NBA 2k12

Zwischen Dynastien und Ären

Die Chicago Bulls der 90er Jahre sind eine Dynastie, die Miami Heat wollen gerne eine werden. Beim Vergleich der beiden Mannschaften ergeben sich Parallelen, doch bestehen eben Unterschiede bei den Erfolgen. Mit NBA 2k12 lässt sich ein solches Duell nun nachspielen.

Von Manuel Baraniak
 08.10.2011 |

[Anzeige] Das Wort „Dynastie“ wird im Profisport gemeinhin inflationär gebraucht. Womöglich ist dies dem Bedürfnis einer „Super-Mannschaft“ geschuldet, die man sich während seines Interesses für eine Sportart wünscht, um sagen zu können, man habe die Dynastie einer beliebigen Mannschaft hautnah miterlebt.

In Wahrheit hat es in der NBA nur wenige Dynastien gegeben, vielmehr einige Ären. Das Wort „Ära“ eignet sich schon besser für die Umschreibung einiger Mannschaften, da sie nicht unbedingt mit großen Erfolgen gleichbedeutend ist, sondern auch Misserfolge einschließen kann. Eine Ära umfasst im Grunde einfach eine bestimmte Zeit, die in der NBA beispielsweise bezüglich einer bestimmten Franchise von bestimmten Spielern und deren Leistungen einzugrenzen ist.

Eine Bedingung für eine Dynastie sind selbstverständlich Meisterschaften, und dies während möglichst vieler aufeinanderfolgender Jahre. Zumeist handelt es sich also um einen gleichbleibenden, nur punktuell verstärkten Kader. Dieser sollte wiederum von einer klar strukturierten Hierarchie durchsetzt sein, welche eine klare Rollenverteilung von Franchise-Spieler, Co-Star, X-Faktoren und Bankspieler einschließt.

Die Chicago Bulls der 90er Jahre können zweifelsohne als eine solche Dynastie beschrieben werden. Zwei „Threepeats“, nur vom Ausflug Michael Jordans zum Baseball unterbrochen, sollten Beweis genug sein. Die Miami Heat von 2010/11 haben interessante Anlagen und könnten von ihrem Spielermaterial einer solchen Dynastie theoretisch nahe kommen, doch sind sie davon praktisch noch weit entfernt.


Chicago Bulls 1995/96

Wurden beim letzten Artikel und dem Vergleich zweier Teams, deren Duelle mitsamt ihrer Legenden bei NBA 2k12 nachzuspielen sind, die Boston Celtics anno 1986 als eines der besten Teams der NBA-Geschichte beschrieben, so müssen in diesem Zusammenhang auch die Chicago Bulls von 1995/96 genannt werden. Schon allein durch ihre Bilanz nach der regulären Saison, bedeuten die 72 Siege (bei zehn Niederlagen) doch ein Rekord, der noch viele Jahre zu bestehen scheint.

Die von Phil Jackson gecoachte Truppe lag sowohl bei der offensiven als auch der defensiven Effizienz auf dem ersten Rang und schlug ihre Gegner durchschnittlich mit einer Differenz von 12,3 Zählern. Es war das erste Mal, dass drei Spieler eines Teams (Michael Jordan, Scottie Pippen, Dennis Rodman) ins NBA All-Defensive First Team gewählt wurden. Vom 27. November 1995 bis 2. Februar 1996 waren die Bullen in 31 ihrer 32 Partien nicht zu bändigen. Nur einmal während der Hauptrunde musste Chicago eine zweistellige Schlappe hinnehmen; in den Finals passierte das beim 4-2 gegen die Seattle Supersonics zwei weitere Male. Nichtsdestotrotz war dieser Erfolg der Auftakt zum zweiten „Threepeat“ unter Jordan, Jackson und Co. und damit nicht nur die Fortsetzung einer Ära, sondern der Anbeginn einer Dynastie.

Backcourt

Ron Harper (PG, 1,98 Meter, Karriere: 13,8 PpG, 4,3 RpG, 3,9 ApG, 1,7 ApG)

Betrachtet man Ron Harpers NBA-Laufbahn, scheint man zwei Spieler ausfindig machen zu können. Zum einen den Combo-Guard, der in seinen ersten acht Jahren in der Liga, bei den Cleveland Cavaliers und Los Angeles Clippers, als Scorer auf sich aufmerksam machte und 19,3 Punkte pro Partie markierte. Zum anderen den Aufbauspieler, der sich bei den Chicago Bulls in den Dienst der Mannschaft stellte und als Ballverteiler und Verteidiger agierte.

So auch in der Spielzeit 1995/96, seinem zweiten Jahr in Chicago, wo er zunächst nach dem ersten Rücktritt von Michael Jordan zusammen mit B.J. Armstrong den Backcourt der Zukunft bilden sollte. Nach Jordans Rückkehr und B.J. Armstrongs Abgang zur damals neuen Franchise in Toronto fand sich Harper in der zuvor beschriebenen Rolle wieder. Nimmt man seinen (fehlenden) Distanzwurf beiseite, war Harper ein solider Jumpshooter. Sein Wert von 46,7 Prozent aus dem Feld in der Spielzeit 1995/96 war seine beste Wurfquote seit sechs Jahren.

Michael Jordan (SG, 1,98 Meter, 30,1 PpG, 6,2 RpG, 5,3 ApG, 2,3 SpG, 14x All-Star)

Über Michael Jordans Platz im Basketballolymp müssen wohl nicht mehr viele Worte verloren werden. Auch bei Crossover wurde sein Werdegang zum größten Basketballer ausführlich dokumentiert. Dass so große Basketballer wie Clyde Drexler mit den Blazers, Karl Malone und John Stockton mit den Jazz, Patrick Ewing mit den Knicks oder Charles Barkley mit den Suns ohne Meisterschaftsring an den Fingern ihre Sneaker an den Nagel hängen mussten, ist auch Jordans Ausnahmestellung geschuldet. Während Jordans Zeit war der zweite Platz vielleicht gar nicht mit dem Status als erster Verlierer gleichzusetzen, er war schon auf Grund der Zementierung Jordans als nicht zu schlagender NBA-Star als Erfolg anzurechnen.

Dass dem aber nicht immer so ist, hatte Jordan in der vorherigen Saison 1994/95 anerkennen müssen, als er vom Baseballexil für die letzten 17 regulären Saisonspiele zurückgekehrt war und mit den Bulls eine Zweitrundenniederlage gegen die Orlando Magic hinnehmen musste. Die Saison 1995/96 markierte also die erste volle Spielzeit Jordans seit drei Jahren. Doch seine NBA-Abstinenz war dem Shooting Guard kaum anzumerken: Seine durchschnittlich 30,4 Punkte bedeuteten den besten Wert nach seinem Baseball-Ausflug. Seine Wurfquote von „Downtown“ von 42,7 Prozent sind der beste Wert (nimmt man die 17 Spiele von 1995 außen vor) seiner Karriere. Schon im Eröffnungsspiel hieß „MJ“ die Fans mit 42 Punkten willkommen; in der letzten Partie des Eastern Conference Finals gegen die Magic erzielte Jordan 45 Punkte. Nach der Finalserie gegen die Sonics erhält Jordan erneut die MVP-Auszeichnung. Und so schließt sich der Kreis jener rekordträchtigen Saison.

Frontcourt

Scottie Pippen (SF, 2,03 Meter, 16,1 PpG, 6,4 RpG, 5,2 ApG, 2,0 SpG, 7x All-Star)


Scottie Pippen gilt als einer der 50 besten Spieler aller Zeiten, und spielte dennoch immer die zweite Geige hinter Michael Jordan. Vielleicht mag der Small Forward aber gerade das perfekte Komplementär zu Jordan gewesen sein. Mit seiner Vielseitigkeit und seiner exzellenten Defensive – Pippen wurde acht Mal in Folge ins NBA All-Defensive First Team gewählt – gab er zusammen mit Jordan den wahrscheinlich besten und erfolgreichsten One-Two-Punch der Geschichte. Wie gut Pippen als Franchise-Spieler hätte sein können, darüber mag man sich den Kopf zerbrechen können. Die Jordan-lose Zeit von 1993 bis 1995 mag hierfür aber als Beispiel dienen.

Auch wenn er 1993/94 bei den Punkten, Rebounds und Steals Karriere-Werte aufgelegt haben mag, über das Conference-Halbfinale ging es nicht hinaus. In Spiel drei gegen die New York Knicks in den Playoffs 1994 schien die Entscheidung Phil Jacksons, den letzten Spielzug über Toni Kukoc auszuführen, an der Ehre Pippens zu kratzen, sodass dieser nach der Auszeit nicht auf das Parkett zurückkehren wollte. Vielleicht war Pippen als Co-Star doch am besten aufgehoben.

Diese Rolle konnte der Swingman endgültig wieder in der Spielzeit 1995/96 ausfüllen, in der Pippen ein statistisch komplettes Paket inklusive einer Dreier-Quote von 37,4 Prozent (Career-High; fünf Versuche von „Downtown“ pro Spiel) ablieferte. Bei drei Spielen der Finalserie gegen die Sonics war Pippen der zweitbeste Scorer; in den Partien drei und vier schrammte der Small Forward nur knapp am Triple-Double vorbei.



Dennis Rodman (PF, 1,98 Meter, 7,3 PpG, 13,1 RpG, 1,8 ApG, 2x All-Star)

Zusammen mit Charles Barkley war Dennis Rodman eine Ausnahmeerscheinung der Liga. Beide überschreiten die Zwei-Meter-Grenze nicht, doch dominierten mit Einsatzwillen die Bretter. Vor allem Rodman muss als einer, wenn nicht der beste Rebounder der NBA-Geschichte angesehen werden. In sechs aufeinander folgenden Jahren führte Rodman die Liga bei den Rebounds an; sein bester Wert datiert aus der Saison 1991/92 (18,7 RpG). Ansonsten war Rodmans Wert für seine Teams kaum im Statistikbogen zu finden. Der extravagante Forward war ein zäher Verteidiger, der zweimal die Auszeichnung des „NBA Defensive Player of the Year“ einstreichen konnte und vor keiner Auseinandersetzung mit Gegenspielern, Schiedsrichtern oder Wrestlern zurücksteckte. In den Kopf des Kontrahenten zu gelangen, vollbrachte „the Worm“ immer wieder.

In der Saison 1995/96 gab Rodman sein Debüt für die Chicago Bulls, als er von den San Antonio Spurs für Will Perdue nach Chicago transferiert worden war. Trotz anfänglicher Wadenprobleme verbuchte der damals 34-Jährige in elf Partien 20 Rebounds oder mehr. Im Januar 1996 gelang Rodman sogar ein Triple-Double. In der Finalserie gegen die Sonics bewies Rodman seinen Wert für die Bulls, als er den Finals-Rekord von Elvin Hayes von elf Offensiv-Rebounds zweimal einstellen konnte.

Luc Longley (C, 2,18 Meter, 7,2 PpG, 4,9 RpG, 1,5 ApG, 1,0 BpG)

Während Harper oder Rodman bereits als fertige Spieler zu den Bulls gewechselt waren, von denen man wusste, was man bekam, reifte Luc Longley in der „Windy City“ erst noch richtig. Sicherlich profitierte er enorm von seinen großartigen Mitspielern. Und so war Longley für die Bulls ein Rollenspieler, der auf der Center-Position als Blocksteller, aber auch Passgeber (was sein Assist-Wert über seine Karriere nicht verdeutlichen mag) fungierte.

In der Saison 1995/96, seinem zweiten Jahr in Chicago, stand der erste Australier immerhin acht Minuten länger auf dem Parkett als noch in der Spielzeit davor. Der Center traf mit 48,2 Prozent vom Feld nur einmal während seiner Karriere besser. Dass auf ihn in der Offensive bei Bedarf Verlass ist, bewies Longley in der Finalserie, als er fünf Mal zweistellig gepunktet hatte; in Spiel vier legte er gar 19 Zähler auf.

Bank

Toni Kukoc schien schon in seiner Rookie-Saison 1993/94 Bulls-Besitzer Jerry Krause derart beeindruckt zu haben, dass dieser mit einem Trade von Scottie Pippen (für Shawn Kemp) liebäugelte, um Kukoc den Weg in die Startformation frei zu machen. Letztendlich sollte es aber nicht so weit kommen und Kukoc weiter den Edelreservisten in Chicago mimen.

Durch seine in Europa gemachte Erfahrung war der Kroate bereits ein fertiger Spieler, der das gesamte Offensivpaket zu schnüren wusste. In der Spielzeit 1995/96 stellte der damals 27-Jährige einen Karrierebestwert beim Player Efficiency Rating auf und traf gut 40 Prozent seiner Distanzwürfe. Nach Ende der Hauptrunde wurde Kukoc zum besten sechsten Mann auserkoren.

So treffsicher Kukoc aus der Distanz auch war, die größte Waffe von „Downtown“ war in Chicago Steve Kerr. In jener Saison markierte der Shooting Guard gar eine „50/ 50/ 90“-Saison (50,6% FG; 51,9% 3FG; 92,9% FT); keinem anderen NBA-Akteur ist dies je gelungen. Ein Jahr später traf Kerr den entscheidenden Wurf zur Meisterschaft.

Longleys Backup war Bill Wennington, der den Bulls eine ordentliche Verteidigung und den ein oder anderen offenen Sprungwurf gab. Komplettiert wurde der Kader von Dickey Simpkins, Jud Buechler, John Salley, Randy Brown, James Edwards und Jason Caffey.

1 | 2   weiter
Teil 1: Zwischen Dynastien und Ären
Teil 2: Miami Heat 2010/11, Bulls vs Heat



Artikel-Funktionen

Bewerte diesen Artikel:
5.00
(1 Bewertung bisher)
 

Speichere diesen Artikel:


Kommentare

(8 Kommentare bisher)

von Odin 08.10.11 um 12:07:19


Clyde the Glide ohne Ring?!? *hust* 1995 *hust*



von oxymoron (x-over) 08.10.11 um 12:16:18


Da hast du natürlich recht, danke.

Gemeint war seine Zeit in Portland; zudem ging es in jenem Abschnitt um die Zeit, in der Jordan aktiv war (nimmt man seine späte Rückkehr 1995 außen vor).



von Raquel 08.10.11 um 16:45:06


Dieser scheiß Lockout. Mal abgesehen von dem verändertem Gameplay kann ich auch NBA 2k11 reinschmeißen. Für die ganzen Legenden bin ich eh zu jung und finde das daher eher als eine schöne Nebensache als ein super Modus an...

Kader sind genauso wie bei 2k11, mal abgesehen von Ricky Rubio. Yay...

Und nur gefühlte 15 Free Agents. Die ganzen vertragslosen Spieler sind noch bei ihren alten Teams (außer Peja).

So richtiges NBA-Feeling kommt leider nicht auf. Schade, denn das Spiel ist eig echt gut..



von Suck My Diktiergerät 08.10.11 um 19:03:47


gibt doch rosterupdates die du dir manuell laden kannst, oder?!



von Hurricane 08.10.11 um 19:54:17


Bei 2k11 sollte das der fall gewesen sein, denke bei bei 2k12 ist es nicht anders ^^



von Raquel 08.10.11 um 23:01:34


Ja, hab ich auch sofort geguckt, aber keine gefunden. Und die offiziellen Kader (inkl. Rookies) werden halt erst aktualisiert, wenn der Lockout vorbei ist.

@hurricane: das ist der Punkt. Dann kann ich auch 2k11 zocken... ;)



von Hurricane 09.10.11 um 13:39:23


@Raquel, unteranderem aus dem Grund werde ich auch erst wieder 2k13 zocken. Weil in einem Jahr verändert sich das spiel Prinzip nicht, bzw keine schwerwiegenen erneuerungen.



von lb1 17.10.11 um 16:10:09


das mit den kadern ist echt eine entäuschung... und der nächste schock für mich waren diesmal die absolut irrsinnigen trades die die cputeams unter sich machen...

irgendwie macht so das spielen keinen spass...



Du benötigst einen myCrossover-Account um Artikel kommentieren zu können!

 Registrieren oder  Einloggen

 





Du bist nicht eingeloggt. Jetzt bei myCrossover registrieren.
  •  
    Passwort vergessen?