Jason Williams
Geschmolzene weiße Schokolade
Die Memphis Grizzlies führen in der Zweitrundenserie gegen die Oklahoma City Thunder derzeit mit 2-1. Einer, der in Memphis die Saison begonnen hatte, ist nicht mehr dabei: Jason Williams. Klammheimlich hat der Aufbauspieler seinen Rücktritt bekannt gegeben. Ein Tribut an „White Chocolate“ und seine Streetball-Attitüde.
Von Timo Uschakov |
09.05.2011 | |

„Jason Williams ist übrigens zurückgetreten“ ist einem Beitrag des Threads „Dinge die keinen eigenen Thread verdienen“ dem Crossoverforum zu entnehmen. Ja, Jason Williams hat seine Karriere beendet. Der Mann, dessen Trikot zu den meistverkauften des angebrochenen 21. Jahrhunderts zählt, ist heimlich, still und leise von der Bühne getreten, ohne dass ein Hahn danach gekräht hätte. Immerhin, so könnte man mit Recht einwenden, ist es nicht sein erster Rücktritt, und außerdem waren die letzten Jahre seiner Karriere alles andere als Aufsehen erregend. Das stimmt. Umso mehr drängt sich die Frage auf, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Im Jahr 1998, als Jason Williams gedraftet wurde, nahm die Bulls-Ära ihr Ende. Die Übergangschampions von 1999 aus San Antonio vermochten der allgemeinen Orientierungslosigkeit dieser Phase wenig entgegenzusetzen. Eher hatte man den Eindruck, dass sie nur das aufgetretene Machtvakuum auszunutzen wussten. Währenddessen waren Liga und Fans wie besessen auf der Suche nach dem „nächsten Jordan“, die zwar erst viele Jahre später als abgehakt bezeichnet werden konnte, jedoch nie wieder die Auswüchse dieser Tage annahm. Praktisch jeder Spieler unter 25 Jahren, der mal in der einen oder anderen Nacht mehr als 20 Zähler und ein paar spektakuläre Moves hinlegt hatte, kam für die Nachfolge des Throns in Frage. So albern das aus der heutigen Sicht klingt, so sehr beschreibt es die Stimmung dieser Zeit, die doch etwas Gutes an sich hatte: Die Zukunft war ungeschrieben. Niemand wusste, wie es weiter gehen sollte, ja, ob es überhaupt weitergehen könnte, wo doch der beste Spieler aller Zeiten beschloss, sich von nun an dem Golfspielen zu widmen.
So kam es, dass die NBA um die Jahrtausendwende etwas sehr Jugendliches an sich hatte. Auf einmal hatten zukünftige Jungstars wie Stephon Marbury und Kevin Garnett (bei den Minnesota Timberwolves), Allen Iverson (Philadelphia 76ers), Vince Carter und Tracy McGrady (Toronto Raptors) sowie auch Kobe Bryant alle Augen auf sich. Eine gewisse Unbeschwertheit lag in der Luft: Wie weit das jeweilige Team in den Playoffs kommen würde, spielte eine vergleichsweise geringe Rolle zu dem, welches zukünftige Potential den Jungspunden zugemessen wurde. Und das zeigte sich in der Spielweise: Endlich waren der Pick'n'Roll von Stockalone und der Jordan-Fadeaway nicht mehr das Maß aller Dinge. Endlich konnte man guten Gewissens dem Run-and-Gun-Basketball frönen und auch mal einen Alley-Oop-Pass in die Zuschauertribune versemmeln. Kein anderes Team ist ein so passender Ausdruck dieser Aufbruchsstimmung wie die Sacramento Kings von 1998 bis 2001. Die Mannschaft, welche Spiele verloren hatte, weil sie sich wegen ihrer spektakulären Angriffe in der Offensive abfeierte, während die Gegner ihnen hinten wieder einschenkten. Das Team, das in der Crunchtime mit Alley-Oops von der Seitenauslinie aus die Spiele zu seinem Gunsten entschied. Und in Mitten dessen stand Jason Williams.
Es wäre verkehrt zu sagen, dass „J-Will“ allein die Spielweise der Kings ausgemacht hat, immerhin gab es da noch Vlade Divac, einen der wohl besten passenden Center aller Zeiten, Peja Stojakovic, der scheinbar mehr wahnsinnige Dreier „swooshte“ als verwarf und natürlich Chris Webber, der gleichermaßen elegant wie kraftvoll den Ball in den Ring legen konnte. Dennoch hatte Jason etwas an sich, was die Liga noch nie zuvor gesehen hatte. Der offensichtliche Wahnsinn der Wagnis gepaart mit der Genialität des Ausgangs, die Frage, „Macht er das jetzt wirklich?“ und die „Oohs“ und „Aahs“ des Publikums lassen mit Worten kaum adäquat das beschreiben, was ein jugendlicher Sacramento-Fan bei dem Anblick einer weiteren verrückten Aktion Williams’ empfunden haben mag.
Ist man zu dieser Zeit als basketballinteressierter Jugendlicher in einem deutschen Vorort aufgewachsen, hat einen dieser kurzzeitige Bruch im Profibasketball mit etwas Glück für den Rest des Lebens geprägt. Und damit sei nicht nur gemeint, dass der Druckpass beim Streetball einen nie wieder aufzuholenden Beliebtheitsverlust erlitten hätte, sondern dass eine rebellische Attitüde, ein Nonkonformismus einem pubertierenden Teenager gerade recht kam. Wie die neue Generation um Williams einen neuen Style in die Liga brachte, so versuchte man nicht nur (zum Leidwesen des Trainers) die unkonventionelle Spielweise auf dem Court nachzuahmen, sondern hörte auch abseits des Feldes Gangsterrap und trug die Hosen möglichst tief – in der Hoffnung, Karl Malone würde eines Tages um die Ecke kommen und schockiert den Kopf schütteln. Hätten die, die zu jeder ach so unpassenden Gelegenheit ihrer Williams- und Carter-Trikos trugen, von einem Besucher aus der Zukunft erzählt bekommen, dass die beiden zusammen einmal langweiligen Bilderbuchbasketball bei Orlando spielen würden, hätten sie ihn schamlos ausgelacht.
Zugegeben trugen auch die damals neu erschienenen And1- und Notic-Mixtapes zur Situation bei. Jedoch war schon früh der Unterschied zwischen den Harlem Globetrotters der Neuzeit und dem „Hip Hop Pistol Pete Maravich", wie Shaquille O'Neal den jungen Jason einmal beschrieb, klar. Während es bei Hot Sauce als Beleidigung galt, von jemandem ernsthaft verteidigt zu werden, war im Gegenteil jeder von Williams abgefeuerte „In your face“-Dreier weit jenseits der Linie eine Beleidigung an das verdutzte verteidigende Team.
Freilich hielt sich der Erfolg des talentierten Teams aus Sacramento in Grenzen. So führte die Tatsache, dass die Kings in den drei Saisons mit „J-Will“ nur einmal die zweite Playoff-Runde erreichten, schließlich zu dem Trade Williams' gegen Mike Bibby zu den damals in Vancouver ansässigen Grizzlies. Die unbekömmliche Spielweise der Kings unter Williams machte jedoch gleichzeitig einen wichtigen Punkt ihrer Attraktivität aus. So war dies einer der kurzen Momente im Profisport, in dem es nicht ausschließlich um die Conference-Platzierung und auch nicht nur um die Show und die vollen Zuschauerränge, sondern auch um die Liebe zum Spiel an sich ging. Der unnötige „Behind the back“-Pass, für den „J-Will“ wohl noch eine lange Zeit der Inbegriff sein wird, zeichnet sich vor allem durch seine Verweigerung zur bloßen Funktionalität aus. Auch muss man zugeben, dass die Kastration der Kings durch die Ersetzung „J-Wills“ durch Bibby, bevor es mit dem Team steil bergab ging, kurzfristig Früchte zeigte – die Kings kamen 2002 bis in die Conference Finals, wo sie gegen die Lakers um Shaquille O’Neal und Kobe Bryant scheiterten.
In Memphis verbrachte Williams vier mehr oder weniger glückliche Saisons. Er behielt die spektakuläre Spielweise zuerst bei, transformierte sein Spiel aber langsam hin zu dem eines soliden Point Guards. Dass er schließlich zu einem verlässlichen Aufbauspieler wurde, der eine der besten Assist-pro-Turnover-Rate der ganzen Liga aufzuweisen hatte, hat vermutlich verschiedene Gründe. Zum einen war die zuvor beschriebene Phase der Neuorientierung der Liga spätestens vorbei, als die Lakers 2002 ihren dritten Titel in Folge holten. Das Aufsehen um Jason wurde unabhängig von seiner Spielweise geringer, was allerdings auch mit seinem neuen Team zusammenhing. Zum anderen sehnte sich Williams selbst nach der ernsthaften Chance, um einen Titel zu spielen, was nach einem Zerwürfnis mit dem GrizzliesCoach Mike Fratello durch einen Trade Williams' nach Miami im August 2005 schließlich Realität wurde.
Inwiefern die persönliche Entwicklung des Menschen hinter dem Profi die spielerische Entwicklung beeinflusst haben mag, muss spekulativ bleiben. Dass Williams im Laufe seiner Karriere geheiratet und zwei Kinder bekommen hat, könnte aber zumindest als bezeichnend für den Wandel seines Spiels interpretiert werden, das eben zunehmend „gesetzt“ erschien. Auch die Skandale um „J-Will“ nahmen irgendwann im Laufe seines Aufenthalts in Memphis ihr Ende. Keine Verstöße mehr gegen das Rauschmittelgesetz, keine Publikumsbeschimpfungen – was blieb, war nur noch der halb professionell, halb schüchtern wirkende Typ, als welcher er bei Interviews schon immer daherkam. Denn selbst in seiner wilden Zeit bei den Kings hat sich Jason nie selbst als Enfant Terrible inszeniert, sondern stets das gesagt, was von einem Profi erwartet wurde. Ein Spiel wie jedes andere, einfach ein weiteres Spiel. Man versucht einfach, rauszugehen und zu gewinnen“, log der nach seiner Motivation gefragte Williams beispielsweise, bevor er sich in dem ersten Aufeinandertreffen mit seinem ehemaligen Team aus Sacramento in Rage spielte und sein Team mit einem Double-Double (19 Pkt, 13 Ast) zum Sieg führte.
Solch emotionale Ausbrüche weit hinter sich gelassen, erreichte Jason den Höhepunkt seiner Laufbahn in den Finals 2006, als er mit den Heat um Shaq und Dwyane Wade als Starter 8,8 Punkte und 4,7 Assists pro Partie zum Erfolg beitrug– und einen Ring als Belohnung bekam. Perfekt in das System der Heat integriert, war es seine Aufgabe, Shaq mit Bällen im Lowpost zu füttern und freie Dreier zu verwandeln. Der Ruhm ging zwar vor allem an die beiden Superstars des Teams, Williams wurde 2007 immerhin zu einem der besten 25 Heat-Spieler aller Zeiten auserkoren.
Nach der sowohl für das Team, als auch für „J-Will“ selbst enttäuschenden nächsten Saison in Miami, wurde sein' Vertrag nicht verlängert. Trotz der darauffolgenden Vertragsunterzeichnung mit den Los Angeles Clippers als Free Agent erklärte er kurz vor Beginn der Saison 2007/08 überraschend seinen Rücktritt, woraufhin der Vertrag aufgelöst wurde.
Das Comeback 2009 ist der Erwähnung kaum noch würdig. Jason unterzeichnete einen Ein-Jahres-Vertrag bei den Orlando Magic, wo er ab und zu als Backup für Jameer Nelson zu bestaunen war, bis er nach dem Zuwachs von Gilbert Arenas endgültig aus der Rotation geschmissen wurde. Bei seiner letzten Station, die erneut Memphis heißen sollte, wurde Williams mehr wegen seiner Erfahrung und der positiven Wirkung auf jüngere Spieler als wegen einer aktiven Teilnahme am Spielgeschehen mit aufs Boot geholt. Am 18. April 2011 gab der 35-jährige Jason Williams nach einer Knieoperation und andauernden Rückenproblemen seinen diesmal glaubwürdig endgültigen Rücktritt nach zwölfjähriger NBA-Karriere bekannt.
Williams’ Wandel vom Showmaster zum verlässlichen, aber auch durchschnittlichen Aufbauspieler kann ihm nicht ernsthaft übel genommen werden. Obwohl manch ein Basketballanhänger noch jedes Mal, wenn Williams im Trikot der Heat oder Magic in Ballbesitz gelang, auf etwas Unerwartetes und Verrücktes gehofft haben mag, sind seine Schritte nachvollziehbar. In der Beschaffenheit des Profibasketballs ist es nur in Ausnahmefällen möglich, einen Kompromiss zwischen Effizienz und Freigeist, Professionalität und Emotionalität zu finden. Für diese kurzen Momente des Ausbruchs aus dem Alltag sei dir der Dank jedoch gewiss. Alles Gute, Jason.






von RedWater 09.05.11 um 16:11:09
Netter Beitrag. Schildert auch sehr gut, die Situation der NBA in den frühen 2000er wieder. Ich persönlich denke, dass zwischen 1999 und 2003 die Tiefschlaf Periode der NBA war. Trotzt der LA Lakers mit Bryant und O'Neal. Die meisten Stars weg, die Draftjahrgänge waren eher schwächer (2000, 2001 und 2002), nur wenige schafften den Sprung von Talent zum Superstar. Andere hatten wiederum noch vor dem 30 Lebensjahr gewaltige Leistungseinbrüche.
Die letzten Drafts haben jedoch sehr gute Spieler in die NBA gebracht, von daher sehe ich für die 10er wieder goldene Zeiten wie einst in den 80er und 90er.
von Cabalios 10.05.11 um 23:02:19
sehr gut geschrieben, danke! :)
von oliver95 14.05.11 um 01:12:49
Alles Gute Jason! War ne klasse Zeit und viele verückte geile Sachen die Du uns beschert hast!
von GreenGoblin01 16.05.11 um 21:27:21
in sacramento war er wirklich ein so geiler hund. und am ende hat er sogar noch nen ring bekommen, daß ist doch ne gute karriere.