Jeremy Lin
Die gelbe Mamba
Die New York Knicks befinden sich nach anfänglichen Schwierigkeiten auf rasantem Weg nach oben. Nach Verletzungen der beiden Superstars Carmelo Anthony und Amare Stoudemire trat plötzlich ein unscheinbarer Held in den Vordergrund: der 23-jährige Jeremy Lin beglückt seither die NBA-Fans.
Von Johannes Goedeking |
18.02.2012 | |

Die Wochen vor dem All-Star Wochenende gelten im NBA-Kalendar normalerweise als ruhig und langweilig. Die Saison ist in vollem Gange, viele Spieler schalten auf Autopilot und Trades sorgen erst nach der kurzen Pause Mitte Februar für Wirbel. Trainer lassen ihre Stars die eine oder andere Partie aussetzen, damit diese für den Kampf um die Playoff-Plätze wieder voll dabei sind. Ähnliches hatte auch Knicks-Coach Mike D’Antoni vor, als er seine All-Star-Forwards Amare Stoudemire und Carmelo Anthony für einige Spiele auf der Bank sitzen ließ, damit sie ihre Verletzungen komplett auskurieren können. Da die Knickerbockers sich ohnehin quälten, in Form zu kommen, konnte eine Pause nicht schaden, um das Ziel Playoffs neu ins Visier zu nehmen.
Während man erwarten könnte, dass die Traditions-Franchise nun noch tiefer absinken und Gefahr laufen könnte, nach den großen Erwartungen im Sommer doch noch in die Lottery fällt, trat genau das Gegenteil ein: Nach sieben Siegen in Folge steht New York wieder auf einem Playoff-Platz. Verdanken können die Knicks-Fans dies einem Helden, der nicht nur seine Mannschaft, Fans und Trainer entzückt – sondern gleich die gesamte NBA-Gemeinde: Jeremy Lin.
Die Jeremy-Lin-Playlist mit fast 80 Minuten Highlights!
Der in Kalifornien mit taiwanesischen Wurzeln geborene Jeremy Shu-How Lin ist wohl der unwahrscheinlichste Retter der Knicks-Saison, den man sich hätte erahnen können. Nach einer erfolgreichen Karriere an der Elitehochschule Harvard, die seit 1953 keinen NBA-Spieler mehr ihren Absolvent nennen konnte, unterschrieb er 2010 ungedraftet bei den Golden State Warriors. Dort erhielt er trotz persönlicher Schwierigkeiten nie die Chance, sich zu beweisen: Nur in zwei Spielen durfte Lin mehr als 20 Minuten auf dem Parkett stehen, sodass er 2011 von den New York Knicks in die Development League geschickt wurde. Schnell war der Aufbau aber wieder im Kader von d’Antoni und bekam gegen die New Jersey Nets endlich eine Möglichkeit, einen Unterschied zu machen – und diesen machte er: 25 Punkte und sieben Assists legte Lin in seinem ersten NBA-Spiel mit mehr als 30 Minuten Parkettzeit auf und sorgte für den Sieg.
Doch was als Eintagsfliege abgeklatscht wurde, bewies sich als wiederkehrendes Wunder: Nur zwei Tage nach dem überraschenden „Debüt“ bringt der 23-Jährige im ersten Start seiner NBA-Karriere 28 Punkte und acht Assists und kümmert sich im Spiel darauf um ein Bild, dass in den Köpfen aller NBA-Fans bleiben sollte: Crossover gegen Washingtons John Wall mit anschließendem Dunk.
Und wer immer noch nichts von dem asiatischen Phänomen hielt – wie Kobe Bryant, der vor der Partie seiner Los Angeles Lakers gegen die Knicks noch „keine Ahnung“ hatte, was Jeremy Lin überhaupt so treibt – der war spätestens nach jenem Aufeinandertreffen mit den Lakers auf den fahrenden Zug gesprungen. Denn 38 Punkte überzeugen selbst den letzten Hater. In drei weiteren Spielen – und, selbstverständlich, drei weiteren Siegen – legt Lin weiter nach und erhält die Euphorie. Doch wie kann das eigentlich passieren? Wie kann ein vermeintlich ewiger Bankdrücker plötzlich zur Geschichte des Jahres avancieren?
Jeremy Lin kennt die Antwort: „Es ist eine Kombination des Systems und wie ich dort hinein passe, dass ich mich wohlfühle und Fehler hinnehmen kann und dann Selbstvertrauen bekommen habe.“ Lin ist „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, wie es Bob Ryan vom Boston Globe erklärt: Verletzungen zweier Superstars, Minuten und die Möglichkeit, im System Mike D’Antonis als Point Guard die Zügel in der Hand zu haben. Der flinke Kalifornier hat nun mal die Freiheit, 20 Sekunden den Ball in den Händen zu halten und durch die Gegend zu dribbeln, um einen Wurf zu kreieren. Etwas, was man mit Stephen Curry und Monta Ellis als Teamkameraden in Golden State natürlich nicht kann.
Lins Usage Rate, sozusagen die geschätzte Spielzuganzahl während der Einsatzzeit eines Spielers, ist die vierthöchste der Liga, was zeigt, wie der Point Guard den Ball dominiert und dadurch nicht nur Punkte und Assists in Massen produziert – sondern auch Ballverluste: Als Starter verliert er sechs mal pro Spiel die Pille, ein Turnover alle sechs Minuten.
Jeremy Lins Statistiken während der Sieben-Siege-Serie der Knicks
| Datum | Gegner | MIN | PTS | REB | AST | TO |
| 4.2. | New Jersey | 36 | 25 | 5 | 7 | 1 |
| 6.2. | Utah | 45 | 28 | 2 | 8 | 8 |
| 8.2. | Washington | 36 | 23 | 4 | 10 | 2 |
| 10.2. | LA Lakers | 39 | 38 | 4 | 7 | 6 |
| 11.2. | Minnesota | 39 | 20 | 6 | 8 | 6 |
| 14.2. | Toronto | 43 | 27 | 2 | 11 | 8 |
| 15.2. | Sacramento | 26 | 10 | 5 | 13 | 6 |
Sein Pick-and-Roll mit Tyson Chandler läuft trotzdem so, wie es zwei abgebrühte Veteranen, die schon jahrelang zusammen spielen, laufen würden. Lins Schnelligkeit erlaubt es ihm, zum Korb zu kommen und dort hilft ihm seine Übersicht, Chandler per Lob-Pass in Szene zu setzen oder den Schützen zu servieren. Wer unter den Block absinken will, wird bestraft: Aus der Mitteldistanz trifft der 1,91 Meter-Mann 61 Prozent.
Während all die Statistiken und die Spielweise außergewöhnlich sind, bleibt das Wichtigste das Unerklärliche und so Faszinierende: die Siege. Lin übernahm das Ruder nach elf Niederlagen in 13 Spielen – und plötzlich sind die Knicks erfolgreich. „Es ist wirklich verrückt“, weiß selbst Lin. Doch „Linsanity“ funktioniert und bildet weiter einen Mythos: ein Niemand, der eine kriselnde Mannschaft durch beeindruckende Heldentaten rettet? Einer, der nach anfänglichen Witzen plötzlich Punkterekorde und Game Winner bringt? All das hört sich an wie aus einem amerikanischen Sportfilm; und in einer bestimmten Art und Weise machen Geschichten wie diese die NBA so besonders – vor allem, wenn sie zu dem Zeitpunkt passieren, an dem niemand es erwarten würde.
Die Moral der Geschichte? Chris Palmer von ESPN hat das letzte Wort: „Was wäre, wenn uns der Lockout die Saison gekostet hätte? Keine ‚Linsanity‘!“
Crossover hat auf Facebook nach den Spitznamen und Wortspielen bzgl. Jeremy Lins gefragt. Hier die Sammlung:
It's LINdependance day, Sending a LINstant message, LINstant Offense, LIN Diesel, LINfinite dimensions, Frodo BeutLIN, LINsane, Madison Square GardLIN, All I do is LIN, ALL LIN!, LINsane, Super LINtendo, LIN your face, LINsanity, LINderella, LIN-4-the-Win, All he does is LIN, King of BrookLIN, 3-point-LIN, ElectrifyLIN, Half-man, Half-amAsian, Yellow Mamba, LIN Tebow, SHaoLIN, We are all LINtnesses, LINzilla takes New York, LINspired, LINcredible, LINja






von Gerald Wallace 19.02.12 um 10:01:24
In keiner anderen Stadt würde man den Jungen so sehr hypen. Die Knicks sind einfach am Boden und sehnen sich nach etwas, was über alles andere hinwegtäuscht. Ich finde es klasse, dass man in Lin jetzt DEN Heilsbringer gefunden hat, denn ich mag die Knicks nicht. Hat Lin nicht auch die meisten Turnover für einen Starter in den ersten 5 Spielen? Mit diesem Guard in den Playoffs, wenn wirklich Defense gespielt wird, wird's spätestens das Erwachen geben.
Wieso gibt es eigentlich keinen Gortat-Hype?
von BballPepe 19.02.12 um 22:39:00
Zum einen spielt Gortat mit einem Steve Nash zusammen. Zum anderen bringt Gortat schon eine Weile gute Leistungen, auch schon in Orlando. Natürlich spielt er stark, aber Lin kannten bis vor kurzem nur wirkliche Nerds. Dann kriegt er einmal Spielzeit und Liefert jedes Spiel 25 punkte und 10 assists.
Und das in einem Team, das bis vor kurzem nur Isolation für ihre Stars gespielt hat und einfach insgesamt nicht funktioniert hat.
Ich finde den Hype völlig ok. das ist einfach eine unglaublich coole Geschichte.
Ich hab kein Problem mit Gortat, aber das lässt sich nicht mit Lin vergleichen.