Ben Gordon

Der ballernde Bulle

In der ersten Fünf klappt es nicht und trotzdem ist Ben Gordon einer der wichtigsten Spieler für die Chicago Bulls. Selten war ein sechster Mann so gut wie er.

Von Thomas Käckenmeister
 09.01.2007 |

Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriere des Benjamin Gordon. Auch in seinem dritten Jahr in der besten Basketballliga der Welt kommt er nicht damit zurecht, in der ersten Fünf zu stehen. Viel lieber mimt er den Ersatzmann, der sofort da ist, wenn er gebraucht wird.

Die Rückkehr der Mikrowelle

Die Nummer Sieben der Chicago Bulls ist ein Phanömen: Steht er in der Anfangsformation, bringt er schlechte Leistungen. Verbringt er den Tip-Off auf der Bank, legt er Zahlen auf, die an gestandene Profis erinnern. Wie damals Vinnie Johnson, der bei den Detroit Pistons in den Achtzigern ebenfalls als Energizer von der Bank kam und Spiele im Alleingang entschied. Johnson spielte mehr als neun Jahre beim Team aus der Motorcity und stand nur in Ausnahmefällen in der Starting Lineup. Sein Punkteschnitt war während dieser Zeit als Bankspieler trotzdem durchweg zweistellig. Aus dem gleichem Holz scheint auch Ben Gordon geschnitzt zu sein.

In der aktuellen Saison legt Gordon im Schnitt mehr als zwanzig Punkte auf - von der Bank. Damit ist er der einzige Spieler in der NBA, der sein Team als Ersatzmann im Scoring anführt. So steht der gerade mal 1,91m große Backup Guard allabendlich eine gute halbe Stunde auf dem Parkett und spielt die beste Saison seiner noch jungen Karriere. Bei Punkten, Assists, Wurf- und Freiwurfquote sind seine Werte auf einem Höchststand.

Dabei bekam er zu Saisonbegann eigentlich das volle Vertrauen von Head Coach Scott Skiles als Starter. Für die ersten sechs Spiele nominierte ihn der Bulls-Coach in die Starting Five. Beim Saisonauftakt gegen Miami, als Chicago dem amtierenden Meister mit 108:66 eine herbe Klatsche verabreichte, kam der ehemalige Star der University of Connecticut auf enttäuschende sechs Punkte bei einer unterirdischen Quote (1/9 FG). Na gut, Startprobleme kann jeder haben, dachte sich Skiles und sollte Recht behalten. Gegen Orlando markierte er 24 Punkte, gegen Milwaukee sogar 37 Punkte. Insgesamt aber hatte man das Gefühl, Gordon könne sich mit der Rolle als Starter nicht wirklich identifizieren. In sechs Starts kam er nur diese zwei Mal auf mehr als sechs Zähler. Sein Schnitt von knapp 13 Punkten während dieser Saisonphase drückt einiges aus. Auch seine Quote erinnert mehr an die eines Balljungen, der sich aufs Parkett verirrt hat: In den vier Spielen mit höchstens einem halben Dutzend Punkte traf er lächerliche fünf Würfe - bei 34 Versuchen (14,7%). Kein Wunder also, dass Scott Skiles lieber anderen Akteuren seines ausgeglichenen Kaders den Vorzug gab und den athletischen Jungbullen auf die Bank setzte.

Seit seinem Rookie-Jahr kennt Gordon seinen Platz auf der Ersatzbank und zeigte trotzdem die Skills eines werdenden Go-to-Guys. Schon damals war es ihm gleichgültig, ob er startete oder nicht. Das Experiment mit der ersten Fünf ging auch damals in die Hose. Gordon wusste, dass Spiele nicht in den Anfangsminuten, sondern am Ende entschieden werden, denn dann kam er meist zum Einsatz und konnte seine Qualitäten als Crunchtime-Player bestens ausspielen. "Wenn ich von der Bank komme, sehe ich vorher, was passiert und kann darauf reagieren", argumentierte der gebürtige Londoner damals. Die Leistungen aus seinem ersten Ligajahr bestätigen sein Statement. Gordon war der zweitbeste Spieler (hinter LeBron James), der im Schlussviertel und der Verlängerung am häufigsten punktete. Insgesamt scorte er in den letzten zwölf Minuten von 21 Spielen zweistellig. Den Titel des besten Rookies erhielt 2004 zwar Emeka Okafor, aber die Auszeichnung des besten Bankspielers konnte Gordon niemand streitig machen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Liga bekam damit ein Rookie diesen Award.

In dieser Saison hat der ballernde Bulle bereits zweimal die 40-Punkte-Marke geknackt - von der Bank kommend! Der letzte Guard, der 40 Punkte im Bulls-Dress sammelte, war ein gewisser Michael Jordan am 5. April 1998 gegen Houston. Innerhalb einer Woche bescherte Gordon den Miami Heat und den Phoenix Suns in dieser Form ein nachträgliches Weihnachtspaket. Diese beiden Partien unterstrichen seinen für einen Bankspieler außergewöhnlichen Lauf von neun Spielen in Folge mit mindestens 20 Zählern, bei einem Schnitt von 27,3 PpG.

Als Bankspieler ins All-Star Game?

Vielleicht ist mit solchen Leistungen sogar ein Platz im All-Star Team frei? Der ehemalige Edel-Shooter Steve Kerr schrieb jüngst in seiner Kolumne bei yahoo.com: "Auch wenn er nicht zu den MVP-Kandidaten zählen mag, drängt er auf einen Platz im All-Star Game. Gordon besitzt eine der besten Kombinationen aus Werfen und Zum-Korb-Ziehen. Seine Dribblings sind unglaublich irreführend." Darauf schwört auch Scott Skiles: "Das ist Teil von Bens Spiel. Wenn man ihn an der Dreier-Line stehen lässt, hält er von dort drauf. Wenn man ihn deckt, zieht er vorbei."

Bezeichnenderweise kommt zur explosiven Abschlussstärke Gordons Fähigheit hinzu, Fouls zu ziehen. Daraus resultierende Freiwürfe trifft er mit Leichtigkeit, was bei einem Karriereschnitt von über 84% nicht weiter verwundert. In dieser Saison trifft Gordon knapp 89% vom Wohltätigskeitsstreifen. Coach Skiles beschreibt das folgendermaßen: "Es ist immer schwierig, gegen jemanden zu spielen, der 85 oder 95 Prozent seiner Freiwürfe trifft. Die Coaches sagen dann 'Hey, foule ihn [Gordon] nicht'. Aber wenn man ihn dann verteidigt, zieht er das Foul trotzdem. Er ist viel besser darin geworden."

Verbessern konnte sich BG7 - Gordons Initialien und seine Trikotnummer bilden gleichzeitig den Namen eines nach ihm benannten Energy Drinks aus weißem Tee mit gesundheitsfördernden Antioxidantien und Polyphenolen - auch bei den Assists. Während des Sommers arbeitete er an seinem Ball Handling und produziert in dieser Saison über drei Vorlagen pro Partie. Auch in dieser Kategorie ist damit ein neuer Karrierehöchstwert zu verzeichnen.

Doch leider ist in einer Statistik immer noch der Wurm drin: Bei den Ballverlusten hat Ben Gordon ganz eindeutig seine größte Schwäche. Mit drei Turnovers pro Einsatz ist er ligaweit in den Top 20, sogar unter den ersten Zehn, wenn man diesen Wert auf 48 Minuten hochrechnet. Und da wir gerade dabei sind, Gordons Werte im ligaweiten Statistikraum einzuordnen, fällt auf, dass der Bulls-Guard in den Offensivkategorien Punkte pro Spiel, Punkte insgesamt, verwandelte Freiwürfe, getroffene Freiwürfe, Freiwurfquote, verwandelte Würfe, Wurfversuche und Dreierversuche in den Top 25 gelistet ist. Rechnet man seinen Punkteschnitt von derzeit 20,8 PpG auf die Gesamtdauer einer Partie hoch, steht sein Name in den Top Ten - vor Spielern wie Dirk Nowitzki, LeBron James, Vince Carter oder Tracy McGrady.

Trotz dieser faszinierenden Zahlen bleibt der Protagonist selbst gelassen: "Ich versuche in jedem Spiel gut zu spielen. Punkte sind mir nicht so wichtig. Sie zeigen, ob ich einen guten Job geleistet habe und dass ich in jedem Spiel aggressiv war." Bescheidende Worte vom angriffslustigsten Werfer der Bulls. Zweimal 40 Punkte von der Bank hat in den letzten 30 NBA-Jahren nur ein Spieler erzielt: Brian Winters (650 Spiele für die Lakers und Bucks (1974-83); erster Coach der Grizzlies) brauchte dafür allerdings eine ganze NBA-Karriere, Gordon nur eine Woche.

Gräbt man weiter im riesigen Statistikhaufen vergangener Spielzeiten, gelang es bisher nur Ricky Pierce (u.a. Bucks und Sonics (1982-98)), sein Team als Bankspieler bei den Punkten (23,0 PpG) anzuführen. Das war in der Spielzeit 1988/89 und Pierce gewann am Saisonende den Best Sixth Man Award. Scott Skiles, der damals als Rookie für die Bucks seine Profikarriere begann, erinnert sich gern an damals und sagt mit sicherem Gefühl: "Es ist gut zu wissen, dass man ihn einwechseln kann und 20 Punkte erhält. Manchmal sieht es so einfach aus. Das ist toll."

Ben Gordon ist ein scheinbar unverzichtbarer Teil im Bullen-Mosaik geworden. Trotzdem tauchten in den letzten Wochen immer wieder Gerüchte über den ballernden Bullen auf, er sei in einen Deal involviert, der Kevin Garnett nach Chicago bringt. Bis zur Trading Deadline dauert es noch gut einen Monat. Ob Air Gordon bis dahin für ein anderes Team auf Korbjagd geht oder ob er weiterhin das Bulls-Trikot trägt, wird sein Image in der Liga nicht verändern. Ben Gordon bleibt der 20-Punkte-Mann von der Bank, die Mikrowelle.




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Kommentare

(13 Kommentare bisher)

von Braut91 09.01.07 um 13:15:23


Leider muss ich einen Fehler melden, denn Michael Jordan war vor Ben Gordon nicht der Letzte, der mehr als 40 Punkte geschafft hat. Wenigstens 1mal gelang es Elton Brand. Ansonsten einer schöner Artikel und ich freue mich, dass Ben endlich auch mal Erwähnung findet.



von Tomdawg 09.01.07 um 14:14:07


Stimmt, Elton Brand hat in seinem Rookie-Jahr bei den Bulls 44 Punkte in einer Partie erzielt. Da habe ich mich im Text wohl falsch ausgedrückt. Danke für den Hinweis.



von Robin Hood 09.01.07 um 15:32:20


Steht in dem Text nicht der letzte Guard der 40 Punkte machte? Brand ist doch kein Guard.
Sonst ein cooler Text.



von Tylow 09.01.07 um 15:56:34


jo guter text.

-> "Der letzte Guard, der 40 Punkte im Bulls-Dress sammelte, war ein gewisser Michael Jordan"
bezieht sich also nur auf guards !



von Tomdawg 09.01.07 um 17:29:03


Das mit dem "Guard" habe ich nachträglich korrigiert, nachdem ich darauf aufmerksam gemacht wurde. Vorher stand lediglich "Spieler" da.



von bizzmane 09.01.07 um 18:06:18


Er liegt bei den getroffenen und bei den verwandelten Freiwürfen in den Top25, ich denk das eine kommt vom andern oder? ;-)



von joe_dumars 10.01.07 um 00:48:51


Ein wirklich guter Artikel...schön zu sehen das BG7 endlich etwas Aufmerksamkeit für seine Leistungen erhält....aber zum All-Star reicht es meiner Meinung nach noch nicht , da er (noch) zu unkonstant spielt



von mkay 10.01.07 um 21:24:52


richtig guter Artikel, sehr schön geschrieben!



von tusart 11.01.07 um 12:01:00


Guter Artikel, wenn man von dem kleinen Fehler mit Elton Brand mal absieht auch gut recherchierter Beitrag mit vielen Hintergründen. Im Übrigen denke ich schon, dass er eine Nominierung zum All-Star Game verdient hat weil er, ganz im Gegensatz zu Akteuren wie McGrady, Iverson, Morrison und Co., gezielte Verantwortung übernimmt, gut abwägt zwischen Wurf und Pass. Er führt die Bulls (und das oftmals zum Sieg). Die zuvor genannten spielen leider fast nur für Stats. Dennoch finde ich Vergleiche mit MJ nach wie vor nicht angebracht. So etwas kann man frühestens mit den ersten großen Erfolgen sagen. Wade käme da schon eher in Frage dessen Nachfolge anzutreten. Doch die besten Spieler der Liga sind definitiv Steve Nash und Dirk Nowitzki. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.



von melo1515 11.01.07 um 19:14:22


guter Artikel , gut geschrieben!!



von KingMing54 11.01.07 um 19:15:25


Kommentar



von Pete Air 11.01.07 um 22:00:23


Guter Artikel
Aber das Gordon mit Mj verglichen wird ist doch lächerlich. Die einzige Gemeinsamkeit ist vielleicht das er Scoren kann und das in den wichtigen Phasen. Aber wo ist die Defense ? Fakt ist doch das Gordon kaum rebs holt und auch wenig assists macht. Das obwohl er zwar kein Starter ist aber dafür immerhin auf 28 min. Spielzeit kommt. Ob das reicht um ein Allstar zu werden ist fraglich wobei es in der Nba viele Spieler gibt die super stats haben aber keine Allstars sind oder warne.



von Tomdawg 12.01.07 um 00:34:09


Ich betone hiermit ausdrücklich, dass im Text nichts von einem Vergleich mit Michael Jordan steht! Ben Gordon war lediglich der letzte Guard seit MJ, der über 40 Punkte in einer Partie auflegte.



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