Stärken:
Donatas Motiejunas ist ein ungemein vielseitiger Linkshänder, der auf der Power Forward-, aber auch der Center-Position eingesetzt werden kann und in den europäischen Jugendwettbewerben der vergangenen Jahre kaum zu stoppen war. In seinem zweiten Jahr bei Benetton Treviso in der italienischen Serie A hat er sich enorm verbessert und gehört zu den besten Scorern auf seiner Position.
Der charismatische Jungstar ist für seine erst 20 Jahre technisch bereits extrem weit und verfügt über ein umfangreiches Arsenal an Bewegungen unter dem Korb, Abschlussmöglichkeiten aus der Nah- und Mitteldistanz, aber auch einen respektablen Distanzwurf, gute Fähigkeiten in Dribbling und ein Auge für den besser postierten Nebenmann. Was seine offensiven Fähigkeiten angeht, ist Motiejunas der beste europäische Big Man in seiner Altersklasse, da er – anders als beispielsweise der ebenfalls hochtalentierte Kroate Tomislav Zubcic – auch über ein Spiel mit dem Rücken zum Korb verfügt.
Hierbei verlässt sich der hochaufgeschossene Balte weniger auf besondere Athletik oder unglaubliche Power, sondern geht mit Finesse, Technik und einer Vielzahl von Täuschungen ans Werk. Unter Gleichaltrigen schafft es Motiejunas nahezu nach Belieben, an die Freiwurflinie zu gelangen, und dort einfache Punkte zu erzielen. Sein Wurf ist ebenso technisch sauber wie bis hinter die Dreipunktlinie sicher, wenngleich ihm ein wirklich schneller, hoher Sprungwurf noch etwas fehlt.
Was Motiejunas ebenfalls auszeichnet, ist sein Siegeswille. So scheut der junge Litauer keine Verantwortung und kann recht gut mit Druck umgehen. Wenngleich er phasenweise einen „Killer-Instinkt“ vermissen lässt, können sich seine Mitspieler zum Ende enger Spiele hin 100% auf den Riesen verlassen.
Schwächen:
Was Motiejunas vor allem fehlt, um zum jetzigen Zeitpunkt in der NBA für Furore zu sorgen, sind Muskelmasse, Erfahrung auf höchstem Niveau und eine noch kompromisslosere Einstellung.
In den Beinen und dem Oberkörper des Rohdiamanten steckt bereits ordentlich Kraft, aber vor allem an seiner Armmuskulatur und Explosivität muss der Litauer fokussiert weiter arbeiten, um auch unter den Körben der NBA Gegenspieler vernaschen zu können. Motiejunas‘ Zukunft liegt auf der Power-Forward-Position, und die Gegner, die ihn hier in der NBA erwarten, sind fast allesamt wesentlich athletischer und kräftiger als der junge Europäer. Auch in Sachen Sprungkraft, Schnelligkeit und Armspannweite wird sich Motiejunas erst an die massiven Unterschiede zwischen der NBA und europäischen Jugendwettkämpfen gewöhnen müssen und seine Voraussetzungen sind solide, aber auch nicht mehr.
Ebenfalls kritisiert wird der junge Mann allenthalben für eine stellenweise aufkommende extreme Lässigkeit, mit der der Europäer an seine basketballerischen Aufgaben herangeht: So hat Motiejunas eigentlich alles in seinem Werkzeugkasten, um Spiele nach Belieben zu dominieren – allzu oft reicht es ihm allerdings aus, diese Spiele "nur" zu gewinnen. Der Litauer weiß, wie gut und talentiert er ist, was in manchen Partien zu seinem Problem wird, weil er sich viel Zeit lässt und bis in den Schlussabschnitt wartet, um dann mit aufreizender Lockerheit die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Eine solche Arbeitseinstellung wird er sich in der NBA nicht mehr leisten können und es bleibt abzuwarten, wie rasch es der Litauer schafft, sich an den harten Kampf um Spielzeit, Anerkennung und Punkte zu gewöhnen.
Nach seinen jüngsten Auftritten in Italien scheint sich der Litauer allerdings erfreulich schnell im harten Profigeschäft etabliert zu haben und mit dem deutlich raueren Klima umgehen zu können.
Woran Motiejunas unbedingt arbeiten sollte, sind seine Fähigkeiten im Rebounding und der Verteidigung. In beiden Bereichen wird ihm zwar zusätzliche Erfahrung enorm weiterhelfen, mit seiner momentanen Einstellung wird ihn aber auch das nicht viel weiter bringen. Für einen Spieler mit diesen körperlichen Voraussetzungen agiert er hier zu lässig, zeigt nicht genug Einsatz und Biss und verpasst so ein ums andere Mal Rotationen, Rebounds oder auch die Chance, einen Wurf zu blocken
NBA-Vergleich:
Optimistischer Vergleich: Dirk Nowitzki / Chris Bosh. Donatas Motiejunas ist extrem talentiert, und es muss viel passieren, damit er es nicht zumindest zu einem starken Starter in der NBA schafft. Ob es allerdings reicht, um in die Sphären eines Dirk Nowitzki oder Chris Bosh vorzustoßen, liegt vor allem bei ihm selbst. Motiejunas hat nicht ganz den Wurf von Nowitzki und ist weniger athletisch als Bosh, dafür ist sein Spiel kompletter und hat kaum Lücken. So könnte der Litauer auch ein beachtlicher Rebounder und Shotblocker werden, verfügt über ein Spiel unter dem Korb und kann mehr als ordentlich dribblen. Mit konzentrierter, harter Arbeit und der richtigen Einstellung kann es Motiejunas definitiv schaffen, zu einer kaum zu stoppenden Mischung aus Bosh und Nowitzki zu werden.
Realistischer Vergleich: Andrea Bargnani. Bargnani steht die wohl beste Zeit seiner Karriere wohl noch bevor, beginnt aber dennoch, sichtbar aufzublühen und zu einer gefährlichen Waffe in der Offensive zu werden. Zwar ist Motiejunas‘ Wurf etwas schwächer, als der des Italieners und seine Post-Moves sind ein gutes Stück besser, aber eine ähnliche Karriere als hoher Pick mit dem Potential einiger All-Star-Nominierungen scheint vorprogrammiert. Allerdings werden wohl beide Spieler nie einen MVP-Award einheimsen, weil ihr Spiel in der Verteidigung einfach zu viele Fragen offen lässt und eine gesunde Härte schlichtweg fehlt
Pessimistischer Vergleich: Nikoloz Tsikitishvili. Im schlechtesten Fall wird Motiejunas ein weiterer früh in den Himmel gelobter Europäer, der es nicht schafft seine zweifellos vorhandenen Talente auch in der NBA gewinnbringend einzusetzen. Dieser Fall erscheint allerdings sehr unwahrscheinlich – zu gut präsentierte sich der Litauer in den vergangenen Jahren, zu steil zeigt seine Entwicklungskurve nach oben.
Karriereprognose:
Lässt man ihm etwas Zeit, wird sich Motiejunas in der NBA mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durchsetzen und zu einem vielseitigen und gefährlichen Big Man reifen. Die Mannschaft, die sich für den Schlacks entscheidet, sollte diese "Reifezeit" allerdings dringend einkalkulieren und sich in den ersten ein, zwei Jahren keine Wunderdinge vom Litauer erwarten.
Draftausblick:
Das Potential und die Anlagen des Litauers kann von den US-Kandidaten wohl kaum einer überbieten, sodass ein Platz in der Lottery wahrscheinlich scheint.
Autor: Peter Bieg |