NBA-Saisonrückblick
Die Wiederauferstehung
Auf eine solche Saison warteten die Fans der Chicago Bulls seit 1998. Nach dem letzten Titel und dem Abgang von Michael Jordan, Scottie Pippen und Phil Jackson gab es von grausig bis Mittelmaß alles in Chicago zu sehen, nur konstanten Top-Basketball leider nicht. Das sollte in der Spielzeit 2010/11 anders werden.
Von Christian Guse |
16.06.2011 | |

Bilanz 2010/11: 62 Siege, 20 Niederlagen (Siegquote: 75,6 Prozent)
1. der Central Division; 1. der Eastern Conference; Conference-Finale
Die Fachwelt runzelte die Stirn, als Derrick Rose vor Saisonbeginn davon sprach, dass er doch „MVP sein könne“. Natürlich ist Ehrgeiz immer gut, aber nur die wenigsten räumten den Chicago Bulls eine realistische Chance ein, in der Saison genügend Siege einzufahren, um Derrick Rose in die Position zu bringen, die für den Gewinn der MVP-Trophäe nötig wäre. In etwa 50 Siege waren angepeilt, eine sichere Playoff-Platzierung. Nummer vier im Osten, wenn es gut läuft vielleicht Nummer drei. Aber eigentlich wurden die Miami Heat, Boston Celtics und die Orlando Magic allesamt als stärker eingeschätzt. Es kam alles anders, wie wir heute wissen.
Die Reise der Bulls bis in die Conference Finals 2011 begann im Sommer 2010. Zur wichtigsten Personalentscheidung mutierte die Verpflichtung eines neue Head Coaches. Nachdem Vinny Del Negro nicht sonderlich positiv in Erscheinung getreten war, wurde er durch Tom Thibodeau (Foto links) ersetzt. Und der 53-Jährige konnte seine Vorschlusslorbeeren bestätigen. Als Assistant Coach hatte Thibodeau zuvor vor allen Dingen durch hervorragende Defensivkonzepte in New York, Houston und zuletzt Boston von sich reden gemacht. Zwar gab es berechtigte Zweifel, ob er als Head Coach ebenso erfolgreich die Spieler erreichen würde, aber diese Zweifel wurden wohl ziemlich schnell ausgeräumt. Berechtigterweise endete diese Saison für Tom Thibodeau mit der Auszeichnung zum besten Coach der NBA.
Beim Kampf um die begehrten Free Agents LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh zogen die Bulls bekanntlich den Kürzeren. Dennoch musste der Kader, der mit Derrick Rose, Luol Deng, Joakim Noah, Taj Gibson und James Johnson (im Februar 2011 nach Toronto abgegeben) nur noch fünf Spieler umfasste, irgendwie aufgefüllt werden. So bekamen Carlos Boozer, Kyle Korver, Ronnie Brewer, Keith Bogans, C.J. Watson, Omar Asik, Kurt Thomas und Brian Scalabrine einen Vertrag, um für Chicago aufzulaufen.
Von Beginn an war Thibodeaus Handschrift zu erkennen, obwohl Boozer für die ersten 15 Spiele ausfiel und das Team sich erst einmal kennenlernen musste. Nach 17 Spielen standen neun Siege und acht Niederlagen zu Buche. Doch dann startete der Weg der Bulls an die Spitze. Dabei wurden drei Elemente immer wieder abgerufen: Defensive, der Lauf in der zweiten Hälfte und Derrick Rose.
Um das zu illustrieren, seien einmal ein paar Zahlen eingebracht: Wenn für Chicago die Formation um Ronnie Brewer, Luol Deng, Taj Gibson und Omar Asik sowie entweder Derrick Rose oder C.J. Watson auf dem Feld stand, dann hielt diese den Gegner im Schnitt bei 84,5 Punkten je 100 Ballbesitze. Dieser Wert ist um 22,8 Punkte besser als der Ligaschnitt. Seit 2002/03 hat kein Team eine Formation auf das Parkett geschickt, die das über 100 oder mehr Minuten vollbringen konnte; die beiden Bulls-Lineups taten dies zusammen für 314 Minuten. Soviel zum Thema Verteidigung.
Kommen wir zum zweiten Punkt: Im Durchschnitt erzielte Chicago in der ersten Hälfte 2,7 Punkte mehr als der Gegner, im zweiten Abschnitt waren es dann 4,6 Zähler mehr. Die Punktedifferenz nach der Halbzeitpause allein liegt im statistischen Bereich für eine Mannschaft, die 54 Spiele gewinnt; die Dallas Mavericks hatten beispielsweise im Schnitt in dieser Saison 4,2 Punkte mehr erzielt als der Gegner.
Und zuletzt noch Derrick Rose (Foto): Natürlich waren seine Ziele hoch gesteckt, aber er hat sie erreicht. Für einige mag die MVP-Trophäe an den falschen Spieler gegangen sein, aber es soll noch mal verdeutlicht werden, warum Derrick Rose im historischen Kontext zu Recht die Auszeichnung erhielt. Da wäre natürlich der Teamerfolg zu nennen: die Bulls wiesen mit 62 Siegen bei 20 Niederlagen die beste Bilanz der Liga auf. Dabei war Rose zweifelsfrei der beste Spieler des Teams. Das ist an und für sich eine hinreichende Bedingung.
Das Ganze wurde noch dadurch verstärkt, dass die Bulls so ziemlich alle Experten mit ihrer Stärke überraschten, und dass die Mannschaft eine Abhängigkeit von ihrem Point Guard besaß, die sich durch Mängel im Kader ergaben. Es mangelte über die gesamte Saison hin beispielsweise an einem zweiten Spieler, der mit dem Ball umgehen kann und dazu in der Lage ist, offene Würfe für sich oder andere zu kreieren. Dieser Mangel wurde dem Team schließlich im Conference-Finale gegen die Miami Heat zum Verhängnis, als am Ende von Spiel vier und fünf Derrick Rose einfach die Energie fehlte, um noch effektiv einen Korberfolg zu erzwingen.
In der regulären Saison war es aber primär Rose, der am Ende des Spiels für Zählbares sorgte. Im Schnitt erzielte Rose 35,8 Punkte und 7,3 Assists je 36 Minuten in den sogenannten „Clutch“-Situationen. Kein Spieler in der Liga war an mehr Korberfolgen via Wurf oder Vorlage in engen Spielen beteiligt. Zudem griff er sich noch 7,8 Rebounds auf 36 Minuten gerechnet. Alles in allem sehr beeindruckende Werte, die Rose mit 22 Jahren schließlich zum jüngsten MVP der NBA-Geschichte machen.
So gut die reguläre Saison auch verlief, so ein wenig enttäuschend traten die Bulls in den Playoffs auf. Gegen Indiana in der ersten Runde war von der herausragenden Defensive nicht mehr so viel zu sehen. Dass die Pacers nicht mehr Punkte erzielten, lag eher an deren Unfähigkeit denn an ausgeklügelter Verteidigung Chicagos. Dennoch kam das Team am Ende deutlich mit 4-1 weiter. Gegen Atlanta verloren die Bulls gleich zum Auftakt im heimischen United Center das erste Spiel, was sie etwas mehr unter Druck setzte. Das führte in Spiel zwei und drei dazu, dass endlich wieder die siegbringenden Elemente aus der regulären Spielzeit erkennbar waren. In den letzten beiden Partien der Serie dominierten die Bulls und beendeten das Ganze mit 4-2 auswärts in Atlanta.
Den Schwung aus den letzten beiden Spielen der vorherigen Runde nahm Chicago dann mit in das erste Spiel der Eastern Conference Finals: Die Miami Heat wurden mit 21 Punkten aus der Halle geschossen, und Taj Gibson erfreute die Massen mit zwei krachenden Dunks. Anschließend war die Herrlichkeit jedoch vorbei, und die Heat um LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh konnten die restlichen vier Spiele für sich entscheiden.
Unterm Strich bleiben eine erfolgreiche Saison und die Rückkehr der Chicago Bulls aus dem grauen Mittelmaß an die Spitze der Liga. Neben dem Head Coach des Jahres und dem MVP erhielt auch noch Gar Forman, der General Manager der Bulls, die Auszeichnung als „Executive of the Year“, die er sich mit Pat Riley von den Miami Heat teilen musste. Individuell wurde die Arbeit der Franchise also mit Ehren bedacht, die absolute Krönung mit dem Gewinn des Titels blieb jedoch aus.
Mit Blick auf die Zukunft muss festgehalten werden, dass unbedingt ein neuer Shooting Guard her muss. Keith Bogans mag zwar ein guter Verteidiger sein, aber seine Präsenz brachte die Offensive oftmals zum Stocken. Der besagte „Ballhandler“ wäre eine sinnvolle Ergänzung. Zudem würde eine weitere konstante Option zum Punkten nicht verkehrt sein. Für all das bietet die Free Agency eigentlich genügend Alternativen, sodass die Fans der Bulls mit Sicherheit auf gute Verstärkung hoffen können.
Team-MVP: Brian Scalabrine. Eine Trefferquote von 53 Prozent aus dem Feld und 4.651 Minuten effektives Handtuchwedeln! Ok, der Scherz war lahm, aber bezüglich Scalabrine sollte einmal erwähnt werden, dass der 33-Jährige zum siebten Mal mit einem Team in der zweiten Runde der Playoffs stand, fünf Mal reichte es zum Conference Finale und viermal gar zum Finaleinzug. Einen Championship-Ring erarbeite sich Scalabrine 2008 mit den Boston Celtics zusammen mit Coach Tom Thibodeau. Als Maskottchen taugt Brian Scalabrine auf jeden Fall.
Hier jetzt aber noch der wahre Team-MVP: Derrick Rose (25,0 PpG, 4,1 RpG, 7,7 ApG, 1,0 SpG)






von Hegel 17.06.11 um 06:36:58
Der Scherz am Schluss war alles andere als lahm. Ich find den super!