NBA-Saisonrückblick

Auf stürmischer See

Auch in der Southeast Division stachen mit Orlando, Atlanta, Miami und Charlotte gleich vier Mannschaften in die Playoff-See, während Washington gleich zu Beginn kenterte. Der Blick zum Horizont ist aber für viele ungewiss (Dwyane Wade, Foto).

Von Sebastian Eickhoff (sei), Jonas Falk (jf), Lukas Oldenburg (old), Joshua Wiedmann (jw), Conrad Ziesch (cz)
 10.06.2010 |

Orlando Magic (59-23): Zauber ohne Magie

(sei). Es ist der Moment, in dem sich einer ganzer Katalog an Fragen öffnet: Was ist passiert? Was ist falsch gelaufen? Wer trägt die Verantwortung? Was hätte man anders machen sollen? Fragen, die sich wahrscheinlich zermarternd in den Köpfen der Orlando Magic ausgebreitet haben, nachdem die Franchise aus Florida nach einer erfolgreichen Saison die Segel in den Eastern Conference Finals gegen die Boston Celtics streichen musste. Die Ambition des Teams aus Florida war es, einen Schritt weiter zu gehen im Vergleich zum letzten Jahr. Sprich: Meisterschaft. „Wenn man dieses Ziel hat und alle Voraussetzungen dafür gegeben sind, dann ist es immer eine Enttäuschung, wenn es so endet“, versuchte Head Coach Stan Van Gundy mit zittriger Stimme, seine Sicht in Worte zu fassen.

Im Grunde genommen kann man den Magic kaum Vorwürfe machen, dass sie ihr Saisonziel verpasst haben, schlossen sie doch die reguläre Spielzeit mit der zweitbesten Bilanz der Liga ab und verbuchten ihren dritten Gewinn der Southeast Division in Folge. Nach dem All-Star Wochenende, bei dem Van Gundy zum Coach der Eastern Conference ernannt wurde, klingelten die Magic 30 Siege aus den letzten 35 Spielen zusammen und waren somit das stärkste Team der „Rückrunde“. Die ersten beiden Playoff-Runden gingen eindrucksvoll dominant ohne einzige Niederlage über die Bühne. Betrachtet man allerdings einige individuelle Kritiken, könnte man einige Indizien für das Abschneiden in der Saison 2009/10 finden.

Photo by Keith Allison (License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)
So schmückte Center Dwight Howard (Foto) seine Spielzeit erneut mit dem Titel „Verteidiger des Jahres“ und schaffte es als erster Spieler, die Liga in zwei aufeinander folgenden Jahren in den Kategorien Rebounds (13,2 RpG) und Blocks (2,8 BpG) anzuführen. Auch in der Kategorie Feldwurfquote (61,2% FG) stand Howard ganz oben, nachdem er sein Repertoire an offensiven Bewegungen weiter aufstockte. Schwachpunkte im Spiel des Centers sind zweifellos sein Freiwurfverhalten und die Anfälligkeit, in schnelle Foulprobleme zu geraten. Oftmals ließ sich Howard in provozierende Wrestlingaktionen verwickeln, die das Foulkonto nicht nur schnell füllten, sondern auch des Öfteren mit einem Technischen aufgrund sinnbefreiter Diskussionen mit dem Schiedsrichterkollegium belegt wurden. Mental erlebte der All-Star hingegen einen wahren Reifeprozess. In den Playoffs war es fast nur ihm anzumerken, welche Richtung eingeschlagen werden soll. Nachdem die Magic mit 0-3 gegen Boston mit dem Rücken zur Wand stand, zeigte er in den anschließenden Spielen Facetten, indem er seinem sonst so stets präsenten Grinsen eine ernste Mine und harsche Worte auch gegenüber Teamkollegen weichen ließ. Merzt er seine noch bestehenden Defizite aus, sollte auch „Krypto-Nate“ in Zukunft kein Hindernis für „Superman“ sein. Klar ist jedenfalls: Dwight Howard ist durch diese Saison endgültig zum Mittelpunkt dieser Franchise gereift.

An seiner Seite fand Jameer Nelson (Foto, 12,6 PpG, 5,4 ApG) erst spät zu seiner All-Star-Form zurück. Zu Beginn der Saison schien der Point Guard seiner Form hinterherzulaufen, da er sich nach wie vor mit Knieproblemen herumärgern musste. Nach dem All-Star-Break schaffte er es aber wieder, die an ihn gestellten Aufgaben in ambitionierter Form zu erfüllen. Ähnlich wie Howard nahm diese Entwicklung während der Playoffs noch einmal zu, und so war es Nelson, der die Verantwortung übernahm, als man in Spielen gegen die Charlotte Bobcats oder Atlanta Hawks in Rückstand geriet. In der Serie gegen die Celtics wirkte Nelson jedoch wieder teilweise konsterniert durch seinen Gegenüber Rajon Rondo. Während der Saison erhielt der Aufbauspieler noch Rückhalt von Neuverpflichtung Jason Williams, der die Rolle mit seiner Erfahrung mehr als gut ausfüllte. Im November führte Williams die Magic zu einer 14-4-Serie, während Nelson verletzt aussetzen musste. Zum Showdown hin wurden allerdings seinen Spielminuten reduziert, so dass sein Hilfsakt nur begrenzt stattfand.

Ein weiterer Neuankömmling war Vince Carter (Foto, 16,6 PpG, 3,9 RpG, 3,1 ApG), der sich der Beobachtung stellte, die Rolle des abgewanderte Hedo Turkoglu zu übernehmen. Carter sah sich äußerst motiviert und ordnete sich der Teamarbeit unter. Als „Ballhog“ verschrien musste ihn Stan Van Gundy zwischenzeitlich sogar zur Initiative aufrufen. Der Januar 2010 ging beim Guard als schlechtester Monat seiner Karriere durch, in dem er nur 8,7 Punkte im Schnitt verbuchte. Erst eine 48-Punkte-Vorstellung gegen die New Orleans Hornets Anfang Februar beendeten die Misere, und Carter lieferte solide Leistungen bis zur Endrunde. Seine aktive Präsenz war im Rückblick also weder Verbesserung noch Verschlechterung für das Team; seine Erfahrung hingegen sollte auch in Zukunft im Team Anklang finden.

Die Mannschaft der Orlando Magic war tief besetzt: Rashard Lewis, der an einem Abend wie ein Franchise-Player spielt, an einem anderen hingegen durch fehlende Courage in der Versenkung verschwindet. Mickael Pietrus, dessen Drei-Punktewürfe regnen, aber einen auch wieder auf dem Trockenen stehen lassen können. Matt Barnes, dessen Defensive größtenteils überragend ist; dessen Temperament aber auch mal größer wird und wichtige Dinge aus den Augen verlieren lässt. Oder J.J. Redick, der gezeigt hat, dass er nicht nur ein reiner Schütze ist. Diese und andere Spieler steuerten ihren Anteil zum Erfolg bei und müssen sich auch für das enttäuschende Endresultat verantworten.

Einen Großteil der Verantwortung übernimmt allerdings auch Stan Van Gundy, der nach eigener Aussage alle Puzzleteile zusammen hatte, es allerdings nicht geschafft hat, die Mannschaft richtig zu fokussieren und somit ab sofort nicht mehr unumstritten sein wird. General Manager Otis „I like our team“ Smith ließ schon kurz nach Saisonende verlauten, dass es im Sommer keine drastischen Änderungen am aktuellen Kader geben werde. Mit Barnes, Anthony Johnson und Williams werden auch nur drei Akteure Free Agent; Redick kann mit einer „Qualifying Offer“ für ein weiteres Jahr an das Team gebunden werden. Vielleicht wäre er auch gut beraten, in diesem Jahr Wort zu halten, damit das bestehende Team eine Syntax findet, als Gemeinschaft, die sie über den Saisoverlauf errichtet haben, um den nächsten Schritt zu gehen.

Die Orlando Magic ziehen im Herbst in das neue Amway Center. Eine gute Gelegenheit wieder bei Null anzufangen und erneut anzugreifen, auch wenn nicht alle offenen Fragen beantwortet werden können.

Team-MVP: Dwight Howard (18,3 PpG, 13,2 RpG, 1,8 ApG, 2,8 BpG, 61,2% FG)




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Kommentare

(1 Kommentar bisher)

von Oxymoron 16.06.10 um 15:17:48


Was es in Flordia alles gibt... Vom 1. bis 7. Juli spricht man vom Miami-Wade-County. [sports.espn.go.com]



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