Atlanta Hawks
Achtung, Absturz!
Von Joshua Wiedmann |
25.11.2010 | |
Bekanntlich soll man sich nicht selbst loben - Eigenlob stinkt, heißt es ja so schön. Da wird in der Journaille keine Ausnahme gemacht. Aber in folgendem Fall muss ich einfach mein eigenhändig Verfasstes wiederkäuen, weil es die aktuelle Situation äußerst treffend beschreibt. Als ich mir vor Beginn der laufenden NBA-Saison Gedanken zu den Aussichten der Atlanta Hawks machte, und diese in der Crossover-Saisonvorschau niederschrieb, wagte ich folgende „Floptimum“-Prognose für meine geliebten Hawks: „Erstsemester Larry Drew (Foto) dringt nicht zu seinen Spielern durch: Vor allem die Veteranen Johnson, Bibby und Crawford kochen ihr eigenes Süppchen und lassen den neuen Coach im Regen stehen.“
Nach rund einem Saisonmonat und 15 absolvierten Begegnungen wirkt diese Aussage wie eine düstere Prophezeiung. Ob da böses Karma im Spiel ist, möchte ich gar nicht hinterfragen. Fakt ist: Nicht nur die aktuelle 8-7-Bilanz der Hawks - ein durchaus trügerischer Rekord, wie ich später noch erklären will -, sondern auch die generelle Situation der Habichte kommt der miesen Vorhersage recht nahe. „Wenn ich die Partie mit einem Wort zusammenfassen müsste: beschämend“, war der Kommentar von Hawks-Coach Larry Drew nach der kürzlich erlittenen 76:99-Heimklatsche gegen Boston. Die Partie gegen den Ex-Champ aus Massachussetts bildete quasi das Häubchen schlecht gewordener Sahne auf den letzten Wochen der Atlanta-Truppe: Ohne jegliche Gegenwehr ließen sich die Hawks von den Celtics, die außerdem ohne Aufbau-Genie Rajon Rondo an den Start gingen, so böse zerrupfen, wie das letzte Mal im siebten Spiel der Playoffs 2008 - und damals war die Mannschaft eine blutjunge Truppe ohne Playoff-Erfahrung in einem siebten Spiel gegen die „Big Three“ in ihrer Prime. Damals war das verzeihbar. Mit einer Mannschaft, die aber seit dem „Boston Massacre“ kontinuierlich gewachsen ist, 2009/10 53 Siege einfuhr und die Celtics in den vorigen fünf Duellen fünfmal in die Knie zwang, ist ein solcher Lapsus kaum zu entschuldigen.
Bekannt soll man sich ja aber nicht am Ausgang einer Partie aufhängen. Schon gar nicht in der regulären Saison, wo selbst Minnesota an einem guten Tag die Lakers schlagen könnte (okay, nur wenn Kevin Love den Doppel-Dreißiger auspackt). Aber wie schon erwähnt: Die Heimklatsche gegen die Kelten stellt nur den vorläufigen Höhepunkt der just gegenwärtigen Misere da. Denn die problematischen Anzeichen der letzten Wochen sind kaum von der Hand zu weisen, da hilft auch die (noch) positive Bilanz nichts.
Große Sorgen dürfte allen Hawks-Anhängern Verfassung und Verhalten von „Franchise Player“ Joe Johnson (Foto) machen. Der 124-Millionen-Dollar-Mann ist bis dato der Inbegriff des willensschwachen Leistungsträgers, der seinem Coach in haarigen Momenten wie der Boston-Partie nicht zur Hilfe eilen kann oder will. Nach seiner monströsen Vertragsverlängerung im Sommer hatte Coach Drew noch davon gesprochen, dass „Joe jetzt mehr denn je das Gesicht unserer Franchise wird“. Starke Worte - zudem mit einer gehörigen Portion Vertrauen beladen -, die bisher jedoch eine allzu schwache Reaktion des Shooting Guards hervorgerufen haben. Johnson scort so wenig wie noch nie als Hawk (17,5 PpG), wirft bedauerliche Quoten (41,1 % FG und 25,8 % 3FG) und reboundet für seine physischen Gegebenheiten (109 Kilo verteilt auf 203 Zentimeter) unterirdisch (3,8 RpG). Viel Schlimmer aber noch als der vorläufige Zahlen-Einbruch: JJ wirkt so desinteressiert, wie man als „Gesicht der Franchise“ nur wirken kann. Nach sechs Jahren bei den Hawks und neuen 124 Millionen auf dem Konto hat er jetzt offenbar die Lust verloren, zumal das neue System von Larry Drew nicht mehr derart seine Spielweise akzentuiert, wie das unter Mike Woodson der Fall war. Wenn der Coaching-Novize meint, dass „irgendetwas dafür sorgt, dass wir nicht mit der nötigen Energie und Leidenschaft zu Werke gehen“, dann meint er sicherlich auch seinen Star-Guard.
Allerdings ist Johnson nicht der Einzige, der seinem Coach bis dato gehörig ans Bein pisst. Schon im Sommer hatte der amtierende „Sixth Man“ der Liga, Jamal Crawford (Foto), diversen Quellen zufolge einen Trade gefordert, sollte
die Franchise ihn nicht vorläufig für seine Dienste entlohnen wollen (lies: mit einer fürstlichen Vertragsverlängerung ausstatten). Die Hawks wollten und konnten nach dem Johnson-Vertrag nicht - jetzt bezahlen sie die Rechnung dafür. Denn ähnlich wie Joe Johnson wirkt der 30-Jährige teils unzufrieden mit dem neuen System von Larry Drew, das auch ihm weniger Eins-gegen-Eins-Möglichkeiten verschafft. Selbst wenn Neu-Hawk und Hoopshype-Blogger Etan Thomas schrieb, Crawford habe „niemals einen Trade gefordert“, so sind diese Äußerungen mit Vorsicht zu genießen. Der Combo-Guard galt schon in New York und Golden State als Unruhestifter, und dass die Hawks zuletzt über einen Trade ihres schwächelnden Bankmaestros (13,6 PpG) nach Detroit nachdachten, zeugt davon, dass zwischen dem Management sowie Coach Drew und Crawford einiges im Argen liegt.
Grundsätzlich muss natürlich auch die Frage gestattet sein, ob dem neuen Coach bislang etwas vorzuwerfen ist, was von außen betrachtet selbstverständlich nicht leicht zu sagen ist. Drew gilt bei seinen Spielern als sehr beliebt, Kollegen und Experten schätzen seine Fähigkeiten. Sein neues Spielsystem, das mehr Elemente einer "Motion"-Offense implementiert, war ein dringender Fortschritt zum oft steifen Spiel unter Mike Woodson. Doch hat der Ex-Assistant bislang die autoritären Zügel in der Hand? Wie erwähnt: Gerade Joe Johnson und Jamal Crawford scheinen Drew noch nicht den nötigen Respekt für seine Arbeit entgegenzubringen.
Auch Faktoren wie der defensiv immer unnützer werdende Mike Bibby (Foto) - die Hawks verteidigen nur mit vier Mann, mag man teils denken - und die nicht wirklich voranschreitende Entwicklung von Jeff Teague tragen ihren Teil zum durchwachsenen Saisonstart bei. Denn obwohl die Hawks immer noch eine positive Bilanz vorweisen können (8-7), muss diese aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet werden: Zu Saisonstart legten die Habichte eine 6-0-Serie hin. Die Gegner in diesen Partien? Die furchteinflößenden Grizzlies, Sixers, Wizards, Cavaliers, Pistons und Timberwolves. Seitdem es gegen erst zunehmende Playoff-Kaliber geht, haben die Hawks eine 2-7-Serie.
Bei aller Schwarzmalerei darf selbstverständlich eines nicht vergessen werden: Es ist noch nicht einmal ein Viertel der Saison absolviert. Dennoch sind die bisherigen Zeichen alarmierend und lassen kaum den Schluss zu, dass die Hawks erneut unter den Top-Teams im Osten rangieren werden. Gegen die Besten aus dem Westen - mit Ausnahme von Dallas - hat Atlanta bis dato noch nicht einmal gespielt. Und ausgerechnet in eigener Halle, wo die Hawks in den letzten Jahren eine echte Bank waren, stehen bislang schon fünf Niederlagen zu Buche. Ich kann nur hoffen, dass sich ein weiterer Satz meiner Saisonprognose im April nicht bewahrheitet: „Die Hawks rutschen im Osten auf den achten Rang ab.“ Das dürfte dann die Krönung meiner miesen Spekulationen sein.




von Suck My Diktiergerät 26.11.10 um 00:32:39
guter artikel. war schon anfangs bei larry drew ziemlich skeptisch. natürlich "versagten" die hawks in den letzten 2 jahren in den playoffs. verlieren in der 2.runde. ok.
aber bitte nicht so wie letztes jahr gegen orlando.
aber ich bitte euch, liebes hawks management...unter woodson gabs jedes jahr stetige verbesserung, und ich hatte das gefühl (hab ja viele hawks spiele gesehen), die mannschaft mochte ihn, und hörte auf ihn. natürlich war die offense teilweise desaströs, aber hätte man da nicht nach nem guten offense assistenztrainer suchen können?
aber anderer wichtiger punkt, den du vergessen hast...bzw 2 wichtige punkte...
der erste: josh smith...mit horford (komme ich gleich zu) die tragende säule der hawks. ohne ihn würde es direkt in den unteren durchschnitt im osten gehen, wenn nicht noch tiefer. letztes jahr hatte er sein braincomingout, meiner meinung nach auch anwärter auf MIP, die verbesserung zu den jahren davor war nicht unbedingt in stats zu lesen, aber sein spiel ist extrem gereift...und dieses jahr?
kann es sein, dass er nur noch rennt, wenns chance aufn fastbreakdunk oder chasedownblock gegen guards unter 1,85m gibt? selten was emotionsloseres gesehn.
das problem ist bloß: smith ist und bleibt essenziell fürs team, wenn die hawks weiterhin in den playoffs mitmischen wollen und nicht nen rebuild (einer bis auf einige ausnahmen) truppe im guten alter.
und es wird bestimmt keinen ähnlich guten gegenwert geben.
bin der festen überzeugung, mit einem phil jackson würden die hawks um die ligakrone im osten mitspielen.
aber nun zu dem einzig positiven bisher in der saison:
Al Horford.
Hammersaison. In der Defense eine Mauer.
und in der offense unglaublich effizient.
hoffe, der wird irgendwann mal baustein a la gasol in ner meistermannschaft. vielleicht nicht bei den hawks ;-( ), aber wenns nötig ist auch gern woanders :)
wenn demnächst mal zuviel geld übrig ist, dann gibts n horford trikot für mich :)
achja: jemand ne ahnung warum jordan crawford so wenig minuten sieht?! :( würde gern mehr von dem sehen.
von Sevent 26.11.10 um 11:26:15
Für mich sind Horford und Smith die durchgehend positiven Aspekte der noch jungen Saison (aus Hawks-Sicht). Horford ist vorne effizienter geworden und wirkt jetzt schon wie ein "Veteran". Dabei wirft er nicht unbedingt mehr, sondern scort einfach sehr effektiv: Seine Wurfquote liegt aktuell bei schier unglaublichen 61 Prozent (2009/10: 55 %), Freiwürfe trifft er mit 85 prozentiger Wahrscheinlichkeit. Das sind exzellente Werte - gerade die Freiwurfquote für einen Big Man -, weshalb er aktuell auch mehr punktet als in der vergangenen Saison (16,3 gg. 14,2 PpG).
Deine Kritik zu Smith kann ich nicht wirklich teilen. J-Smoove ist (mMn eindeutig) der wichtigste Spieler dieser Mannschaft, gerade weil er viele der sogenannten "Intangibles" bringt. Er scort, blockt, reboundet, verändert gegnerische Würfe, ist der defensive Anker und emotionale Leader. Und: er trifft urplötzlich den Dreier, auch wenn er bisher wenige Würfe von außen genommen hat (8/20 3FG). Smith wird sicherlich nur getradet werden, wenn die Hawks einen echten Star für eine der beiden großen Positionen bekommen können.
Die Entscheidung, Woodson zu kicken, war mMn richtig und wichtig. Denn es ging ganz einfach nicht voran in den letzten zwei Jahren. Die Entwicklung, die Atlanta von 2008-2010 genommen hat, wird in meinen Augen zu sehr auf Woodson "großartige" Arbeit projiziert. Fakt ist aber, dass Woodson von 2004 an in Atlanta war und in seinen ersten ein, zwei Jahren praktisch nichts gerissen hat. Der Aufstieg der Hawks über die Jahre ist mMn mehr damit zu erklären, dass die jungen Spieler (Smith, Williams) sich - später als gedacht - zu soliden Kräften entwickelt haben, mit dem Bibby- und Crawford-Trade einige sinnvolle Transaktionen vom Management eingefädelt wurden und Al Horford von seiner Rookie-Saison 2007 an ein wichtiger Spieler wurde. Woodson hatte da nicht wirklich seine Finger im Spiel, sein Spielsystem mit vielen Isolationen ist - gerade für junge, unerfahrene Spieler - nicht wirklich förderlich gewesen.
Ob mit Drew ein passender Coach verpflichtet wurde, ist natürlich die andere Frage. Mir gefallen die neuen Ansätze, die auf dem Feld teils sichtbar sind: Es gibt mehr Bewegung, mehr Screens, mehr Cuts, Folge: mehr offene und erspielte Würfe. Nur die Lakers und Celtics verteilen mehr Assists als die Hawks (23,8). Das war in den letzten Jahren nicht so. Ob Drew unbeliebter ist als sein Vorgänger? Keine Ahnung. Klar ist nur, dass auch Woodson mit seinen Spielern aneinandergeraten ist (--> Smith). Allerdings hat er sich gut mit Joe Johnson vertragen, dem ich ja im Artikel mangelnden Respekt gegenüber Drew vorgeworfen habe.
Für mich sind die Probleme - da wiederhole ich mich gern - aber vornehmlich an anderen Stellen zu sehen, auf die Drew leider Gottes recht wenig Einfluss hat: Die Defensive ist nur durchschnitt. Den Hawks fehlt einerseits ein echter Center, andererseits ist der Backcourt defensiv nur mittelklasse. Johnson und Teague sind solide, Crawford und Bibby sollten aber eigentlich Gehaltskürzungen bekommen angesichts ihrer Defensiv-"Leistung". Auch, dass Crawford und Johnson gerne aus Systemen aussteigen und grundsätzlich noch zu oft das Eins-gegen-Eins einem gepflegten System-Ball vorgezogen wird, schafft Schwierigkeiten.
Wieso Jordan Crawford wenig spielt? Weil seinen Namenswetter Jamal und Joe Johnson vor ihm spielen, ganz einfach. In der NBA wird eben niemand auf die Bank gesetzt, der 10 respektive 16 Millionen jährlich verdient. ;)