Free Agents
Free Agents 2005: Volles Risiko?
Nicht jeder Free Agent garantiert seinem neuen Team großartige Leistungen. Bei manchen Spielern ist es sogar sehr riskant, sie zu verpflichten. Christian Neumann stellt sechs von ihnen vor.
Von Christian Neumann |
10.07.2005 | |
Die Free-Agent-Phase des Jahres 2005 befindet sich in vollem Gange. Etliche der großen Namen haben bereits einen neuen Vertrag in der Tasche, der ihnen über die kommenden Jahre zum Teil exorbitante Summen einbringen wird. Hier seien stellvertretend Ray Allen, Michael Redd und Larry Hughes genannt. Etliche andere Spieler werden demnächst mit ihrem alten Team verlängern bzw. einen neuen Arbeitgeber bekommen, z.B. Udonis Haslem, Marko Jaric oder Shareef Abdur-Rahim.
Es gibt aber auch Free Agents, die noch einige Zeit länger warten werden müssen, ehe sie einen neuen Vertrag erhalten. Manche von ihnen könnten sogar vollends leer ausgehen und sich nach einem Job außerhalb der NBA umsehen müssen. An Talent fehlt es diesen Spielern nicht; im Gegenteil: Einige von ihnen haben einst zur Spitze ihres Draftjahrgangs gehört. Durch Verletzungen, Dauerformtiefs oder sonstige Gründe sind sie jetzt aber nicht in der Position, in der sie sich zu Beginn ihrer NBA-Karriere noch selbst gesehen hatten, und müssen sich unter Umständen mit einem Vertrag zufrieden geben, der für sie wenig mehr als das NBA-Mindestgehalt bereit hält, während sie verbissen versuchen, sich gegen Dutzende anderer Kandidaten einen Roster-Platz für die kommende Saison zu sichern.
1. Kwame Brown (Washington Wizards, restricted Free Agent, Nr.1-Pick des Drafts 2001)
Kwame Brown sticht aus der hier aufgeführten Gruppe insofern hervor, dass er in den kommenden Jahren ein Einkommen haben dürfte, das sich im Bereich der ?Mid-Level Exception? (ca. 5 Mio. US-Dollar pro Jahr) bewegt. Der Grund dafür ist simpel: Der Top-Pick des Drafts 2001 gehört selbst nach vier durchwachsenen Jahren bei den Washington Wizards noch zu den talentiertesten Bigmen der NBA. Seine Kombination aus Größe, Kraft, Athletik und potentiellem Spielvermögen hat ihn einst zum ersten an Position Eins gedrafteten High-Schooler gemacht. Noch heute sind etliche Teams daran interessiert, ihn zu verpflichten, allen voran die New York Knicks.
Die Hoffnung, aus dem 23-jährigen Power Forward einen dominanten Star zu machen, ist noch immer vorhanden. Tatsächlich gibt es nichts, was dagegen spricht, dass Kwame Brown in der kommenden Saison den Durchbruch schafft. Allerdings wird auf diesen nun schon seit Jahren gewartet, ohne dass der Spieler mehr als vielversprechende Ansätze gezeigt hätte. Die theoretische Möglichkeit, dass es bei Kwame Brown aber doch noch ?Klick!? machen und er sich in die Liste der großen Frontcourtspieler ? Tim Duncan, Kevin Garnett, Amare Stoudemire etc. ? eintragen wird, sollte ihm einen gut dotierten, mehrjährigen Vertrag einbringen.
2. Jay Williams (ohne Team, unrestricted Free Agent, Nr.2-Pick des Drafts 2002)
Er galt als einer der talentiertesten Point Guards der letzten zwanzig Jahre: schnell und kräftig und athletisch und wurfstark und mit Spielmacherfähigkeiten ausgestattet. Kurzum: Jason ?Jay? Williams hatte ?zukünftiger NBA-Star? quasi auf der Stirn tätowiert, als er im Jahr 2002 von den Chicago Bulls an zweiter Stelle gedraftet wurde. Nur ein schlaksiger Center aus China (Yao Ming) verhinderte, dass Williams an Position Eins stand, was aber an seinem Anspruch, Rookie des Jahres zu werden, nichts änderte.
Eine durchwachsene Saison später war der Rummel um seine Person merklich abgekühlt. Rookie des Jahres wurde überraschend High-Schooler Amare Stoudemire. Nr.1-Pick Yao Ming schaffte die Umstellung auf die NBA ? und Jay Williams scheiterte daran, überhaupt 40% aus dem Feld zu treffen. Seine Rookie-Saison war durchaus solide, aber weit entfernt von dem, was allgemein vom Star der Duke University erwartet worden war.
Als wäre diese milde Enttäuschung an sich nicht schlimm genug gewesen, erreichte der Guard seinen persönlichen Tiefpunkt, als er im Sommer 2003 mit seinem Motorrad verunglückte, beinahe ein Bein verlor und überhaupt nur gerade so mit dem Leben davon kam. Sein Team, die Chicago Bulls, verwendeten in der Folgezeit ihre nächsten Top-10-Picks auf Guards ? Kirk Hinrich 2003 und Ben Gordon 2004 ?, während der Vertrag mit Williams terminiert wurde.
Jetzt, im Sommer 2005, soll der ehemalige College-Star nach langer Rehabilitation aber fast wieder der alte sein. Williams bereitet sich Berichten zufolge intensiv auf die Zeit der Trainingscamps vor, die im Spätsommer und Herbst stattfinden werden. Wo er auflaufen und am Ende einen Vertrag unterschreiben wird, ist derzeit noch alles andere als gesichert. Aus Williams' Lager ist zu hören, dass im Falle eines Comebacks zuerst mit den Chicago Bulls gesprochen werde. Diese dürften für ihren früheren Hoffnungsträger jedoch weder Geld noch Verwendung haben, da sie besonders im Backcourt bereits gut und talentiert besetzt sind ? ironischerweise nicht zuletzt mit Point Guard Chris Duhon, der einst Edelreservist bei den Duke Blue Devils war, und damit der Backup eines gewissen Jay Williams.
Sollte der 23-Jährige jedoch tatsächlich seine alten körperlichen Fähigkeiten ? allem voran seine Schnelligkeit ? wiederhergestellt haben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch sein sicherlich etwas angestaubtes Spielvermögen in neuem Glanz erstrahlen wird. Gerade seine Kämpfermentalität wird hier ihr Übriges tun. Williams wird die Basketballwelt in etlichen Workouts überzeugen müssen, um seine Skeptiker verstummen zu lassen, sollte aber in jedem Fall das Risiko wert sein, von einem NBA-Team unter Vertrag genommen zu werden. Im besten Fall wird sich Jay Williams als Steal unter den diesjährigen Free Agents herausstellen.
3. DeSagana Diop (Cleveland Cavaliers, restricted Free Agent, Nr.8-Pick des Drafts 2001)
Gewisse Zahlen muss man sich einfach auf der Zunge zergehen lassen: über einhundertdreißig Kilogramm verteilt auf zweihundertdreizehn Zentimeter Körpergröße, und das bei exzellenter Athletik, Kraft und Mobilität, wie sie nur alle Jubeljahre in ein und demselben Spieler vorkommen. Rechnet man noch ein gesundes grundlegendes Spielverständnis und bereits sehr gut ausgeprägte Blockfähigkeiten hinzu, entsteht vor dem geistigen Auge ein Center, der die Liga auf Jahre hinaus dominieren kann.
Die Realität sieht im Falle DeSagana Diops nach vier Saisons Reservisten-Dasein komplett anders aus: 35% aus dem Feld trotz einem Wurfradius von kaum mehr als zwei Metern, 40% von der Freiwurflinie, mehr Fouls als Punkte und keine zwei Rebounds pro Foul. Gäbe es einen Preis für den enttäuschendsten Top-10-Pick aller Zeiten, würde DeSagana Diop zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehören. Sein Name fällt immer dann, wenn vom direkten Sprung von der High School in die NBA abgeraten wird und wann immer sich jemand über Profi-Basketballer beklagt, die lediglich für ihre Größe und Masse Millionenbeträge kassieren.
Da sich die Cleveland Cavaliers im gerade absolvierten NBA-Draft 2005 mit dem Litauer Martynas Andriuskevicius ein neues blutjunges Center-Projekt gesichert haben, dürfte es an der Zeit sein, dass Diop diesem seinen Platz zur Verfügung stellt und woanders sein Glück versucht. Wer aber will ihn, einen der enttäuschendsten und schlechtesten NBA-Spieler, überhaupt haben? Welches Team opfert einen Roster-Platz und Geld für Diop, wenn im selben Moment ein engagierter und hart arbeitender Spieler vom Free-Agent-Markt zu haben ist, dem es vielleicht nur am Talent des Afrikaners fehlt?
Die Antwort ist naheliegend: Wer Größe, Masse und Talent sucht, ist bei DeSagana Diop an der richtigen Adresse. Gerade einem Team wie den New York Knicks ist zuzutrauen, dass sich sich den Senegalesen sichern und hoffen, dass dessen seltenes Talent doch noch irgendwie zur Entfaltung kommen wird. Sollte es nicht klappen, ist er mit seinem massigen Körper doch immer noch für sechs Fouls gut und kann damit auf Center wie Shaquille O'Neal angesetzt werden, um diesen ein wenig zu frustrieren. Das ist der Grund, weswegen DeSagana Diop auch in der Saison 2005/2006 auf der Bank irgend eines verzweifelt Center suchenden NBA-Teams sitzen dürfte.
4. Dajuan Wagner (Cleveland Cavaliers, unrestricted Free Agent, Nr.6-Pick des Drafts 2002)
Guckt man im Lexikon unter ?Hype? nach, könnte einem da durchaus ein Bild von Dajuan Wagner begegnen: Gefeierter High-School-Star, 100 Punkte in einem Spiel, schon zu Schulzeiten ein Kumpel von Allen Iverson, ?Messias? als Spitzname und Top-10-Pick nach nur einem Jahr an der Universität von Memphis. Im Draft 2002 sicherten sich die Cleveland Cavaliers die Rechte an Wagner, der als ?neuer Allen Iverson? die Franchise zu Ruhm und Erfolg führen sollte.
Jetzt, im Sommer 2005, ist von all dem nur noch wenig übrig. Drei Jahre lang hat sich der Combo-Guard mehr schlecht als recht durch diverse Verletzungen geschleppt und ist währenddessen schon längst von einem anderen ?Auserwählten? ? LeBron James ? als Franchise Player der Cavaliers überflügelt worden. Während James die Liga im Sturm erobert hat, ist Wagner selbst in den wenigen Spielen, die er absolviert hat (102 von 246 möglichen), in erster Linie durch Ineffektivität (36% FG, 31% 3FG und keine 1,5 Assists pro Ballverlust) und chronische Positionslosigkeit aufgefallen: Der 22-Jährige ist kein Point Guard, aber zu klein für einen Shooting Guard und damit ein klassischer Tweener.
Die Cleveland Cavaliers werden sich nicht darum reißen, Dajuan Wagner einen guten Vertrag hinterherzuwerfen. Es ist nicht einmal entschieden, ob er überhaupt weiterverpflichtet werden wird. Sollten die Cavaliers ihn ziehen lassen, dürfte Wagner jedoch bei einem anderen Team unterkommen und schlimmstenfalls zu Beginn in der NBDL aktiv werden. Sein Talent ist unbestritten, und man muss ihm zugestehen, dass er noch nicht eine einzige Saison verletzungsfrei gewesen ist und deshalb nie unter fairen Bedingungen hat spielen können. Im Endeffekt wird wohl irgend ein Team das Risiko eingehen und Wagner in der Hoffnung verpflichten, dass er den Vorschusslorbeeren seiner Schulzeit doch noch ansatzweise gerecht werden kann.
5. Sean Banks (Memphis Tigers, ungedrafteter Rookie des Drafts 2005) und
6. John Gilchrist (Maryland Terrapins, ungedrafteter Rookie des Drafts 2005)
In einer fehlerfreien, harmonischen Welt würden sich im diesjährigen NBA-Draft zwei Namen in der Lottery befunden haben: Sean Banks und John Gilchrist. Der erste ist ein Small Forward der Extraklasse und erinnert in seiner Art an NBA-Stars wie Jamal Mashburn, Stephen Jackson oder Carmelo Anthony. Der zweite ist ein exzellenter Point Guard im Stile Stephon Marburys oder Baron Davis'. Beide Spieler haben etwas gemeinsam: Sie sind im Draft 2005 mit wehenden Fahnen durchgefallen.
Es ist nicht so, dass sie nicht talentiert wären: Sean Banks hat an der Universität von Memphis zu den vielversprechendsten Guard/Forwards gehört und lange Zeit als sicherer Lottery-Pick gegolten. Und John Gilchrist muss sich in seinem Talent und Können hinter keinem der hochgehandelten Point Guards des diesjährigen Drafts verstecken; im Gegenteil: Gegen einige von ihnen (Chris Paul, Ray Felton, Jarrett Jack) hat er noch in der vergangenen Saison in der Atlantic Coast Conference (ACC) der NCAA gespielt und dabei oft genug gut ausgesehen.
Banks' und Gilchrists Schwächen finden sich demnach auch nicht auf dem Basketballcourt, was schon dadurch bewiesen wird, dass sie unmittelbar nach dem für sie so enttäuschenden Draft von New Orleans (Banks) bzw. Cleveland (Gilchrist) eingeladen worden sind, doch für deren Teams in der Summer League zu spielen. Nur draften wollte sie keiner, und das aus gutem Grund:
Bei beiden Spielern gibt es gewaltige Fragezeichen hinter ihrer Persönlichkeit und professionellen Einstellung. So hat Gilchrist nicht nur kein Vertrauen zu seinen Mitspielern gehabt ? er hat es ihnen auch gesagt, und das öffentlich. Auf dem Platz hat sich dies in regelmäßigen Ego-Trips geäußert, die nur von mäßigem Erfolg gekrönt gewesen sind. Nicht links gucken, nicht rechts gucken, sondern nur selbst blind draufballern ? nicht die Einstellung, wie sie sich die NBA-Teams von Nachwuchstalenten wünscht.
Wie NBA-Star Steve Francis mangelt es auch Gilchrist nicht an den Fähigkeiten, seine Mitspieler ins Spiel einzubinden und sie in Szene zu setzen, sondern am Willen dazu. Der Knackpunkt ist die mentale Reife, und die wird Gilchrist im allgemeinen abgesprochen. Dass er sich neben seinen Mitspielern auch mit seinem College-Coach überworfen hat, macht die Sache nicht wirklich besser.
Sean Banks hat ähnliche Fragezeichen hinter seinem Namen stehen. Zwar ist lustlose Verteidigung sein einziges spielerisches Manko, doch überwiegen bei ihm die Probleme abseits des Platzes. Er wurde von seinem Coach, John Calipari (Ex-Coach der Boston Celtics) ? angeblich wegen schlechter Einstellung ? suspendiert, dann wurde er wegen Marihuana-Besitzes belangt. Zudem haben Banks' Noten ihn im Januar dieses Jahres die College-Zulassung gekostet. Als Konsequenz daraus hat der 20-Jährige bei den Memphis Tigers seinen Hut nehmen müssen und sich auf den Draft 2005 vorbereitet. Dass das nicht die besten Voraussetzungen gewesen sind, um gedraftet zu werden, hätte ihm klar sein sollen.
Die Chancen stehen recht gut, beide Spieler im kommenden Jahr in einem NBA-Kader zu sehen. John Gilchrist und Sean Banks haben das Potenzial, eine lange und erfolgreiche NBA-Karriere zu erleben. Wieviel Einsatzzeit sie dort bekommen werden, hängt aber davon ab, wann sie mal anfangen, sich über ihr Verhalten Gedanken zu machen, denn so talentiert, dass sich jedes Team bedingungslos um sie reißen wird, sind sie auch wieder nicht. Und es würde eine Schande sein, solch talentierte Basketballer in der NBDL, einer Minor League oder in Europa sehen zu müssen, wenn sie eigentlich in die Liga der Besten gehören.



von GMessner 11.07.05 um 00:13:03
guter artikel, auch die spieler sind gut ausgewählt, aber den spieler an den ich als erstes gedacht habe, als ich den titel des artikel sah, fehlt (meiner meinung nach) in der liste: Latrell Sprewell !!!
von Christian Neumann (Crossover-Online) 11.07.05 um 00:18:56
Naja, man könnte noch viele Spieler erwähnen, aber nicht in dieser Liste. Diese Liste setzt sich aus jungen Talenten zusammen, die alle noch etwas zu beweisen haben.
Ich habe mich schon mit sechs Spielern begnügt. Ein Randolph Morris, Nikoloz Tskitishvili oder Omar Cook hätten auch erwähnt werden können, aber kein Mittdreißiger wie Sprewell. ;)