Dikembe Mutombo
Ein Berg von einem Mann
Nach 18 Jahren in der NBA zog sich Dikembe Mutombo vom Basketballsport zurück. Crossover blickt zurück auf den steinigen Weg von „Mount Mutombo“, der nicht nur als großartiger Basketballer, sondern auch als außergewöhnlicher Mensch stets in Erinnerung bleiben wird.
Von Joshua Wiedmann |
06.05.2009 | |
Es ist ein Augenblick, wie er nicht besser in das Gesamtbild passen könnte. Der große Kerl im Trainingsanzug steht von seinem Platz auf der Ersatzbank der Houston Rockets auf, wirft einem der Schiedsrichter mit seiner tiefen, knurrenden Stimme einige Worte zu, gestikuliert wild. Als der Unparteiische den Schwall kritischer Worte vernimmt, marschiert er in Richtung Seitenlinie und lässt seine Pfeife erschallen: „Technisches Foul gegen die Bank der Rockets“. Der Übeltäter traut seinen Ohren nicht, wedelt ungläubig mit Zeigefinger und Kopf. Einige Zeigerumdrehungen später – die Partie geht längst weiter – nimmt er endlich wieder seinen Platz auf der Bank ein, brabbelt noch einige Sekunden leise vor sich hin, dann richtet er seinen Blick wieder auf das Spielfeld.
„Niemals werde ich das bezahlen“, meint Dikembe Mutombo (Foto), der Übeltäter, grinsend. Der Center sitzt nach dem Spiel im Locker Room der Rockets. Die reguläre Saison 2008/09 neigt sich dem Ende entgegen. Die Stimmung im Team ist trotz des Gedränges in der Western Conference, in der die Eliteteams wie die Ölsardinen aufeinander sitzen, ausgelassen. Der Grund ist Mutombo. „Ich habe hier Commissioner Stern am Hörer. Ich werde ihm erzählen müssen, dass die NBA meine 1.000 US-Dollar an Bußgeld [für das technische Foul] nicht braucht“, witzelt der 42-Jährige, während die Teamkollegen grinsend das Schauspiel verfolgen. Vom Ärgernis während der Begegnung ist keine Rede mehr. Vom einen auf den anderen Moment nimmt sein Gesicht dann jedoch ernstere Züge an. „Es gibt in Afrika genug hungrige Kinder und er [David Stern] würde ihnen damit das Essen aus den Mündern nehmen“, sagt Mutombo nachdenklich.
Da ist sie, die philantropische Seite des Dikembe Mutombo. Ob er schließlich die Strafbezahlung an die NBA durchführte oder nicht, ist nicht überliefert. Doch keiner kann es ihm verwehren, den Blick bei jeder erdenklichen Gelegenheit in die Bedürftigenviertel der Welt zu richten – immerhin wuchs „Deke“ in eben jener Welt selbst auf.
Erst Fußball, dann Doktor – nur kein Basketball
Kinshasa ist mit damals rund 2,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt in der Demokratischen Republik Kongo, als Dikembe Mutombo - mit vollem Namen Dikembe Mutombo Mpolondo Mukamba Jean-Jacques Wamutombo – dort am 25. Juni 1966 das Licht der Welt erblickt. Dikembe ist das siebte von insgesamt zehn Kindern einer mittelständischen Familie, die etwas abseits von den Slums und Armenvierteln der kongolesischen Hauptstadt wohnt. Dennoch erfährt er die massive Armut mit all ihren Folgen. „Oftmals kamen bettelnde Leute bei uns vorbei, die nichts hatten oder an schweren Krankheiten litten“, erinnert sich „Deke“ Jahre später.
Die Mutombos achten jedoch darauf, dass ihre Zöglinge nicht in den Strudel von Kriminalität, Krankheiten und Drogen geraten, dem sich viele Jugendliche zu dieser Zeit kaum widersetzen können. Mutter Biamba Marie ist tief religiös und schickt ihre Kinder jeden Sonntag in die Kirche. Vater Samuel ist Lehrer an der örtlichen High School, die auch Dikembe besucht, und sorgt dafür, dass der Sohnemann stets mit guten Noten nach Hause kommt. Abseits von Gottes- und Schulhaus gibt es vor allem eines für den jungen „Deke“: Sport. Ähnlich wie seine Geschwister vertreibt er sich die Tage am liebsten unter freiem Himmel, zumeist mit Fußballspielen. Sein Bruder Ilo, der zu dieser Zeit bereits im erweiterten Basketball-Nationalkader des Kongo steht, schleppt ihn auch auf den Basketball-Court, Dikembe jedoch kann nicht viel mit dem orangenen Leder und den zwei Körben anfangen. Obwohl er die nötige Größe besitzt und ältere Akteure mit Leichtigkeit in den Schatten stellt, tauscht er den Basketball- schon bald wieder zugunsten des Fußballplatzes aus. „Ich wusste, was die NBA war“, erzählt Mutombo rückblickend den Rocky Mountain News. „Aber bis ich 18 Jahre alt war, wollte ich einfach nicht Basketball spielen. Mir gefiel das Spiel schlichtweg nicht.“
Bruder und Vater gelingt es schließlich dennoch, Dikembe von einem Probetraining beim ansässigen Basketballverein zu überzeugen – zu dominant hat sich der Youngster bei seinen wenigen Begegnungen mit dem orangefarbenen Leder bereits präsentiert, als dass man sein Talent einfach so vergeuden könnte. Der Versuch misslingt jedoch kläglich: Bei einer der ersten Übungen rutscht Mutombo aus und schlägt sich böse das Kinn auf – eine Narbe, die bis heute zu sehen ist, soll den Filius an diese Erfahrung erinnern. „Ich wollte anschließend nie wieder Basketball spielen“, erzählt er, „aber meinen Eltern gelang es, mich zum Basketball zu zwingen.“ In einer hitzigen Diskussion schaffen es Vater und Mutter letztendlich doch, ihren Zögling davon zu überzeugen, dass er es mit dem Sport weit bringen kann.
Im Alter von 18 Jahren beginnt „Deke“, regelmäßig professionell Basketball zu spielen. Schnell erweist sich die Annahme der Familie, Dikembe könne mit dem Korbsport Erfolg haben, als richtig. Zwar mangelt es ihm zunächst an den Grundlagen des Spiels, allein dank seiner Größe und seinem instinktiv gutem Spiel ergattert er jedoch bald einen Platz im Nationalteam. Gemeinsam mit seinem Bruder Ilo bereist er das Land auf dem Weg zu Turnieren, als Duo machen sich die beiden schnell einen Namen – auch bei den Talentsichtern der College-Teams aus den USA. Immer öfter stellen sich Scouts aus Übersee bei „Dekes“ Wettkämpfen ein, der nun die Möglichkeit eines Studiums in den Vereinigten Staaten in Erwägung zieht – hauptsächlich allerdings mit der Hoffnung, dort einen Abschluss machen zu können. Die Medizin hat es ihm angetan. Mutombo erhofft sich, eines Tages als Doktor arbeiten zu können, ähnlich wie einer seiner Cousins, der heute als Chirurg in den USA sein Geld verdient. Kein Wunder, dass er schließlich ein Stipendium an der Georgetown University annimmt, die für ihr Medizinstudium bekannt ist.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Während Ilo sich an der Universität von Southern Indiana einschreibt, beginnt für Dikembe das Abenteuer Amerika im Spätsommer 1987. Für den 21-Jährigen bedeutet dies zu Beginn, die Grundlagen zu pauken. In Mutombos Fall heißt das: Englisch lernen. Neben Französisch und einigen Brocken afrikanischer Bantusprachen kann „Deke“ zu dieser Zeit nämlich kaum ein Wort der Weltsprache. Morgens täglich sechs Stunden Sprachunterricht, mittags das Studium, so liest sich „Dekes“ Zeitplan in seinem Freshman-Jahr. Doch Mutombo hat noch andere Sorgen: Oft plagt ihn in den Anfangsmonaten das Heimweh, die amerikanische Lebensweise bewirkt zwar keinen Kulturschock bei dem 2,18-Meter-Riesen, aber dennoch ist sie fremd. Für regelmäßige Telefonate in die Heimat fehlt das Kleingeld, lediglich zu seinem Bruder Ilo in Indiana hält er den Kontakt. Als ihn dann auch noch die Nachricht der schweren Krebserkrankung eines seiner Geschwister erreicht, spielt Mutombo gar mit dem Gedanken, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten wieder den Rücken zu kehren. Schließlich sind es jedoch John Thompson und ein gewisser Alonzo Mourning, der im Sommer 1988 seine Freshman-Saison bei den „Hoyas“ beginnt, die ihm selbigen stärken und ihn von einer Rückkehr in die Heimat abhalten.
Thompson, Basketball-Coach in Georgetown, nimmt Mutombo in dessen zweiten Jahr in das Basketballprogramm der Universität auf. Die Trainerlegende hat den baumlangen Afrikaner auf dem Campus entdeckt und gefragt, ob er nicht mit trainieren wolle. Obwohl Mutombo zunächst keine erwähnenswerte Rolle in der Mannschaft der „Hoyas“ spielt (3,9 PpG und 3,3 RpG in 1988/89), widmet sich Thompson dem Schlaks aus Afrika. Nicht selten arbeitet der Ex-NBA-Center mit seinem jungen Positionspendant noch lange nach Trainingsschluss. Mit dabei ist oft auch Alonzo Mourning, der High-School-Star aus Chesapeake. Obwohl Mutombo grundlagentechnisch oft daherkommt wie ein übergroßes Trampel, lassen Thompson und Mourning ihn mitnichten hängen. „Er half mir sehr, als Mensch und Spieler zu wachsen und ein besseres Verständnis zu entwickeln, was ich in meinem Leben erreichen will“, sagt Mutombo später über Georgetown-Coach Thompson. Einen Traum muss er allerdings begraben: Da Medizin- und Basketballstudium sich vor allem zeitlich nicht miteinander verbinden lassen, lässt er ersteres schweren Herzens sein.
Schon eine Spielzeit später soll sich die Arbeit mit Thompson auszahlen. „Deke“ ist nach einem Jahr Basketball-ABC-Paukerei auf einem Level, auf dem er endlich weiß, wie er seine körperlichen Fertigkeiten geschickt einsetzen und das Spiel besser lesen kann. Gemeinsam mit Mourning soll der 2,18-Meter-Riese eines der dominantesten Inside-Duos der NCAA-Geschichte bilden: Mournings (16,5 PpG, 2,3 BpG) und Mutombos (10,7 PpG, 10,5 RpG, 4,1 BpG) Werte sind so monströs, dass die Fans der „Hoyas“ eine „Rejection Row“ in der heimischen Arena ins Leben rufen, die jeden geblockten Wurf der beiden frenetisch feiert. Mutombo lässt in jener Saison auch den „Finger wag“ debütieren (mahnender Wink mit dem Zeigefinger nach geblockten Würfen), der später zu einem seiner Markenzeichen werden soll.
Die Überlegenheit der „Twin Towers“ nimmt in Dikembes letztem Jahr an der Universität noch einmal zu. Seine eigenen Statistiken auf durchschnittlich 15,2 Zähler, 12,1 Rebounds und 4,7 Blocks verbessernd, steigt er in die Riege der Toptalente des Landes auf. Vor allem seine Präsenz innerhalb der Zone beschert dem Kongolesen immer öfter Vergleiche mit den Großen seiner Zunft. „Am Ende meines Senior-Jahres lud Coach Thompson Bill Russell ein, der ein guter Freund von ihm und sein Mentor war“, berichtet Mutombo rückblickend. „Und er kam tatsächlich.“ Obwohl die Center-Legende mehrere Tage in Georgetown weilt und „Deke“ in stundenlangen Gesprächen klar zu machen versucht, dass dieser auch in der NBA über Jahre hinweg dominieren könnte, bleibt der mittlerweile fast 25-Jährige skeptisch. „Ich glaubte nicht, dass ich ein professioneller Basketballspieler sein würde – schon gar nicht in der NBA“, vertraut Mutombo später der Sports Illustratedan. Einmal mehr ist er sich ob seines Werdegangs als Basketballer unsicher. Schließlich sind es neben Russell besonders Bruder Ilo und seine Eltern, die ihn vom Sprung in die beste Basketballliga der Welt überzeugen können. Mit Abschlüssen in Sprachwissenschaften und Diplomatie meldet sich Mutombo im Frühsommer 1991 zum NBA Draft an.
| Teil 1: Ein Berg von einem Mann |
| Teil 2: Ein Riese im Hochland von Colorado |
| Teil 3: Wohltäter in der Heimat |






von Hanan 06.05.09 um 16:21:56
großartiger basketballer, großartigerer mensch...
von almaen 06.05.09 um 16:25:47
Spitzenartikel. Und nicht eine Zeile zu lang. Mutombo hat's verdient.
Den Spruch mit dem Fahrstuhl finde ich übrigens genial.
von SteveTheOne 06.05.09 um 16:35:00
Deke, we'll never forget you!
von Zwerg 06.05.09 um 16:37:54
eine großartige persönlichkeit die dem basketball fehlen wird ... genauso wie sein finger;)
von Suck My Diktiergerät 06.05.09 um 19:40:43
großartiker artikel für einen großartigen, einmaligen basketballer!!
eigentlich müssten nicht die hawks, sondern die ganze liga seine nummer retiren!!
von Air Ole 06.05.09 um 19:50:08
Genial! Sowohl Artikel als auch Mutombo!
von old 06.05.09 um 21:01:17
der letzte warrior verlässt nach alonzo das feld...thx for the great times!
von justuskoch 06.05.09 um 21:42:28
leider hab ich ihn nicht richtig erlebt (verfolge die NBA seit 2003) aber damn krasser spieler und typ!
super artikel.
am besten ist das video mit bush wo man mal sieht wie groß mutombo wirklich ist.
von markus90 07.05.09 um 00:59:01
Super Artikel, da wird echt gewürdigt, was er geleistet hat. Er war nie ein richtiger Superstar, aber er war ein Star auf seine Art, sowohl auf als auch neben dem Court.
Ich denke jeder hätte ihm ein besseres Ende gewünscht, aber auch zuletzt zeigt er, dass er eine große Persönlichkeit ist. Er jammert nicht über die Verletzung, sondern akzeptiert sie und blickt lieber auf die schönen Ereignisse in seiner Karriere zurück.
von Mt.Mutombo 07.05.09 um 12:28:07
Ich glaube mein Nickname zeigt meine Begeisterung für Dikembe. Toller Artikel und ich hoffe, er bleibt der NBA in irgendeiner Form erhalten. DAss sind die Typen, nicht die Ghetto Gangster, die der Sport braucht. Wirklich ein "Held" des Basketballs.
von Gnarf 07.05.09 um 15:00:24
Was für ein Basketballer, was für ein Mensch!!! Toller Artikel! 2 Daumen hoch!
von Webocat 07.05.09 um 15:17:52
Not in my house!
von RUN & GUN 10.05.09 um 00:22:54
ein ganz großer spieler mit ganz großem Herz. Thx Deke for the great moments!
We´ll never forget.
von Treffnix 13.05.09 um 14:48:49
Klasse Artikel....hat viel Spass gemacht ihn zu lesen.