NBA Playoffs

Bullen triumphieren über Habichte

Die Chicago Bulls wurden erneut ihrer Favoritenrolle gerecht und stehen nach einem 4-2 über die Atlanta Hawks im Conference-Finale. Doch erneut wussten die Habichte auch zu überraschen. Dabei kam es zwischen Derrick Rose (Foto) und Jeff Teague zu einem interessanten Duell der Point Guards.

Von Manuel Baraniak
 14.05.2011 |

Eastern Conference Semifinals:
Chicago Bulls (1) gegen Atlanta Hawks (5) 4-2
(95:103, 86:73, 99:82, 88:100, 95:83, 93:73)

Zwei reservierte Plätze im Sitzplatzbereich 300 des United Center blieben zur Auftaktbegegnung der Chicago Bulls gegen die Atlanta Hawks leer. Dies war wenig überraschend, da die Plätze für Jameer Nelson bestimmt waren, der mit den Orlando Magic gegen die Hawks in der ersten Runde ausgeschieden war. Nachdem der Point Guard nach dem regulären Saisonspiel der Magic gegen die Bulls am 10. April Derrick Rose bei dessen Interview versprochen hatte, man werde sich in der zweiten Playoff-Runde wieder sehen, wollte der Pressesprecher der Hawks, Arthur Triche, sichergehen, dass Nelson den Bulls-Aufbauspieler im Conference-Halbfinale auch wirklich würde sehen können.

Für die Hawks war jenes Unterschätzen Nelsons gegenüber den Kontrahenten ein Motivationsgrund, den Atlanta zunächst auch in die Serie mit Chicago mit hinüber nehmen konnte. Denn schon jene Auftaktbegegnung konnten die Hawks überraschend für sich entscheiden. Dabei schienen die Vorzeichen für Hawks-Coach Larry Drew alles andere als positiv, da Kirk Hinrich mit einer Knieverletzung die komplette Serie verpassen würde. Und gerade der ehemalige Bulls-Guard schien prädestiniert dafür, dem MVP Rose das Leben so schwer wie möglich zu machen.

Damit war die Zeit für Reservist Jeff Teague (Foto links) gekommen, der in der Erstrundenserie ganze zwölf Minuten auf dem Parkett stand. Zwar gelang es ihm nicht, Rose defensiv zu stoppen – wer kann das schon? –, doch immerhin beschäftigte Teague Rose in der Offensive. Phasenweise war es sogar Teague, der mit seiner Schnelligkeit, seinen Drives und Floatern eher wie Derrick Rose aussah als der MVP selbst. Dreimal markiert Teague 21 Zähler; eine Handgelenksverletzung bremste den Sophomore in Spiel sechs aber aus.

Sah es zunächst noch danach aus, dass Rose (Foto oben) seine schwachen Wurfquoten aus der Serie gegen die Indiana Pacers mit in das Duell mit Atlanta nehmen sollte, zeigte sich Rose ab Spiel drei, mit Ausnahme der Niederlage, treffsicherer. In fünf der insgesamt sechs Partien sollte der Point Guard ein Double-Double aufweisen. Wenn es bei ihm beim Abschluss nicht so klappte, fand er also seine Mannschaftskollegen. In der einzigen Partie ohne zweistelligen Assist-Wert kam Rose auf eine neue persönliche Bestleistung von 44 Zählern.

Die Punktelast auf Seiten Atlantas sollte vornehmlich das Duo um Joe Johnson (Foto) und Jamal Crawford schultern. Während beide im Auftaktsieg daran auch anknüpfen konnten, hatte vor allem Atlantas Sixth Man Crawford in der Folgezeit mit der (Wurf-) Konstanz Probleme. Wie abhängig die Hawks von den Beiden und deren Sprungwürfen sind, zeigt folgende Statistik: Bei den beiden Erfolgen trafen die Guards jeweils mehr als 57 Prozent aus dem Feld sowie aus der Distanz; bei den vier Niederlagen verwandelte das Duo nur 33 Prozent aus dem Feld und 18 Prozent von „Downtown“.

Dies ist neben einer manchmal etwas fragwürdigen Wurfauswahl, aus Isolationen heraus entstehend, auch auf die Verteidigung Chicagos zurückzuführen. Nachdem sich die Serie in den ersten vier Spielen ausgeglichen gestaltete, war in den letzten Partien wieder jene Defensive zu sehen, die Chicago in der regulären Spielzeit so stark machte.

Stark war auch die Bank um Taj Gibson, Omer Asik – die beiden Big Men standen beispielsweise in der Crunchtime von Spiel fünf auf dem Feld – und Kyle Korver, die jeweils zu bestimmten Zeitpunkten Impulse setzen konnten. Die Hawks dagegen setzten größtenteils auf eine Sieben-Mann-Rotation, sodass Johnson, Teague, Josh Smith und Al Horford über 38 Minuten im Schnitt abspulen mussten.

Auch wenn die Habichte nun in den Urlaub fliegen müssen und sich zu Jameer Nelson gesellen könnten, in Georgia kann man auf eine erfolgreiche Endrunde zurückblicken, die vor allem mit dem Coming-Out von Teague die Zukunft rosiger erscheinen lässt. Zuletzt konnte eine Hawks-Mannschaft 1994 zwei Siege in einem Conference-Halbfinale einfahren, dazwischen lagen acht weitere Playoff-Teilnahmen. Viel stärker schwimmen natürlich die Bulls derzeit auf einer Erfolgswelle. Ein Einzug in das Conference-Finale war zuletzt in der Ära Michael Jordans geglückt.

Im Duell der besten Mannschaften des Ostens zwischen Chicago und den Miami Heat kommt es nun also zum Aufeinandertreffen der beiden Franchises mit der besten Bilanz nach der regulären Spielzeit, wobei die Bulls den Heimvorteil genießen. Auch wenn Chicago alle drei Begegnungen der Hauptrunde für sich gewinnen konnte, sollte das nicht als Gradmesser dienen. Wenn überhaupt, dann, dass alle drei Partien mit nicht mehr als vier Zähler entschieden wurden und somit eine enge Serien auf die Fans warten sollte. Für die Heat war das Zweitrundenduell mit den Boston Celtics eine gute Aufwärmphase – bzw. das Dinner, wenn man LeBron James’ Metaphorik fortsetzen würde – für die Spiele mit den Chicago Bulls. Schließlich hatte die Franchise aus Illinois während der regulären Spielzeit die effizienteste Verteidigung der Liga, noch vor den Celtics.

Was man auf Seiten Chicagos von Rose und Luol Deng (zweite Option, Verteidigung gegen James) erwarten kann, haben die Playoffs gezeigt. Dies gilt auch für die beiden Topstars in Reihen Miamis, James und Dwyane Wade. Insofern wird vor allem das Duell zwischen den Power Forwards Chris Bosh und Carlos Boozer (Foto) ein wichtiger Faktor werden, der den Ausgang der Serie entscheiden könnte, wobei sich defensiv wohl Joakim Noah um den Heat-Forward kümmern sollte. Sowohl Bosh, vielmehr aber Boozer, konnten in der bisherigen Endrunde nicht gerade mit Konstanz glänzen. Für den Bulls-Forward mag auch seine Zehenverletzung ausschlaggebend sein. Doch wenn Boozer meint, „wir haben unseren Höhepunkt noch nicht erreicht“, dann gilt das auch für ihn. Seine bisher beste Playoff-Leistung zeigte Boozer im letzten Spiel gegen die Hawks (23 Pkt, 10 Reb, 5 Ast).

Wenn er diese Vorstellung mit in die Miami-Serie nehmen und somit das interne Duell der Vierer für sich entscheiden kann, und die Bulls konstant mit ihrer Verteidigung die Offensive Miamis ins Stocken bringen könnten, stehen die Karten Chicagos sehr gut, in die NBA Finals einzuziehen. Und wer weiß, vielleicht würden dann, wie beim letzten Duell in der regulären Saison, auch wieder Tränen in der Kabine Miamis fließen.




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von Crossover 30.05.2012 um 11:11:45


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