Boston Celtics

Titelkandidat auf Sparflamme

Die Boston Celtics (Foto: Kevin Garnett) haben große Namen, anerkannte Rollenspieler und einen renommierten Coach. Trotzdem haben sich die Kleeblätter in der laufenden Saison aus dem engen Kreis der Titelfavoriten verabschiedet. Für den zweiten Teil der Saison ruhen die Hoffnungen nun auf Nate Robinson.

Von Joshua Wiedmann
 21.02.2010 |

Vor zwei Jahren passte alles. Ein gutes Coaching-Team, ein klares System, fähige Rollenspieler, hungrige Superstars - es war wie mit einem Puzzle, dessen Teile sich richtig zusammenfügen. Die Boston Celtics waren 2008 schlichtweg eine dominante Mannschaft, in der alles stimmte.

Nun, zwei Jahre später, hängt das Team mächtig in der Schwebe - dabei sind die Schlüsselspieler ebenso dieselben wie der Coach und das System. Trotzdem: Es hat sich einiges geändert bei den Celtics seit 2008. Mark Jackson drückte es bei einem ESPN-Live-Spiel der Kelten am besten aus: "Dieses Team, so viele große Namen es hat, ist nicht mehr die Mannschaft von vor zwei Jahren. Man kann Vater Zeit eben nicht aufhalten", äußerte der Kommentator gewohnt analytisch. Die Aussage des ehemaligen Point Guards trifft den Nagel auf den Kopf: Die Celtics, im Meisterjahr 2008 eine mustergültige Mischung aus Klasse und Erfahrung, stehen anno 2010 kurz vor dem Scheideweg.

Fackelübergabe im Celtics-Zentrum

Bereits vor der Saison war klar gewesen, dass den Kelten mit dem aktuellen Mannschaftskern nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Mit den Big Three als Nukleus, die allesamt dem Sonnenuntergang entgegen reiten, würden Boston ein, maximal noch zwei Jahre bleiben, um eine weitere Meisterschaft nach Beantown zu holen. Mittlerweile, nach der ersten Hälfte der Saison, ist klar: Die Celtics sind ihrem Ziel weiter entfernt, als ihnen lieb sein kann. Besonders die alternden Leistungsträger Kevin Garnett (33 Jahre), Ray Allen (34) und Paul Pierce (32) sind längst nicht mehr das furchteinflößende dreiköpfige Monster aus dem Meisterjahr - Vater Zeit ist eben unnahbar.

Photo by Keith Allison (License: Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Besonders Garnett (Foto) und Allen mussten zuletzt deutlich Feder lassen. Während Allen insbesondere die Endschnelligkeit vergangener Tage fehlt, um seinen Wurf unbedrängt abzufeuern, ist KG nach seinem Verletzungs- marathon längst nicht mehr der Spieler von früher. Der einstige Alleskönner wirkt in seinen Bewegungen teils so gläsern, dass es einem als Fan des Forwards fast leid tun kann. War "The Big Ticket" schon früher keiner, der sich vornehmlich am Brett mit den Schwergewichten seiner Zunft balgte, so hat Garnett sein Spiel zumindest in offensiver Hinsicht mehr denn je in die Halbdistanz verlegt. Der 33-Jährige weiß, dass er sich seine Kräfte besser einteilen muss als früher und dass der Körper dem Zonenpogo auf Dauer nicht mehr standhält: "Ich bin viel geduldiger, was das Attackieren angeht. Ich kann nicht mehr so hoch springen wie früher", weiß Garnett. Gleichzeitig fertigt er Äußerungen, seine Intensität sei nicht mehr dieselbe wie noch im Meisterjahr, als falsches Gerede ab. Dennoch: Als Beobachter gewinnt man den Eindruck, Garnett sei besonnener, aber auch nachdenklicher als früher. "Er ist kein Superstar mehr und wird es auch nicht mehr sein", meint RealGMs Elrod Enchilada.

Von den Big Three ist einzig Paul Pierce noch auf höchstem Level zugange. Der 32-Jährige ist Bostons Topscorer (18,6 PpG) und wirft zudem Karrierebestleistungen aus dem Feld (46,8% FG) und von der Dreierlinie (44,9% 3FG). Dass bei den Celtics aber bereits eine langsame Fackelübergabe stattfindet, zeigt die Tatsache, dass neben Pierce keiner der Big Three, sondern ein junger Guard aus Kentucky zum zweitwichtigsten Spieler aufgestiegen ist: Rajon Rondo (Foto links) hat in dieser Saison endgültig das Zepter ins Bostons Spielaufbau übernommen. Der athletische Point Guard ist ein Grund dafür, dass sich die Celtics trotz der nachlassenden Produktion ihrer (ehemaligen) Stars immer noch in der Nähe der Ligaspitze befinden. Rondos Nominierung zum All-Star unterstreicht den Wert, den der 23-Jährige für seine Mannschaft hat. "Er arbeitet sehr hart. Er hört die Kritik, das Gemecker über sein Spiel, und er kümmert sich darum. Es treibt ihn an", sagt Garnett. Ray Allen gab Anfang des Jahres unumwunden zu, dass Rondo der MVP der Celtics sei: "Er hat sich unheimlich entwickelt."

Verletzungen und Spott

Dass die Celtics in der laufenden Saison nicht mehr die beeindruckende Konstanz von einst an den Tag legen, hängt aber nicht nur mit der abnehmenden Leistungsfähigkeit ihrer Stars zusammen, sondern auch mit dem Kürzel DNP (=did not play). Die drei bösen Buchstaben haben den Verantwortlichen bis dato einiges an Kopfzerbrechen beschert. Nicht weniger als 83 Partien verpasste die feste Zehner-Rotation der Kelten bisher bereits. Vielmehr als nur Garnett (elf verpasste Spiele) glänzten auch Glen Davis (18), Tony Allen (21) und Marquis Daniels (19) regelmäßig mit verletzungsbedingter Abwesenheit. Besonders Daniels, dessen Vielseitigkeit für die Mannschaft so wichtig wäre, hat seine Rolle im Kelten-Stamm deswegen noch nicht wirklich gefunden. "Wir hatten einige Verletzungen und das wirkt sich natürlich auch auf die Teamchemie aus", glaubt Garnett.

Eine wichtige Rolle hinsichtlich der angesprochenen Teamchemie spielt auch Rasheed Wallace (Foto), zumindest beteuern das seine Mannschaftskollegen. Ansonsten gehört der Ex-Detroit-Piston aber zu den absoluten Enttäuschungen im Celtics-Kader. Galt der 35-Jährige im Sommer noch als Spieler, der mit seiner Erfahrung und Beständigkeit den Unterschied ausmachten könnte, so hat sich in der Öffentlichkeit die Meinung über ihn geändert. Viel Spott hagelte es für seine Verpflichtung nach katastrophalen ersten Saisonwochen. Mittlerweile hat sich Wallace Punktewert zwar bei soliden 10,0 Punkten pro Begegnung eingependelt, dennoch kann oder will der 2,11-Meter-Mann nicht die Rolle einnehmen, die ihm eigentlich zugedacht war: Wallace trifft nur 28,8 Prozent seiner Dreipunktewürfe, feuert aber pro Spiel viereinhalb Dreier ab. Auch seine 4,2 Rebounds (in gut 23 Minuten pro Spiel) sind für einen Spieler seiner Größe und Möglichkeiten deutlich zu wenig. Ob Wallace noch die Kurve kriegt, könnte für die Celtics in den letzten Saisonmonaten von großer Bedeutung sein.

Hoffen auf "Crypto-Nate"

Trotz aller Fragezeichen glaubten die Akteure der Celtics zuletzt weiterhin an ihre Titelchance - eine Einschätzung, die Danny Ainge allem Anschein nach nicht vollends teilte. Der Manager der Kleeblätter war in den Wochen vor der Trading Deadline so aktiv wie kaum ein anderer Verantwortlicher. Vor allem um einen Abnehmer für Ray Allen (Foto) bemühte sich Ainge, auch wenn der ehemalige Guard alle Gerüchte als eben jene abtat.

Der Deal, den er letztlich dann aber doch noch offiziell machte, beweist, wie verbissen die Macher der Celtics nach Änderungen gesucht haben müssen. Ainge holte Flummi Nate Robinson nach Massachusetts und schickte im Gegenzug hauptsächlich Eddie House nach New York. Der Trade rief zunächst nicht unbedingt Zustimmung bei den Celtics-Spielern hervor. Während Rajon Rondo, der als enger Freund von House gilt, nur enttäuscht abwinkte, meinte Ray Allen, dass ein Trade nicht nötig gewesen sei. Auch Head Coach Doc Rivers wirkte nicht wirklich beschwingt: "Ich wäre mit dem Spielermaterial, das wir hatten, zufrieden gewesen." Auch Lakers-Coach Phil Jackson sah den Trade in einem kritischen Licht: "Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Ich habe großen Respekt für die Spielweise von House."

Tatsächlich müssen sich die Verantwortlichen der Celtics um Danny Ainge fragen, ob es wert war, Ballermaxe Eddie House abzugeben. Der 31-Jährige gehört zu den gefährlichsten Distanzschützen der Liga, ist ein absoluter Teamplayer und kann in jedem Spiel der X-Faktor sein. "House hat diesen Einfluss, wenn er trifft, der ein gegnerisches Team wirklich durcheinanderbringen kann", beschreibt Phil Jackson die Rolle des Combo-Guards am treffendsten. Auf der anderen Seite: Robinson (Foto) gibt den Celtics eine Dimension, die sie bisher nur in beschränktem Maße hatten. Abgesehen von Rajon Rondo mangelte es den Kelten zuletzt an Guards, die per athletischem Drive eine ganze Defensive aus den Angeln heben können. Kryptonate ist zwar der Typ Spieler, der Coaches mit seiner Wurfauswahl zum Haareraufen bringen kann, über die erforderlichen Qualitäten verfügt er aber allemal.

Eins ist indes klar: Zum Titelkandidaten Nummer eins macht der Robinson-Trade die Celtics längst nicht. Die Konkurrenz hat nicht geschlafen und zum Teil noch namhaftere Spieler (Antawn Jamison, Caron Butler) akquirieren können. Außerdem muss erst abgewartet werden, wie Robinson sich in einen Celtics-Kader voller Teamplayer und Veteranen einfügt. Auch wenn in Boston anno 2010 längst nicht alles so perfekt passt wie vor zwei Jahren, so sollte man die Celtics in den Playoffs aber trotzdem nicht auf die leichte Schulter nehmen.




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Kommentare

(7 Kommentare bisher)

von xax 21.02.10 um 13:05:52


ich finde die Kelten ähneln ein wenig den Spurs, eigentlich sind alle Teile vorhanden aber nahezu jeder spielt ein bisschen schlechter und das macht das Team insgesamt schwächer. Mal gespannt ob Teams wie Atlanta oder Blazers einen alten Silberrücken erlegen können, beide Teams scheinen auf jeden nicht bereit zu sein für eine Serie gegen ein Top-Team (Lakers, Cavs).



von Bryx 21.02.10 um 14:09:20


stimme dir xax und dem autor vollkommen zu...die C's sind nicht mehr so star wie vor 2 jahren. ich denke ein großer fehler war posey abzugeben... die C's benötigen eine defensivezange auf dem flügel... hätte vielleicht veruscht hamilton zu verpflichten, aber in den letzten spielen scheint allen wieder gut dabei zu sein... wiegesagt die verletzungen haben die C's stark zurückgeworfen, aber wenn die jetzt geusnd die saison zuende bringen können und sheed sich endlich aufrafft, würde ich sie noch nciht unterschätzen, ob nate den gewünschten effekt bringt wird sich zeigen...und in den playoffs spielt man eben anderen basketball... we will c ... und noch zu den spurs, ich bin auch ziemlich enttäuscht, voralem hätte ich mir mehr von jafferson erhofft...LA und Cavs sind ganz klar die favouriten, ob Den oder mavs sie stüzen könne, glaube ich nicht...und orlando ist lange nicht mehr so stark wie letztes jahr..



von tmachou 21.02.10 um 14:22:17


Das Problem der Celtics ist doch, dass Rondo ihr momentan bester Spieler ist. Mal All Star-Nominierungen und fabelhafte Stats bei Seite geschoben - pro Spiel hat er seine zwei Viertel, wo er das komplette Spiel dominiert, aber eben auch die Zeit, wo er sich dann komplett versteckt und nicht mehr für seine Mitspieler leichte Würfe kreieren kann. Die einzige Hoffnung für Boston kann eigentlich nur sein, dass mindestens zwei aus dem Trio Pierce/Allen/Garnett wieder die Führung übernehmen, wenn man den Titel holen will.
Ein weiteres heftiges Problem ist der Spielaufbau Bostons, sobald Rondo auf der Bank sitzt. Wenn man sich das ansieht, ist das wirklich absolut grausam, was Daniels, Tony Allen und Konsorten aufs Parkett bringen. Hier wird auch Nate Robinson nicht die Lösung sein (er hat schon in New York hinlänglich bewiesen, kein Einser zu sein). Am besten wäre wohl, wenn man in der Zeit einfach nur Screen bzw. Pick 'n' Rolls spielt und so versucht, an einfache Würfe zu kommen.
Letztes großes Manko bei boston: Rebounding. Sie haben perkins, der die Bretter pflügt, aber besonders hier ist der Verfall Garnetts am schmerzhaftesten. Gegen die Mitfavoriten auf den Titel wird man kaum eine Serie gewinnen können, wenn man regelmäßig an den Brettern dominiert wird. Hier wären wohl Garnett und Wallace gefragt, zur Not opfern sie dafür auch ein paar offensive Stats. Wenn das aber weiterhin so läuft, sehe ich momentan keine Chance für Boston, in die (Conference) Finals einzuziehen.



von thetruth 21.02.10 um 21:04:04


Find's richtig schade, dass für Robinson ausgerechnet Eddie House gehen musste :/



von Cabalios 24.02.10 um 23:39:05


is echt richtig hart für mich als totalem garnett fand seinen derart krassen abstieg zu erleben.
von nate hab ich noch nie was gehalten. schade um eddie!



von Al_Dente 25.02.10 um 16:27:01


meiner meinung nach wäre es für boston besser gewesen house zu behalten. er war zwar defensiv bei weitem kein stopper aber alleine durch seine größe ist er nicht so anfällig wie nate robinson. wobei ich auch glaube dass robinson in beantown nicht mal annähernd die stats abliefern wird die er in NY gebracht hat.



von step 16.07.10 um 22:21:01


No Country For Old Men, Rondo allein zu Haus.

The Heat is on ...



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