Chicago Bulls
Wenn nicht alles nach Plan läuft
Im chinesischen Horoskop gilt der Stier als fleißig, ausdauernd und selbstbewusst. In der NBA zeigt er sich derzeit als unzufrieden, zornig und hilflos. Vor einigen Monaten sah das noch anders aus.
Von Dennis Amedovski |
25.11.2007 | |
Mai 2007: Mit 85:95 verlieren die Chicago Bulls die sechste Partie der Conference Semifinals gegen die Detroit Pistons. Es ist die erste Niederlage nach zwei Siegen in Folge. Die Bulls schaffen es in der Folge nicht, als viertes Team der NBA-Geschichte einen 0:3 Rückstand zu egalisieren und ein siebtes Spiel zu erzwingen. Dennoch wird ein positives Fazit nach dem Aus gezogen. Schließlich wird zum ersten Mal seit 1998 eine Playoff-Serie gewonnen (4-0 gegen Miami). Den Mangel an Erfahrung gegenüber Detroit macht das Team mit viel Herzblut und Einsatz wett, doch letztlich agieren die Pistons abgebrühter, routinierter und ziehen verdient zum fünften Mal in Folge in das Conference-Finale ein. Der Grundstein für eine weitere erfolgreiche Bulls-Saison war gelegt, das Team stand, großartige Veränderungen mussten nicht getätigt werden.
Fehler über Fehler
Am 1. November verkündet Bulls-GM John Paxson, dass es keinen Trade für Kobe Bryant geben wird. ?Wir waren nicht in der Schuld zu traden. Es gab nie ein Zeitlimit, und so machten wir keinen Tausch. Vieles was in der Öffentlichkeit erzählt wurde, stimmte nicht. Das alles ist nun Vergangenheit.? Bis dato gibt es jeden Tag neue Gerüchte über einen möglichen Wechsel des NBA-Superstars in die Heimat des allgegenwärtigen Michael Jordan. Es hätte alles so schön gepasst: Kobe Bryant als Star und legitimer Nachfolger Jordans und damit der Zugang des lang gesuchten Alpha-Spielers. Die Lakers würden mit Luol Deng, Ben Gordon, Tyrus Thomas, zukünftigen Picks und dem gleichzeitigen Abgang Bryants ihr Teamklima verbessern und trotzdem konkurrenzfähig bleiben. Stattdessen entpuppt sich das wochenlange Theater als Farce und Wunschdenken, das den Bulls mehr schadet als nutzt.
Einen weiteren Störfaktor gibt es bei den Vertragsverhandlungen von Ben Gordon (Foto) und Luol Deng. Der Shooting Guard entwickelte sich zu einem Starter und erste Angriffsoption, während Deng in den Playoffs ? vor allem gegen Detroit - überzeugen konnte. Beide Spieler hätten problemlos während der Offseason verlängern können, doch John Paxson zeigte sich mürrisch und bot beiden Spielern ? gemäß der internen Gehaltsliste ? 50 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre. Die Folge daraus: Ben Gordon äußerte sich negativ und sorgte für schlechte Stimmung: ?Es waren nie wirkliche Verhandlungen. Es war mehr nach dem Motto: ?Friss oder stirb?. Ich habe es [das Angebot] nicht angenommen. Ehrlich gesagt, habe ich auch nie darüber nachgedacht.? Das Unwetter, das langsam über Chicago aufzog, stand kurz vor einem Wolkenbruch.
Zum Heimdebüt lassen sich die Bulls von den Philadelphia 76ers vorführen. Zwar kann das Team sich im vierten Viertel noch einmal herankämpfen, doch die Sixers zeigen, was mit Einsatz und Leidenschaft vollbracht werden kann und gewinnen mit 96:85 in Chicago. Das Publikum, das fünf Minuten vor Spielende noch ?Let?s go Bulls? schreit, bringt nach Spielende nur noch zwei Silben heraus: ?Ko-be!? Nach der Auftaktniederlage gegen die New Jersey (103:112) verlieren die Bulls die nächsten drei Partien in Folge, darunter eine peinliche Heimniederlage gegen die Los Angeles Clippers, die auf ihren Star-Spieler Elton Brand verzichten müssen (91:97). Auch nach dem Sieg gegen die bis dato ungeschlagenen Detroit Pistons (97:93) kehrt keine Trendwende ein. Im Gegenteil: Deutliche Pleiten gegen Toronto (71:101), L.A. Lakers (78:106) oder Denver (91:112) folgen. So treten die Bulls auf der Stelle und können an ihre erfolgreiche Vergangenheit nicht anschließen.
Ursache - Wirkung
Doch woran liegt der Negativtrend, den die Bulls momentan durchmachen? Der Spielerkader kann nicht der Grund sein, denn als einzig namhafter Abgang wird P.J. Brown geführt. Die vakante Position des Power Forwards sollten sich Rookie Joakim Noah und Joe Smith aufteilen. Daher muss sich zunächst Point Guard und Kapitän Kirk Hinrich (Foto) Kritik gefallen lassen - getreu dem Motto: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Als Anführer muss er in der Lage sein, das Tempo zu bestimmen, seinen Mitspielern freie Räume zu schaffen und als Ideengeber zu fungieren, doch 32 Ballverluste (bei 55 Assists) und eine Trefferquote von 37 Prozent sprechen eine andere Sprache. Zusätzlich spielt 26-Jährige so wenig wie noch nie zuvor in seiner Karriere (29,9 Minuten pro Spiel). Aber ihn alleine für den fehlenden Erfolg verantwortlich zu machen, wäre zu leicht und vor allem falsch.
Neben Hinrich ist den Fans vor allem Ben Wallace ein Dorn im Auge. Zum ersten Mal seit sieben Jahren hat der Center einen einstelligen Rebound-Wert. In der Offense zwar nie als der Scorer bekannt, trifft Wallace gar nur 36 Prozent aus dem Feld. Das ist der schlechteste Wert seit seiner Rookie-Saison, wo er ganze 46mal auf den Korb warf. Zählt man dann noch seine Freiwurfquote von ebenfalls 36 Prozent hinzu, scheint die Kritik berechtigt zu sein.
Dritter im Bunde der Enttäuschenden ist Sophomore Tyrus Thomas (Foto). Der Power Forward bringt zwar teilweise gute Leistungen (21 Punkte und zwölf Rebounds gegen Philadelphia oder 19 und 14 gegen Detroit), doch letztlich ist das 21-jährige Sprungwunder noch nicht so weit. Daher kritisierte auch Head Coach Scott Skiles seinen Schützling öffentlich und vergriff sich dabei im Ton: ?Habt ihr ihn spielen gesehen? Joggt er oder sprintet er? Wir haben lange mit ihm geredet, und es klappt nichts. Was wir als Coaching Staff vorschlagen, erfüllt er nicht. So fehlen uns viele Punkte, und wir kassieren viele.? Als Beispiel dient hier das Spiel gegen die Denver Nuggets, das die Bulls mit 91:112 verlieren: Thomas kommt von der Bank ins Spiel, fabriziert mit dem ersten Ballbesitz einen Ballverlust. Im zweiten Angriffsversuch kassiert er ein Offensivfoul, foult anschließend Carmelo Anthony und wird nach nur 42 Sekunden Spielzeit ausgewechselt. Die Verunsicherung ist dem 21-Jährigen anzumerken. Auch Skiles? Revidierung der Kritik am Power Forward scheint nicht für den nötigen Motivationsschub zu sorgen: ?Ich war zu extrem in meinen Worten. Es war ein Fehler meinerseits. Auch für mich ist die gesamte Situation schwierig, aber in diesem Fall habe ich überreagiert und die falschen Worte gewählt.?
Das niedrige Selbstvertrauen der genannten Drei macht es für die anderen Spieler schwer, zu Punkten zu kommen. Ben Gordon nimmt für 18,4 Punkte 17,2 Würfe. Dazu findet er sich zu selten an der Freiwurflinie wieder (nur 4,6 Versuche/Spiel). Luol Deng hat ebenfalls an der mangelnden Offensivpotenz (88,2 Punkte/Spiel ? 28. Platz) zu leiden. Der gebürtige Sudanese, dem viele Experten eine Durchbruchssaison prophezeiten, erzielt nur 14,6 Punkte pro Spiel. Immerhin hat er mit 45,5 Prozent die beste Trefferquote der Spieler, die in der festen Rotation stehen. Der erhoffte Aufstieg vom Rollenspieler zum (All-)Star bleibt aus, und so treten die Bulls auf der Stelle, da niemand die Schwachstellen kompensieren kann.
Alles eine Frage der Zeit
Einziger Lichtblick nach zehn Saisonspielen ist Andres Nocioni (Foto). Der Argentinier bringt in jedem Spiel Emotion und Einsatz. ?Er gibt 100 Prozent. So einen wie ihn können wir immer gebrauchen. Es war vielleicht mein Fehler, dass er bisher so wenig gespielt hat?, so Skiles. Immerhin zeigt sich der Head Coach einsichtig. Ihm ist klar, dass die Bulls unter Wert spielen. Allerdings hat er auch eine gewisse Teilschuld an der Misere. Eine feste Rotation hat der Ex-Coach der Suns noch nicht gefunden. Diese sollte sich jedoch schon während der Vorbereitungszeit entwickeln. Bereits acht Spieler schickte Skiles in die Startformation ? ohne Erfolg. Dazu scheint seine diktatorische Art nicht mehr anzukommen. Seine Befehle werden nicht mit 100 Prozent Einsatz befolgt, und dementsprechend schlecht ist die Bilanz der Bulls. Wie hilflos Skiles ist, zeigt sich in der Heimpleite gegen die Raptors, als er alle Starter 21 Minuten vor Ende auf die Bank setzt und sie nicht wieder ins Spiel zurückschickt. Ebenfalls unglücklich scheint die Situation mit General Manager John Paxson zu sein. Ein klares Bekenntnis zu den aktuellen Bulls-Spielern sieht anders aus. Seit letzter Saison versucht Paxson einen echten Star in die Windy City zu locken, doch weder bei Pau Gasol, Kevin Garnett noch bei Kobe Bryant klappte dies. Der Grund: Paxson wollte kein Risiko eingehen und mögliche kommende Stars wie Deng oder Thomas abgeben ? im Nachhinein ein Fehler.
Die Bulls-Misere ist also auf eine Verkettung unglücklicher Ereignisse zurückzuführen. Dass drei Leistungsträger schwach starten und somit das Team ?anstecken?, konnte keiner ahnen. Dazu schwirren nach wie vor die ständigen Gerüchte um Kobe Bryant herum. Was gibt den Bulls-Fans also Grund zur Hoffnung? Die jüngste Vergangenheit: In der letzten Saison gewann der sechsmalige Champion nur drei der ersten zwölf Spiele und schloss trotzdem die Saison mit 49 Siegen ab - ein Hoffnungsschimmer am düsteren Himmel über Chicago.
Stand der Statistiken im Artikel: 23. November 2007






von Zeiram 26.11.07 um 10:58:28
Jaja der jährliche Zirkus in Chicago verlangt auch diesmal seinen Tribut, dass aber gar so schlimm werden würde...