Washington Wizards
Wizards: Letzte Chance und schon vorbei
Von Lukas Oldenburg |
30.01.2010 | |
Vor der Saison war klar: Es wird die letzte Chance für das "Arenas-Team". Dass die Washington Wizards sich diese Chance so dermaßen vermasseln, hätte sich niemand im Traum ausdenken können.
Das wohl einzig Positive an der ersten Saisonhälfte in Washington: Viel schlimmer kann die zweite Hälfte nicht werden.
Willkommen im Scherbenhaufen
Der Star des Teams (er hieß mal Gilbert Arenas) und sein "Scherz" mit Schusswaffen im Umkleideraum haben ihn und seinen Waffenträger Nr. 2 (Point Guard Javaris Crittenton) nicht nur bis zum Ende der Saison aus allen NBA-Arenen verbannt, sie haben auch einen Scherbenhaufen aus den Wizards gemacht.
Jede Woche neue Trade-Gerüchte
Es sind Lager im Team entstanden, die Pro- und Kontra-Arenasses. Jetzt soll das Team zerschlagen werden. Jede Woche hört man neue Trade-Gerüchte, mal soll Brendan Haywood nach Portland für Rudy Fernández und Nicolas Batum, mal soll Antawn Jamison nach Cleveland für Zydrunas Ilgauskas und so weiter und so fort.
Arenas Ausfall ist nur ein Teil des Chaos
Aber es wäre jetzt einfach, das Chaos in D.C. einfach nur auf Gilbert Arenas' geistigen Schwächeanfall zu schieben. Denn die Wizards haben mit Arenas (11-21) auch nicht wirklich besser als ohne ihn (4-9) gespielt. Dabei waren sie voller Optimismus und gut gerüstet in die Saison gestartet - mit dem erfahrenen und siegesreichen Flip Saunders als neuem Head Coach und mit echten Verstärkungen wie Mike Miller und Randy Foye.
Spielzüge? Wer braucht so was?
Nach jedem zweiten Spiel sagen die Wizards, sie müssten den Ball mehr bewegen und weniger Schüsse nehmen, bei denen der Gegner einem quasi ins Gesicht springt. Spätestens im übernächsten Spiel machen sie es wieder. Das einst für seine Offensive gefürchtete Team war - mit und ohne Arenas - an Uninspiriertheit kaum zu überbieten. Ein Pass und ein Wurf, oder ein High-Screen und ein Wurf, oder ein Dribbling und dann gleich der Wurf - das waren die wohl häufigsten "Spielzüge". Kein Wunder, dass die Wizards Drittletzter in Assists sind mit nur 18,4 pro Spiel.
Teamzusammenhalt? Was ist das?
Dazu passt, dass Spieler sich öffentlich (zum Beispiel Andray Blatche in seinem Facebook-Profil) über zu wenig Würfe beschweren oder darüber, dass sie ihren Kollegen ja nicht passen könnten, weil die ja nicht treffen würden (wie Arenas über Butler). Dazu passt auch, dass der sonst so pflegeleichte Caron Butler mal eben seinen Coach ignoriert, wenn der einen Spielzug befiehlt, der eigentlich vorsieht, dass Butler den Ball passen soll. Es war der letzte Spielzug beim Spiel in Dallas, Butlers Schuss wurde geblockt und die Wizards verloren.
Ein Rück- und Ausblick
Hier wird ersichtlich: Abseits der Arenas-Story spielten sich einige andere enttäuschende Geschichten ab - und sogar einige wenige erfreuliche. Ein kurzer Rück- und Ausblick auf alle Spieler im Team:
Gilbert Arenas: Hatte zu Anfang der Saison Mühe, zu seinem Spiel zu finden und war lange Spitzenreiter in Ballverlusten pro Spiel, wurde dann aber gerade wieder zu einer einigermaßen zuverlässigen Waffe, als er seine eigenen Waffen in die Umkleidekabine brachte...
Caron Butler: Where has your game gone? 42% aus dem Feld, 16,6 Punkte pro Spiel, das ist die mit Abstand schlechteste Saison im Wizards-Dress. Und seit Arenas weg ist, spielt er nicht besser. Nimmt zu viele Jump Shots in Bedrängnis und zieht zu wenig zum Korb (wie alle Wizards). Scheint sich mit Coach Saunders nicht gut zu verstehen. Mit den derzeitigen Leistungen ist er allerdings für sein Gehalt schwer zu traden.
Antawn Jamison: Der einzige Star, der so gespielt hat, wie man es erwartet - 21,5 Punkte und 8,6 Rebounds pro Spiel. Jamison zeigte erneut Reife und Klugheit bei Interviews in den Medien, vor allem während des Arenas-Dramas. Damit ist er leider auch der wahrscheinlichste Trade-Kandidat. Hätte einen Platz im All-Star-Team verdient gehabt, bekam ihn aber mal wieder nicht.
Brendan Haywood: Der Dienstälteste im Team (der Einzige, der die Jordan-Jahre noch erlebte) spielt die beste Saison seiner Karriere - 5. in der Liga in Blocks pro Spiel (2,11), 10. in Rebounds (10,5) und sogar 2. in Offensiv-Rebounds (4,5). Dazu noch knapp 10 Punkte pro Spiel, und fertig ist ein weiterer Trade-Kandidat, auch wenn er für das Wizards-Team der Zukunft sicher ein guter Eckpfeiler wäre.
Randy Foye: Er sollte die Versicherung gegen Gilbert Arenas' Knie werden, nicht für Arenas' Scherze. Aber er ist kein Arenas. Foye erlebte einen unglücklichen Start und verletzte sich gleich mal den Knöchel. Danach folgten ein paar schlechte Spiele und dann viele Spielen mit wenigen Spielminuten. Seit Arenas' Sperre ist er Starter und hatte zunächst einige brillante Spiele, in den letzten beiden Wochen lässt er aber wieder nach. Vor allem ist er einfach kein Spielmacher mit nur 2,5 Assists pro Spiel (immerhin 4,5 im Januar) und vielen falschen Entscheidungen, wenn es drauf ankommt - zum Beispiel in der knappen Niederlage gegen die Bulls vor zwei Wochen.
Mike Miller: Eigentlich ist Mike Miller genau das, was die Wizards brauchen - ein Kämpfer, der mit Einsatz spielt, den Ball verteilt, läuft, die Mitspieler in Bewegung hält. Wenn er nur nicht so oft verletzt wäre... 28 der 45 Spiele verpasste er. 54% aus dem Feld und 46% von der Dreierlinie, aber nur 9 Punkte pro Spiel - manche meinen, er sei fast schon zu selbstlos. Aber einer muss ja passen in diesem Team! Toll auch seine knapp 6 Rebounds (für einen Shooting Guard) pro Spiel.
Earl Boykins: Der Zehn-Tages-Vertrag für den kleinsten Spieler der NBA (mittlerweile verlängert bis zum Saisonende) war Ernie Grunfelds beste Aktion diese Saison. Boykins spielt immer mit vollem Einsatz, weiß, worauf es ankommt, wenn es drauf ankommt und hat einige Spiele zu Gunsten der Wizards entscheiden. Er kann eine Offensive dirigieren und nimmt überlegte Würfe. 8 Punkte und 3 Assists von der Bank und eine Trefferquote von 46% bei seiner Größe können seinen Wert nur unzureichend ausdrücken. Die Wizards sollten ihn immer am Ende von Spielen einsetzen und Foye dann höchstens Shooting Guard spielen lassen.
Andray Blatche: Der Mann mit dem Dauerschlafzimmerblick kann einen zum Jubeln, aber auch zur Verzweiflung bringen. Nach einem phänomenalen Saisonstart mit tollen Spielen und einem neuen Karrierehoch (30 Punkte) folgte ein kolossaler Absturz. Scheint sich nicht gut mit Saunders zu verstehen, der ihn zunächst für teamschädigendes Verhalten ein Spiel pausieren ließ und zuletzt öffentlich kritisiere für seine laxe Einstellung: "Dieses Behind-the-Back-Dribble muss aufhören, es ist jedes Mal ein Ballverlust!). Blatches lockere, betont lässige Spielweise sieht zwar toll aus, wenn sie mal Erfolg hat (siehe Highlight unten), aber leider endet sie nur zu oft mit dem Ball in der Hand des Gegners. Beschwerte sich öffentlich über sein Facebook-Profil über zu wenig Schüsse. Wenn die Wizards diese konstante Inkonstante loswerden können, dann sollten sie es tun.
Nick Young: Mal spielt er den Gegner an die Wand, mal trifft er nicht mal den Ozean vom Achterdeck. Leidet allerdings sicher auch darunter, dass er nie weiß, ob er heute ran darf oder nicht. Saunders ließ ihn in sieben Spielen nicht mal aufs Feld. Viele hofften auf ein Breakout-Jahr, bislang ist es ein Rückschritt: Zwar konnte man erwarten, dass er mit Arenas, Foye und Miller im Backcourt vielleicht weniger punkten würde (letztes Jahr 10,9, dieses Jahr 7,7 Punkte pro Spiel), aber auch seine Wurfquote ist von 44,4 auf 41 Prozent gesunken. Immerhin: Er trifft besser von der Dreierlinie (41,7 statt 34,1 Prozent).
DeShawn Stevenson: Gilbert Arenas' größter Fürsprecher. Leider öffentlich, was nur noch mehr Unruhe ins Team bringt. Auf dem Feld mit einigen wenigen Ausnahmen ein Totalausfall und meilenweit von seinen früheren Leistungen entfernt: 2,4 Punkte, unter 30 Prozent aus dem Feld und 19% von der Dreierlinie für den ehemals über 40% treffenden Defensivspezialisten.
Fabricio Oberto: Der Neuzugang sollte eine Verstärkung sein. Nach ein paar guten Spielen zu Beginn fiel Oberto allerdings ab - und aus der Rotation. Offensiv war der 35-Jährige noch nie eine Gefahr, und das hat sich in der (statistisch gesehen schlechtesten) Saison seiner Karriere auch nicht geändert: 1,4 Punkte und 1,2 Rebounds in knapp 13 Minuten pro Spiel. Fab, der No-Factor.
JaVale McGee: Nach seiner überraschend guten Rookie-Saison hofften alle auf noch mehr spektakuläre Blocks und Alley-Oop-Dunks des Youngsters. Doch Flip Saunders vertraut lieber auf seine Veteranen und lässt McGee kaum ran. Allerdings ist er in der Verteidigung abgesehen von seinen Blocks wirklich ein Dauerrisiko - sein Stellungsspiel ist schlecht, seine Statur derart schlaksig, dass ihn andere Center leicht aus dem Weg räumen, und er sammelt Fouls wie andere Briefmarken, das allerdings auch noch in der Offensive. Jetzt, wo die Saison gelaufen ist, sollte Saunders ihm allerdings dann doch mal ein wenig mehr Spielpraxis geben, denn Talent hat McGee allemal.
Dominic McGuire: Vom Starter letzte Saison zum letzten Mann auf der Bank - Defensivmann McGuire ist nicht zu beneiden. Zuletzt wurde er sogar auf die Inaktivenliste gesetzt, obwohl er nicht verletzt ist. Dabei bringt er immer eine Menge Energie von der Bank, wenn auch mit Unglück im Abschluss.
Mike James: "Noch nie hat man mich so behandelt", kotzte der Veteran sich vor kurzem öffentlich aus. Erst durfte er gar nicht spielen, dann war er lange verletzt, dann durfte er immer noch nicht spielen. Warum, wollte Saunders ihm angeblich nicht sagen. Dann sage ich es halt: Die Wizards brauchen James nicht und haben einfach niemanden gefunden, der ihn haben will. Das ist der einzige Grund, weshalb James noch im Team ist.
Javaris Crittenton: Konnte kein einziges Spiel bestreiten wegen einer Operation am Fuß, machte sich aber endlich einen Namen in der Liga - leider als zweiter Hauptdarsteller im Gilbert-Arenas-Scherzkeks-Kino. Wäre interessant gewesen, zu sehen, ob Crittenton die guten Ansätze von Ende letzter Saison hätte fortführen können. Das Trikot der Wizards wird Crittenton nun aber wohl nicht mehr tragen. Mal sehen, ob ihn überhaupt noch ein Team haben will. Talentierte Point Guards gibt es ja eigentlich genug.
Als kleine Aufmunterung hier noch ein paar Wizards-Highlights der ersten Saisonhälfte:
Earl Boykins versenkt die Nets:
Andray Blatche hinter dem Rücken zu Haywood für den Dunk:
Der Kommentator redet über die Erinnerungen an den verstorbenen Abe Pollin - da wird er vom Butler unterbrochen:
Und zum Abschluss: Mein persönliches Highlight der ersten Saisonhälfte (natürlich von einem Ex-Wizard):



von Cabalios 05.02.10 um 00:16:42
man merkt echt richtig wie angepisst aber auch enttäuscht du von deinem team bist- beides zurecht. gut, dass ich nie wizwards fan war ;)
von Suck My Diktiergerät 05.02.10 um 05:11:04
hehe. wie ich diesen howard dunk liebe. wusste bis zu dem highlightvideo nicht einmal, dass er überhaupt noch dunken kann ;)
aber: artikel ist toll. ABER...ihr müsst was ändern. ich schaue täglich 1-4 mal ungefähr hier vorbei. von den blogs krieg ich irgendwie immer erst was mit, wenn sie kommentiert werden. also bitte, bringt sie in die rechte updatespalte, wie ne normale news :) oder irgendwie anders. hauptsache, man kriegt den blogeintrag mit, wenn er geschiet :)
von abcd12 05.02.10 um 08:35:52
Ich frag mich ob das Problem nicht auch der neue Trainer ist und wie die Saison gelaufen wäre, wenn EJ noch Coach gewesen wäre.
Ingesamt sehr treffende Beschreibung des Zustandes der Wiz, wobei ich von den Arenas Hatern im Team bisher noch nix mitbekommen habe. Wer soll das sein (Butler,Haywood?)? Und wo hast du die Info her?
Klarer Lichtblick ist für mich Mike Miller und ich hoffe, dass der sich breitschlagen lässt noch die eine oder andere Saison für die Wiz dranzuhängen.
Wie siehst du es? Bleibt Arenas in DC?