NBA-Saisonrückblick
Fisch oder Fleisch?
Die vergangene Saison war für die Atlanta Hawks eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Die reguläre Saison endete mit einer ernüchternden Bilanz – der schlechtesten seit drei Jahren. In den Playoffs sorgten die Habichte dann aber für positive Schlagzeilen. Stellt sich die Frage: Wie ist das Gesamtprodukt zu bewerten?
Von Joshua Wiedmann |
15.06.2011 | |

Bilanz 2010/11: 44 Siege, 38 Niederlagen (Siegquote: 53,7 Prozent)
3. der Southeast Division; 5. der Eastern Conference; zweite Playoff-Runde
Eigentlich schien es ganz klar: Die Hawks würden keine große Chance haben. Was gab es auch für Anzeichen, die in eine andere Richtung deuteten? In den vergangenen Jahren hatte Atlanta gegen die Orlando Magic stets den Kürzeren gezogen. Die Franchise aus Florida, gegen welche die Habichte in den letztjährigen Playoffs noch mit 0-4 untergegangen waren, war aus Hawks-Sicht der große, schier unbesiegbare Antagonist im Osten. Dass es für Atlanta in der diesjährigen Endrunde arg viel besser laufen würde, schien etwa so wahrscheinlich wie George Bush in einer Entzugsklinik. Denn obendrein hatten die Hawks in der zurückliegenden Hauptrunde mehr Rückschritte als Fortschritte gemacht und neun Siege weniger eingefahren als in der glorreichen Spielzeit 2009/10 (53-29). Nicht wenige der (selbsternannten) Experten prophezeiten deswegen eine weitere 0-4-Schmach für die Truppe aus „Hotlanta“.
Dann kam aber alles ganz anders. Gegen strauchelnde Magic überraschten die Hawks schon in Spiel eins die Öffentlichkeit mit einem klaren 103:93-Erfolg; in den fünf Playoff-Serien zuvor hatte die Franchise aus Georgia insgesamt nur zwei Auswärtserfolge erringen können. Im weiteren Serienverlauf griff die Taktik von Head Coach Larry Drew, Magic-Center Dwight Howard im Post sein Ding machen zu lassen, Howards Teamkollegen aber nicht ins Spiel kommen zu lassen. Mit einem 4-2 ging es in die Zweitrundenserie gegen Chicago. Auch im Duell mit dem besten Team der Hauptrunde schlug sich Atlanta mehr als achtbar: Erneut ließen die Hawks mit einem Auswärtssieg (103:95) zum Serienauftakt aufhorchen. Obgleich die Bulls letztlich zu tief und defensivstark waren, so bedeutete das Ausscheiden nach sechs Partien (2-4) doch einen versöhnlichen Abschluss einer teils beschwerlichen Saison.
Denn im Laufe der Hauptrunde hatte es durchaus Anlass gegeben zu glauben, dass sich die Hawks auf dem absteigenden Ast befänden. Unter Rookie-Coach Larry Drew schien sich der taktische Umschwung nicht in größeren Erfolg auf dem Parkett umzumünzen. Vielmehr erlebte eine Hand voll Hawks-Akteure ihre persönliche Talfahrt: Joe Johnson (Foto) absolvierte im sechsten Jahr in Atlanta seine wahrscheinlich schwächste Spielzeit im Trikot der Habichte und markierte die wenigsten Punkte seit sechs Jahren (18,2 PpG). Der Shooting Guard stellte zum Leidtragen der Hawks-Fan unter Beweis, dass er seinen im Sommer unterzeichneten 124-Millionen-Dollar-Vertrag nicht ansatzweise wert ist.
Grundsätzlich zog sich der Leistungsabsturz wie ein roter Faden durch den Backcourt des Teams. Auch Jamal Crawford – im Vorjahr bester Bankspieler der Liga – musste statistische Einbußen hinnehmen und markierte so wenige Zähler wie seit seinem dritten NBA-Jahr nicht mehr (14,2 PpG). Routinier Mike Bibby blieb dem schleichenden Verfall der letzten Jahre treu, war ein stetiges Risiko für die eigene Defensive und traf auch seine offenen Würfe nicht mehr (41,6% FG). Die Verantwortlichen der Hawks setzten deswegen auch alles daran, Bibby loszuwerden und einen jüngeren Ersatz zu finden, was schließlich mit dem Trade für Kirk Hinrich im Frühjahr gelang.
Zwei positive Entwicklungen im Kader der Hawks müssen allerdings auch betont werden. Al Horfords (Foto oben) Leistungsbarometer verzeichnete auch in dessen viertem NBA-Jahr einen Anstieg: Der 24-jährige Big Man punktete erneut besser als in der Vorsaison (15,3 gegenüber 14,2 PpG), legte defensiv zu und nahm obendrein den Pass zum offenen Mitspieler in sein Repertoire auf (3,5 ApG). Gemeinsam mit Josh Smith bildete Horford einmal mehr eines der aktivsten und vielseitigsten Frontcourt-Duos der Liga.
Nach einer erneut durchwachsenen Hauptrunde zeigte in den Playoffs endlich auch Jeff Teague (Foto) vielversprechende Leistungen. Hatte der Sophomore-Guard in der Serie gegen Orlando insgesamt nur zehn Minuten aufs Feld gedurft, bekam er gegen Chicago seine große Chance: Nach einer Verletzung von Kirk Hinrich stand der 23-Jährige plötzlich in der Startformation, markierte in der Serie durchschnittlich 14,8 Zähler und schlug sich auch gegen MVP Derrick Rose achtbar. „Man sah, dass er das in sich hat, es war nur die Frage, wann er es endlich zeigen konnte“, äußerte Head Coach Drew.
War die Leistung nur ein Strohfeuer oder doch ein Indiz dafür, wie es künftig laufen könnte? Diese Frage stellt sich nicht nur im Hinblick auf Jeff Teague, sondern auch generell für die Hawks. Nach einer heiklen Hauptrunde wusste Atlanta in der Endrunde zu gefallen und auch mit den Schwergewichten im Osten zu konkurrieren. Inwiefern die Hawks ihre Playoff-Leistung ausbauen werden können, hängt auch davon ab, wie die Offseason verläuft. Mit Jamal Crawford wird ein zentrales, aber nicht unumstrittenes Puzzleteil des Teams Free Agent. Schenkt man den Gerüchten der letzten Wochen Glauben, könnten die Zeichen auf Trennung stehen – vielleicht auch ein Grund, weshalb die Hawks bereits in Trade-Gesprächen für Golden States Monta Ellis genannt werden.
Team-MVP: Al Horford (15,3 PpG, 9,3 RpG, 3,5 ApG, 1,0 BpG)
[Alle NBA-Mannschaften im Saisonrückblick]






von Crossover 30.05.2012 um 11:16:00
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