corbin musste danach auf das fünfte Spiel warten, um seinen ersten Karrieresieg zu verzeichnen – es war die erste Partie nach dem Trade von Deron Williams. Logisch, dass die Jazz nach all den Zerwürfnissen und Veränderungen die Playoffs verpassten. Selbst nach dem Abgang von Karl Malone und dem Rücktritt von John Stockton 2003 wirkte die Franchise noch nie so konfus. Daher ist es auch schwierig, eine Prognose für die kommende Saison zu wagen.
Im Draft wird Utah nicht den benötigten Star ziehen können (weil es ihn schlichtweg nicht gibt), obwohl sie zweimal innerhalb der Lottery wählen dürfen. Selbst die Neuzugänge Al Jefferson und Devin Harris sind schon jetzt vor einem Wechsel nicht sicher. Paul Millsap lief zum Saisonende als Small Forward auf, und ob Tyrone Corbin weiterhin die Zügel in der Hand hält, ist weiterhin fraglich. Immerhin entwickelte sich Rookie Gordon Hayword mit 16,4 Punkten im April zu einer Überraschung, und auch Derrick Favors sollte eine Zukunft haben. Geplant ist jedenfalls mit den Free Agents Andrei Kirilenko und Kyrylo Fesenko zu verlängern; im Gegensatz zu C.J. Miles, bei denen Utah die Teamoption nutzen könnte. Vieles ist unklar, keine klare Struktur und Hierarchie zu erkennen, dazu der drohende Lockout. Vielleicht hat Jerry Sloan genau gewusst, dass es mit den Utah Jazz abwärts geht.
Team-MVP: Paul Millsap (17,3 PpG,7,6 RpG, 2,5 ApG, 1,4 SpG)






von RedWater 27.04.11 um 16:24:32
Der Abgang von Sloan war unwürdig. Die genauen Umstände wird man wohl nie erfahren, aber es muss heftig gedonnert haben. Utah muss nun unter Corbin eine neue Vereinsphilosophie finden.
In Utah kann alles passieren, bis auf Hayward und Favors, sind alle Spieler verkäuflich. Mit etwas Glück in den Draft, findet sich vielleicht ein guter Starter. Als Jazzfan hoffe ich auf Irving, aber Knight oder Burks wären auch nicht schlecht.
von durant35 28.04.11 um 08:06:34
Bei Utahs Zukunft hab ich gemischte Gefühle. Mit dem DW Trade haben sie für mich alles richtig gemacht, da er bei Utah 2012 nicht verlängert hätte und so noch einen guten Tradewert ereichen konnten (auch wenn das ja erst klar wird, wenn die genauen Draftpickpositionen bekannt werden).
Aber ich denke, dass sich Utah insgesamt nicht wirklich clever in der letzten Zeit verhalten hat. Mit dem Trade von R.Brewer und der vergebenen Chance Matthews im letzten Sommer zu halten haben sie für unmut im Team gesorgt (denn Bell ist eher ein Lückenfüller als gleichwertiger Ersatz gewesen). Es war danach klar, dass Geldsparen in Utah wichtiger ist, als einen Contender aufzubauen. Und das dies für Ärgernis bei DW und wahrscheinlich auch Sloan sorgt, ist auch verständlich.
Und wenn das in den nächsten Jahren weiter im Vordergrund steht, dann werden sie auch nicht weiterkommen als Playoffsteilnahmen und vielleicht noch die 2te Runde.