Medien
Showtime ohne Ende
So fragwürdig Imagepflege und Heldenverehrung in der NBA oft wirken, sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Basketballwelt und außerdem nur allzu menschlich.
Von Thomas Käckenmeister, Nikolaus Raab |
11.05.2008 | |
Der Artikel "Gefallene Helden", in dem das Buch "Dead Women Tell no Tales" von Patrick Graber, dem ehemaligen Bodyguard Kobe Bryants, besprochen wird, ist für den eingefleischten Sportsfreund zugegebenermaßen schwer verdauliche Kost. Aber liegt das nicht an den Medien, die für Images verantwortlich zeichnen und das Licht häufig nur auf eine, ihren Vorstellungen entsprechende Facette richten?
Image ist die halbe Miete
Ein Kommentar von Nikolaus Raab
Die Spieler selbst profitieren natürlich ungemein vom Hype um ihre Person. Wie wichtig ihr Image für ihre Karriere ist, kann man jedes Jahr beim Draft beobachten. Schon beim Eintritt in die Liga wird sehr genau hingeschaut, welches der Nachwuchstalente tatsächlich die hohen Erwartungen erfüllen kann, die man an sie stellt. Da als Bewertungsgrundlage lediglich College-Statistiken und im ungünstigsten Fall Highschool-Spiele dienen, kann es schnell passieren, dass der Wert eines Spielers durch den Stempel ?weich? oder ?verletzungsanfällig? auf Talfahrt geht. Sind die Rookies jedoch erst einmal in der NBA angekommen, können sie natürlich durch ihre Leistung auf dem Feld zu überzeugen versuchen.
Doch auch weniger begabte Spieler können sich über ihr Image Nischen in der Liga verschaffen. Ein Bruce Bowen oder ein Raja Bell zum Beispiel leben davon, so genannte ?Spezialisten? zu sein. Ihre Verteidigung gilt als besonders herausragend und bringt ihnen lukrative Verträge mit Mannschaften ein, die sich ihr ?Tough Guy?-Image einiges kosten lassen. Das erklärt auch die Verbissenheit, mit der solche Spieler zu Werke gehen. Ein ?versehentlicher? Tritt ins Gesicht des Gegners oder ein Unterarm in den laufenden Mann bringen vielleicht die eine oder andere Strafe der Liga ein, dem eigenen Marktwert sind sie eher hilfreich. Manche ?Spezialisten? neigen dabei zur Selbstüberschätzung. Anderson Varejao gilt als reiner Rebounder. Zu Beginn der Saison setzte er trotzdem alles auf eine Karte und pokerte mit den Cleveland Cavaliers um seinen neuen Vertrag, wie es sonst nur die Stars einer Mannschaft wagen. Der Erfolg gab ihm Recht.
Was für die Spieler gilt, das gilt genauso für die Coaches. Mike D?Antoni beispielsweise eilt der Ruf voraus, offensiv orientiert zu sein. Ein Jeff Van Gundy dagegen nimmt die Defensive so ernst, dass er dafür in seiner New Yorker Zeit auch die eigene Punkteausbeute opferte. Andere Anzugträger tragen das Label ?Player's Coach?, ?Zen-Meister? oder ?Spieß?. Gregg Popovich gilt zum Beispiel als ziemlich harter Hund auf der Bank. Die General Manager der Liga schauen sehr genau hin, welches Image mögliche Kandidaten für die Coaching-Position präsentieren, denn die Persönlichkeit des Klemmbrettschwingers kann den Charakter einer Mannschaft entscheidend prägen. Natürlich sind sie dabei vor Missgriffen nicht gefeit. Larry Brown pflegt gerne seinen Ruf als ?Lehrer? für junge Spieler. Aus diesem Grund hat er vermutlich auch gerade ein Engagement bei den Charlotte Bobcats erhalten. Dabei sah die Realität in seinen letzten Teams ganz anders aus. Brown strafte Rookies in der Regel mit Nichtachtung und suchte eher nach Möglichkeiten, sie für erfahrene Spieler zu verschachern, als ihr Talent zu fördern.
Besonders wertvoll ist jedoch das Bild der Liga bei den Fans. Dabei geht es nicht nur um Leistungen auf dem Feld. Die Stars der NBA werden zu perfekten Vorzeigeathleten stilisiert. Dafür wird auch ihre Persönlichkeit abseits des Feldes gern medienwirksam in Szene gesetzt. So erfährt man gerade auf nba.com Details über LeBron James als Familienpapa oder die dramatische Geschichte Derek Fishers und seiner schwerkranken Tochter. Die Liga selbst poliert hier kräftig ihr Image. Und das wird abgestimmt auf den durchschnittlichen Zuschauer. Der ist in der Mehrzahl weiß und wohlhabend genug, um sich Ticket und Snacks für einen Familienabend in der Basketballarena leisten zu können. Dabei wirken sich Berichte von Prügeleien mit dem Publikum oder ?Gangsta?-Attitüden einiger Spieler natürlich negativ auf die Zuschauerquoten aus. Die Einführung des Dresscodes für NBA-Spieler war ebenso ein Versuch, am Saubermann-Image der Liga zu basteln.
Dass der Star selbst zur Marke wird, ist unvermeidlich und unverzichtbar. Wie sehr er vom Kult um die eigene Person abhängig ist, zeigt die Karriere Kobe Bryants besonders deutlich. Noch vor ein paar Jahren drohte er zur Persona non grata der NBA zu werden. Im Angesicht einer möglichen Verurteilung vor Gericht wegen Vergewaltigung sprangen seine Werbepartner reihenweise von ihm ab. Mit einem Ruf als Ehebrecher und Gewaltmensch lassen sich nun mal keine Schuhe oder Cornflakes verkaufen. Als Bryant jedoch glimpflich aus dem Verfahren entkommen konnte und seine Leistungen auf dem Feld an sein großes Vorbild Michael Jordan erinnerten, da kamen auch die Sponsoren wieder. Zudem bemühte sich der gebeutelte Star nach Kräften, seine Reue für das moralische Vergehen an seiner Ehefrau öffentlich zu demonstrieren. Die Betonung seiner familienfreundlichen Seite und religiösen Grundsätze waren ihm dabei einen vier Millionen-Dollar-Ring und einige brave Tätowierungen wert. Heute ist er der MVP der Liga und springt in Internet-Clips über fahrende Luxusautos. Ohne sein neues Image wäre beides undenkbar.
Letztlich ist es unser Wunschdenken als Zuschauer, das diese ?Übermenschen? fordert. Fasziniert von den Heldentaten der Spieler auf dem Feld wollen wir sie auch im wahren Leben als Idole erleben. Gelingt es ihnen nicht, dieses Image zu bedienen, dann reden wir uns über sie den Mund fusselig oder lassen sie fallen wie eine heiße Kartoffel. In dieser Hinsicht sind wir eben oft nur allzu menschlich.
Die Maske der Medien
Kommentar von Thomas Käckenmeister
Die Medien werden häufig als Machtinstrument angesehen. Sie erzeugen Eindrücke bestimmter Inhalte, die der Betrachter gern wahrzunehmen bereit ist. Persönlichkeiten im Sport bilden in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Die mit Worten gezeichneten Bilder, die von den Ereignissen, Situationen und Personen der Öffentlichkeit zum Einzelnen getragen werden, sind nichts weiter als ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Die Medien können nicht alles abbilden; sie müssen auswählen, welche Inhalte sie aufbereiten, sie müssen die Wahrnehmung auf bestimmte Bereiche fokussieren, wie jeder andere Mensch im alltäglichen Leben auch. So wie nicht jeder alles wissen kann, ist es bei der medialen Berichterstattung ebenso ummöglich, alle Feinheiten ohne offen bleibende Fragen zu beschreiben.
Medien kontrollieren demnach auf bestimmte Art und Weise. Sie manipulieren die Dinge, die wir nicht mit eigenen Augen sehen. Sie filtern und servieren uns die Inhalte, die wir glauben sollen. Aus diesem Zusammenhang ist auch der Superstar-Wahn in der NBA nicht auszuklammern. Schattenseiten werden häufig verschleiert. Sie werden im Nebel der Popularität erstickt. Das Licht, das auf die Helden, die das Produkt Basketball auf so scheinbar perfektem Wege präsentieren und verkaufen sollen, ist so hell, dass die Schatten häufig überblendet werden.
Dabei ist der Sport nur ein Bereich, in dem der Charakter eines Menschen zum Ausdruck kommt. Ehrgeiz, Wille, Glaube, Einsatz, Kraft - all diese sichtbaren Eigenschaften, die dem Betrachter auf dem Spielfeld bewusst werden, formen das Image des Protagonisten. Es ist ein Bild, das sich in unser Hirn einbrennt. Meinungen ändern sich, aber der häufig zitierte "erste Eindruck" ist ausschlaggebend für Rechtfertigungen und Diskussionen, wenn es um die Fragestellung geht, ob der angehimmelte Star wirklich der Engel ist, der von der Medienlandschaft mit deren gewollten Flügeln bedacht wurde.
Das Sprichwort "Niemand ist perfekt" bringt es hierbei auf den Punkt: Der über Fernsehen, Internet oder Fotos vermittelte Eindruck ist nur ein Ausschnitt des großen Ganzen. Wie es bei Briefen oft schwierig ist, zwischen den Zeilen zu lesen und die Absicht des Empfängers richtig zu deuten, kann auch die Körpersprache meist nur Interpretationen hervor rufen. Denn wie hoch ist der Show-Anteil in der Zirkusliga NBA wirklich? Wieviel Schauspieler steckt in den Hochglanz-Stars von heute? Die angeblich so perfekt inszenierte Maske ist nur eine einseitige, die die Profisportler jedes Mal aufsetzen, wenn sie ihren Auftritt in der Öffentlichkeit haben.
Doch wie in einem Theater gibt es auch im Show- und Sport-Geschäft eine Bühne, nämlich dort, wo die Images für die lechzenden Zuschauer von den Reportern erzeugt werden. Abseits des öffentlichen Rampenlichts wünschen sich die Berühmtheiten auch mal eine Auszeit. Sie wollen der Mensch hinter Maske sein. Da Menschen aber nicht so perfekt sind wie die für die Öffentlichkeit erzeugten Image-Träger, die sie selbst ja verkörpern, sind Fehler unvermeidbar. Eben weil sie in der Natur jedes Einzelnen liegen. Genauso offensichtlich ist es, Schwächen zu verbergen und misslungene Taten mit bestimmten Mitteln zu kaschieren. Die "Leichen im Keller" werden totgeschwiegen; niemand soll davon etwas erfahren. Das Image könnte unheilbaren Schaden davon tragen. Deshalb wird nur die Schokoladenseite in die Kameras gezeigt.
Der Fall Kobe Bryant kann hierfür als Beispiel herhalten. Erst aufsteigender Star, dann Vorwürfe wegen teaminterner Machtkämpfe (mit Ex-Laker Shaquille O'Neal) und angeblicher Vergewaltigung und schließlich die mühsame, zweifelsfrei mithilfe der Medien geschehenen, Wiederherstellung eines kratzfesten Images, das kürzlich mit der MVP-Trophäe seine Krönung erhielt. Die Öffentlichkeit kann nur selten hinter die Kulissen schauen, sie muss das glauben, was auf der Bühne vorgeführt wird.



von Kevin Garnett 11.05.08 um 11:41:50
Sauber Leute! Besonders der zweite Teil des Artikels gefällt mir ausgezeichnet.
Das diesjährige Playoff "Motto" - "There can be only one" - würde auch gut zur Beschreibung/Erläuterung des gebastelten Heldenmythus passen. Macht weiter so Jungs
von Clodewich 11.05.08 um 12:11:59
Kompliment. Die Kommentare sind eine sehr gute Ergänzung zum Artikel davor.
Ich würde mir auch manchmal wünschen, dass mehr über die Schattenseiten der Glitzerwelt NBA berichtet würde. Die Themen Doping, Rassismus oder Homosexualität werden von der Liga noch immer totgeschwiegen. In den Medien finden sie meist nur am Rande Erwähnung. Schade.
von bushmesser 11.05.08 um 13:33:39
was ist den bitte an Homosexualität eine Schattenseite??
Meinst du, dass die schwulen Spieler eventuell "gedisst" bzw. nicht respektiert werden?
von Clodewich 11.05.08 um 20:09:01
Ich meine den Umgang mit der Thematik. Es ist ja wohl klar, dass es auch in der NBA homosexuelle Spieler geben wird. Outen wird sich aber so schnell keiner. Da ist der Druck der Kollegen und der Öffentlichkeit noch immer zu groß.
von Cabalios 11.05.08 um 23:36:17
gab doch schon n outing
von Kevin Garnett 12.05.08 um 00:24:40
@bushmesser: Glaubst du dass schwule Spieler von anderen NBA Spielern ernsthaft respektiert werden?
Stell dir vor Kobe hätte sich vor 2 Monaten geoutet, denkst du er wäre Regular Season MVP?
von Kevin Garnett 12.05.08 um 00:25:24
...er wäre zum Regular Season MVP gewählt worden, meinte ich
von Clodewich 12.05.08 um 08:32:48
Bis jetzt hat sich nur John Amaechi geoutet - und der hat längst nicht mehr in der Liga gespielt
von Blackhawk 12.05.08 um 19:11:09
ein schwuler nba spieler hätte es in der nba oder in jeder anderen profiliga so unendlich schwer: Alleine die fans würden einen doch nur auswärts dizzen, kein triko würde mehr gekauft werden und die gegenspieler würden einen richtig fertig machen.....
von xax 13.05.08 um 11:26:24
Guter Artikel!!!
"Fasziniert von den Heldentaten der Spieler auf dem Feld wollen wir sie auch im wahren Leben als Idole erleben. Gelingt es ihnen nicht, dieses Image zu bedienen, dann reden wir uns über sie den Mund fusselig oder lassen sie fallen wie eine heiße Kartoffel."
Dem widerspreche ich, gerade Spieler wie Iverson, Rodman, Artest die NICHT das Saubermann-Image pflegen stehen in der Gunst der Fans ganz oben.
Mir persönlich ist ein Stephen Jackson, der sich mal assi -aber eben auch ehrlich- verhält, sympathischer und wirkt "realer" als ein strohlinienförmiger Profi wie Tim Duncan.
Und ich denke für mich ist ein Anthony, Artest oder Jackson der seine Meinung vertritt -auch wenn sie evt. "falsch" ist- mehr Vorbild als ein Profi der nur darauf achtet "politische korrekte" Aussagen zu tätigen um mehr Sponsoren abzugreifen.
von Sokratix 13.05.08 um 12:06:21
@xax: Da hast Du Recht. Auch ein Negativ-Image kann unter Umständen Erfolg haben.
von Pete Air 15.05.08 um 18:58:44
Wenn sich einer Outen würde, dann würde Stern schnell den homosexuellen verbieten in der NBA zu spielen. Schadet ja alles dem Image. Genauso wie mit den weiten Klamotten, Head Bands etc. Der typ is schon crazy.