NBA-Saisonrückblick

Nur der Titel zählt

Nicht nur eine, gleich ein halbes Dutzend Meisterschaften standen auf dem Sechsjahresplan der Miami Heat, nachdem im vergangenen Sommer Chris Bosh, LeBron James (Foto) und Dwyane Wade für schlappe 330 Millionen Dollar in Florida anheuerten. Nun sind es „nur“ die Finals geworden. Mission fehlgeschlagen?

Von Conrad Ziesch
 19.06.2011 |

Bilanz 2010/11: 58 Siege, 24 Niederlagen (Siegquote: 70,7 Prozent)
1. der Southeast Division; 2. der Eastern Conference; NBA Finals

LeBron James (Foto oben links), Dwyane Wade und Chris Bosh (Foto oben rechts): Vom Papier her versprach diese Kombination Highlight-Videos ohne Pausetaste. Dazu gesellten sich vor Saisonbeginn mit Juwan Howard, Zydrunas Ilgauskas, James Jones und Eddie House eine Handvoll in die Jahre gekommener Veteranen. Mario Chalmers und Jamaal Magloire erkämpften sich ein Bleiberecht im Team von Head Coach Erik Spoelstra.

„15 Strong“? Der Slogan, mit dem die Heat 2006 als schlagkräftige Einheit die Meisterschaft gewonnen hatten, schrumpfte anno 2011 auf „3 Strong“ zusammen. Die beiden besten Reservisten Udonis Haslem (Foto links) und Mike Miller fielen aufgrund von Verletzungen lange aus. Mario Chalmers und Carlos Arroyo rangen ohne klaren Sieger um den Job des Point Guards. Nachdem Arroyo frustriert die Segel streichen musste, übernahm Mike Bibby die Zügel im Aufbau. Allerdings blieb bis zu den Finals unklar, wer den Posten langfristig würde übernehmen können.

Zu Beginn der Saison stotterte der Motor der erklärten Übermannschaft. Acht der ersten 17 Spiele gingen verloren. Chris Bosh begann, über seine unklare Rolle im Team zu mosern. Zu unharmonisch, zu alt, zu unausgeglichen, lautete das vernichtende Urteil der Sportpresse, in deren Fokus Miami logischerweise stand.

Trotz einiger Siegesserien verpassten die Heat es immer wieder, Titelkonkurrenten aus dem Weg zu räumen. Im Duell mit den Chicago Bulls setzte es drei Niederlagen, genau wie gegen die Boston Celtics. Im Februar und März folgten Pleiten gegen die New York Knicks, Orlando Magic und San Antonio Spurs.

Durch einen gelungenen Endspurt sicherte sich die Truppe von Präsident Pat Riley noch den zweiten Platz im Osten und bekam es in der ersten Playoff-Runde mit den Philadelphia 76ers zu tun. Nach dem 4-1-Erfolg besiegten die Heat anschließend auch ihr Trauma namens Boston Celtics und erreichten endgültig ihre Betriebstemperatur. Als sie dann auch noch die hoch eingeschätzten Bulls nach Hause schickten, schien klar: Miami ist der Favorit auf den Titel.

Doch wie auch Basketballdeutschland mittlerweile gelernt hat, kam alles anders. Durch ihre geschlossene Mannschaftsleistung deckten die Mavericks schonungslos die Defizite ihrer Gegner auf. Unter dem Korb hatten Joel Anthony, Chris Bosh und Udonis Haslem ihren Gegenspielern Dirk Nowitzki, Tyson Chandler und, mit verletzungsbedingten Abstrichen, Brendan Haywood kaum etwas entgegenzusetzen. Von Bankspielern wie James Jones oder Mike Bibby war wenig bis nichts zu sehen.

Noch schlimmer: Die beiden Führungsspieler LeBron James und Dwyane Wade (Foto links) tauchten in der Crunchtime unter; vor allem Erstgenannter stand deswegen in der Kritik. Miami ließ so Dallas erst ins Rollen kommen. Statt sich an die eigene Nase zu fassen, ließen sich beide dann beispielsweise auch noch dazu hinreißen, sich über den kranken Nowitzki lustig zu machen – Undiszipliniertheiten, die nicht nur die Mavs anstachelten, sondern auch den letzten Kredit manchen Fans und unparteiischen Basketballanhängern verspielten.

Die Heat werden daraus lernen müssen, so wie Mark Cuban 2006 lernte, die Meisterfeier erst nach dem letzten Spiel zu planen. Zudem wird es in der kommenden Saison darauf ankommen, dass sich die Heat verjüngen. Spieler wie Juwan Howard, Mike Bibby oder Zydrunas Ilgauskas sollten jungen, hungrigen Nachwuchskräften Platz machen. Wenn ihnen der Wandel gelingt, gehören die „Heatles“ im kommenden Jahr wieder zu den Topfavoriten auf den Titel. Wenn nicht, wird sich Erik Spoelstra wohl nach einem neuen Job umsehen müssen.

Team-MVP: LeBron James (26,7 PpG, 7,5 RpG, 7,0 ApG, 1,6 SpG)

[Alle NBA-Mannschaften im Saisonrückblick]




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Kommentare

(6 Kommentare bisher)

von almaen 20.06.11 um 09:05:34


War James Jones in der Finlaserie nicht verletzt? Weißt das jemand genauer? Wäre fahrlässig von Spoelstra gewesen, so einen Distanzschützen nicht zu nutzen, zumal sich James und Wade nun ja bekanntermaßen auf den Füßen stehen.

Für die Zukunft kann man aber sagen: Den Heat gehören die nächsten 3-5 Jahre, wenn man sich keine Fehler mehr erlaubt. Da wäre zum einen ein Coach zu suchen, der so viel Autorität ausstrahlt, dass der Kindergarten sich zusammen reißt. Spoelstra wirkte auf mich regelmäßig überfordert, erst recht, wenn man sich ansieht, wie die Heat in engen Spielen aussahen... closen geht anders. Zum anderen muss der Supporting Cast funktionieren. Aber da wird es wohl keine Probleme geben, talentierte Leute ranzuholen, denn die Heat werden in nächster Zeit immer ein Kandidat für einen Ring sein.

Ich möchte nicht wissen, wie das für Dallas ausgegangen wäre, wenn die Heat in den vierten Viertels den Mumm (und das Material) gehabt hätten, James draußen zu lassen und mit Wade, Bosh, einem Reboundmonster und 2 Dreierspezialisten auf dem Parkett zu stehen...



von Raquel 20.06.11 um 09:36:20


Hmm... Kann mich dir da nur bedingt anschließen.
1. James Jones wäre wohl für die Serie gegen die Mavs fit gewesen, Spoelstra hat ihn einfach nicht draufgeschickt. Hätte er mal machen können, meiner Meinung nach aber nur so, wie es Carlisle mit Stojakovic gemacht hat: Einmal reinschmeißen, gucken ob er on fire ist und wenn nicht, dann wieder raus. Jones ist genau wie Stojakovic kein guter Defender und kann nur 3er schießen.
Damit kommen wir auch zu...
2. Jaja, die Crunch-Time. Hier muss ich dir aber dann doch stark widersprechen. Lebron James draußen lassen wäre mal richtiger Unsinn. Er ist vermutlich der beste Verteidiger im Team, kann Rebounden und kann Dreier schießen. Außerdem 1A-Passer. Wenn du da Jones reinschmeißt oder Bibby (oder wen meintest du sonst als Shooter?) dann hast du vielleicht einen relativ besseren Schützen. Aber dir fehlen dann ein Spieler, der das Spiel antreibt und arbeitet. Du kannst Spieler wie Bibby oder Jones in der Crunchtime nicht verteidigen lassen. Und ob die da besser treffen ist auch noch so ein Ding.
Natürlich hat Lebron echt zum Teil versagt, aber auch eigentlich nur gegen Dallas. Und die waren jawohl mal sowas von eiskalt und abgebrüht. Denke nicht, dass es was geholfen hätte James draußen zu lassen.

Sonst kann ich dir nur zustimmen. Die nächsten Jahren werden die Heat die ein oder andere Meisterschaft gewinnen, das Team kann nur besser werden. Und Spoelstra hat einfach nicht das Charisma solch ein Team zu führen. Und ich kann diesen extremen Überbiss einfach nicht mehr sehen.



von almaen 20.06.11 um 09:59:52


Gegen Dallas hat James sehr viel gespielt, aber wenn er draußen saß, dann war die Line-Up mit Wade als Chef im Ring - zumindest gefühlt - auch immer sehr stark. James muss da einfach noch seine Rolle finden. Er ist für mich ein Point Guard im Power Forward-Körper, allerdings nicht mit genügend Geschmeidigkeit in der Hüfte, so wie Wade das hat. Das erachte ich als einen der Gründe, warum es Dallas gut gelang, ihn aus der Zone rauszuhalten. Wade dagegen hatte trotz allem einige starke Drives..., aber der Platz fehlt ihm in der Crunchtime, wenn James nicht genug Räume schafft. (Und dann steht er in der Ecke für den Dreier und man wirft ihm Passivität vor?)

James muss sein Spiel noch viel mehr entwickeln, auch wenn er von vielen heute schon als kompletter Spieler gesehen wird. Die Über-Athletik ist irgendwann weg und dann bleibt so eine Art Lamar Odom übrig? Will er Passer oder Scorer sein? Kann er beliebig umschalten? Wade und James beide am Perimeter? Dann muss mindestens einer von beiden ein erstklasiger Schütze werden, noch mehr als jetzt. James kann auch nicht auf PF ausweichen, denn da steht schon Bosh...

Die Heat haben mit den Big Three leider auch einige Line-Up-Dilemma aufgebracht, die müssen sie lösen, sonst könnte regelmäßig in den Finals oder gar auch mal im ECF Schluss sein. Und so sehr man es dreht und wendet, es ist James, dessen Rolle geklärt sein muss. Bosh's und Wade's Rollen sind klar definiert. Wie es funktionieren kann, hat der Gamewinner von Bosh in Spiel 3 gezeigt. Das müssen die Heat aber mal durchziehen.



von EvgenyF 20.06.11 um 11:09:19


Klar werden die Heat für die nächsten Jahre ein anwärter für den Titel sein. Aber wenn die wirklich was reißen wollen, dann muss James ein Postup game entwickeln und sich im letzten Viertel mehr zeigen.
Zudem muss man sehen wie die Heat mit einem gesunden Haslem und Miller spielen. Viel Geld bleibt den ja nicht übrig um einen guten PG zu holen.
Bin auf jedenfall gespannt auf die neue Saison (ab Neujahr?).



von ca$hmoney 20.06.11 um 11:33:09


Miami hat keine andere Wahl als den Olymp, allerdings braucht der Kern um Wade, LBJ, Bosh, Haslem, Chalmers Anthony wirklich überzeugende Unterstützung und keine Bandwagoner auf dem absteigenden Ast, um bis dato gute Defense to Offense Modell effizienter und flexibler zu gestalten und vielleicht ein Comeback von Pat Riley als Coach. Miami World Order is comin'...



von Treffnix 27.06.11 um 08:33:28


Ich sehe es ähnlich wie "almaen". Die Rollenverteilung im Team schien mir bei den Heat absolut nicht geklärt. Gerade in der Crunchtime war nie offensichtlich, wer der go-to-guy ist. War es Wade oder war es James ? Mir kam es so vor als ob dies beiden selbst nicht bewusst war und Wade sich der Rolle gegen Dallas dann einfach angenommen hat. An der Stelle müssen die Heat um zu gewinnen klare Verhältnisse schaffen, denn mit der Einstellung: wir haben 3 Superstars, einer von denen wird es schon richten, kann das halt wie man gesehen hat schnell auch nach hinten losgehen.

Zudem muss man klar sagen: mit einem gesunden Haslem und einem Miller in Normalform hätten die Mavs mehr Schwierigkeiten gehabt. Positiv auf seiten der Heat war auch die Entwicklung von Chalmers, der sich neben den Big 3 als wichtigster Spieler etabliert hat.



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