Carmelo Anthony

Gewinner unter Verlierern

Das Team USA konnte als solches nur wenig überzeugen. Wenigstens Carmelo Anthony scheint auf dem Wege der Besserung angelangt zu sein.

Von Harald Mainka
 23.09.2006 |

Es war in Las Vegas, irgendwann im Juni des Jahres 2006. Mike Kryzewski lud zum ersten Workout seiner 25 auserwählten Männer, von denen er zwölf ein Ticket für die anstehende Weltmeisterschaft überreichen durfte. Die Spieler machten es ihm nicht einfach, doch in seinem Kopf hatte er schon die ersten Umrisse seines ?Team USA?. Gleich drei Spieler sollten Kapitän dieser Mannschaft werden. Mit LeBron James und Dwyane Wade als Leitwölfe war bereits zu rechnen. Doch der dritte Kaptiän sollte eines der Sorgenkinder der eigenen Liga werde: Carmelo Anthony. Leider war ihm die Situation in Las Vegas, dem absoluten Zockerparadies, wie auf den Leib geschrieben. In der Kasino-Stadt ging es für ihn schon fast um Leben oder Tod. Entweder, er schafft die Kurve wieder und zeigt sein ungeheueres Potential, oder er verliert ein für allemal seinen Ruf. So, wie schon viele Zocker vor ihm.

Rückblick in die Saison 2003/2004. Carmelo Anthony war die Überraschung. Zwar kam er als frischgebackener College-Champion und Most-Outstanding-Player des Final Four in die NBA, doch viel erwartet hatte man von ihm nicht. Es war nicht zu übersehen, dass der Small Forward ein vorzüglicher Scorer war, der sich von jeder Position des Feldes seine Punkte erarbeiten konnte. Doch die Basketballwelt schaute auf LeBron James ? den 18-Jährigen, dem die Welt nicht nur wegen seines unglaublichen Talents zu Füßen lag. Seine hervorragende Athletik und Kraft verteilt auf 2,06 m sollten den Sport revolutionieren. Die Frage nach dem Rookie of the Year ? sie stellte sich praktisch nicht.

82 anstrengende Spiele waren absolviert und die Wahl des besten Neulings des Jahres fiel auf James, der in Cleveland direkt zum Leistungsträger wurde und sich dank legendärer Werte, die sich auf 20,9 Punkte, 5,5 Rebounds und 5,9 Assists beliefen, einen Platz in den Geschichtsbüchern (nur Oscar Robertson und Michael Jordan schafften ebenfalls mindestens 20/5/5 als Rookies) sicherte. Doch so eindeutig war es dann doch nicht. Melo avancierte in Denver ebenfalls sofort zum Go-to-Guy und führte die Nuggets bis in die Playoffs. 21 Punkte, 6,1 Rebounds und die Qualifikation für die Postseason waren für viele Fans und Journalisten mehr wert als 20/5/5 von James. Selbst der Gewinner höchstpersönlich meinte kleinlaut: ?Man hätte Carmelo wenigstens zum Co-ROY erklären können.?

Es bleibt nicht viel Zeit zum Lamentieren, denn nach der Saison 2003/04 stehen die olympischen Spiele im alten Kontinent an. Jerry Colangelo entscheidet sich für einen gewagten Mix aus erfahrenen und jungen Spielern. Mit dabei sind drei Spieler aus der Klasse von 2003: James, der ebenfalls stark aufspielende Dwyane Wade und Anthony. Leitwölfe sollen Allen Iverson und Tim Duncan sein, dazu noch Shawn Marion, Amaré Stoudamire und Stephon Marbury ? die erste Fünf steht und für die jungen Wilden bleibt nur der Platz auf der Bank. Das ärgert Anthony. Er bekommt nur wenige Minuten und ist in der Crunchtime nicht auf dem Platz. Die Bronzemedaille ist nicht mehr als ein Trostpflaster. ?Olympia war sehr enttäuschend für mich?, ärgert er sich noch zwei Jahre später.

Dass er mit 20 Jahren noch in der Lernphase ist, interessiert ihn nicht. Anthony war, ist und wird in naher Zukunft nie ein geduldiger Spieler, der die zweite Geige spielt. Ihm flog bisher alles zu, und seine Situation in Athen stinkt ihm gewaltig.

Die Saison 2004/2005 beginnt. Während deutlich wird, dass Clevelands Nummer 23 ein akribischer Arbeiter ist, wird schnell klar, dass Anthony in der Vorbereitung nichts getan hat. Schwache Wurfqouten, eklatante Defense und langsam ? das ist Denvers Nummer 15 in seiner zweiten Saison. Der Fall beginnt. Zu allem Überfluss berichten Zeitungen, dass ihm einer seiner Freunde mehrere Gramm Marihuana in seine Reisetasche gesteckt hat. So was kommt in den USA nicht besonders gut an.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Während Anthony in seiner ersten Saison noch für viele der Rookie of the Year war, ist er nun nur noch das fünfte Rad am Wagen der jungen Spieler, die die NBA in die Zukunft führen. Jetzt sind James, Wade und der neben Steve Nash in Phoenix groß aufspielende Amaré Stoudemire die neuen Zugpferde der ?Next Generation?. Noch dazu entwickelt sich bei den Raptors Chris Bosh prächtig ? ebenfalls aus dem Draft 2003. Dass Anthony seine Nuggets mit einem unglaublichen 32-8-Run noch in die Playoffs führt, scheint keinen mehr zu interessieren. Ebenfalls seine für 21jährige immer noch hervorragende 20,8 Punkte pro Spiel scheinen nicht so wirklich anzukommen. Carmelo Anthony ist aufgrund seiner Begegnungen mit der Polizei eher ein Kandidat für die ?Jail Blazers? als für das All-Star Game.

Jetzt, zwei Jahre nach dem Absturz, beginnt Carmelo Kyan Anthony von vorn. Nach zwei Jahren, in denen er trotz guter Leistungen auf sich aufmerksam machte, jedoch das Negative (erneuter Drogenbesitz) überwog, konnte er im Land der aufgehenden Sonne dann doch wieder für positive Schlagzeilen sorgen.

Als Leistungsträger einer Mannschaft, deren Starting Five qualitativ das Beste ist, was eine Weltmeisterschaft schon lange nicht mehr geboten hat, ist Melo auf einer Mission. Auf einer Mission, die so einfach ist wie ein Eins-gegen-Null-Korbleger: sein Bild wieder ins rechte Licht rücken. ?Nach einer für mich enttäuschenden Olympiade will ich bei der WM zeigen, was ich drauf habe?, hatte er vor dem Turnier angekündigt. In der Gruppenphase dann das erste Ausrufezeichen: Gegen Italien haut er 35 Punkte raus ? amerikanischer Punkterekord bei einer Basketballweltmeisterschaft.

Auf dem Feld überzeugt er im Zusammenspiel mit seinem Freund LeBron James und stellt unter Beweis, dass er ein starker Werfer ist: 44% von Downtown bedeuten Platz eins bei der Weltmeisterschaft.

Für viele ist er der beste Spieler der Amis, viele Offensivaktionen laufen über ihn. Schon lange nicht mehr spielte Anthony so befreit, so beflügelt auf wie bei dieser WM. ?Das hier ist eine viel bessere Situation als in Athen. Wir haben ein junges, starkes Team und wir alle haben Spaß?, entgegnet er auf die Fragen der erstaunten Journalisten.

Mit 179 Punkten, welche im Schnitt 19,9 Punkte bedeuten, ist er Topscorer des Teams USA. Nur Luther Burden traf für die Auswahl Amerikas öfter bei einer WM (182 Punkte, im Schnitt 20,2 Zähler bei der WM 1974 in Puerto Rico, USA erreichte damals den dritten Platz). Defensiv überzeugt er mit insgesamt 17 Steals (in neun Spielen) ? auch hier belegt er neben Chris Paul Platz eins bei den Amis.

Zwar verpasste Team USA das Finale (?Wir hatten nicht erwartetet, dass Griechenland noch mal zurück kommt, das Spiel war für uns eigentlich schon gelaufen. Das ist die größte Erfahrung, die ich mitnehme von hier: Du darfst dir nie eine Ruhephase gönnen.?), jedoch freuen sie sich über die Bronzemedaille im ?Kleinen Finale? gegen Argentinien, das sie mit 96:81 für sich entscheiden. ?Es war eine Art Must-Win Game. Wir haben hier zwölf Spieler aus der NBA, wir durften einfach nicht zweimal im selben Turnier verlieren?, erzählte Anthony nach dem Spiel.

Ein paar Tage nach der WM erteilen ihm 16 Journalisten, jeweils einer aus jedem Land, das bei der WM das Achtelfinale erreichte, Anthony eine besondere Ehre. Er wird in das FIBA World Championship All-Tournament-Team gewählt. Pau Gasol, Jorge Garbajosa (beide Spanien), Manu Ginobili (Argentinien) und Theo Papalukas (Griechenland) sind ebenfalls vertreten.

?Coach Ks (USA-Coach Mike Kryzewski; d. Red.) Entscheidung, mir eine Führungsrolle zu geben, hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben?, verrät Anthony. ?Das hier ist eine komplett andere Situation. Jeder von uns hat Spaß und der Trainer ist ebenfalls großartig?, sagt er.

Die Basketballweltmeisterschaft 2006 ist nun schon lange vorbei. Von vielen wird das vorher so umjubelte Team USA als die größte Enttäuschung gesehen. Zu wenig Teamplay, zu viele Einzelaktionen. Carmelo Anthony dagegen kann stolz auf das sein, was er geleistet hat. ?Ich freue mich schon auf die nächsten Jahre. Mit diesen Jungs zusammen zu spielen, macht einfach Spaß.?

Ob er seine Kritiker überzeugen konnte, wird sich erst mit Beginn der neuen Saison zeigen. Allerdings hängt alles von Anthony selbst ab. Ist er bereit, ein, zwei Monate in der Offseason jeden Tag alleine zu trainieren? Wenn ja, wird er sicherlich in Las Vegas vertreten sein. Dort, wo das All-Star Game 2007 stattfindet. Und wo alles seinen Ursprung nahm.




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Kommentare

(10 Kommentare bisher)

von peter-paul 23.09.06 um 18:29:52


ich glaub Manu ist gerade eben aus Versehen zum Griechen gemacht worden...



von presidentsamy 23.09.06 um 19:26:47


@peter-paul: jau stimmt :D und zum artikel: wenn melo diese einstellung echt beibehält, wäre ihm ein (erneuter^^) auftritt in vegas nur zu gönnen. ich kann nicht oft genug wiederholen, wie überrascht ich über den jungen bin



von Thomas Käckenmeister (x-over) 24.09.06 um 11:36:04


Das mit dem griechischen Pass von Ginobili hab ich grad geändert ;-)



von #9 24.09.06 um 12:25:12


meiner meinung nach ist carmelo anthony in der offence auf jeden fall vielfältiger als lebron james, welcher jedoch (auch wenn melo 17steals bei der wm hatte)der bessere verteidiger ist. was mich freut ist, dass bei der wm troz den ganzen nba stars/spieler es auf mich nicht den eindruck machte, dass da jemand die ego nummer durchzieht. das mangelde teamplay liegt eher an der generell amerikanischen spielweise und daran dass die amis nicht viele enge spiele hatten wo das system perfekt sitzen muss.



von DUFF 24.09.06 um 15:55:49


dass lbj ein besserer verteidiger ist halte ich für ein gerücht, genau so wie die vermutung dass lebrons offense begrenzter sei, er ist um einiges besser (intelligenter, auge fürs spiel, ...)



von sushi 25.09.06 um 19:38:06


guter artikel aber war es nichtso das melo von alles als roy betitelt wurde bevor die saison angefangen hat und nicht leBron?? und sich die frage wirklich nicht stellte da jeder Melo als DEN einen rookie sah u.a weil jeder glaubte dass james noch zeit brauchte



von dnow 25.09.06 um 20:43:25


also lebron ist im angriff einer der 2,3 besten sf überhaupt (carter/tmac) melo kommt bei mir erst so ab rang 8 und defensiv sind beide jawohl der oberewitz lebron schaukelt seine eier während der angreifer an ihm vorbeischleicht und melo legt die füße hoch wenn der ball vom brett wegspringt



von Hanswurst 25.09.06 um 23:51:23


Die Jungs können definitv beide gut verteidigen, allein schon aufgrund ihrer athletik und grösse, wobei ich LBJ aufgrund seiner besseren antizipation im Vorteil sehe. Das Problem ist nur, dass sie in ihren teams nun mal in erster linie die erste offense-option sind und in der D die roleplayer ihren Job machen, damit der Star zur not 40 min vorne gas gibt. so können sie keine richtige einstellung zur D entwickeln, wobei ich von beiden schon spiele gesehen habe, in denen sie hinten extrem motiviert und gut waren. aber das problem kennt man von anderen stars wir den angesprochenen carter/tmac sowie auch nash, bibby oder iverson ja zu genüge..



von Da_Prince 26.09.06 um 20:45:33


@sushi Also so wie ich die Berichterstattung mitgekriegt habe, redete jeder von Bron als roy. Zwar hat keiner Carmelo abgeschrieben oder nichts von ihm erwartet, aber Bron sah man als klare Nummer1 und definitiv schon als Heilsbringer im ersten Jahr. Es waren glaube ich eher Kritiker die meinten, dass Bron noch zu Jung sei.



von N'Awlins 01.10.06 um 17:55:57


Ich muss deinem Artikel, Harald, vollkommens zustimmen. Auch wenn einige böse Zungen nach der WM gesagt haben, dass Carmelo ein egozentrischer Alleinspieler wäre (oder zumindest er hätte sich so in Japan präsentiert), gilt auch hier das Motto: ?Wer trifft hat Recht? und dass Carmelo Anthony dieses Jahr Recht behielt, darüber sind wir uns doch alle einig. Das USA-Team konnte nicht überzeugen, aber was Anthony und andere Ausnahmen individuell fabrizierten, war aller erste Schublade. Und das der Neid direkt neber dem Erfolg wohnt, sind viele verfehlte Aussagen der Kritiker leider nur die logische Konsequent.



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