Los Angeles Lakers
Ein Brown-es Wunder in L.A.
Von Manuel Baraniak |
26.05.2011 | |

Von 65 Jahren, elf Meisterschaftsringen und einer Head Coaching-Erfahrung von 20 Spielzeiten zu 41 Jahren, null Titeln und fünf Saisons an der Seitenlinie als Head Coach. Mit Mike Brown (Foto oben) wird ab der kommenden Saison ein ganz anderes Kaliber die Geschicke der Los Angeles Lakers leiten als dies zuletzt Phil Jackson getan hat, was einige Fragen in Kalifornien aufzuwerfen scheint.
Als zuletzt die Liste der Kandidaten auf den ehemaligen Übungsleiter der Cleveland Cavaliers, dem bisherigen Assistant Coach Brian Shaw und Rick Adelman beschränkt war, gestaltete sich meine persönliche Favoritenliste in umgekehrter Reihenfolge. Ich muss zugeben, was mir als erstes bei Brown in den Sinn kam, ist eine eher ideenlose Offensive in Schlussphasen, in der der Coach bei Auszeiten einfach „LeBron James, all the way“ auf das Taktikbrett zu schrieben schien.
Doch wer ist eigentlich Mike Brown?
Auch wenn sein Alter von 41 Jahren anderes vermuten mag, so ganz unerfahren ist Brown doch nicht. Bereits mit 27 Jahren stieg er in der NBA als Assistant Coach bei den Washington Wizards ein. In den Folgejahren lernte er unter Gregg Popovich (San Antonio Spurs) und Rick Carlisle (Indiana Pacers). Bei den Pacers war Brown für die Defensive zuständig. Dabei gewann Ron Artest (Foto) zu jener Zeit den Titel des besten Verteidigers (2003/04), und die Franchise hatte eine der besten Verteidigungen der Liga. Mit 61 Saisonsiegen ging es für die Pacers bis in die Conference Finals. Big Man Jermaine O'Neal, damals mit noch nicht so lädierten Knien wie heute, war der defensive Anker in der Zone. Laut Assistant Coach Chuck Person hat man dies auch mit Andrew Bynum vor.
Es zeigt also, dass die Verpflichtung Browns vor allem defensive Beweggründe zu haben scheint. In seiner zweiten Saison als Oberhaupt in Ohio installierte Brown die vierteffizienteste Verteidigung der Liga (Vorsaison: Platz 14); in seiner vierten Spielzeit waren die Cavs das drittbeste Defensiv-Team. In jener Saison samt 66 regulären Saisonsiegen wurde Brown zum besten Head Coach des Jahres gewählt. Dabei gelten Akteure wie Drew Gooden, Zydrunas Ilgauskas, Sasha Pavlovic oder Maurice Williams nicht gerade als Kettenhunde in der Verteidigung.
Doch Verteidigung ist nunmal das Spezialgebiet Browns. Eine offizielle Person der NBA, die nicht genannt werden wollte, schlägt mit seiner Meinung der Intention der Lakers in die gleiche Richtung: „Was er nicht ist, ist ein Politiker und ein Psychologe. Vielleicht ist es das, was sie [die Lakers] angezogen hat. Sie wollten weg von der Triangle. Sie sind weit weg vom Phil-Model gegangen. Ich denke, sie versuchen ihren eigenen Thibodeau [Head Coach der Chicago Bulls] zu finden, und das ist auch das Ding heutzutage: Defense, Defense, Defense.“
Während man also annehmen darf, dass die Verteidigung sich nicht so löchrig wie beispielsweise in der Zweitrundenserie gegen die Dallas Mavericks präsentieren wird, werden die Veränderungen in der Offensive wohl am spannendsten zu beobachten sein. Etwa ein Jahrzehnt wurde die Triangle in Los Angeles von Phil Jackson (Foto) gepredigt. Und auch wenn sich in mir ein Eindruck von Planlosigkeit im Offensivschemata Browns verfestigt hat, so lohnt sich ein Blick auf die Zahlen:
In seinen letzten beiden Jahren als Cavs-Coach wies die Mannschaft immerhin die viert- respektive sechsteffizienteste Offensive auf. Und vergleicht man den Supporting Cast von LeBron James (Maurice Williams, Shaquille O'Neal, Antawn Jamison, Zydrunas Ilgauskas, Delonte West) mit dem eines Kobe Bryant (Pau Gasol, Andrew Bynum, Lamar Odom) – Veränderungen im Kader erst einmal außer Acht gelassen –, so zeigt sich, dass Brown in Los Angeles mehr Waffen zur Verfügung haben wird. Die Schere zwischen James und seinen Mitspielern ist größer als die von Bryant zu seinen Mannschaftskameraden, sodass man verstehen kann, warum die Offensive oftmals in James' Hände gelegt wurde.
Wie wird man in LA-LA-Land auf die Verpflichtung reagieren?
Dass die Lakers das Schicksal der Franchise nun in Mike Browns Hände gelegt haben, scheint von vielen erst einmal auf Unverständnis zu stoßen. Es liegt zum einen auch auf der Hand, dass ein Nachfolger von Groß- und Zenmeister Phil Jackson in Fußstapfen treten wird, die gar nicht zu füllen sind. Alleine diese Tatsache scheint es Brown nicht leicht zu machen.
Leicht wird Brown es im Markt Los Angeles sicherlich nicht haben. Der Anspruch der Lakers mit diesem Kader ist es, Meisterschaften zu gewinnen. Nicht mehr und nicht weniger. Dass es die Cavs letztlich nicht auf den NBA-Thron trotz eines Königs geschafft haben, wird oftmals auch Brown angekreidet. Doch in Hollywood wird er seitens der Medien viel größerem Druck ausgesetzt sein als im Städtchen Cleveland, Ohio. Eine Personae Phil Jackson weiß damit nicht nur umzugehen, er versteht es auch mit den Medien zu spielen; ein 41-jähriger Mike Brown wird solche medialen Feinheiten erst noch lernen müssen.
Genauso, wie er es lernen muss, einen Star wie Kobe Bryant zu handhaben. Für gewöhnlich hat der All-Time Laker viel mitzureden, wenn es um die Transaktionen der Lakers geht. Im Falle Brown war nun zu lesen, dass Bryant erst kein Kommentar abgeben wolle, dann überrascht über die Entscheidung des Managements gewesen und letztlich einverstanden sei und viel Respekt für Brown aufbringe.
Dass sich die Meinungen Bryants auf einem solchen schmalen Grat zu bewegen scheinen, ist erst einmal kein gutes Zeichen. Von seinem Franchise-Spieler möchte man bei einer Änderung der wichtigen Head Coaching-Personalie sicherlich anderes hören. Ein 32-jähriger Superstar lässt sich von einem 41-jährigen Head Coach nicht so leicht etwas sagen wie von einer Coaching-Legende wie Jackson. Sicherlich, die interne Lösung mit Brian Shaw (Foto) hätte auch einen, vermeintlich, unerfahrenen 45-jährigen Coach an die Seitenlinie gebracht bzw. wäre Shaw nur wenige Plätze aufgerückt. Wie T.J. Simers von der Los Angeles Times jedoch verdeutlicht, wäre gerade Shaw für Bryant wohl mit die beste Option gewesen: „Er ist mit Bryant zusammen, seitdem Bryant ein Kind gewesen ist. Und nach allem, was man von jenen, die nahe der Lakers sind, hört, haben einzig Shaw und [Derek] Fisher das, was man braucht, um mit Bryants wahnsinnigem Verlangen, zu gewinnen, was es auch koste, umzugehen.“ Inwieweit wird das Mike Brown gelingen?
Wie geht es weiter?
Bei der Komplettierung des Coaching-Stabes um Brown steht bei einigen Journalisten und Bloggern ein Mann, der sich explizit um die Offensive kümmert, im Vordergrund. Dahingehend ist auch zu lesen, warum nicht Shaw weiter als Assistant Coach tätig sein sollte, um beispielsweise die Triangle laufen zu lassen. Doch das erscheint eher abwegig. Zum einen mag die Verpflichtung Browns ein klares Argument (v.a. von Jim Buss) für die Abkehr jenes Offensivsystems zu sein; zum anderen wird Shaw kaum unter Brown dienen und eher, wie schon Kurt Rambis, als Head Coach sodann woanders Erfahrung sammeln wollen, beispielsweise bei den Golden State Warriors.
Einen renommierten Coach scheint Brown dabei schon in Ausblick zu haben: Ettore Messina (Foto). Zuletzt leitete dieser noch die Geschicke von Real Madrid. Im exklusiven Crossover-Interview aus dem letzten Jahr verriet Messina bezüglich eines konkreten Angebots aus der nordamerikanischen Profiliga: „Wenn die Gelegenheit kommt, werde ich sie wahrscheinlich ergreifen, denn es wäre eine unglaubliche Herausforderung.“ Eine Entscheidung des Italieners steht noch aus, doch es wäre eine interessante Lösung auf Grund Messinas doch starker Persönlichkeit. Mike Brown hat in den vergangenen Jahren in der Offseason immer wieder Messina besucht und zwei, drei Wochen in Italien verbracht. Eine italienische Vergangenheit – schon einmal eine Gemeinsamkeit zwischen Brown und Bryant.
Ob die beiden auch auf einer größeren Wellenlänge liegen, wird die Zeit zeigen. Auch wenn ich mich persönlich mit der Personalie Brown noch nicht wirklich anfreunden kann, auch nach dem Ende dieser Zeilen, so muss man als Lakers-Fan vielleicht doch erst noch ganz die vergangene verkorkste Saison samt dem Abschied Jacksons verdauen, abwarten welche Assistant Coaches Brown an seiner Seite weiß und welche Spieler im Kader der neuen Spielzeit stehen werden, um wirklich festzuhalten, ein Brown-es Wunder erlebt zu haben.






von Oxymoron 31.05.11 um 21:31:05
Nachdem John Kuester nicht zu den Detroit Pistons zurückkehren wird, scheint er ein Kandidat für den Posten des Assistant Coaches zu sein. Genau wie Michael Malone, derzeitiger Top-Assistant bei den New Orleans Hornets. Mike Brown arbeitete mit beiden schon in Cleveland zusammen. Dabei war Kuester für die Offensive zuständig.
von oxymoron (x-over) 05.06.11 um 17:16:02
Und Ettorne Messina scheint zugesagt zu haben, eine beratende Funktion Brown gegenüber einzunehmen: [hoopsworld.com]
von Oxymoron 05.07.11 um 13:36:00
Nach John Kuester haben die Lakers nun auch Chuck Person und Quin Snyder als Assistant Coaches verpflichtet.
Person hatte mit Mike Brown schon zu gemeinsamen Pacers-Zeiten unter einem Head Coach Rick Carlisle zusammen gearbeitet und wird sich weiterhin vor allem um die Defensive kümmern.
Snyder war zuletzt Head Coach in der D-League und davor bei Missouri.
Es wird erwartet, dass die Verpflichtungen von Messina und Jim Boylen (University of Utah) in naher Zukunft ebenso bekannt gegeben werden.