NBA-Saisonrückblick
Hinter den Erwartungen
In der Atlantic Division konnten die meisten Mannschaften nicht an ihre Saisonziele anknüpfen. Während den Boston Celtics (Foto: Kevin Garnett) die Titelverteidigung misslang, schafften es die Philadelphia 76ers nicht über die erste Playoff-Runde hinaus. In New Jersey, Toronto und New York hatte man dagegen gar nichts mit der Postseason-Teilnahme zu tun.
Von Thomas Käckenmeister (tk), Dennis Klammer (dk), Björn Lemkühler (bl), Nikolaus Raab (nik), Joshua Wiedmann (jw) |
09.06.2009 | |
New York Knicks (32-50): Mit eisernen Borsten
(nik). Donnie Walsh ist trocken wie Knäckebrot. Er versprüht den Charme eines Hinterzimmerbürokraten. Der Unterhaltungswert seiner Pressekonferenzen gleicht dem des ZDF-Morgenmagazins. Trotzdem: Donnie Walsh ist das Beste, was den New York Knicks passieren konnte. Er ist die perfekte Medizin für all die manisch-depressiven Anfälle der vergangenen Jahre. Schluss mit dem Drama im Big Apple, Schluss mit Starallüren der Hauptdarsteller und Schluss mit dem Chaos auf dem Feld. Der neue General Manager hat sich ein klares Ziel gesetzt: 2010 – bis dahin muss der Stall ausgemistet sein.
Sein Vorgänger Isiah Thomas war mit der Doppelrolle von Coach und Manager hoffnungslos überfordert. Vielleicht hätte man ihn schon viel früher von dieser Last befreien sollen – Stolz hin oder her. Die Überdosis Schlaftabletten, die ihm vor ein paar Monaten fast das Leben gekostet hätte, stimmt jedenfalls nachdenklich. Magere 23 Siege ermogelte sich die völlig demoralisierte Mannschaft in Thomas’ letzter Saison – so viele wie in seiner ersten. Es wurde höchste Zeit für einen Wechsel.
Mit Mike D’Antoni holte Donnie Walsh einen sehr erfolgreichen Coach nach New York. D’Antoni hatte in den vergangenen drei Spielzeiten im Schnitt 58 Siege mit den Phoenix Suns verbuchen können. Zudem war er Assistant Coach des (endlich wieder) dominanten Team USA. Er brachte neue Hoffnung ins Mekka des Basketballs; fast schon Wunderglauben. Hatte D’Antoni nicht auch aus den Suns über Nacht ein Gewinner-Team geformt? Alles, was er dazu brauchte, war ein intelligenter Aufbauspieler. Stephon Marbury kam also nicht unbedingt in Frage. Aber irgendjemand musste sich doch auftreiben lassen.
Irgendjemand kam dann auch: Chris Duhon, seines Zeichens Backup-Point-Guard in Chicago. Seine Verpflichtung löste nicht gerade Begeisterung im celebrity-verwöhnten New York aus. Viele Fans erinnerte der langweilig wirkende Duhon an Mark „the turtle“ Jackson: langsam und solide; nichts vom Glamour und der Geschwindigkeit eines Steve Nash. Aber D’Antoni würde schon wissen, was er da macht. Und vor allem zu Beginn der Spielzeit sollte der Aufbauspieler überzeugen können. Außerdem lag den meisten Betrachtern noch der „Glamour“ ihres letzten Stars auf der Eins schwer im Magen.
Das Schicksal Stephon Marburys, des verstoßenen ehemaligen Retters der Franchise, hing über den ersten Monaten der Spielzeit wie ein Damoklesschwert. Dass Mike D’Antoni und „Starbury“ keine Dutzfreunde waren, konnte man sich bereits denken. Nicht umsonst war Marbury ja 2004 von Arizona nach New York gekommen. D’Antoni gab dem Point Guard deutlich zu verstehen, dass er um seine Minuten kämpfen müsse. Wink mit dem Zaunpfahl: Marbury schmorte schon beim ersten Spiel der Saison die vollen 48 Minuten auf der Bank.
Doch die harte Erziehungsmethode des Coaches bewirkte das Gegenteil. Der verärgerte Ex-Star verlegte sich auf das, was er auch in den letzten Jahren am besten konnte: Schmollen. Als D’Antoni bemerkte, dass er mit seiner Methode „Spielzeit gegen Kooperation“ nicht weiterkam, bot er Marbury an, die verletzungsgebeutelte Mannschaft wieder zu verstärken. Aber der ließ ihn (und seine Team-Kollegen) eiskalt abblitzen. Von da an war sein Schicksal besiegelt. Donnie Walsh beendete das Schmierentheater Ende Februar 2009 und entließ „Starbury“. Boston rieb sich die Hände – zumindest damals – und New York schluckte sein enormes Gehalt (21 Millionen Dollar).
Von „enorm“ muss man auch sprechen, wenn es um den Center der Knicks geht: Eddie Curry. Enormes Talent, enormes Gehalt, enormes Gewicht, enorme Probleme. Ganze drei Spiele wuchtete sich der 150-Kilo-Mann für New York über das Parkett. Eine Verletzung zu Beginn der Saison hatte seinen Fitness-Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Heute können Walsh und D’Antoni nur hoffen, dass ihre bullige Pechmarie in der kommenden Saison fit genug ist, den normalen Spielbetrieb durchzuhalten.
David Lee (Foto) musste also auch in dieser Spielzeit wieder so tun, als wäre er ein Center. In seiner dritten Saison gehörte er somit erstmals konstant zur Starting Five und spielte besser als je zuvor. Mit 65 Double-Doubles führte er noch vor „Superman“ Dwight Howard die Liga in dieser Kategorie an. Seine 11,7 Rebounds pro Spiel waren der drittbeste Wert unter den Abräumern. Zudem verbesserte er seinen Sprungwurf und war nicht nur für Punkte unter dem Korb gut. Doch Gerüchten zufolge plant Walsh auf Grund der Agenda 2010 nicht mehr länger mit Lee und soll auf ein „Sign and Trade“-Geschäft aus sein.
Auch der Verbleib Nate Robinsons, der ebenfalls ein Restricted Free Agent wird und unter D’Antoni sich dank des Offensivsystems stark präsentieren konnte, ist fraglich. Der amtierende Slam-Dunk-Champion brachte sich selbst kürzlich mit den Portland Trail Blazers in Verbindung. Ein weiterer Lichtblick der Knicks war ohne Zweifel Wilson Chandler, der sich im Vergleich zur Vorsaison um über sieben Punkte auf einen Schnitt von 14,4 Zählern steigerte. Seine Zukunft in New York ist sicher, zumal er der beste Verteidiger im Team ist.
Und Donnie Walsh plant diese Zukunft sehr gewissenhaft. Nur so lässt sich erklären, dass er trotz eines guten Starts (6-5) Ende November ausgerechnet die beiden Topscorer ins Exil verschiffte. Jamal Crawford (19,6 PpG, 4,4 ApG) ging im Tausch für Al Harrington zu den Golden State Warriors. Dort traf er auf den knautschigen Don Nelson und sehnt sich jeden Tag nach einem weiteren Trade. Harrington dagegen bekam die Luftveränderung ausgezeichnet. Er übernahm mit 20,7 Punkten pro Partie sofort die Rolle des besten Korbjägers.
Zach Randolph (20,5 PpG, 12,5 RpG) zog nach Los Angeles zu den Clippers. Im Gegenzug kamen Tim Thomas und Cuttino Mobley nach New York. Thomas verließ die Mannschaft pünktlich zur Trade Deadline wieder Richtung Chicago. Dafür kam Larry Hughes in den Big Apple, wo er äußerst uncharmant empfangen wurde: Seine ersten drei Heimspiele versanken in Buhrufen. Doch mit steigender Leistung hörte er auch Applaus. Mobley dagegen wurde im Gesundheitstest ausgemustert. Man kann vermuten, dass Walsh auf eine Injury Exception für ihn gehofft hatte und nie wirklich plante, ihn spielen zu lassen, da dessen Gesundheitsprobleme bereits seit Jahren bekannt waren, aber seine Karriere nie gefährdet haben.
Donnie Walsh war auch sonst sehr aktiv: Jerome James liegt den Knicks nicht länger auf der Tasche. Selbst für Malik Rose konnte er einen Abnehmer (Oklahoma City Thunder) finden. Mardy Collins schleicht nicht mehr im Madison Square Garden übers Parkett. Und ganz nebenbei hat er eine Ära beendet – Frederic Weis ist nach unzähligen Jahren als Karteileiche nun offiziell kein Mitglied der New York Knicks mehr.
Nach all den Tauschgeschäften war die Mannschaft ungefähr so gut aufeinander eingestimmt wie ein drittklassiger Männerchor der Freiwilligen Feuerwehr. Die Monate Februar (3-10) und März (5-11) begruben alle Hoffnungen auf eine Playoff-Teilnahme. Der Monat April (3-4) war auch nicht besser. Aber es ging Walsh auch nicht um die laufende Saison. Er wartet auf den Free-Agent-Sommer 2010, für den er mit seinen Trades Platz im Portmonnaie geschaffen hat. Ein großer Star soll wieder her, am besten zwei, am allerbesten LeBron James. Ob diese Rechnung aufgeht, wird man allerdings erst in Zukunft erfahren. Bis dahin wird Walsh wohl weiter den Stall ausmisten – auch wenn die Knicks im Draft bereits an achter Stelle einen talentierten Spieler verpflichten könnten –, ohne Drama und mit eisernen Borsten.
Team-MVP: David Lee (16,0 PpG, 11,7 RpG, 65 Double-Doubles)
| Teil 1: Hinter den Erwartungen |
| Teil 2: Philadelphia 76ers: Fehlende Puzzleteile |
| Teil 3: New Jersey Nets: Im Zeichen des Umbruchs |
| Teil 4: Toronto Raptors: Umbruch in Kanada |
| Teil 5: New York Knicks: Mit eisernen Borsten |






von Waldy 11.06.09 um 16:19:25
sehr guter artikel, weiter so *thumbs up*
von Webocat 12.06.09 um 09:07:07
bin mal gespannt, wie es mit den celtics weiter geht. wenn die big 4 alle fit sind werden die auch nächstes jahr ein erstzunehmender titelanwärter sein. bin mal interessiert, ob die celtics auch nach den enttäuschenden play-offs den einen oder anderen guter veteranen verflichten können