Basketball-WM
Don't dream, it's over
Getreu dem altdeutschen Sprichwort "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" gingen zwei Wochen Basketball-WM viel zu schnell vorüber. An was wird man sich am Ende des Jahres noch erinnern?
Von René Radoi |
07.09.2006 | |
Im Gegensatz zu den letzten Turnieren nahmen 2006 erstmals 24 Mannschaften am globalen Titelkampf teil. Zur Superlative wurde das Event aber nicht nur deshalb hochstilisiert, sondern hauptsächlich, weil so viele NBA-Spieler wie noch nie dabei waren. Welch Ironie, dass gerade des Prädikat NBA einen solch herben Dämpfer erhielt...Aber beginnen wir am Anfang: Bei 24 Startplätzen, politisch korrekt verteilt über alle fünf Kontinente, sind logischerweise auch schwächere Teams dabei. Venezuela, Panama, Katar, Libanon oder Nigeria sorgten schon vor dem ersten Fehlwurf für Naserümpfen bei den Fans von hochklassigem Basketball. Anders als erwartet haben sich diese Teams jedoch recht passabel präsentiert. Der Libanon konnte trotz Querelen in der Heimat die deutlich stärker eingeschätzten und besetzten Franzosen in die Schranken weisen und den Gartenschlauch an Dirk Bauermanns Halsschlagader in der dritten Verlängerung des deutschen Teams gegen Angola hätte man sich vor Turnierbeginn so sicher auch nicht vorgestellt.
Diese besonders intensive Bekanntschaft mit dem afrikanischen Basketball begleitete das deutsche Team bis in die K.O.-Runde. Gegen Nigeria verhalf neben der Standard-Zutat Dirk Nowitzki vorallem eine dicke Portion Glück zum Sieg. Viel mehr als das und eine Briese Okulaja gewürzt mit etwas Greene hatte der deutsche Basketball nicht zu bieten. Am Ende steht mit Platz Acht ein vernünftiges Resultat, dessen Zustandekommen die Zukunft allerdings nicht gerade rosig erscheinen lässt. Sollte sich Nowitzki nach dem nächsten großen Turnier dazu entscheiden, seine Sneakers an den sprichwörtlichen Nagel zu hängen, dürfte Angola bald keine drei Verlängerungen mehr zum Sieg brauchen.
Gerade die vielen jungen Talente in den Reihen Griechenlands, Frankreichs, Italiens oder Spaniens machen es für den gemeinen deutschen Fan schwer, sich mit Guido Grünheid oder Sven Schultze als Starting Power Forward abzufinden. Doch die Gründe dafür liegen nicht bei Dirk Bauermann, sondern eher bei der Art und Weise, wie mit dem Nachwuchs in Deutschland umgegangen wird. Ein Thema, das uns in den nächsten Jahren wohl noch mehr beschäftigen wird, als uns allen lieb sein dürfte.
Ein überraschend positives Bild hingegen gaben die jungen Türken ab. Offensichtlich hat der - nicht ganz freiwillige - radikale Schnitt nach dem mannschaftsinternen Wrestling-Matchup seine positive Wirkung nicht verfehlt, denn Teambasketball wie in Japan gab es zuletzt äußerst selten zu sehen. Die vielen Jungstars haben einiges an Talent blitzen lassen und werden die nächsten vier Jahre vor Vorfreude kaum aushalten, bis die WM 2010 am heimischen Bosporus ihre Zelte aufschlägt.
Zu den positiven Erscheinungen gehörte zweifelsohne auch Sofoklis Schortsianitis. Als der griechische Büffel im Halbfinale leichfüßig durch die amerikanischen Verteidigungsreihen tanzte, musste sich nicht nur Fernsehkommentator Frank Buschmann mehrmals die Augen reiben. Auch die Manager der Los Angeles Clippers werden sich gefragt haben, warum sie die Visitenkarte vom Agenten dieses unaussprechlichen Riesenbabys mit der Nummer Neun eigentlich so weit unten im Schreibtisch vergraben haben. Zwar hat Schortsianitis im restlichen Turnierverlauf nicht gerade die Sterne vom Himmel geholt, doch für die Stars and Stripes hat es gereicht.
Jene neuerliche Niederlage der US of A wirft einige Fragen auf: Können die Amerikaner einfach keinen Teambasketball spielen? Sind die Regelunterschiede wirklich so eklatant? Wird der europäische Basketball von der FIBA gar bevorzugt?
Sechs europäische Teams unter den letzten Acht sprechen schon eine deutliche Sprache, doch die FIFA ist ja auch keine pro-europäische Organisation, nur weil im Fußball das WM- zum EM-Halbfinale wurde. Vielmehr sollte in der Diskussion über Sein oder Nichtsein des amerikanischen Basketballs diese unsägliche Schwarz/Weiß-Mentalität abgelegt werden. Natürlich verfügt die USA über das beste Spielermaterial, aber solange Basketball zu den Mannschaftssportarten zählt und nicht wie beim Tennis nur die Bälle zwischen zwei Einzelspielern hin- und hergeschmettert werden, sind auch die fünf weltbesten Spieler als Mannschaft nicht zwangsläufig die besten. Ein großer Motor und vier breite Reifen allein geben auch noch kein gutes Auto ab.
Trotzdem bedeutet das Halbfinal-Aus der USA gegen Griechenland nicht das Ende der amerikanischen Basketball-Kultur. Denn gerade die unterschiedlichen Spielweisen der Teams machen den größten Reiz eines solchen Turniers aus und sollten deshalb erhalten bleiben. Ein Aufeinandertreffen von amerikanischer Athletik gepaart mit individuellen Fähigkeiten und griechischer Defensivstärke vereint mit beeindruckender Abstimmung dürfte weitaus spannender sein als zwei sich aufgrund ihrer gleichartig angelegten Systeme egalisierender Mannschaften. In diesem Sinne kann man die beendete Vorherrschaft amerikanischer Nationalteams im globalen Basketballgeschehen als Chance sehen. Als Chance auf Weiterentwicklung des NBA-Basketballs. Als Chance für die USA, sich wieder zur stärksten Nation im Basketball hocharbeiten zu können. Und als Chance für den Zuschauer, der von spannenden Wettkämpfen weitaus mehr hat als von Spielen, bei denen nur die Höhe des Sieges interessant ist.
Die besten vier Teams dieser WM, zu denen die USA trotz aller Schmähungen immer noch zählt, befanden sich in etwa auf Augenhöhe. Darüber kann weder der unbedeutend deutliche Sieg von LeBronze & Co. im Spiel um Platz drei hinwegtäuschen, noch die vernichtende Niederlage, die sich die Griechen im Finale gegen Spanien eingefangen haben. Glücklicherweise ist diese Vierergruppe keine abgeschlossene Elite. Teams wie das junge, talentierte Frankreich oder - mit etwas Reifezeit versehen - die Türken und die Serben können in den nächsten Jahren durchaus in diese Kreise vorstoßen und uns beim nächsten Mal ein ähnlich tolles Turnier bescheren.
Was also wird dem geneigten Fan von dieser Weltmeisterschaft hauptsächlich im Gedächtnis erhalten bleiben? 1. Dass die Zeiten einer vorherrschenden Großmacht auch im Basketball vorbei sind. 2. Das tolle Gefühl, dass gerade deshalb der Weltbasketball unheimlich an Attraktivität gewinnt und 3. die beruhigende Gewissheit, dass auch ein Basketball-Turnier mal vorzeitig zum Höhepunkt kommen kann.



von Crossover 09.09.2010 um 11:48:56
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