Die Ellenbogenbande

Der Paperboy

Bei den Utah Jazz wächst im Schatten des Duos Williams/Boozer ein Forward-Talent heran, das mit dem legendären Karl "Mailman" Malone so einiges gemeinsam hat. Sein Name: Paul "Paperboy" Millsap.

Von Jonas Falk
 17.08.2007 |

Es ist für eine Franchise niemals leicht, personelle Ausfälle zu kompensieren. Doch die Utah Jazz haben es in der abgelaufenen Spielzeit trotz der gesundheitlichen Probleme von Carlos Boozer und Matt Harpring sowie der schwachen Vorstellung von Andrei Kirilenko geschafft, nach der Northwest Division auch noch zwei schwierige Playoff-Serien zu gewinnen und dem Titelgewinner aus San Antonio im Westfinale immerhin einen Sieg abzutrotzen. Einen beachtlichen Anteil an diesen Erfolgen hatte der anfangs kaum beachtete Rookie Paul Millsap, dessen Energie, (defensiver) Einsatz und Rebound-Arbeit von der Bank kostbar für das Team waren und Appetit auf mehr machen.

Der in Monroe, Lousiana, geborene Paul Millsap hatte bis zur Highschool trotz guter, physischer Anlagen nichts mit Basketball am Hut und widmete sich lieber dem American Football. Selbst ein Brandunglück, welchem Millsap nur knapp und von schweren Brandwunden gezeichnet entkommen konnte, vermochte den athletischen Jungspund nur kurz zu bremsen. Zum Basketballsport wechselten Millsap und seine drei Brüder erst kurz vor der Jahrtausendwende auf Wunsch ihrer alleinerziehenden Mutter, die in Sportstipendien für ihre Söhne die beste (und wohl auch einzige) Option auf Bildung und ein besseres Leben sah. Unter Anleitung ihres Onkels, der einst College-Spieler gewesen war, arbeiteten die Gebrüder Millsap dann Tag für Tag hart an ihren Fähigkeiten. Schon damals stach Pauls Talent hervor, Rebounds zu antizipieren und um jeden Preis herunterpflücken zu wollen. Dies, und das war auch ihm klar, konnte seine Nische sein. Jahre der Rebound-Drills sollten vergehen, ehe sich Millsap im Jahre 2003 ein Stipendium der Louisiana Tech University, der Alma Mater des legendären Karl "Mailman" Malone, erspielt hatte.

Drei Jahre und einen NCAA-Rebound-Rekord (er ist der erste und einzige Spieler, der jemals in drei aufeinanderfolgenden College-Saisons Rebound-Champion der Division I werden konnte - und das wohlgemerkt ab der Freshman-Saison) später meldete er sich im Sommer 2006 zum NBA Draft an. Einige seiner physischen Attribute waren damals zwar schon beeindruckend (Körperbeherrschung, Sprungkraft und eine Armspannweite von 2,05 Meter), doch als größtes Manko galt neben seiner schwachen Freiwurfquote von 62,3 Prozent in der Juniorsaison seine Körpergröße von nur 2,03 Meter. Dementsprechend wurde Millsap erst in der zweiten Runde an 47. Stelle von den Utah Jazz gedraftet.

Mittlerweile ist sein erstes NBA-Jahr vergangen und der 22-Jährige hat es bereits fertiggebracht, sich als Konstante im Spiel der Jazz zu etablieren. Als einem von nur 36 Spielern ist es ihm vergönnt gewesen, in allen 82 Saisonspielen mitzuwirken. Unter diesen 36 sind nur drei Rookies (Millsap und die Timberwolves Randy Foye und Craig Smith) gewesen. Obendrein hat der Jazzer in allen Playoff-Spielen seines Teams mitgewirkt und somit ein Pensum von 99 aufeinanderfolgenden Pflichtspielen plus Summer League 2006 auf seinem jungen Buckel. Auch seine Statistiken können sich sehen lassen: In der Regular Season erhielt Millsap das Vertrauen seines eher nicht auf Rookies bauenden Coaches Jerry Sloan über 18 MpG und lieferte 6,8 PpG, 5,2 Rpg (man beachte die 2,9 ORpG) sowie knapp einen Assist, Steal und Block pro Begegnung bei einer Trefferquote aus dem Feld von stolzen 52,5 Prozent. In den Playoffs konnte der Liganeuling seine Qualität in Form von 5,9 PpG und 4,4 RpG in 15,5 MpG ebenfalls unter Beweis stellen.

Generell verfügt Millsap über einen fertigen, für einen NBA Power Forward etwas zu kleinen Körper. Er ist trotz seiner Masse von knapp 120 Kilogramm relativ agil und sprungstark, wobei vor allem seine langen Arme, seine Körperkontrolle und sein Instinkt das Rebound-Spiel positiv beeinflussen. Er kann sich unter den Körben behaupten (Stichwort: Ausboxen) und bereits vernünftige One-on-One-Defense spielen, wobei in defensiven Rotationen und Help-Situationen natürlich typische Rookie-Fehler passieren. Schon jetzt zeichnet sich Millsap durch sein Feuer (Jazz-Head Coach Jerry Sloan: ?Sein energiegeladenes Spiel reißt alle mit.?) und seinen unbedingten Willen aus. Oft sieht man ihn kaum erreichbare Rebounds unter immensem Einsatz ein-, zwei- oder dreimal tippen, um seine Chance auf den Ball zu wahren.

Dass auch offensive Qualitäten vorhanden sind, zeigt das Engagement am offensiven Brett und der gute Schuss aus bis zu vier Metern Entfernung. Neben seinen spielerischen Skills zeichnet sich Millsap jedoch vor allem durch seine vorbildliche Einstellung und seine Arbeitsmoral aus. Sein Übungsleiter Sloan über Millsaps Art: ?Er spielt einfach Basketball. Er ist recht einzigartig, sehr ruhig, stellt nicht viele Fragen, hört sehr gut zu. Er hat das vom ersten Tag an so gemacht, und wir sind alle ziemlich beeindruckt davon.[...] Er leistet eine Menge im Stillen.? Diese Eigenschaften machen ihn einerseits so kostbar und andererseits so unaufällig. Eine kleine Selbsteinschätzung Millsaps unterstreicht das bis hierher Geschriebene und zeigt, warum der Malocher in diese Serie gehört: ?Mein Geheimnis ist, dass es keines gibt. Ich mache es einfach.?

Allerdings gibt es in Millsaps Spiel noch einiges zu verbessern. Zunächst ist zu bemerken, dass ein Spieler mit Timing, Antizipation und Kraft eigentlich mehr gegnerische Würfe blocken müsste. Technische Mängel wie die ausbaufähige Körper- und Fußarbeit unter den Brettern oder die Menge ärgerlicher Fouls (z.B. durch das Hereinfallen auf Fakes und ungestüme Blockversuche) sind wohl durch das kämpferische Naturell und die mangelnde Erfahrung zu entschuldigen. Im Angriff ist die verbesserte, aber immer noch schwache Freiwurfquote von 67,3 Prozent zu kritisieren. Zudem würden ihm ein oder zwei Postmoves gut zu Gesicht stehen, um seine Korbgefahr zu erhöhen. Ein Kandidat für den (Baby-)Hookshot?

Angesichts der Tatsache, dass Paul Millsap erst sein siebtes Jahr organisierten Basketballs absolviert hat und bereits jetzt einer der auf 48 Minuten gerechnet besten Rebounder der Liga ist, darf vom "Paperboy" noch einiges erwartet werden. Klar wird er aufgrund fehlender Zentimeter und mangelnder Beweglichkeit immer ein "kleiner" Power Forward bleiben und wohl nie über die Qualitäten eines Superscorers verfügen. Doch wenn es Millsap gelingt, seinem starken, vorbildlichen Spiel eine echte Offensivkomponente hinzuzufügen, kann er mehr als nur ein Rebounder und "Hustle Player" von der Bank sein.

Der sehr oft angestellte Vergleich mit dem großen Karl "Mailman" Malone liegt aus diversen Gründen nahe (gleicher Spielertyp, sehr ähnlicher Körperbau, gleiche Universität, gleiches NBA-Team, ähnliche Arbeitseinstellung und gleichbeschaulicher Lebenswandel) und hat dem jungen Forward bereits den Spitznamen "Paperboy" eingebracht. Der Mailmann (Postbote) lieferte für die Jazz 18 Jahre lang zuverlässig seine Statistiken ähnlich wie auch der Briefträger seine Arbeit verrichtet; Millsap ist der Paperboy (Zeitungsjunge) aufgrund der vielen Parallelen zu Malone. Ob Millsap die Hoffnungen von Franchise, Fans und Medien auf einen zweiten Karl Malone erfüllen und einen derartigen Superstarstatus erreichen kann, steht allerdings noch in den Sternen über dem Mormonenstaat. Aber wenn Millsap etwas kann, dann ist es, nach Höherem zu greifen.

Randnotiz: Alle drei Brüder Millsaps sind ebenfalls gute Basketballer. John verdiente nach kurzer Karriere am College seine Brötchen in diversen Ligen (USA, Europa) und spielte just an Pauls Seite im Summer League Team der Jazz, Elijah spielt am College (Louisiana-Lafayette) und der Jüngste, Abraham, gilt als vielversprechendes Highschool-Talent.




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Kommentare

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von Skateboard_P 17.08.07 um 07:41:00


Sehr guter Artikel. Hatte Spaß gehabt, ihn zu lesen. Ich selber hab auch nur spährlich was über Paul Millsap in Erfahrung bringen können. Ich glaube aber auch, das er wirklich ein ganz großer werden kann in Utah. Gut, Karl Malone ist eine Legende in Utah und im Basketball, aber unser Paperboy wird sicher in der kommenden Saison oder übernächste Saison die eine oder andere Zeitung überpünktlich zustellen...



von TimmyD21 17.08.07 um 10:55:28


schöner artikel.ich glaube millsap hat eine gute karriere vor sich.
einen so guten spieler(rebs und hustle)erst an 47.stelle zu draften weil er "nur"2.03m gross ist???
mir scheint das zuviele scouts zu sehr auf die äussere erscheinung achten.
warscheinlich steht auf ihren papieren das ein center 2.13m,ein pf 2.08m gross sein muss usw.
was bringt ein "gardemaß pf"wenn ersich durch die zone schieben lässt?
ich glaube es gibt sehr viele gute spieler mit game die aufgrund ihrer geringen grösse die nba karriere versaut wurde.
stattdessen muss ich mir spieler vom schlage eines thiskisvili(is wohl falsch geschrieben:)und kwame brown ansehen.
irgendwas läuft da doch falsch!



von The_MVP 17.08.07 um 11:09:42


nunja, bei tskitishvili mag das ja vielleicht angehen, aber kwame brown galt schon immer als talent und wurde nicht nur wegen seiner länge gezogen glaub ich. millsap ist ein spieler wie ihn jedes nba team gut gebrauchen kann. keine diva, arbeitsmoral und einsatz am brett sind doch genau die attribute die einen guten spieler ausmachen. außerdem ist das rebounden ein guter weg um gut im spiel zu bleiben. weiter so, paul ;)



von king_handles 17.08.07 um 11:14:20


Milsap ist mir in Zusammenfassungen schon aufgefallen, weil er irgendwen mal extrem mies geblockt hatte.
Zu TD21: Das mit der Größe stimmt, man muss shcon echt sehr gut sein (das ist Milsap NOCH nicht). Sieh dir einen Ben Wallace an, der zu klein war für Center und sich dann nach 3Jahren NBA endlich einen Namen gemacht hatte durch Hustle play



von bushmesser 17.08.07 um 14:24:39


Ich denke auch, dass Milsap noch eine große Karriere vor sich hat. Er zählt ebenfalls zu meinen Lieblingsspielern. Ich hoffe, er schafft's!

King_handles: stimmt schon mit Wallace!



von rodman10 17.08.07 um 23:21:10


wer auch sehr interessant is, is der tyrus thomas und der david lee. gibt denen 2n und dem paul paperboy milsap mehr spielzeit. alle 3 spielen mit sehr viel herz und leidenschaft.

@timmyd21

gib dir vollkommen recht mit den scouts und den "gardemasen".



von king_handles 18.08.07 um 12:44:58


rodman10: Nicht zu vergessen Renaldo Balkman, der hat auch mehr drauf, als man glaubt.



von HouseBaller 18.08.07 um 14:49:21


Tyrus Thomas ist echt en toller Spieler.Ich glaube,er wird mal deutlich mehr als ein Roleplayer,aber irgendwie hat er ne riesige Klappe,ich hab so es Gefühl dass es da mal Stress gibt^^

Aber Paul Millsap ist echt ein Megastyla.Find es auch echt gut dass Jerry Sloan ihm den Respekt den er verdient entgegenbringt,sonst isser ja nicht so arg der "players coach",oder?



von kl3rik3r 18.08.07 um 20:07:38


Trainerfuchs Sloan hat hohe Ansprüche, denen Rookies nun mal selten schnell gerecht werden (können). Wenn man allerdings Leistung und Reife zeigt wie Millsap, imponiert man ihm und spielt. Faire Sache.



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