NBA-Saisonrückblick

Der weise Mann und die zwölf Jünglinge

Nach acht Jahren Abstinenz von einem Head Coaching-Posten kehrte Doug Collins zur Spielzeit 2010/11 an die Seitenlinie zurück. Gleich in seiner ersten Saison führte er die Philadelphia 76ers (Elton Brand, Foto) in die Playoffs. Die Handschrift des erfahrenen Mannes war bei der vornehmlich jungen Truppe deutlich zu lesen.

Von Manuel Baraniak
 25.05.2011 |

Bilanz 2010/11: 41 Siege, 41 Niederlagen (Siegquote: 50 Prozent)
3. der Atlantic Division; 7. der Eastern Conference; erste Playoff-Runde

Noch in der Spielzeit 2002/03 waren die Los Angeles Lakers auf dem Weg zu einer Dynastie um Kobe Bryant und Shaquille O'Neal. Die Mannschaften der Eastern Conference galten, in LeBron James' Sinne, als Frühstück des Westens. Doch die Zeiten ändern sich.

Nur drei der 15 Spieler (Tony Battie, Elton Brand, Antonio Daniels), die am Ende der aktuellen Saison im Kader der Philadelphia 76ers standen, waren damals schon in der NBA aktiv. Das Besondere: Ehe Doug Collins im Herbst 2010 auf dem Coaching-Stuhl der Sixers Platz nahm, war er davor in jener Saison 2002/03 als Head Coach an der Seitenlinie einer Franchise (für die Washington Wizards) gestanden.

In Folge dessen fragte man sich nicht nur in Pennsylvania, inwieweit der 59-Jährige durch seine Zeit als TV-Kommentator über das Spiel nicht nur reden, sondern es noch auch lehren könnte. Dass dies nötig sein würde, verdeutlicht der junge Kader Philadelphias. Die Fragezeichen, auch über Collins' Kopf, wurden nach dem Fehlstart (3-13) nur noch größer. Doch der Übungsleiter schaffte mit seiner Mannschaft die Wende: Die Sixers schlossen die Spielzeit mit einer ausgeglichenen Bilanz auf dem siebten Platz ab und hatten sogar gute Chancen auf dem fünften Rang. Ihre Playoff-Leistung gegen die Miami Heat, gegen die sie in vier der fünf Partien eine zweistellige Führung aufwiesen, lässt nur erahnen, inwieweit sie auch den Boston Celtics und Orlando Magic Probleme bereit hätten.

Ausschlaggebend für die erfolgreiche Saison war unter anderem die achtbeste Verteidigung der Liga (DEF EFF: 102,5 PpG). Imposant sind hierbei die Erfolge in den Erfolgsmonaten Februar und März (18-10) gegen die Spitzenteams aus San Antonio, Boston und Chicago, welche jeweils nicht über 86 Punkte gegen die Sixers-Defensive hinauskamen. Hierbei ist deutlich Collins' Handschrift zu lesen. Auf der Gegenseite brachten die Sixers ihre Offensive gut ins Laufen: Nur fünf Mannschaften zeigten sich bei den Korbvorlagen pro Feldkorb mannschaftsdienlicher; keine Mannschaft verlor prozentual sogar seltener das Leder als Philadelphia (TO-Rate: 21,9) – und das bei einem gerade einmal 20 Jahre jungen Point Guard.

Jrue Holiday (Foto links) startete in allen 82 Partien und machte in seinem zweiten Jahr einen mehr als soliden Schritt nach vorne. In den Playoffs steigerte sich der Aufbauspieler sogar noch einmal im Vergleich zur Hauptrunde. Louis Williams, in der Vorsaison noch 38 Mal Starter, ging wie Thaddeus Young von der Bank aus in die Begegnungen. Das junge Tandem stellte eines der besseren Bankduos der Liga. Dass den Sixers ihre Jugend und sodann Unerfahrenheit doch ab und an zum Verhängnis wurde, verdeutlicht die Tatsache, dass sie 15 Spiele mit einer Differenz von fünf Punkten oder weniger verloren; nur zwei der zehn Partien nach Verlängerung konnten sie für sich entscheiden.

Unerfahren und somit auch inkonstant agierte Rookie Evan Turner. Viele stellten die Entscheidung der Sixers, den Guard im Draft 2010 an zweiter Stelle zu ziehen, in Frage. Und auch wenn er diesem Status in seiner ersten Saison nicht gerecht werden konnte, so machten seine Vorstellungen in Spiel zwei und vier gegen die Heat Mut.

Der äußerst effiziente Jodie Meeks (60% TS) und Neuzugang Spencer Hawes gesellten sich mit ihren soliden Leistungen neben die erfahrenen Elton Brand (Foto oben) und Andre Iguodala sowie Holiday in die Startformation. Brand absolvierte seine beste Saison im Trikot der Sixers und stand mit 81 Partien in einer Spielzeit so oft wie seit sechs Jahren nicht mehr auf dem Parkett. Der 32-jährige Power Forward war der Anführer neben Andre Iguodala.

Mit dem Swingman scheint man in der Stadt der brüderlichen Liebe aber nicht wirklich versöhnlich zu sein. Nach einer Umfrage des Philadelphia Inquirer auf seiner Homepage wünschen sich 70 Prozent, dass der Small Forward die Mannschaft verlässt. Iguodala (Foto links) spielte keine wirklich gute Playoff-Serie und verpasste das offizielle Abschlussgespräch, was die Gerüchteküche um einen Abschied nur aufheizte (derzeit u.a. mit den Utah Jazz und deren drittem Draft-Pick). Zwar ist er immer noch die Vielseitigkeit in Person – er markierte gar in zwei Spielen in Folge ein Triple-Double –, doch ein wirklicher Franchise-Spieler ist er nicht. Eher ein Glue- statt Go-to-Guy. Doch genau ein solcher Führungsspieler, der das Heft offensiv in die Hand nimmt, fehlte Philadelphia oftmals.

Ob Collins einen solchen in der neuen Spielzeit vorfinden wird, ist fraglich. Dennoch werden Veränderungen wohl nicht ausbleiben. Mit Tony Battie, Antonio Daniels, Jason Kapono und Darius Songaila könnten vier Free Agents die Franchise verlassen. Für Spencer Hawes und Thaddeus Young, die damit zu Restricted Free Agents wurden, sowie Jodie Meeks haben die Sixers jeweils ihre Option gezogen. Und so wird es wohl wieder an Collins gelegen sein, seine Philosophie den vermehrt jungen Akteuren zu übermitteln. Interessant ist, dass der Head Coach noch nie länger als drei Jahre als Übungsleiter einer Franchise aktiv war. Doch er versicherte, mittlerweile weiser zu sein und von seinen früheren Fehlern gelernt zu haben. Collins' Schüler werden es sich wünschen.

Team-MVP: Elton Brand (15,0 PpG, 8,3 RpG, 1,1 SpG, 1,3 BpG, 51,2% FG)




Artikel-Funktionen

Bewerte diesen Artikel:
5.00
(5 Bewertungen bisher)
 

Speichere diesen Artikel:


Kommentare

(0 Kommentare bisher)

von Crossover 30.05.2012 um 11:15:19


Bisher wurden keine Kommentare geschrieben.



Du benötigst einen myCrossover-Account um Artikel kommentieren zu können!

 Registrieren oder  Einloggen

 





Du bist nicht eingeloggt. Jetzt bei myCrossover registrieren.
  •  
    Passwort vergessen?