Erfahrungsbericht

Hinter den Kulissen

Gestern Abend trafen die Toronto Raptors und die New York Knicks im kanadischen Montreal aufeinander. Crossover-Redakteur Björn Lehmkühler war live dabei und traf in der Raptors-Kabine einen Schnulzensänger, einen Psychokiller, einen Hall-of-Famer und einen Bananen-Liebhaber.

Von Björn Lehmkühler
 23.10.2010 |

17.00 Uhr: Bell Centre

Ich fühle mich wie ein kleines Kind an Weihnachten, als ich schnellen Schrittes zum Presseeingang des Bell Centre eile. Dort, in dem knapp 22.000 Zuschauer fassenden Sporttempel im Herzen der ostkanadischen Metropole Montreal, wird nämlich in zwei Stunden das Preseason-Spiel zwischen den Toronto Raptors und den New York Knicks angepfiffen werden – und ich darf für Crossover live berichten.

Es ist ein doppeltes Jubiläum. Zum einen ist es der erste Auftritt der zurzeit einzigen kanadischen NBA-Franchise im rund sechs Autostunden östlich gelegenen Montreal. Damit wollen die Raptors den Bewohnern der zweitgrößten Stadt des Landes die Hand reichen und gleichzeitig ein Signal an alle Landsleute senden. „Wir sind nicht nur Torontos Team, sondern wir wollen Kanadas Team sein“, wird Raptors-Guard Jose Calderon später zu Protokoll geben. Kein leichtes Unterfangen im Eishockey-verrückten Kanada. Doch nicht nur die 1,7-Millionen-Stadt am St. Lorenz Strom sammelt ihre ersten NBA-Erfahrungen – auch ich bin erstmals nicht nur als Fan sondern auch als akkreditierter Journalist mit dabei. Deshalb der schnelle Schritt…

17.05 Uhr: Presselounge

Nur fünf Minuten später befinde ich mich schon im Aufzug zur Presselounge. Diese befindet sich im achten Stock direkt unter dem Hallendach, wie auch mein Sitzplatz – Crossover ist anscheinend doch noch nicht renommiert genug für einen Arbeitsplatz am Spielfeldrand. Neben mir im Aufzug steht ein etwas älterer, recht stattlicher Afro-Amerikaner mit markanten Kotletten und einem auffälligen roten Sakko. Mir ist so als hätte ich dieses Gesicht schon einmal gesehen, doch zuordnen kann ich es in den wenigen Sekunden nicht. Also bediene ich mich kurz am Buffet und mache mich wieder auf den Weg nach unten.

17.20 Uhr: Spielfeldrand

Der erste Mensch, dem ich auf dem Weg zum Spielfeld begegne, ist vielleicht der größte Mensch dem ich überhaupt jemals gegenüber gestanden habe: Solomon Alabi. Stolze 2,16 Meter misst der nigerianische Rookie der Raptors und wirkt dabei aufgrund seiner recht dünnen Beine noch länger als manch anderer Seven-Footer. Auf dem Feld ist indes noch recht wenig los. Lediglich DeMar DeRozan und Leandro Barbosa (Foto) nehmen ein paar lockere Dreier. Während DeRozan relativ wenig Erfolg hat und sich bald einer für ihn einfacheren Übung – nämlich Windmill-Dunks – widmet, trifft Barbosa trotz merkwürdiger Vor-dem-Gesicht-Technik gefühlte fünfzig Schüsse in Folge.

17.30 Uhr: Raptors Locker Room

Pünktlich anderthalb Stunden vor dem Sprungball werden die Umkleidekabinen für die Journalisten geöffnet. Während es für mich einer der Höhepunkte ist, scheinen die routinierten Presseleute wohl eher am Buffet zu bleiben. Deshalb kann ich in Begleitung von zwei Lokalreportern relativ unbehelligt durch die Raptors-Kabine schweifen. Da es sich hierbei um die Kabine von Montreals ganzem Stolz, den Montreal Canadiens (NHL), handelt, ist diese sehr großzügig gestaltet und ausgestattet.

Nach einem kurzen Rundumblick werde ich sofort auf Point Guard Jarrett Jack aufmerksam, der mitten in der Kabine steht, die Lautsprecherstation seines iPods voll aufgedreht, und lauthals die Piano-Schnulze „A Thousand Miles“ von Vanessa Carlton trällert. Während David Andersen nur schmunzelnd den Kopf schüttelt und ihm ein „you are crazy, JJ“ zuruft, kann sich Julian Wright kaum noch halten. Als er sich wieder gefangen hat frage ich ihn, ob Jack immer so drauf ist. Wright nickt energisch und sagt: „JJ ist bei uns für die gute Laune zuständig. Er ist einer dieser Leute, die einfach das gewisse etwas haben. Jene Leute, die sofort im Mittelpunkt stehen und die alle lieben.“

In der anderen Ecke des Raumes amüsieren sich derweil Joey Dorsey, Sonny Weems und DeMar DeRozan. Letzterer spielt mit einem Gerät, welches die Stimme so verzerrt dass sie sich anhört wie bei einem miesen Telefongespräch. Dabei lässt er – ganz im Stile der bekannten Budweiser-Werbung – ein lautes „Wazzup“ ertönen, gefolgt von johlendem Beifall seiner Kollegen. In so einem Moment wird einem auch vor Augen geführt, dass DeRozan trotz seiner Rolle als Basketball-Star und dem damit einhergehenden Millionenvertrag noch ein 20-jähriger Junge ist.

Doch auch die etwas älteren Weems und Dorsey sind um ein Späßchen nicht verlegen. So sorgt Weems für Gelächter, als er eine strohblonde Frauenperücke aus der Sporttasche holt und sich auf den Kopf setzt – „für Halloween“. Nur Dorsey schüttelt den Kopf: „Das soll ein Halloween-Kostüm sein?“ Dann steht er auf, holt eine Louis-Vuitton-Tasche aus seinem Spind und kramt aus selbiger eine Maske von Jigsaw – dem Psychokiller aus dem Horrorfilm „Saw“ – heraus, die er sogleich anprobiert. Da hört sogar Jack kurz auf zu singen.

18.00 Uhr: Knicks Locker Room

Bevor die Kabinen 45 Minuten vor Spielbeginn wieder geschlossen werden, begebe ich mich noch schnell auf die gegenüberliegende Seite der Halle zur Kabine der Knicks. Diese hat eher Turnhallen-Flair und auch sonst ist die Stimmung eine andere. Die meisten Spieler haben Kopfhörer aufgesetzt und wirken konzentriert. Lediglich zwei Leute sind aktiv: Amare Stoudemire, der selbstbewusst die Kabine herauf und hinab schreitet, und der Franzose Ronny Turiaf (Foto), der ihm ein paar Worte zuwirft.

Unsicher setzte ich mich auf den freien Platz neben Turiaf und frage diesen, ob er Zeit für eine kurze Frage hat. Der Franzose wirkt wenig begeistert, erwidert jedoch „eine Frage, schieß los“. Dann frage ich ihn nach Elias Harris, der an Turiafs alter Uni Gonzaga spielt und mit ihm in Kontakt steht. Sofort bessert sich seine Laune und er antwortet bereitwillig: „Ich spreche ab und zu mit Elias. Dabei gebe ich ihm aber keine Ratschläge, sondern versuche nur meine College- und NBA-Erfahrung mit ihm zu teilen.“ Ansonsten ist der bullige 2,08-Meter-Mann voll des Lobes: „Elias kann hervorragend verteidigen und ist sehr athletisch. Ich bin mir sicher, dass er auch in der NBA bestehen kann.“

18.15 Uhr: Warmup

Nachdem die Kabinen geschlossen sind, gehe ich erneut in den Innenraum und staune einmal mehr über die athletischen Fähigkeiten und die bloße Physis einiger Spieler – Wahnsinn! Während ich noch staune, teilt mir Torontos PR-Koordinator Roven Yau mit, dass ein Platz am Spielfeldrand freigeworden ist. Mittellinie, zweite Reihe, direkt hinter den Moderatoren des kanadischen Sportsenders TSN – oh yeah!

19.00 Uhr: Gametime

Zum Anpfiff ist die Halle gut gefüllt: 22.114 Zuschauer werden vom zweisprachigen Stadionsprecher (Montreal hat eine französischsprachige Mehrheit) verkündet. Diese sehen ein Spiel, das wohl am besten mit dem Begriff „munter“ bezeichnet werden kann. Von Beginn an zeigen beide Teams ein schnelles Fastbreak-Spiel, welches auch durch die vielen Ballverluste auf beiden Seiten gefördert wird. Während auf Seiten der Knicks Neuzugang Stoudemire im ersten Viertel 13 Punkte erzielt und zeigt, dass er der beste Einzelkönner in der Halle ist, kommt bei den Raptors (die ohne wirklichen Go-to-Guy auftreten) jeder mal zum Zug – am Ende werden sieben Raptors-Spieler zwischen elf und fünfzehn Punkten erzielen. Nach dem ersten Abschnitt steht es 27:26 für die Kanadier.

Im Anschluss gelingt es Toronto, sich langsam aber sicher abzusetzen. Vor allem defensiv zeigen sie sich einen Hauch aggressiver, wobei vor allem Power Forward Reggie Evans (Foto) mit gutem Beispiel vorangeht. Am Ende stehen für den wandelnden Kleiderschrank sieben offensive und vier defensive Rebounds sowie ein markerschütternder Screen zu Buche. Zudem gelingt es Evans, durch physisches Spiel die Kreise von Stoudemire etwas einzuengen, wobei sich „STAT“ im dritten Viertel mit einem krachenden Tip-Slam noch einmal zu Wort meldet.

Insgesamt sind es auch diese spektakulären Aktionen, welche das Spiel sehenswert machen. Denn obwohl die Knicks noch einmal heran kommen und am Ende nur mit 103:108 unterliegen, mag so richtig keine Spannung aufkommen. Es ist eben doch ein Preseason-Spiel mit vielen Spieler-Wechseln, durchschnittlicher Defense und suboptimaler Spielstruktur. Vielleicht ist gerade dies der Grund, weshalb es die Ausnahmeathleten wie DeRozan, Wright oder Amir Johnson gleich mehrmals ordentlich krachen lassen können und die Zuschauer spektakuläre Aktionen im Dutzend zu sehen bekommen. Gleichzeitig bringt jede dieser Aktionen das Montrealer Publikum mehr und mehr zum kochen, sodass die Stimmung insgesamt für ein Preseason-Spiel außergewöhnlich gut ist.

21.50 Uhr: Raptors Locker Room

Als die Journalisten zehn Minuten nach Spielende in die Kabine der Raptors gelassen werden, ist die Stimmung wie schon vor dem Spiel sehr ausgelassen. Linas Kleiza und David Andersen – beide noch im Trikot und mit dicken Eispakten auf den Knien – unterhalten sich fröhlich, während Calderon bereits fertig angezogen ist und – ebenso wie Andrea Bargnani – vor der Kamera steht. Plötzlich sehe ich den Mann im roten Anzug durch die Kabine gehen. Ich wusste inzwischen, dass er für den New Yorker TV-Sender MSG arbeiten musste, da er wenige Plätze rechts von den TSN-Moderatoren saß. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Es ist Walt „Clyde“ Frazier, der die Knicks 1970 und 1973 als Point Guard zu ihren beiden bis heute einzigen Titeln geführt hatte.

Während ich mich noch über dieser später Erkenntnis freue, werde ich plötzlich von einem harten Schlag auf meine rechte Schulter aus den Gedanken gerissen. Irritiert drehe ich mich um und blicke geradeaus auf die unsagbar monströsen Brustmuskeln von Reggie Evans, der mit nichts als einem etwas zu klein geratenen weißen Handtuch bekleidet ist und eine kleine Louis-Vuitton-Kulturtasche (schon die zweite an diesem Abend?!) in der Hand hält. Dann holt er eine durchsichtige Plastik-Ampulle mit Shampoo heraus, hält mir diese unter die Nase und fragt grinsend: „Yo man, how does that smell?“. Etwas verdutzt halte ich meine Nase über die Ampulle. Das Shampoo riecht nach Banane – gewöhnungsbedürftig, aber nicht unbedingt schlecht. “Pretty good“ entgegne ich ihm. „Yeah man, I’m gonna smell god-damn good!“. Dann verschwindet er lachend unter der Dusche.




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Kommentare

(10 Kommentare bisher)

von Fel!x 23.10.10 um 11:58:28


„Yeah man, I’m gonna smell god-damn good!“ :D
wie im Film^^



von TNT 23.10.10 um 13:20:37


nice



von Durant44 23.10.10 um 13:30:54


Sehr gelungen!!
Schöne Eindrücke, vorallem von "Hinter den Kulissen"!!!



von Suck My Diktiergerät 23.10.10 um 16:19:30


sehr sehr schicker artikel.
ich beneide dich doch ein wenig ;)



von Don Guwani 23.10.10 um 19:28:13


Geiler Artikel!

Und kooler Spruch von Reggie Evans hehe :)

Schön mal einen Einblick zu bekommen. Good Job Buddy!



von masterehm 23.10.10 um 21:40:35


sehr geil



von Treffnix 23.10.10 um 22:05:23


Neid BJ NEID !!!!!!



von Cabalios 23.10.10 um 22:52:42


richtig guter bericht hier von dir, björn. hat wirklich spaß gemacht zu lesen. :-)



von xax 23.10.10 um 23:33:29


werde grün vor neid...
super artikel, evans riecht gut, yao hat sich seit fast 3 tagen nicht den fuß gebrochen und beasley WILL weniger kiffen, ist das schön.



von Marc_7 26.10.10 um 13:00:24


good job!



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