NBA Playoffs

Wertvoller als wertvoll

Das Duell der Miami Heat und Chicago Bulls in den Eastern Conference Finals war auch das Aufeinandertreffen der MVPs der letzten drei Jahre. Während Derrick Rose strauchelte, konnte LeBron James (Foto) überzeugen. Er war hauptverantwortlich für den Finaleinzug Miamis, die nun auf die Dallas Mavericks treffen.

Von Manuel Baraniak
 27.05.2011 |

Eastern Conference Finals:
Chicago Bulls (1) gegen Miami Heat (2) 1-4
(103:82, 75:85, 85:96, 93:101, 80:83)

Da standen sie sich gegenüber: Derrick Rose, der aktuelle MVP der Saison 2010/11, und LeBron James (Foto oben), der die beiden Spielzeiten davor die Trophäe des wertvollsten Spielers der regulären Spielzeit einstreichen konnte. In Spiel fünf, beim Stand von 79:79 und noch 55 Sekunden zu spielen, übernahm erneut James die Verteidigung von Rose, wie schon in der Schlussphase davor sowie in der Crunchtime der vierten Begegnung.

Der Point Guard der Bulls wollte noch einem Double-Team den Pass spielen, James bekam jedoch seine Hände dazwischen und verzeichnte den Ballgewinn. Auf der Gegenseite dribbelte der Heat-Forward isoliert ein wenig die Uhr herunter, ging über seine geliebte linke Seite, stoppte ab und traf den Mitteldistanzwurf über Ronnie Brewer zur 81:79-Führung.

Jene Szene war ein Sinnbild für die Leistungen der beiden wertvollsten Spieler in den Eastern Conference Finals. Während sich Rose vor allem in den Schlussphasen gegen die Verteidigung der Heat schwer tat, nahm auf Seiten Miamis hauptsächlich James das Heft in die Hand. Ob mit der Verteidigung gegen Rose oder in der Offensive, James trug seine Mannschaft auf seinen Schultern.

In Spiel fünf brachte er, zusammen mit Dwyane Wade, mit drei Treffern sowie einem Steal die Heat ins Spiel zurück, was schließlich den Gewinn der Serie bedeutete. In der zweiten Begegnung war der Small Forward für den spielentscheidenden 12:2-Lauf bis zur Schlusssirene verantwortlich, als er neun Zähler markierte. Seine Statistiken über die fünf Partien: 25,8 Punkte (7/18 3FG), 7,8 Rebounds, 6,6 Assists, 2,4 Steals und 1,8 Blocks. Zwar leistete sich James auch 3,6 Ballverluste im Schnitt, seine 32 in Folge verwandelten Freiwürfe sprechen aber von Nervenstärke. In der Vergangenheit wackelte die Wurfhand James' von der Linie ja immer mal wieder.

Einen wackligen Wurf musste man bei Derrick Rose (Foto) konstatieren. Wurfquoten von 35 Prozent aus dem Feld und 23,3 Prozent von der Dreierlinie sind nicht gerade MVP-würdig. Ganze 30 Wurfversuche nahm der Aufbauspieler über die Serie von Downtown; irgendwann hätte sich Rose klar machen müssen, dass sein Wurf von außen nicht fällt, was doch über die gesamte Endrunde schon zutrifft. Ab und an sorgte er durchaus mit unglaublichen Drives und Abschlüssen am Korb für Aufsehen, bei denen er sich auf Grund der „Miami-Wall“ wie in einem Moshpit gefühlt haben muss. So etwas zehrt natürlich an den Kräften.

Hilfe ist wertvoll

Dagegen halten muss man Rose, dass er offensiv meistens nicht die erhoffte Unterstützung erhielt. Luol Deng lieferte eine durchaus solide Serie ab (17,2 PpG, 7,0 RpG, 1,8 SpG, 40,7% 3FG) und musste in durchschnittlich 42-minütiger Einsatzzeit auch viel Energie bei der Verteidigung gegen James aufwenden. Dennoch: Verworfene wichtige Freiwürfe oder Ballverluste in der Schlussphase sind einzig Rose anzukreiden.

Carlos Boozer präsentierte sich offensiv mit je einem Double-Double in der dritten sowie vierten Partie stark, darüber hinaus konnte der Power Forward Rose aber nicht entlasten. Und auch wenn er offensiv besser agierte als zuvor, so war Boozer in der Defensive eine Schwachstelle, die die Bank um Taj Gibson und Omer Asik ausgleichen musste. Letztgenannter verletzte sich aber in dritten Partie und war in den letzten beiden Spielen kein Faktor mehr bzw. kam nicht mehr zum Einsatz.

Auch wenn die Bulls oftmals gut mit den Heat mithielten – nach den ersten fünf Vierteln der Serie hätte man noch den Eindruck gewinnen können, die Bulls würden unter anderem durch ihre Rebound-Überlegenheit die Serie dominieren –, so schwach präsentierten sie sich letztlich in den Schlussphasen. Offensiv ohne großes Konzept, kann man hier auch Kritik an Head Coach Tom Thibodeau üben. Wenn der designierte Scharfschütze Kyle Korver dann auch nur vier seiner 13 Drei-Punkte-Versuche über die Serie verwandelt (CHI: 31,3% 3FG), ist ein Spacing schwer.

Auf der Gegenseite schwächelte auch bei den Heat die designierte zweite Option: Dwyane Wade hatte des Öfteren mit seinem Wurfrhyhtmus zu kämpfen (40,5% FG; 20,0% 3FG) und konnte nicht an seine bisherigen Postseason-Leistungen anknüpfen. Dennoch fand man den Shooting Guard kämpfend immer wieder in Zuschauer- oder Photographenreihen. Für Wade übernahm Chris Bosh (Foto) in der Offensive, der mit überragenden Wurfquoten (60% FG; 91,4% FT) immerhin zwei 30-Punkte-Spiele (seine ersten in dieser Endrunde) markierte und auch weiterhin am Abwaschen seines Soft-Stempels arbeitet. Wie Bosh im Nachhinein zugab, motivierte ihn auch die Aussage Boozers, die Heat bestünden einzig aus zwei Superstars.

Bosh mimte zusammen mit Starting-Center Joel Anthony die Grundpfeiler der defensiven Wand Miamis, die das Bulls-Team bei einer Feldwurfquote von 39 Prozent hielt. Vor allem wenn es drauf ankam, war für Head Coach Erik Spoelstra darauf Verlass. Den Bulls-Sieg in Spiel eins ausgenommen, kamen die Bulls in den Schlussvierteln der restlichen Begegnungen nur noch schwer zum Abschluss. Anthony machte über die Serie mit insgesamt 15 Blocks von sich reden.

45 Millionen Dollar hatten die Heat in der Offseason in Mike Miller und Udonis Haslem (Foto) investiert; es dauerte einige Zeit, bis Spoelstra auf diese beiden Akteure bauen konnte. Eine Formation von James, Wade, Miller, Bosh und Haslem hatte sich Pat Riley bei der Zusammenstellung des Kaders im Sommer erhofft; diese Fünf waren dann in den letzten beiden Partien in der Crunchtime auf dem Feld. Haslem war dabei der emotionale Energielieferant in der zweiten Partie, als er in der zweiten Hälfte aufdrehte; Miller war mit seinen neun Zählern im Schlussabschnitt für den Erfolg in Spiel vier mitverantwortlich.

Und so hat Spoelstra seine Rotation endlich gefunden. Noch in den ersten beiden Begegnungen sorgte er mit der Entscheidung, Jamaal Magloire zu aktivieren, für Stirnrunzeln. Sowohl Erick Dampier als auch Zydrunas Ilgauskas standen nicht im Kader. Zwar durfte Letzter fortan wieder ein Trikot überstreifen, aber nur zum aufwärmen, als Spoelstra auf eine Acht-Mann-Rotation setzte (mit den Point Guards Mike Bibby und Mario Chalmers), die so wohl auch in den Finals die meisten Minuten sehen wird.

Neuauflage von 2006

Während die Heat also seit Kurzem in Haslem auf einen Langzeitverletzten zurückgreifen können, dürfte auf Seiten Dallas' ein Einsatz von Caron Butler eher unwahrscheinlich sein, ausgeschlossen ist er aber noch nicht. Auf Grund seiner Athletik und seines Scorings wäre er aber ein wichtiger Impuls, vergegenwärtigt man sich die derzeitigen Wurfquoten eines Peja Stojakovic oder DeShawn Stevenson. Vor allem Ersterer muss zu seinem Wurf zurückfinden, um ein Faktor zu sein. Mit James und Wade in Reihen der Heat ist er in der Defensive nämlich eine klare Schwachstelle.

Defensive, das ist eine klare Stärke der Heat, die im Gegensatz zu den Texanern mit keiner wirklich mannschaftsdienlichen und ansehnlich, in Form von herausgespielter, Offensive überzeugen können. Ob Dirk Nowitzki weiterhin so effizient punkten kann, wird für Dallas enorm wichtig sein. Mit Anthony, Bosh, Haslem und durchaus auch James wird er sich mit unterschiedlichen Verteidigungstypen auseinandersetzen müssen. Noch wichtiger wird aber sein, dass Nowitzki offensiv Unterstützung bekommt, sodass die Heat auch gezwungen werden, den Perimeter zu verteidigen.

Unter anderem Jason Terry (Foto) wird hierbei wichtig sein. Der Shooting Guard, der zusammen mit Nowitzki sowie bei Miami mit Wade und Haslem (Dampier stand damals in Diensten Dallas') schon 2006 in den Finals stand, war nicht nur vom Endrundeneinzug schon vor der Saison überzeugt. Als die Mavs im Oktober 2010 von Stevenson in dessen Haus in Orlando eingeladen wurden und dieser seinen persönlichen Tätowierer mit dabei hatte, ließ sich Terry ein Bild der Larry O'Brien Trophy unter die Haut des rechten Oberarms stechen. Terry erinnert sich: „Jeder lachte, und sie dachten damals, dass sei ein Scherz. Als sie dann schließlich sahen, wie ich es mir stechen ließ, dachten sie wohl, „der Typ meint es ernst“. Und unsere ganzen Gespräche handelten über den jetzigen Zeitpunkt, dass wir an diesen Punkt gelangen und [die Meisterschaft] gewinnen.“




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von Crossover 30.05.2012 um 11:14:28


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