Legenden

Der 84-Millionen Dollar-Rücken

Rennen, Werfen, Springen, Dunken, Rebounden. Larry Johnson konnte alles. Doch so explosiv sein Spiel war, so schmerzhaft war auch das Karriereende. Ein Abschied auf Raten, der über fünf Jahre dauerte.

Von René Radoi
 23.02.2005 |

So miserabel wie heute war das Erscheinungsbild der Hornets nicht immer. 1993, als die Franchise noch in Charlotte beheimatet war, standen drei Jungstars in den Reihen der Hornissen, bei deren Anblick Meisterschaftsträume in Besitzer George Shinn wach wurden. Point Guard Muggsy Bogues, Rookie-Center Alonzo Mourning und allen voran Forward Larry Johnson hatten das ehemalige Expansion-Team gerade in die Playoffs geführt und waren dort nur knapp an den New York Knicks gescheitert. Johnson, 24 Jahre alt und bester Rookie der Vorsaison, wurde dank seiner 22 Punkte, 10,5 Rebounds und 4,3 Assists ins All-NBA Second Team gewählt und befand sich spielerisch etwa auf einer Ebene mit Charles Barkley.

Grund genug, ihn langfristig an sich zu binden, dachte sich Shinn, nachdem Kendall Gill das Team im Vorjahr zuerst im Scoring anführte und sich danach so schnell wie möglich aus dem Staub machte. Johnsons Vertrag lief zwar noch vier Jahre, aber einen echten Franchise-Player will man auch danach nicht einfach abgeben müssen. Shinn legte Johnson einen neuen Kontrakt über zwölf Jahre und 84 Millionen Dollar vor (damals die mit Abstand höchste Summe, die ein Spieler kassierte) und sah den Ring aller Ringe schon an seinem Finger glitzern.

Der Rest der NBA fragte sich, ob dieser Shinn noch ganz dicht sei, denn eben jener Larry Johnson hatte ein paar Tage vor Vertragsunterzeichnung über stechende Schmerzen in Rücken und Oberschenkeln geklagt. Aufgebrochen waren diese bei einem Charity-Game, als er den Ball in seiner gewohnt spektakulären Art durchs Netz hämmern wollte. Von ?Bandscheibenvorfall? sprach zu diesem Zeitpunkt noch niemand, doch spätestens nach dem Spiel gegen Detroit am 27.12.1993 (das mit 29 Punkten, 20 Rebounds und 11 Assists eines seiner besten überhaupt sein sollte) war klar, dass dieses Charity-Game Johnsons Karriere gefährdete. Die personifizierte Zuverlässigkeit, die bisher weder am College noch in der NBA jemals ein Spiel aussetzen musste, konnte vor Schmerzen kaum noch laufen und musste über zwei Monate pausieren.

George Shinn zeigte sich daraufhin besorgt, doch er war sich sicher, gegen eine Verletzung Johnsons abgesichert zu sein, denn im Falle eines sofortigen Karriereendes wäre sein neuer Vertrag wieder in den alten umgewandelt worden. Dabei vertraute Shinn offensichtlich auf Johnsons äußeres Erscheinungsbild, denn nach Rückenproblemen sah der 2,01m große und 250 Pfund schwere Kampfkollos wirklich nicht aus. Ihn hatte bisher nichts zurückschrecken können, er nahm sich jeden Gegner zur Brust, auch wenn er noch so groß oder berühmt gewesen sein mag. In seinem ersten NBA-Spiel überhaupt verteidigte ihn ein Typ, dessen Name ebenfalls Larry lautete, nur mit dem winzigen Zusatz ?The Legend?. Johnson forderte gleich im ersten Angriff den Ball, nahm seine Ellenbogen hoch, drehte sich und verpasste Bird eine vors Kinn. Den Rest des Spiels hatte er Ruhe und konnte den Celtics 14 Punkte einschenken.

Dass Johnson in Charlotte ab dem ersten Moment zu den Leistungsträgern gehörte, war keine große Überraschung, denn die selbe Rolle hatte er auch am College inne. In seinen ersten beiden Jahren am Odessa Junior College in seinem Heimatstaat Texas erzielte er 26 Punkte pro Spiel, als Junior bzw. Senior meißelte er für UNLV zwei mal hintereinander mehr als 20 Zähler und zehn Rebounds in die Statistikbücher. Zusammen mit den späteren NBA-Spielern Greg Anthony und Stacey Augmon besiegte er im NCAA-Finale des Jahres 1990 die Universität von Duke mit unglaublichen 30 Punkten Vorsprung, im darauffolgenden Jahr wurde er zum College-Spieler des Jahres gewählt. ?Larry hatte einen großartigen Körper, das Handling und einen gewaltigen Basketballverstand, aber seine größte Stärke war seine Einstellung,? sagt sein ehemaliger Coach in Las Vegas, Jerry Tarkanian. ?Er ist wahrscheinlich der beste Spieler, den ich jemals gecoacht habe. Und das alles hat ihn nie interessiert, sondern einzig und alleine das Team. Er muss in seinen zwei Jahren hier das ganze Land in Team-Umarmungen angeführt haben.?

So wie seine College-Laufbahn aufgehört hatte, begann auch Johnsons NBA-Karriere: An der Spitze. Erster im Draft, Rookie des Jahres und schon in seiner zweiten Spielzeit Starter im All-Star Game. Und dann dieses kleine, völlig unwichtige Charity-Game. Für Johnson wurde es das bedeutendste Spiel seiner Karriere.

Zum sofortigen Rücktritt (wie George Shinn es sich im Nachhinein wohl gewünscht hätte) war Johnson nicht gezwungen, aber ab dem 27. Dezember saß er 31 Mal hintereinander nur in Zivil auf der Bank. Als er dann wieder auf dem Parkett stand, war er nur noch ansatzweise die brutale Frontcourtwaffe, die alles und jeden nieder rennen konnte. Seine Stats fielen in der folgenden Saison um sechs Punkte und zwei Rebounds und sein Spiel wurde...nun ja, irgendwie soft. Obwohl man dieses Wort im Zusammenhang mit Larry Johnson eigentlich nicht gebrauchen durfte. Er selbst sagte: ?Es kam mir vor, als würde ich manchmal vor dem Ball wegrennen.?

Sein Spiel wurde weicher, seine Außenwirkung härter. Nichts war mehr zu sehen von der freundlichen Grandma, die Johnson in einem Converse-Werbespot darstellte. Erst pöbelte er sich mit dem Dream Team durch die Weltmeisterschaft 1994, dann verschloss er sich seinen Teamkameraden und Freunden immer mehr und ein paar Jahre später bekam er sogar Ärger mit dem Anwalt eines jungen Modells, dass er angeblich geschwängert haben soll. Mit der damals 26-Jährigen Laura Tate traf sich Johnson über ein halbes Jahr lang, offensichtlich nicht nur auf den ein oder anderen Cappuccino bei Starbucks. Ihrer Aussage zufolge hat Johnson gar seinen ehemaligen Teamkameraden vom College, Stacey Augmon, dazu aufgefordert, ?die Sache in die Hand zu nehmen und zu klären?, nachdem die gläubige Katholikin eine Abtreibung des gemeinsamen Kindes verweigert habe.

Ein Wohltätigkeitsspiel als Wendepunkt einer glanzvollen Karriere? Danach sah es eine ganze Weile aus, aber Larry Johnson hat sich gefangen. ?Dank? seiner Rückenschmerzen stellte er sein Spiel um und wurde vom kraftvollen Tier zum Allrounder. Ballhandling und Übersicht gehörten schon seit eh und je zu seinen Stärken, nun aber setzte er sie vermehrt ein. Auch von der Dreierlinie durfte man ihn nicht mehr frei stehen lassen: In seinen ersten drei Profijahren fanden insgesamt 28 seiner Dreier den Weg in den Korb, 1994/95 versenkte er 81 davon. Resultat war nicht nur die alte Zuverlässigkeit in Form von knapp 40 Minuten pro Spiel, und das 81 Mal in der regulären Saison, sondern auch eine 50-Siege-Saison seiner Hornets und eine erneute Berufung ins All-Star-Team der Eastern Conference.

Das breite Grinsen, das einem tagelang nicht mehr aus dem Kopf geht, bekam man als Fan jetzt wieder öfter zu Gesicht. In der darauf folgenden Saison steigerte er, sich mittlerweile im besten Basketballalter befindend, seinen Punkteschnitt wieder auf über 20 pro Partie, und verpasste nur ein einziges Spiel. Dabei wurden die Boston Celtics wieder zum Meilenstein für Larry Johnson, als er Ende November 44 Punkte gegen sie erzielte, bis heute der beste Wert seiner Karriere. Zwei Wochen vorher gelang ihm das Kunststück, in drei Spielen hintereinander mindestens 30 Zähler zu verbuchen. Für die Playoffs reichte es nicht, aber Johnson war back on track, zurück zum Franchise-Player.

Oder auch nicht. Im Sommer 1996 trennten sich die Hornets von ihrem ersten Superstar und schickten ihn im Tausch für Anthony Mason und einen gewissen Brad Lohaus nach New York. Das Kapitel ?Charlotte und die Meisterschaft? war beendet.

Die Knicks wollten Johnson als zweite Option hinter Patrick Ewing, doch im blau-orangenen Trikot zeigte sich, wer Larry Johnson nach seiner Rückenverletzung wirklich war. Seine Stats fielen vollends in den Keller, er schaffte nur noch 12,8 Punkte und 5,2 Rebounds pro Spiel. Heutzutage bekommt man für diese Werte einen 40 Millionen Dollar-Vertrag nachgeworfen, für einen Star wie Johnson waren sie eine einzige Enttäuschung. Schlimmer noch, er verlegte seine Auftritte als Grandma nun auch auf den Court und wirkte dabei manchmal glaubhafter als eine 75-Jährige. Aus dem Highflyer, der auf dem ersten Cover der SLAM erschien, war ein durch die Gegend watschelnder Halbinvalide geworden, der noch dazu über 60 Millionen Dollar in den nächsten Jahren bekommen sollte.

Man gewöhnt sich an alles, so auch an den Gedanken, dass man den echten Larry Johnson nie mehr zu sehen bekommt und nur noch mit einer abgespeckten Version vertröstet wird. Doch wenn man wirklich ehrlich ist, merkt man, dass man jedes Mal einen Klos im Hals hat, wenn ein Knicks-Spiel übertragen wird und der Forward mit der Zwei auf dem Trikot einen Alibi-Sprungwurf nimmt. Umso größer die Freude, als Larry Johnson dem Underdog aus New York mit einem unglaublichen Finish im Conference Finale gegen Indiana den Weg in die Finals 1999 ebnet. Sechs Sekunden vor Ende liegen die Ewing-losen Knicks mit drei Punkten hinten, als Johnson aus der linken Ecke zum Dreier hochsteigt, diesen trifft und dabei von Antonio Davis gefoult wird. Mit dem anschließenden Freiwurf bringt er sein Team in Führung, worauf die Pacers nicht mehr kontern können.

Das wohl berühmteste Vierpunktspiel der NBA-Geschichte und einzige seiner Karriere war die letzte Erfolgsmeldung aus dem Hause Johnson. Der Rücken des ehemaligen Modellathleten war inzwischen weniger verlässlich als die Wurfhand von Chris Dudley und Johnson neben Patrick Ewing schon der zweite Klotz am Bein der Knicks. Der endgültige Rücktritt war nur mehr eine Frage der Finanzen als der Zeit, denn knapp 30 Millionen hatte auch in New York keiner übrig, um sie einem 32 Jahre alten Basketball-Invaliden zu schenken.

Larry Johnsons Abgang war letztendlich ebenso traurig wie leise. Im Alter von 32 Jahren wurde er von den Knicks gewaived, eine Ehrung in der Halbzeit des ersten Saisonspiels zum Abschied und in Gedenken an seine denkwürdige Karriere lehnte er ab. Nicht mal eine Pressekonferenz gab es, lediglich ein kurzes Fax. Jeff Van Gundy sagte damals: ?Ich habe mich mit keinem Spieler so gut verstanden wie mit Larry. Er wird mir wirklich fehlen.?

Manchen von uns fehlt er heute noch.




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Kommentare

(6 Kommentare bisher)

von Scorpion 23.02.05 um 09:10:01


Danke für diesen Artikel. Er hat in mir schöne Erinnerungen an meine Jugend geweckt. Das Team um Johnson, Mourning und Bogues was damals schon wirklich klasse. Schade ist nur, dass Larry Johnson letztendlich solch einen unwürdigen Abgang hatte. Bezeichnend finde ich jedoch, dass er selbst auf eine Ehrung verzichtet hat.

Weiß jemand, was Larry heute macht?



von Scorpion 23.02.05 um 09:30:51


Danke für diesen Artikel. Er hat in mir schöne Erinnerungen an meine Jugend geweckt. Das Team um Johnson, Mourning und Bogues was damals schon wirklich klasse. Schade ist nur, dass Larry Johnson letztendlich solch einen unwürdigen Abgang hatte. Bezeichnend finde ich jedoch, dass er selbst auf eine Ehrung verzichtet hat.

Weiß jemand, was Larry heute macht?



von reignman23 23.02.05 um 12:57:55


Granny war ein spieler mit charisma, nicht so unscheinbare lappen wie doleac usw.
der artikel war imho längst fällig!
wenn meine liebe zum spiel an einzelnen spielern aufgehängt ist, dann gehört larry dazu!
er hat sich ja bemüht, seine verträge zu rechtfertigen (stichwort schmerzmittel, auch hier n artikel drüber vor längerer zeit), aber er war halt kaputt.
Long Live Larry



von Come and get it 23.02.05 um 14:32:20


Das einzige was mich an ihn erinnert ist seine unglaubliche Dreierquote der Finals 99 gegen die Spurs, wobei mit 'unglaublich' nichts gutes gemeint ist...sorry Larry



von da balla 23.02.05 um 16:26:20


für mich ist larry trotz seiner kurzen karriere einer der besten 50 spieler der NBA ever!
überlegt nur mal was er bei den anderen teams noch für schäden angerichtet hätte wenn die hornets ihn gehalten hätten und er sich nicht verletzt hätte! ich denke da wäre noch die ein oder andere meisterschaft bei rausgekommen! respect for larry!!!



von Fabferu 25.02.05 um 00:26:46


sehr guter artikel über einen sehr guten spieler...LJ-nein nicht lebron!!!-der wahre LJ war DER spieler seiner zeit...er war sogar seiner zeit voraus.schade dass seine karriere so enden musste.ironie des schicksals dass es gerade bei einem charity game war.er war mein idol und ich sein "stan"...vielen dank an crossover,endlich ma liebe für den ersten besten LJ!!!



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