NBA Playoffs

Auf wackligen Beinen

Was zunächst wie eine klare Pflichtübung für die Boston Celtics aussah, entwickelte sich dank dem hartnäckigen Widerstand der Atlanta Hawks plötzlich zum Kampf Davids gegen Goliath.

Von Nikolaus Raab
 05.05.2008 |

Boston Celtics gegen Atlanta Hawks (4-3)
(104:81, 96:77, 93:102, 92:97, 110:85, 100:103, 99:65)

Es versprach eine der langweiligsten Serien der diesjährigen Playoffs zu werden. Die erstplatzierten Boston Celtics trafen auf die jungen und unerfahrenen Atlanta Hawks, die sich mit einer negativen Bilanz von 37 Siegen und 45 Niederlagen den letzten Playoff-Platz im Osten gekrallt hatten. Dagegen waren die Celtics in der regulären Saison dominant mit 66 Siegen durch die Liga gefegt. Die Erwartungen an Atlanta waren äußerst bescheiden. Wenn sie ein einziges Spiel der Serie gewinnen könnten, wäre dies schon ein Achtungserfolg für das aufstrebende Team von Coach Mike Woodson. Von den Celtics dagegen erwartet in diesem Jahr niemand weniger als den Titel.

In Spiel eins lief noch alles nach Plan für die Boston Celtics. Mit 104:81 fegten sie die Atlanta Hawks vom Parkett. Es war die erste Playoff-Partie der Celtics seit drei Jahren. Ihre drei Superstars lieferten allesamt eine solide Leistung ab. Ray Allen wurde mit 18 Punkten zum besten Schützen. Kevin Garnett (Foto, 10 Rebounds) und Paul Pierce folgten mit 16 Zählern. Auffällig war das gute Spiel von Rajon Rondo (15 Punkte, 9 Assists). Gegen die Routine der großen Drei in Grün hatten die Hawks keine Chance. Lediglich Al Horford (20 Punkte, 10 Rebounds) und Joe Johnson (19 Punkte) hielten ihnen im Angriff entgegen. Jedoch fanden nur drei von 14 Dreipunktewürfen ihr Ziel, während Boston von außen für 27 Punkte (56,3% 3FG) verwandeln konnte.

In der zweiten Begegnung schienen sich die Erwartungen zu bestätigen. Auch diesmal fand Atlanta weder den gegnerischen Korb (38,3% FG), noch ein Mittel, die Celtics an ihrem 96:77-Sieg zu hindern. Unter den Hawks begann sich Frustration breit zu machen, die sich in harten Fouls und bösen Sprüchen Luft machte. Mike Bibby hatte dabei schon im Vorfeld der Begegnung den Vogel abgeschossen und die Fans in Boston als ?Bandwagon Jumpers" beschimpft, was diese ihm nun mit Buhrufen und hämischen Sprechchören dankten, sobald er auch nur den Ball berührte.

Siegessicher reisten die Celtics nach Atlanta. Die Fans der Hawks hatten schon seit Mai 1999 kein Playoff-Spiel in ihrer Stadt erleben dürfen. Dafür hatten sie umso mehr Freude am 102:93-Sieg der Hawks. Die Überraschung gelang vor allem dank der starken Leistung von Josh Smith (27 Punkte, 9 Rebounds, 6 Assists), der mit seinen Dunk-Einlagen an die großen Zeiten von Dominique Wilkins erinnerte. Dabei bekam er tatkräftige Unterstützung von Al Horford (17 Punkte, 14 Rebounds, 6 Assists) und Joe Johnson (23 Punkte). Die gesamte Startaufstellung punktete zweistellig. Diesmal gelang auch das Zusammenspiel. Die Hawks verteilten insgesamt 28 Vorlagen. Im der vorigen Partie gelangen ihnen müde zehn Assists.

Nach dem 97:92-Sieg der Hawks in Spiel vier hatte sich die Serie beim Stand von 2-2 in eine kleine Sensation verwandelt. Kaum jemand hätte zu Beginn der Playoffs erwartet, dass die Celtics mehr als eine Partie an Atlanta abgeben würden. In der Saison hatten die Hawks schließlich kein einziges Spiel gegen Boston gewinnen können. Diesmal war es Joe Johnson (Foto), der den Celtics das Genick brach. 20 seiner 35 Punkte erzielte er allein im entscheidenden vierten Viertel. Dazu stellte Josh Smith einen neuen Playoff-Rekord in der Verteidigung der Hawks auf und blockte stolze sieben Würfe. Angesichts der Verbissenheit Atlantas lagen die Nerven auf beiden Seiten blank. Am deutlichsten kam dies in einer Szene zwischen Zaza Pachulia und Kevin Garnett (20 Punkte, 9 Rebounds, 6 Steals) zum Ausdruck, in der sich die beiden nach einem Ellenbogen von Garnett ?Stirn an Stirn" begegneten.

In Spiel fünf sollte sich die Stimmung erneut verfinstern, nachdem Kevin Garnett (20 Punkte, 5 Rebounds, 7 Assists) vor der Halbzeit einem harten Foul Al Horfords (14 Punkte, 10 Rebounds, 5 Assists) zum Opfer fiel. Im dritten Viertel ließen Garnett und Joe Johnson (21 Punkte) dann ihrem Frust freien Lauf, was beiden ein technisches Foul einbrachte. Kurz vor Spielende revanchierte sich dann Ray Allen (19 Punkte) mit einem harten Foul an Horford, was wiederum Josh Smith und Atlantas Coach Mike Woodson aus der Fassung brachte und ihnen ebenfalls jeweils ein technisches Foul bescherte. Am Ende ließen sich die Celtics diesmal jedoch nicht aus dem Konzept bringen und sicherten sich den wichtigen 110:85-Sieg vor heimischem Publikum.

Trotzdem mussten die Celtics ein weiteres Mal nach Atlanta reisen. Bisher hatte keine der beiden Mannschaften ein Auswärtsspiel gewinnen können. Am Ende des Abends sollte sich daran nichts geändert haben. Das Spiel blieb bis in die Schlusssekunden spannend. Eine Minute vor Ende der Partie traf Joe Johnson (15 Punkte) einen wichtigen Dreier für die Hawks. Es war der einzige für Atlanta in der Begegnung. Wenig später antwortete James Posey mit einem Dreier und brachte die Celtics 48 Sekunden vor Ende der Begegnung auf 98:100 heran. Nur sieben Sekunden vor Schluss stand es schließlich 100:103 für Boston. Rajon Rondo versemmelte jedoch seine Chance auf einen weiteren Dreier, um das Spiel in die Verlängerung zu schicken. Insgesamt punkteten sechs Spieler der Hawks zweistellig, wobei Marvin Williams (18 Punkte) trotz angeschlagenem Knie der beste Schütze wurde. Auf Seiten der Celtics konnten die guten Leistungen von Kevin Garnett (22 Punkte, 7 Rebounds, 6 Assists), Paul Pierce (17 Punkte, 6 Assists) und Ray Allen (20 Punkte, 6 Rebounds) nicht verhindern, das die Serie in ein entscheidendes Spiel sieben gehen würde.

Zurück in Boston zeigten die Celtics dann endlich, warum sie das beste Team der regulären Saison waren. Mit 99:65 fegten sie die Atlanta Hawks förmlich aus der Halle; allen voran Kevin Garnett (18 Punkte, 11 Rebounds) und Paul Pierce (Foto, 22 Punkte, 8 Rebounds) hatten ihren Anteil. Center Kendrick Perkins kam auf starke fünf Blocks und ein Double-Double (10 Punkte, 10 Rebounds). Den Hawks dagegen schien nach ihrem beeindruckenden Kampf der letzten Spiele die Puste auszugehen. Nach Ende der ersten Halbzeit blickten sie auf gerade mal 26 Punkte und ließen sich von den Celtics bei einer Trefferquote von 29,3 Prozent aus dem Feld halten. Ihr bester Schütze blieb Joe Johnson mit 12 Punkten. Einziger weiterer Spieler, der zweistellig punkten konnte, war Salim Stoudamire (10 Punkte), was ihm allerdings nur gelang, da die Startaufstellung der Hawks fast das gesamte vierte Viertel auf der Bank verbrachte. Auch an diesem Abend wurde hart gefoult. Diesmal traf es Rajon Rondo (10 Punkte, 6 Assists), der ausgerechnet seinem Freund Marvin Williams zum Opfer fiel, als dieser einen Aussetzer hatte und Rondos Zug zum Korb mit seinem Unterarm beendete.

Gegen Ende der Partie bemühten sich Kevin Garnett und seine Mannen sichtlich, sich den Albtraum einer möglichen Erstrunden-Pleite aus den Gliedern zu schütteln. Dennoch wurde man den Eindruck nicht los, dass unter all dem Gepose und Geschrei ein leises Aufatmen durch den Boston Garden ging, einer der größten Pleiten der Playoff-Geschichte noch einmal entgangen zu sein. Nun blickt man bei den Celtics nach vorn, denn dort warten bereits die Cleveland Cavaliers mit ihrem Superstar LeBron James; und der wird sich die Wackelpartie der letzten zwei Wochen sicher genau angesehen haben.




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Kommentare

(2 Kommentare bisher)

von Quassy 06.05.08 um 21:36:27


Wohl ueberraschendste, wenn nicht die einzige ueberraschende Serie der ersten Runde...

"Nur sieben Sekunden vor Schluss stand es schließlich 100:103 für Boston." Sollte wohl eher für Atlanta heissen... Macht mehr Sinn :)



von Sokratix 06.05.08 um 23:42:30


Hieße es dann nicht eher 103:100? für Atlanta ;-)



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