NBA-Saisonrückblick
Boston allein zuhaus
Die Boston Celtics (Rajon Rondo, Foto) waren die einzigen Vertreter der Atlantic Division in den Playoffs und zogen sogar in die NBA Finals ein. Toronto, New York, Philadelphia und New Jersey mussten ihren Urlaub bereits nach der regulären Saison antreten.
Von Jessica Gravina (jgr), Björn Lehmkühler (bl), Nikolaus Raab (nik), Thomas Käckenmeister (tk), Joshua Wiedmann (jw) |
20.06.2010 | |
Boston Celtics (50-32): Das späte Erwachen der alten Herren
(jw). „Don’t ever underestimate the heart of a champion!“ Ein Spruch, den sicherlich jeder schon einmal gehört hat, der sich über einen längeren Zeitraum mit der NBA beschäftigt hat. Rudy Tomjanovich war es, der den Satz 1995 als Head Coach der Houston Rockets spruchreif machte. „Rudy T.“s Rockets hatten nach einer regulären Spielzeit, die Coach wie Team mehr schlecht als recht hatte dastehen lassen, in den Playoffs aufgedreht und überraschend noch die Larry O’Brien Trophy abgestaubt – Houston war damit der „Repeat“ gelungen. Was Tomjanovich damals begreiflich machen wollte: Eine Mannschaft, die in dieser Form schon einmal die Meisterschaft gewonnen hat, darf niemals verfrüht aufs Abstellgleis gestellt werden. Denn kommt der frühere Titelexpress noch einmal ins Rollen, muss sich die Konkurrenz warm anziehen.
In der kürzlich beendeten Saison waren es die Boston Celtics, die in den Augen vieler Experten auf eben jenes Abstellgleis geschoben und dort fürs Erste deponiert gehörten. Denn mit dem Titelrennen würden die Kelten anno 2010 nichts mehr zu tun haben. Zu alt und indisponiert sei Boston, zu jung und dominant die Konkurrenz. Nach nur dem vierten Ost-Rang in der Hauptrunde würde den Celtics in den Playoffs der finale Abgesang blühen. Es würde das Ende für den Titelträger von 2008 und vor allem die „Big Three“ sein.
Weit gefehlt – nein, sehr weit. Mit ebenso großer Vehemenz, wie der Expertenkreis Boston monatelang verbal zerpflückt hatte, vollbrachten die Kelten in der Endrunde 2010 ihre eigene Wiederaufnahme in den Favoritennukleus. Nach einem eindeutigen Erstrundenauftakt gegen die Miami Heat (4-1) war die Zweitrundenserie gegen die Cleveland Cavaliers der erste bemerkenswerte Beweis, dass mit den Celtics definitiv zu rechnen sein würde. Nicht wenige Fachleute hatten Boston im Vorfeld eine schnelle Urlaubsplanung – teils auch mit einem 0-4-Radikalschnitt – prognostiziert. Doch die vermeintlich übertalentierten Cavaliers um LeBron James bissen sich an gesunden und ausgeruhten Kleeblättern die Zähne aus und durften ihrerseits nach sechs Spielen den Gang zum sommerlichen Hochseefischen antreten. Ebenso erging es den hoch gehandelten Orlando Magic anschließend in den Conference Finals. „Ich wusste, dass wir gesund, mit allen Spielern an Bord, eine Chance haben würden“, bekundete Head Coach Doc Rivers.
Denn eben dieses Thema – die Gesundheit der Spieler – war über die ganze Saison hinweg ein leidiges in „Beantown“ gewesen. Von den „Big Three“ hatte neben dem 34-jährigen Kevin Garnett (Foto) auch der sonst so stete Paul Pierce erstmals Abnutzungserscheinung gezeigt. Seine elf verpassten Partien wirken neben den Fehlzeiten des Supporting Casts der Celtics allerdings noch recht annehmbar: Insbesondere Verteidigungsspezialist Tony Allen und Glen Davis (zusammen 56 verpasste Spiele) sowie Swingman Marquis Daniels (31 Partien) weilten teils mehr im Lazarett als dass sie spielten. Die Folge war, dass die geplante Rotation von Doc Rivers immer wieder über den Haufen geworfen wurde. Im Laufe der Saison bereitete der Head Coach seine Schlüsselspieler deshalb frühzeitig auf die Playoffs vor, obgleich die Celtics im Osten auf den vierten Rang zurückfielen. „Augenscheinlich hat das nicht richtig gewirkt, da wir Spiele verloren gaben, aber die Jungs haben sich ausgeruht und regeneriert. Ich war der Ansicht, dass dies die einzige Chance war, die wir hatten“, offenbarte Rivers nach dem Playoff-Lauf.
Und ganz offensichtlich ist die Taktik des Head Coaches aufgegangen. In den Playoffs musste Rivers keine Ausfälle verzeichnen und konnte aus dem Vollen schöpfen. Auch seine Strategie, den alternden Schlüsselspielern vermehrt Pausen zu geben, fruchtete: Besonders Kevin Garnett machte in den Playoffs einen ausgeruhten, fokussierten Eindruck und konnte mit alter Willensstärke zu Werke gehen, wenn ihm auch die Athletik vergangener Tage fehlte. Nicht nur die Offensivqualitäten des „Big Ticket“ (15,0 PpG in den Playoffs), sondern vielmehr auch seine Defensivmentalität und die Erfahrung machten ihn zu einem unersetzlichen Puzzleteil. Gemeinsam mit Paul Pierce, dem einmal mehr die Hauptlast des Punktens zukam (18,8 PpG), und Wurfkünstler Ray Allen (16,1 PpG) feierte Garnett ein Playoff-Revival der großen Drei, die im Zuge der Celtics-Dominanz oftmals an das Trio von 2008 erinnerten.
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| Photo by Keith Allison (License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic) |
Schlussendlich gelang Boston mit der Mischung aus betagten, aber noch fähigen „Big Three“ plus Aufbau-Phänomen Rondo sowie talentierten Rollenspielern der erneute Vorstoß in die Finals. Nur ein Viertel in Spiel sieben trennte die Celtics letztlich von einer weiteren Meisterschaft. Nichtsdestotrotz haben die Kelten in den Playoffs 2010 gezeigt, dass sie als Einheit dem Zahn der Zeit und den aufstrebenden Teams trotzen konnten. Dass sie an den Los Angeles Lakers scheiterten, ist dennoch bitter. Denn ob es für die Celtics, mit einem weiteren Jahr mehr auf dem Buckel, noch einmal für eine solche Endrunde reicht, steht in den Sternen. Zudem wird fast die Hälfte des Kaders (u.a. Ray Allen) zum Free Agent.
Jedenfalls müssen die Verantwortlichen in „Beantown“ dafür sorgen, dass sich die Zepterübergabe langsam vollzieht. Rajon Rondo ist zweifelsohne der zukünftige Star der Cs, aber um in dem kommenden Jahr weiterhin zur NBA-Elite zu gehören, braucht Boston allmählich weitere junge Qualität. Und auch die Frage, ob Erfolgscoach Doc Rivers weitermacht, kann noch nicht eindeutig beantwortet werden. Trotzdem: Unterschätzen wird die alten Hasen aus Boston im jungen, dynamischen NBA-Geschäft keiner mehr.
Team-MVP: Rajon Rondo (13,7 PpG, 4,4 RpG, 9,8 ApG, 2,3 SpG)







von Crossover 12.02.2012 um 09:23:01
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