Die Ellenbogenbande

Der unscheinbare Zirkusartist

David Lee hat in zwei NBA-Jahren wenig Aufmerksamkeit bekommen, aber eigentlich viel davon verdient. Der Prototyp des altmodischen Power Forwards ist nämlich Bestandteil der Zukunft der Knicks.

Von Jonas Falk
 24.08.2007 |

Anhängern der altehrwürdigen New York Knicks ist es in den vergangenen Jahren diverse Male eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Entscheidungen von Isiah Thomas sowie die schwachen Leistungen des Teams sorgten für Unmut und ausbleibenden Erfolg. Besonders die Entscheidung, den relativ unbekannten und unspektakulären Renaldo Balkman vor diversen talentierten Guards wie beispielsweise Marcus Williams (heute New Jersey Nets) zu wählen, sorgte für großen Rummel in der niemals schlafenden Stadt. Doch mittlerweile ist es dem Team vor allem dank der Entwicklung des bereits eine Spielzeit früher gedrafteten David Lee gelungen, neben der Sympathie der Anhänger auch einen Mentalitätswechsel anzuregen. Eine ehrliche, harte Spielweise, deren scheinbare Glanz- und Glitzerlosigkeit das Funkeln zurück in die Augen der Fans bringt.

David Lee erblickte am 29.04.1983 in St. Louis (Missouri) das Licht der Welt. Der bereits in jungen Jahren über ein für den Basketballsport prädestinierendes, physisches Profil verfügende Linkshänder musste einen vermeintlich herben Rückschlag hinnehmen, als er sich den linken Arm brach. Doch statt sich seinem zweiten Hobby, dem Sammeln von Basketball-Karten, zu widmen, spielte Lee mit rechts weiter. Heute verfügt Lee nicht nur über einen gesunden Körper mit einer Länge von 206 Zentimetern und einem Gewicht von rund 113 Kilogramm, sondern darüber hinaus über die unter Bigmen relativ rare Fähigkeit, beidhändig spielen zu können.

In seiner Heimatstadt St. Louis besuchte der junge Sportler die Chaminade College Prep School, wo er sich mit seinem starken Defensivspiel und seinem Rebound-Talent schließlich für die McDonald?s All-American-Auswahl (nationales Auswahlteam auf High School Level) empfehlen konnte. Dort brillierte der sprunggewaltige Athlet im Slam Dunk Contest mit Flugeinlagen in diversen Formen und sicherte sich den Titel u.a. gegen Julius Hodge und den (selbsterklärten) Favoriten James White. Highlight Nummer eins war der siegbringende Slam, bei dem sich Lee den Ball zum Dunk per Pass selbst vorlegte und sich während des kurzen Anlaufs seines Shirts entledigte. Highlight Nummer zwei war ein im Sprung durch die Beine gezogener und per Slam abgeschlossener Eigenpass. Highlight Nummer drei: Lee stand rückwärts zum Korb an der Freiwurflinie, passte das Leder durch die Beine ans Backboard und stopfte die Lederkugel dann ins Runde. Allerfeinstes Youtube-Material.

Volle vier Jahre verbrachte David Lee anschließend am College, wo er für die Florida Gators hervorragende Leistungen brachte und aufgrund seiner sehr guten Feldwurfquote und seiner Stärke unter den Brettern zum Leistungsträger avancierte. In seinem Abschlussjahr erreichte das Team nach einer Saison mit 24 Siegen und acht Niederlagen die zweite Runde des NCAA-Turniers. Lee persönlich konnte in seinem letzten Jahr am College 13,6 PpG (bei einer Feldquote von 52,5%), 9,0 RpG und zwölf Double Doubles verzeichnen.

Im Draft 2005 fiel Lee, der sich selbst zwischen der 20. und 30. Position einsortiert hatte, dann bis auf den 30. und somit letzten Platz der ersten Runde, wo er von den New York Knicks als dritter Erstrundenspieler hinter Channing Frye (8.) und Nate Robinson (21.) gepickt wurde.

Lee verbrachte die ersten beiden Jahre seiner Profikarriere allerdings im Schatten von Channing Frye, dessen Platz als Starter er nur verletzungsbedingt und selten für sich beanspruchen konnte. In seiner Rookie-Saison konnte er in 67 Spielen (14-mal als Starter) auflaufen und in durchschnittlich 16,9 Minuten Werte von 4,5 RpG und 5,1 PpG bei einer Feldwurfquote von 59,6% abliefern.

In der abgelaufenen Saison vermochte der Sophomore jedoch fast alle Statistiken zu steigern. Das Vetrauen von Coach Thomas (58 Einsätze mit zwölf Starts und 29,8 MpG) rechtfertigte der Power Forward mit 10,4 RpG und 10,7 PpG. Hervorzuheben sind die exzellente Quote von 60% FG, die stark verbesserte Freiwurfquote von mittlerweile 81,5% und die 3,4 ORpG in nur 29,8 MpG.

Für die positive Entwicklung Lees sprechen zwei denkwürdige Highlights der abgelaufenen Saison. Zum einen gelang ihm im Spiel gegen die Charlotte Bobcats am 20. Dezember 2006 ein historisches Kunststück: Mit einem Punkt Rückstand bei einer verbleibenden Spielzeit von einer Zehntelsekunde sah es nach einer bitteren Heimniederlage für die Knicks aus. Wie sollte man einen Einwurf an der Mittellinie noch im Rahmen der Schussuhr in einen Korberfolg ummünzen? Ganz einfach: David Lee gelang es, einen Lob-Pass per Tip-In im Korb der Gäste unterzubringen. Die Fernsehkommentatoren überschlugen sich, und die Manege Madison Square Garden mutierte zum Tollhaus.

Seit Trent Tucker, der am 15. Januar 1990 Michael Jordan und dessen Bulls bei einer Zehntelsekunde Restzeit mit einem erfolgreichen Turnaround-Dreier niederstreckte, gibt es in der NBA die Regel, dass Würfe auf den Korb (ob erfolgreich oder nicht) mit unter 0,3 Sekunden Restzeit nicht zählen bzw. ungültig sind. Dass ein Tip-In diese Regel knacken kann, bewies David Lee. Zum anderen wurde Lee zum Matchwinner und MVP der im Rahmen des All-Star Wochenendes stattfindenden Rookie Challenge 2007, bei der er sein Sophomore Team mit 30 Punkten (14 von 14 Treffer aus dem Feld) und elf Rebounds zum deutlichen Sieg über die Rookie-Auswahl führte.

Bei David Lee mag es sich vielleicht um den ?vielseitigsten eindimensionalen Forward? der NBA handeln. Der beidhändig spielende und schießende Forward ist ein Rebound-Spezialist, der mit physischer Präsenz und Antizipationsvermögen Abpraller um Abpraller erstreitet. Als Kämpfer, der keinen Ball und keinen Zentimeter Parkett verloren geben will, ist Lee als hart arbeitender und eher unauffälliger Spiel eindeutig dem Stereotyp des Ellenbogenspielers zuzuordnen. Wen das nach eigener Aussage nicht stört? David Lee. Er sagt: ?Für mich gilt das Malocher-Credo der harten Arbeit. Ich werde rausgehen und härter spielen als mein Gegenspieler. So habe ich es immer gehalten.? Diese erwachsene, disziplinierte Art macht ihn zu einem angenehmen Profi für den Coach und zu einer Identifikationsfigur für das Publikum.

Auch in der Offensive lebt Lee von seiner körperbetonten Spielweise und stellt eine Gefahr unter dem gegnerischen Brett dar, da er neben Tip-Ins und Dunks auch über ein ordentliches Lowpost-Spiel verfügt und in jeder Partie zweistellig punkten kann. Seine verbesserte Freiwurfquote spielt angesichts der gezogenen Fouls und der offensiven Präsenz eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Allerdings gibt es in Lees Spiel einige limitierende Faktoren. Obwohl er über einen guten Wurf verfügt (Freiwurf, Mitteldistanz), hat Lee in der NBA noch nie einen Dreier abgefeuert. Die fehlende Reichweite ist das Hauptmanko und reduziert seine Möglichkeiten deutlich. Mit Feuerkraft von außen könnte Lee sein starkes Postplay entscheidend bereichern und das eigene Team offensiv unberechenbarer und gefährlicher machen. So ist der Forward an sein Jagdrevier in den Zonen gebunden. Auch die dürftige Quote geblockter Würfe pro Spiel (0,4) erscheint bei einem so sprunggewaltigen Spieler merkwürdig. Fehler bei Spielzügen oder Rotationen sind noch der mangelnden Erfahrung zuzuschreiben.

Alles in allem ist David Lee ein Arbeitstier, wie es jedes Team braucht. Er hat die körperlichen, technischen und mentalen Vorrausetzungen eines Artisten, der sich auf dem Drahtseil 'NBA' erfolgreich behauptet und jeden Abend konzentriert seinen Job macht. David Lee ist nach zwei Jahren in der Liga schon ein fester 10-10-Kandidat und das trotz einer Einsatzzeit von nicht einmal 30 Minuten pro Spiel. Show und Punkten sind seine Sache nicht, doch durch Rebounding, starke Feldwurfquoten und eine vorbildliche Einstellung rechtfertigt David Lee definitiv sein Dasein in der Liga. Der Forward besitzt auf jeden Fall Potenzial nach oben, was er ja auch schon eindrucksvoll bewiesen hat. Die Entwicklung seine Spiels (speziell von außen) bleibt abzuwarten und natürlich die Auswirkungen der Verpflichtung von Zach Randolph auf das Spiel der Knicks und die Spielzeit Lees. Festzuhalten ist, dass David Lee in dieser Offseason nie als Trade-Baustein im Gespräch gewesen ist und Thomas daher große Stücke auf ihn zu halten scheint.

Wenn sich die Knicks, allen voran Zach Randolph, den charakterstarken Lee zum Vorbild nehmen, haben die Fans im großen Zirkus namens Big Apple berechtigte Hoffnung auf die Playoffs 2007/08 und die Franchise das vielleicht beste Power Forward Duo der Liga.




Artikel-Funktionen

Bewerte diesen Artikel:
4.10
(10 Bewertungen bisher)
 

Speichere diesen Artikel:


Kommentare

(6 Kommentare bisher)

von quiz 24.08.07 um 17:30:53


david lee ist saugeil!

nur schade das new york sich randolph geholt hat und er um seine spielzeit bangen muss :-(



von Hanan 24.08.07 um 21:54:23


spieler wie er sind die am meisten unterschätzten!meiner meinung nach ist er mehr wert als randolph,manhätte ihn in portland lassen und auf lee bauen sollen anstatt jetz drei 20Ppg spieler zu haben!



von TimmyD21 24.08.07 um 23:26:32


sehe ich genauso!
lee war einer der wenigen lichtblicke und einzige konstanz im miesen knicks team der letzten saison und muss auf jeden fall mehr spielzeit bekommen!
zum artikel:was sollten denn die knicks mit einem weiteren point guard wie marcus williams?die wahl mit balkman(energizer/verteidiger) war gar nicht so schlecht.
den slam dunk kontest hätte meiner meinung nach white gewinnen müssen,aber die slams von lee waren sehr geil(hätte ich ihm nicht zugetraut),whites fand ich aber besser!
ansonsten ein schöner artikel indem man noch einiges über lee erfahren konnte.



von dandi 25.08.07 um 06:29:55


wofür wollt ihr aus lee noch einen "europäisch-modernen" forward machen? der macht doch seine arbeit unterm korb, wo er hingehört. "geh´ unterm und mach deine arbeit, amare stoudemire braucht keinen dreier", wie bill walton vor kurzem so schön gesagt hat. ergo, post player in die paint :D
wer will mit einem HOFer über die arbeit eines big man diskutieren ;)



von Junie 28.08.07 um 12:54:49


David Lee braucht keinen Dreier, und er muss auch nicht unbedingt mehr Schüsse blocken. Wenn er seinen Gegner gut verteidigt, verändert dieser automatisch seinen Wurf. Statt also seine Block-Statistik zu kritisieren, listet doch mal die Feldwurfquote seiner direkten Gegenspieler.

Bin übrigens ebenfalls der Meinung, dass Lee starten muss. Die Knicks brauchen keinen Randolph. Wäre ich Thomas, würde ich nach einem Winner suchen, einem wechselwilligen Spieler, der eine Siegermentalität mitbringt, die ihresgleichen sucht. Auch wenn er stark polarisiert, könnte Kobe Bryant dieser Spieler sein, der den Knicks fehlt. Im Tausch könnte man ja Randolph, Crawford, Robinson und Jerome James abgeben. Die Lakers wären ihr Sorgenkind los und dennoch konkurrenzfähig und die Knicks hätten eine saustarke Starting Five mit:

Curry - Lee - Jeffries - Bryant - Marbury

Richardson, Jones und Balkman geben Energie von der Bank und dann gibt es ja noch Dickau, Collins und die beiden "noch" unbekannten Morris und Chandler, die vielversprechende Talente zu sein scheinen.

Als Knicks-Fan ist das mein großer Wunsch zum Geburtstag, den ich kurz vor Saisonbeginn habe ;)

Also Isaiah, mach mich glücklich!!!!!!!



von Pozy 28.08.07 um 17:28:43


Lee ist der Typ Spieler, von denen es in den 80er & 90er Jahren noch 4-5 Stück pro Team gab. Ehrliche Arbeiter, die mit hoher Intensität ihr Tagwerk verrichten, ohne Starallüren zu haben. Das sind die Roleplayer, die in vielen Meisterteams den Unterschied gemacht haben.
Und die Knicks sollen nur froh sein, dass er keinen 3er hat. Noch ein Spieler mehr, der sinnlos von draußen raufballert, wäre der Todesstoß für die Knicks. Aber zum Glück haben sie sich ja mit Zach einen weiteren Spieler geholt, der denkt, er sein ein Meisterschütze und müsse jeden Wurf nehmen...



Du benötigst einen myCrossover-Account um Artikel kommentieren zu können!

 Registrieren oder  Einloggen

 





Du bist nicht eingeloggt. Jetzt bei myCrossover registrieren.
  •  
    Passwort vergessen?