Dirk Nowitzki
"Der Lockout war ein Glücksfall für mich"
Am Dienstag durften die deutschen Medien Dirk Nowitzki per Telefonkonferenz Fragen stellen. Crossover war für euch mit dabei und hat den Superstar zu den Neuverpflichtungen der Mavs, Chris Paul und Mark Cuban befragt.
Von Florian Lindemann |
14.12.2011 | |

Mit welchen Gefühlen blickst du in die kommende Saison?
Dirk Nowitzki: Das war eine komische Zeit. Jetzt freuen wir uns darauf, dass es endlich losgeht. Wir trainieren seit ein paar Tagen und wir bringen uns in Form. Wir haben jetzt noch etwas weniger als zwei Wochen und wir freuen uns darauf, den Titel zu verteidigen.
Hast du das Gefühl, dass Mark Cuban in dieser Offseason mit neuem CBA und drohender hoher Luxussteuer sowie der Chance auf einen guten Free Agent 2012 eine neue Strategie verfolgt hat? Immerhin hat er mit Tyson Chandler und Jose Barea nicht verlängert und fast nur Ein-Jahres-Verträge abgeschlossen.
Nowitzki: Das große Ziel war, Cap Space (Gehaltsspielraum, Anm. d. Red.) für den nächsten Sommer zu bekommen. Seitdem Cuban in Dallas ist, waren wir kein einziges Mal unter dem Cap, so dass wir nicht in der Position waren, irgendwelche Free Agents zu holen. Unser Ziel dieses Jahr war, dass wir einmal Flexibilität haben. Die Luxussteuer war natürlich auch ein Grund, da diese ja dann von Jahr zu Jahr immer höher wird. Es ist dennoch nach wie vor bitter, dass Caron Butler, Tyson Chandler und Jose Barea weg sind, sie werden für immer Freunde und Familie bleiben. Wenn man gemeinsam eine Meisterschaft gewinnt, bleibt man immer irgendwie zusammen. Ich wünsche ihnen natürlich viel Glück, wo auch immer sie landen werden.
Wie sehr hat sich dein Leben seit diesem Sommer verändert?
Nowitzki: Es war schon mehr los. Es war der Wahnsinn, wie Deutschland am Titelgewinn teilgenommen hat. Ich hätte nie gedacht, was für einen Rummel man mit Basketball auslösen kann. Das war witzig zu sehen. Alleine, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie nachts aufgestanden sind. Mittlerweile werde ich auch von älteren Leuten im Aufzug erkannt, von denen ich dachte, dass sie mit Basketball überhaupt nichts am Hut haben. Es war insgesamt mehr Rummel, auch bei der Nationalmannschaft. Nach dem Sommer habe ich daher ein bisschen Ruhe gebraucht und bin vor sechs Wochen schon nach Dallas geflogen. Diesen Abstand habe ich nach der Hektik gebraucht.
In Deutschland wird viel über die Überbelastung von Spitzensportlern diskutiert. Wie wappnest du dich gegen Burnout?
Nowitzki: Ich versuche, alles mit Spaß zu nehmen. Ab und zu muss man Abstand suchen, auch wenn das direkt nach der Meisterschaft schwer war. Nach Würzburg für die Parade, dann wieder zurück in die USA, Kurzurlaub, wieder nach Würzburg für das Training mit der Nationalmannschaft. Die Erholungsphase war definitiv zu kurz. Vor allem nach der EM habe ich den Abstand gebraucht. Der Lockout hat mich deswegen gerettet. Wenn es gleich nach der EM in der NBA losgegangen wäre, würde ich jetzt schon knapp am Burnout herumknapsen. Der Lockout war daher fast ein Glücksfall für mich. Jetzt habe ich wieder Spaß an der Sache. Der hatte im Sommer ein bisschen gefehlt.
Wie fit fühlst du dich bereits jetzt?
Nowitzki: Ich habe noch Arbeit vor mir, aber es wird von Tag zu Tag immer besser. Ich bin vor eineinhalb Wochen direkt nach "Wetten, dass..?" geflogen und habe von Montag bis Freitag für mich selbst etwas gemacht. Am Freitag haben wir dann als Mannschaft losgelegt. Außerdem hatte ich in Würzburg schon zwei Wochen mit Holger (Geschwindner, persönlicher Trainer und Berater) trainiert. Es ist daher okay, auch wenn ich noch einige Prozent draufzulegen habe. So lange der Spaß da ist, werde ich relativ schnell wieder fit. Ich denke schon, dass ich zum 25. Dezember bei fast 100 Prozent sein werde.
Die Mannschaft der Mavs ist eigentlich komplett. Bei anderen Teams hingegen überschlagen sich die Spekulationen. Hast du eine solche hektische Phase schon mal erlebt?
Nowitzki: Es sind die Nachwehen des Lockouts, damit muss jeder zurechtkommen. In meiner ersten Saison 1998/99 war es auch komisch, als man sich erst im Januar geeinigt hat. Damals bin sich sofort nach Dallas und wir hatten ein kurzes Trainingscamp von zehn Tagen. Ich wusste daher schon, was wir zu erwarten haben. Die Tage zuletzt waren wahnsinnig gefüllt mit Gerüchten, ein ständiges Hin und Her, ein Ziehen und Gezerre. Wir haben gesagt, dass wir das ignorieren und uns einfach voll auf das Training konzentrieren. Die Gerüchteküche wird noch ein bisschen brodeln, bis man weiß, was mit Chris Paul passiert. Bis man weiß, was Dwight Howard macht. Bis Nene irgendwo unterschrieben hat (der Center hat mittlerweile in Denver verlängert, Anm. d. Red.). Da müssen wir abwarten. Die nächsten Tage werden noch sehr interessant. Gott sei Dank tangiert es uns in Dallas nur noch peripher.
Ist die verkürzte Saison ein Vorteil für euch oder ein Nachteil, weil ihr ja auch nicht mehr die Jüngsten seid?
Nowitzki: Beides. Wir müssen relativ schnell unseren Rhythmus finden, da wir direkt viele Spiele haben. Ich glaube, dass es uns gelingt, weil Jason Kidd das Zusammenspiel sehr leicht macht und der Kern des Teams die Systeme noch kennt. Doch Vince Carter ist 34 Jahre alt und auch Lamar Odom schon 32. Umso wichtiger ist natürlich unsere Bank und mit Jet Terry, Odom oder Shawn Marion und Delonte West als Kidd-Backup sind wir da gut aufgestellt. Auch von Roddy Beaubois erwarten wir uns viel. Sie alle müssen uns viele Minuten geben.
Lamar Odon ist nun ein Maverick. In den Playoffs sorgte er mit einem überharten Foul gegen dich für Aufregung, außerdem macht er eine Reality-Sendung mit seiner Frau. Befürchtest du eventuell Konflikte?
Nowitzki: Ich glaube, es wird keine Probleme geben. Das Foul war aus der Frustration heraus, weil wir im vierten Spiel so gut waren. Aber ich spiele seit zehn Jahren gegen Lamar und ich habe auf dem Feld noch nie böse Worte mit ihm gewechselt. Daher gehe ich davon aus, dass wir gut zusammenspielen. Er ist für seine Größe ein guter Passgeber und es macht Spaß, mit ihm zu spielen. Was er außerhalb des Platzes macht, interessiert mich eigentlich nicht. Damit habe ich nichts zu tun. Ich bin eh einer, der sich außerhalb des Spielfelds zurückzieht und sein eigenes Ding macht. Außerdem hat Lamar letztes Jahr als bester Sixth Man gezeigt, dass er trotz des Rummels seine Leistung bringt. Und das ist das einzige, was uns interessiert.
Wie siehst du eure Center-Position? Tyson Chandler wurde ja nicht weiterverpflichtet.
Nowitzki: Es wird schwer, Tyson zu ersetzen, deswegen hat er in New York auch so einen Riesenvertrag unterschrieben. Er hat gezeigt, was er wert ist mit seiner Athletik, seiner Verteidigung, seinem Rebounding, seiner Präsenz am offensiven Brett und seinen Blocks. Er war leider einfach schwer, ihn zu halten. Es tut weh, dass er geht. Aber mit Brendan Haywood haben wir einen erfahrenen Mann, der in der Liga viel erlebt hat. Er hat schon gut gespielt, bevor Tyson zu uns kam. Und Ian Mahinmi hat einen Schritt nach vorne gemacht. Ihn kann man immer bringen, er hat schon in den Finals solide Minuten gespielt. Er ist eine athletischere Option als Haywood. Ansonsten schätze ich, dass wir häufiger klein spielen werden mit mir und Lamar auf der Power-Forward- und Center-Position. Lamar hat über die Jahre bewiesen, als er mit Pau Gasol zusammen gespielt hat, dass er Center, Power Forwards und sogar Small Forwards verteidigen kann. Marion ist ein großer Small Forward, der auch Power Forwards verteidigt. Wir werden viel gegenseitig helfen müssen beim Rebound, dann wird es schon irgendwie klappen. Und wenn die ganz großen Center kommen wie Dwight Howard oder Tim Duncan, brauchen wir natürlich einen Haywood, der gut dagegenhalten kann.
Wer sind im Westen eure größten Konkurrenten?
Nowitzki: Schwer vorauszusehen. Wenn Paul oder Howard zu den Lakers geht, sind sie der Favorit. Selbst jetzt, ohne Lamar, wird mit ihnen zu rechnen sein. Sie haben immer noch Pau Gasol, Andrew Bynum und Kobe Bryant, der richtig heiß ist auf die Saison, nachdem wir sie im letzten Jahr mit 4-0 geschlagen haben. Die Oklahoma City Thunder sind fast zusammen geblieben und immer noch jung, so dass sie in der kurzen Saison ihre frischen Beine noch besser ausspielen können. Auch San Antonio habe ich nicht abgeschrieben. Die Spurs hatten die beste Bilanz im Westen, dass darf man nicht vergessen. Im Westen wird wieder viel los sein.
Die Clippers wollen vielleicht deinen Nationalmannschaftskollegen Chris Kaman traden. Wäre ein Trade nach Dallas eine reizvolle Vorstellung?
Nowitzki: Natürlich, es wäre witzig. Chris ist ein super Spieler, der in den letzten Jahren ein Freund geworden ist. Wir haben fast wöchentlich Kontakt. Das wäre schon was gewesen, wenn er nach Dallas gekommen wäre. Aber ich glaube nicht, dass das was wird. Er hat noch einen Vertrag bei den Clippers und er muss sich erst mal um sich selbst kümmern. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt - und vor allem, dass er verletzungsfrei bleibt.
Drew Neitzel wurde zu eurem Trainingscamp eingeladen. Neitzel spielte zuvor beim deutschen Club Bayreuth. Wie macht er sich in Dallas?
Nowitzki: Er hat jetzt einen Platz fürs Trainingscamp. Er ist ein netter Junge und wir haben uns schon unterhalten über seine Zeit in Deutschland, die ihm sehr gefallen hat. Jetzt bleibt er erst mal für das Trainingscamp da. Danach sieht es aber schlecht aus: Wir haben schon 15 Leute unter Vertrag. Ich glaube nicht, dass er bleibt. Dennoch ist es gut, dass er hier ist. Er kann nur davon profitieren, gegen Kidd, einen der besten Aufbauspieler aller Zeiten, zu trainieren.






von Crossover 30.05.2012 um 10:58:37
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