Draft 2005

Der Korolev-Pick: Hochmut kommt vor dem Fall

Mit einem Lottery-Pick und jeder Menge Platz unter dem Salary Cap ausgestattet, gingen die Clippers in die Sommerpause. Doch ein Fehler beim Draft bedeutete den Anfang vom Ende aller Playoff-Träume.

Von Max Lambertz
 08.08.2005 |

Selbst das letzte Täuschungsmanöver kurz vor dem Draft geriet zur Farce. Coach Mike Dunleavy erklärte der Presse, dass man natürlich auf keinen Fall auch nur irgendein Versprechen an Yaroslav Korolev abgegeben habe, ihn an 12. Stelle des diesjährigen Drafts zu ziehen. Auch Korolev selbst hatte die offizielle Sprachregelung schnell verinnerlicht und erklärte in sauberem Englisch, er habe keine Ahnung, wann er gedraftet werde und könne sogar damit leben, wenn erst am Ende der ersten Runde die Wahl auf ihn fallen würde. Doch der einzige, der hierauf hereinfiel, war Sean Deveney von sportingnews.com, der bis zuletzt daran glaubte, die Clippers würden im Draft einen starken, dringend benötigten Shooter wählen.

Der Rest der Welt pfiff auf diese Aussagen; Korolevs Agent Marc Fleisher war es dann, der das Ganze endgültig zur Lachnummer werden ließ, indem er unter der Hand zugab, dass Korolev auf keinen Fall außerhalb der Lottery gedraftet werden würde. So kam es, wie es kommen musste. Mehrere Shooting Guards, die den Clippers sofort hätten helfen können ? wie etwa Rashad McCants, Antoine Wright, Joey Graham, Danny Granger oder Gerald Green ? wurden links liegen gelassen und Yaroslav Korolev gezogen. 

Beim gemeinen Basketball-Fan, der sich zuvor nicht großartig mit dem Draft auseinandergesetzt hatte, begann nun erstmal das große Rätselraten. Wer ist denn dieser Yaroslav Korolev eigentlich? Die Frage war schnell geklärt: Korolev wurde in Russland geboren und wuchs in einer Basketballfamilie auf. Sein Vater war Basketball-Profi und auch seine Mutter spielte in der ersten russischen Liga. Seine große Schwester spielt heute ebenfalls in Russland professionellen Basketball. Im Alter von sechs Jahren verschlug es Korolev auf die andere Seite der Erdkugel nach Costa Rica. Sein Vater war dort als Spieler und Trainer tätig. Der junge Yaroslav lernte dort nicht nur Englisch und ein wenig Spanisch, sondern kam auch erstmals selbst mit dem orangefarbenen Ball in Kontakt. 

Doch zunächst bevorzugte er noch das Schwimmen und nahm sogar schon an Jugendwettkämpfen teil, bevor er sich im Alter von elf Jahren endgültig für den Basketball entschied. In Anbetracht seiner Familienverhältnisse habe er gar keine andere Wahl gehabt, grinst er heute. Zurück in Russland schloss er sich der Jugend ZSKA Moskaus, dem wohl renommiertesten und erfolgreichsten russischen Klub überhaupt, an.

Dort stand er in der letzten Saison im Juniorenteam und spielte eine gute Saison. Er kam auf 15,9 Punkte, 5,8 Rebounds, 2,2 Assists und 1,8 Steals in lediglich 25,3 Minuten. Schon hier fiel teilweise eine gewisse Unkonstanz auf. So lieferte er neben einigen großartigen Spielen auch immer mal wieder ? bevorzugt gegen den Moskauer Stadtrivalen Dynamo - unterirdische Partien mit vielen, unnötigen Fouls ab. Nebenher trainierte er auch mit den Profis, hatte aber im wohl am besten besetzten Kader Europas nie eine wirkliche Chance und kam in der Euroleague auf lediglich zwei magere Minuten.

Angesichts dieser Tatsachen verschwendeten er und sein Agent auch bis vor kurzem noch keinen Gedanken an eine mögliche NBA-Karriere, obwohl Clippers Scout Fabrizio Besnati ihn nach eigenen Angaben bereits seit mehr als drei Jahren beobachtet. Das im Rahmen des Euroleague Final Fours vor den Augen zahlreicher NBA-Coaches ? darunter auch Mike Dunleavy ? ausgetragene Europäische Finale der Juniorenmannschaften rückte Korolev schließlich auf das Radar einiger NBA-Franchises.

Dennoch schlug die Entscheidung der Clippers, ihn schon an 12. Stelle zu picken, ein wie eine Bombe. Sämtliche Draftexperten waren sich einig, dass Korolev noch mehrere Jahre brauchen würde, um sein Spiel auf NBA-Niveau zu heben. ESPN-Kommentator Jay Bilas hielt sich mit seiner Beurteilung noch vornehm zurück, indem er den Pick ?rätselhaft? nannte. Härter hingegen der Kommentar von draftexpress.com: ?Die Clippers zeigten jedem in diesem Draft, sich sofort wieder einen günstigen Platz in der Lottery suchend, warum sie die L. A. Clippers sind [?] und sie erinnern uns erneut daran, warum sie in den letzten 20 Jahren zur Lachnummer der Liga geworden sind.? Die anderen Draftboards schlugen in die gleiche Kerbe und sprachen von einem ?schockierenden Pick? (Fox Sports Net), einer ?vergebenen Chance? (Hoopshype), einer ?irren Entscheidung? (About.com) und realgm.com fragte sogar höhnisch: ?Können diese Jungs irgendwann einmal etwas richtig machen?? 

Derart unter Druck geraten, musste sich das Clippers-Management den enttäuschten Fans erklären. Als erster versuchte dies General Manager Elgin Baylor. Zunächst gestand er etwas kleinlaut ein, dass ihn einige der ersten Picks doch sehr überrascht hatten und er nicht damit gerechnet hätte, dass etwa ein Danny Granger oder ein Gerald Green noch zu haben gewesen wären. Dennoch sei Korolev die richtige Entscheidung gewesen. Dies begründete er auf der einen Seite mit der schlichten Behauptung, es gebe keinen besseren Scout in diesem Business als Besnati. Auf der anderen Seite verstieg er sich zu zwei abstrusen Behauptungen. Erstens erklärte er, man könne sich im Draft nicht spielerisch verbessern. Dies ginge, wenn überhaupt, nur mit Top-Five-Picks und selbst dann nur bei besonderen Jahrgängen. Zusätzlich meinte er noch, Spieler die volle vier Jahre das College besuchen, täten dies, weil sie nicht talentiert genug seien und verdienten es deshalb auch nicht, gewählt zu werden. 

Dieser Beruhigungsversuch darf als reichlich missglückt angesehen werden, zumal Baylor auch nicht davor zurückschreckte, Dinge sachlich falsch darzustellen. So behauptete er etwa, das Niveau der russischen Juniorenliga sei auf dem des High-School-Basketballs. Besser machte es zunächst Coach Mike Dunleavy, indem er zunächst fast schon staatsmännisch zugab, dass ?dort vielleicht einige Spieler waren, die schon weiter sind?. Hinter denen hätten aber bezüglich der Teamchemie zu große Fragezeichen gestanden. Den entscheidenden Satz aber brachte er hingegen erst ganz zum Schluss: ?Wir denken, wir haben eine großartige Chance, die Löcher in unserem Roster (zu diesem Zeitpunkt hatten die Clippers ganze vier Spieler unter Vertrag; M. L.) mit Leuten zu füllen, die stärker erprobt sind, mit Veteranen.? 

Der Plan sah vor ? zusätzlich zu den geplanten Weiterverpflichtungen der eigenen Free Agents Bobby Simmons, Marko Jaric und Zjelko Rebraca ? einen Top-Shooting-Guard als Ersatz für den dauerverletzten Kerry Kittles zu verpflichten. Tatsächlich schienen die Chancen, entweder Ray Allen oder Michael Redd zu verpflichten, nicht so schlecht, hatte Dunleavy von Besitzer Donald Sterling doch die Erlaubnis erhalten, so viel Geld wie möglich zu investieren. Doch als erstes winkte Ray Allen ab, verlängerte lieber für fünf Jahre und 80 Millionen Dollar bei den Seattle Supersonics, und auch Michael Redd entschied sich für sechs Jahre und 90 Millionen Dollar dafür, seinem alten Club die Treue zu halten. 

Doch die Sache wurde noch schlimmer. Auf der Suche nach einem guten Shooting Guard hatte man Bobby Simmons immer weiter hingehalten. Zwar hielt man täglich den Kontakt zu dessen Agenten. Zudem gab es den ganzen Sommer über fast nur positive Signale für eine Vertragsverlängerung, doch einen hochdotierten, neuen Vertrag wollte man Simmons nicht zusagen. So zögerte dieser nicht lange, als die Milwaukee Bucks ihm einen Traumvertrag über 47 Millionen Dollar anboten. Anstatt ein Loch zu stopfen, hatte man lediglich ein neues gerissen.

Zwar konnte man mit der Verpflichtung von Cuttino Mobley wenig später zumindest das Loch auf der Shooting-Guard-Position füllen, doch die anderen Verhandlungen entwickelten sich zur Hängepartie. Marko Jaric verspürt nur wenig Lust, als Back-up für Livingston und Mobley aufzulaufen und lässt seinen Agenten immer neue Sign-and-Trade-Deals ausarbeiten. Die Clippers betonen zwar, ihn unter allen Umständen halten zu wollen, doch dies könnte sich alsbald als Verhandlungstrick erweisen. Auch die Verhandlungen mit Zeljko Rebraca gestalteten sich zunächst schwierig, konnten aber immerhin vor kurzem erfolgreich zu Ende geführt werden. Rebraca bleibt für weitere drei Jahre und neun Millionen Dollar im Team.

Weiterhin bestehen bleibt aber das Loch auf der Small-Forward-Position. Da die einstmals gute finanzielle Situation mittlerweile fast komplett verspielt ist, muss man sich dabei für die Sparvariante entscheiden. Im Gespräch sind unter anderem Namen wie Lee Nailon, Jason Kapono, Scott Padgett und Gerald Wallace. Der große Wurf dürfte dabei eher nicht gelingen. 

Es scheint also so, als ob man nicht einmal die alten Löcher im Kader stopfen kann, weil man sich ständig darum kümmern muss, die neu entstehenden auszubessern. Die Überheblichkeit der Tage kurz nach dem Draft ist jedenfalls verflogen. Mittlerweile wird sogar überlegt, Korolev ? der momentan mit dem russischen Nationalteam unterwegs ist und zum Auftakt des Trainingscamps zurückerwartet wird ? doch schon dieses Jahr in der NBA auflaufen zu lassen, und das, obwohl seine Leistungen bei der U 20 Europameisterschaft genau zeigten, warum er noch nicht NBA-reif ist: Er machte trotz des Coachings seines eigenen Vaters (Korolevs Vater ist der Trainer des russischen Juniorenteams; M. L.) viele einfache Fehler und dumme Fouls, nahm sich so viel zu oft selbst aus dem Spiel und schien dem enormen Druck nicht standhalten zu können. Dies zeigte sich je häufiger, desto länger das Tunier dauerte und gipfelte im frühzeitigen Ausscheiden im Achtelfinale. NBA-reif ist Korolev frühestens in einigen Jahren?




Artikel-Funktionen

Bewerte diesen Artikel:
0.00
(0 Bewertungen bisher)
 

Speichere diesen Artikel:


Kommentare

(11 Kommentare bisher)

von Lénny 08.08.05 um 17:36:51


Hab ich was verpasst?
Corey Maggette spielt doch immernoch bei den Clips, da reicht doch ein scott padgett als backup aus, oder?



von 23CenT 08.08.05 um 18:16:42


Also ich sehe auch kein Loch.Höchstens auf der Bank.Aber dafür findet man immer einen..

PG Shaun L.
SG Mobley
SF Maggette
PF Brand
C Kaman



von Lil Flip 08.08.05 um 18:55:22


als Back Up hätte man ja mit
Rebraca,vorraus. Jaric,und einen von den oben genannten ja auch hoffnungsvolle Spieler auf der Bank...eins,zwei Veterane und es sieht nicht sooo schlecht aus wie in diesem Bericht,was auch damit zu tun hat,dass ein paar Stars jetzt im Osten auflaufen werden.



von Max Lambertz (x-over) 08.08.05 um 19:08:16


Bis jetzt haben die Clippers unter Vertrag:

3 Point Guards (Livingston, Ross, Chalmers)
2 Shooting Guards (Maggette, Mobley)
1 Power Forward (Brand)
3 Center (Kaman, Rebraca, Wilcox)

Natürlich kann man auch weiterhin den Shooting Guard Maggette gegen die Small Forwards dieser Liga antreten lassen. Er hat seine Sache da ja auch ganz gut gemacht. Dennoch beraubt man ihn damit einem Teil seiner Stärken. Deshalb fehlt ein Small Forward für mindestens 20 Minuten pro Spiel mit Potential zu mehr.



von Lil Flip 08.08.05 um 20:05:11


des stimmt auch...sagma..ist Wilcox nicht eher PF,sorry wenn ich mich irre



von highfive 08.08.05 um 21:49:26


war simmons nicht der SG der clipps letztes jahr?
dann hätte ich es sinnvoller gefunden,nen SF zu holn,oder zu draften (graham,granger),
als sich mobley ans bein zu binden,aber was reg ich mich eigentlich auf?sind ja doch nur die clippers....



von ruv-d 09.08.05 um 17:23:56


naja trotzallem haben es die clippers wieder mal geschaffteiniges zu vermasseln,vor allem beim draft...sie hätten aber trotzdem eher bobby simmons halten,er ist vielseitiger und kann auch als SF eingesetzt werden,dann könnte maggette Sg spielen.



von bender (x-over) 11.08.05 um 10:08:34


Ich versteh manchmal nicht, wieso die europäischen Spieler - wo sie von den NBA-Managern fast schon überbewertet werden - in Europa so gnadenlos niedergemacht werden? Es wird so getan, als hätten die Clippers ihren Pick in den Ofen geschossen, dabei ist Korolev der talentierteste Spieler seiner Alterklasse in Europa. Er ist noch jung, und wird den Clippers in den nächsten zwei Jahren nicht helfen können, aber warum hätte das Gerald Green gekonnt? Der ist ebenso jung, ebenso "unproved" - Korolev hat die letzten Jahre gegen weit härter Competition gespielt als Green - aber anscheinend schon reif. Warum? Oder Antoine Wright, alias Kevin Martin für Arme? Die Clippers haben eine gute Entscheidung getroffen, und Korolevs Performance bei der U18 Euro hat das nochmal unterstrichen. Nicht alle Euro-Picks sind scheiße.



von Max Lambertz (x-over) 11.08.05 um 14:03:03


Ich habe nie behauptet, dass Korolev untalentiert sei oder kein guter Basketballspieler werden wird. Ja, wahrscheinlich wird Korolev in einigen Jahren ein guter NBA Spieler sein, das Talent dazu hat er auf jeden Fall. Dennoch: Die Clippers hätten die Hilfe jetzt gebraucht, um schon nächstes Jahr die Play-offs in Angriff nehmen zu können. Stattdessen macht man so weiter wie die Jahre zuvor, indem man immer weiter hochtalentierte, unreife Spieler pickt, man es aber nie schafft daraus mal ein Team auf die Beine zu stellen das ernsthaft um die Play-offs mitspielen könnte.

Gegen welche harte Competition hat Korolev denn sein Können schon zeigen dürfen? In der russischen Junior Leaugue? Ich bitte dich, dass ist nun wirklich keine tolle Competition. Gut er hat mit der 1. Mannschaft in Moskau trainiert, aber spielen durfte er dort eben auch nicht. Dafür hat Korolev aber auch keinerlei Workouts bestritten und war nicht einmal im Clippersteam für die Summerleaugue. Green hingegen konnte dort bei den Celtics durchaus überzeugen. Sicherlich sagt das erstmal gar nichts aus, aber es ist schon bezeichnend, dass die Clippers anscheinend meinen Korolev schützen zu müssen, indem man ihn nicht öffentlich gegen seine Konkurrenten spielen lässt.

Über seine Performance bei der U 18 Euro kann man sicherlich streiten. Wir haben sie sicherlich beide nicht selbst beobachten können und müssen uns deshalb auf andere Quellen stützen. Tatsache ist allerdings, dass Russland überraschend früh ausschied.

Wie gesagt ich habe nichts gegen Korolev und schon gar nichts gegen gute Europicks. Nur war Korolev bei den Clippers der falsche Pick zur falschen Zeit. Das ganze garniert mit der verpatzten Off-season ergibt dann nunmal ein weiteres Jahr in der Lottery. Das Korolev da nichts dafür kann ist klar.



von Lénny 12.08.05 um 15:31:40


Sorry Jungs aber Maggette wird doch nicht auf SF seinen Stärken beraubt, da kann er sie meiner Meinung nach besser ausspielen, da er nicht der überragende Schütze ist, sondern eher vom Drive lebt.
Und wenn sie Padgett als Backup holen würden hatten sie ein ordentliches Team:

Livingston
Backup: Chalmers
Mobley
Backup: ?
Maggette
Backup: zb Padgett
Brand
Backup: Wilcox
Kaman
Backup: Rebraca

PS: Wilcox is eher PF mit 2.08 und die Art wie er spielt



von Headbänga 15.08.05 um 11:42:56


also das mit padgett als backup hat sich ja erledigt (hat bei den suns unterschrieben). aber es sind ja noch andere interessante spieler auf dem markt: z.b. luke walton (ok, wird wohl wieder beim zen-meister beim anderen club in LA unterschreiben), "big dog" robinson oder auch latrell sprewell. zum backup für magette auf der 3 reicht ihr potenzial noch allemal.



Du benötigst einen myCrossover-Account um Artikel kommentieren zu können!

 Registrieren oder  Einloggen

 





Du bist nicht eingeloggt. Jetzt bei myCrossover registrieren.
  •  
    Passwort vergessen?