Basketball Business

Aufgewacht NBA!

Den Titel "beste Basketballliga der Welt" trägt die NBA wie selbstverständlich mit sich herum. Sie gilt als spektakulär, dramatisch und will fanfreundlich erscheinen. Doch stimmungstechnisch hinkt man Europa meilenweit hinterher.

Von reg31
 11.11.2003 |

Ein NBA-Fan stellt den Wecker. Er kann den Wecker genau nach den Äußerungen von David Stern stellen. Jeder kann das, denn Mr. Stern äußert sich ca. einmal im Quartal bezüglich der Zukunft der NBA. Wenn Mr. Stern das Wort "Zukunft" in den Mund nimmt, dann wird spätestens zwei Sätze später jeder halbwegs aufmerksame Zuhörer das Wort "Europa" vernehmen können. Ja, die NBA will nach Europa oder besser gesagt: Mr. Stern hat vor in Europa Teams der NBA zu etablieren. Europäische Teams, die in der Liga mitmischen. Doch all dieses Gesagte beinhaltet nur vage Äußerungen, viele Phrasen und keine echten Versprechen oder Sätze, an denen man irgendetwas Sicheres festmachen kann. Die NBA in Europa ist genauso unsicher wie der Wurf von Scot Pollard, seit er meint ein echter Starting Center zu sein. Trotzdem sei doch die hypothetische Frage erlaubt, was die NBA Europa bringt. Mr Sterns Auftreten vermittelt einen Eindruck, als wenn Europa der NBA und besonders ihm dankbar sein sollte, wenn die Liga ein Bein über den großen Teich verlagert und eine sportliche Verbindung zwischen den beiden Kontinenten geschaffen wird. Wird das Leben schöner für uns Europäer? Werden wir glücklicher sein? Gibt uns die NBA etwas, was uns Europäern schon immer gefehlt hat? Gibt sie uns etwas Amerikanisches?

Warum geht es eigentlich immer darum, was die NBA uns bei einer möglichen Expansion Richtung Europa gibt? Glaubt Mr. Stern schon jetzt an eine perfekte Liga und dass wir die NBA nicht bereichern können?

Diese Frage wird erstmal unbeantwortet bleiben, weil wohl nur David Stern weiß, was in seinem Kopf vorgeht, aber ob wir Europäer der NBA etwas zeigen und geben können, was sie noch nicht kennt, ist leicht beantwortbar. Ja, wir könnten diese Liga bereichern, falls es mal soweit kommen würde. Wir europäischen Basketballfans könnten den amerikanischen Anhängern endlich mal richtig zeigen, was es heißt ein FAN von einem Team zu sein. Wenn man amerikanischen Spitzensport sieht, kann man sicherlich vieles daraus lesen, aber selbst ein Mensch mit einem übersinnlichen Wahrnehmungsvermögen wird keine "wahre" Stimmung erkennen können. Wenn auf dem Videowürfel "Make some Noise" aufblinkt und die Fans in den Basketballhallen einen ihrer drei Schlachtrufe, nämlich De-fense, gröhlen, dann ist das schon fast das höchste der Gefühle. Viele Fans erheben sich nur von ihrem Platz, wenn es heißt, dass man den gegnerischen Freiwurfspezialisten an einem erfolgreichen Abschluss von der Linie hindern kann. Es wird mit bunten Luftballons gewedelt und manchmal noch das weiße Handtuch gehoben und im Kreis geschwungen. Wenn das heimische Team mit 20 Punkten zurückliegt, hallt nur noch die Computerstimme durch die Halle, die lauthals wiedermal De-fense in die schweigsame Halle plärrt. Das Aufbäumen muss vom Team kommen. Das Team muss den ersten Schritt machen und den Rückstand wieder aufholen. Die Fans steigen meist erst ein, wenn es wieder bessere Aussichten für ihre Mannschaft gibt.

Sicherlich gibt es auch immer wieder Momente, wo einem die Ohren abfliegen könnten, aber dies geschieht, wenn der Team-Leader auf einmal 5 Sekunden vor Schluss den entscheidenden Korb erzielt und die Mannschaft wiedermal einen Sieg eingefahren hat. In diesem Moment jubeln kann jeder und dem Team bringt es zwar Anerkennung, aber haben "wahre" Fans nicht auch eine andere Aufgabe?

Zusätzlich verbietet die Liga auch noch die kleinsten Einfälle der Fans. Als bei einem Spiel der Orlando Magic Mitte der 90er Jahre zwei einfallsreiche Fans auf die Idee kamen, bunte drehbare Pappkreise an einem Holzstiel zu befestigen und sich damit rechts und links auf der Tribüne überhalb des Korbes zu postieren, um mit dem freiwerfenden Penny Hardaway auf Augenhöhe zu sein, mussten Ordner auf Geheiß der Referees diese Utensilien einsammeln. Den Fans der Indiana Pacers wurde es 1995 untersagt, ebenfalls bei einem Spiel gegen die Orlando Magic, laute Trillerpfeifen in der Halle zu benutzen, die den Krach der Rennstrecke Indy 500 nachahmen sollten.

Schickt ein Team über den großen Teich und die Amerikaner könnten mal lernen, was das Wort "Fan" bedeuten kann. "Fan" hängt immer häufiger in unserem Land mit dem Wort "Support" zusammen. Natürlich gibt es hier Fans, die einfach in die Halle oder in ein Stadion gehen um ein schönes Spiel zu sehen. Sie öffnen weder den Mund noch klatschen sie in die Hände. Aber genauso gibt es hier immer häufiger das Gegenteil. Sei es nun die wachsende Ultra-Szene im Fussball oder einfach der junge Fan, der sein Handball- oder Basketballteam zum Sieg schreien will. In den Hallen sind neben Trommeln und Gaströten oft auch Trompeten zu vernehmen. Dass das nicht jedermanns Geschmack trifft, ist selbstverständlich, aber das muss es auch nicht. Der Sinn der Unterstützung von Mannschaften ist es doch den 6. oder 12. Mann hinter dem Team zu bilden. Das Team nach vorne zu peitschen, selbst wenn es beim Fussball mit 2 Toren oder beim Basketball mit 20 Punkten zurückliegt. Jubeln, wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat, kann jeder, doch dem Team nochmal eine extra Portion Motivation mitzugeben, entsteht nur aus dem genannten Support. Die USA kennt dies nicht, Europa schon. Abwechslungsreiche Fangesänge oder Choreographien anhand von Pappschildern sind inzwischen in verschiedensten deutschen Profisportarten gang und gäbe, in der NBA aber eine absolute Seltenheit.

Um diese unterschiedlichen Auffassungen vom "Fan sein" nachvollziehen zu können, braucht man sicherlich einen Kenner dieser beiden unterschiedlichen Kulturen, weil wohl viel davon in unserer Art zu leben verwurzelt ist. Aber es gibt auch offensichtlichere Gründe:
Die Anfeuerung für ein Team kommt sowohl in den USA als auch in Deutschland ganz sicher nicht von den Kaviarvernichtern oder Sektschlürfern, sondern von den ärmeren bzw. durchschnittlich verdienenden Menschen. In vielen Hallen der USA allerdings sind die Eintrittspreise so exorbitant hoch, dass sich vielleicht gerade die Fans den Eintritt nicht mehr leisten können, die am ehesten für eine Unterstützung wie in Europa in Frage kämen. Die Lakers mit ihren unverschämten Eintrittspreisen sind hier ein gutes Beispiel. Sich auf die LA Lakers einzuschießen ist vielleicht nicht unbedingt fair, da es mindestens 10 weitere Hallen in dieser Liga mit ähnlichem Fanverhalten gibt, aber die Franchise bildet ein mustergültiges Beispiel.
Finals 2000: Die Lakers gewinnen relativ problemlos den ersten NBA Titel im neuen Jahrtausend gegen die Indiana Pacers, aber so unterschiedlich wie die Leistung der beiden Teams ist auch das Verhalten der Fans. Während die Fans der Lakers das Paradebeispiel für die amerikanische Stimmung abgeben, wird im Conseco Fieldhouse in Indianapolis eine Basketballfeier auf den Rängen zelebriert. Der zuständige Basket-Redakteur vor Ort, bemerkte damals zurecht neben dem begeisternden Basketball der Lakers diese geniale Stimmung in Indianapolis an. Ohne Übetreibung kann man wohl sagen, dass die Halle teilweise bebte. Indianapolis ist ein Provinzkaff gegenüber LA und genau das ist vielleicht der Grund. Ohne zu verallgemeinern, kann man sagen, dass die Stimmung in kleineren Städten, abseits der Supermetropolen, besser ist als in den Big Market Cities der USA. Einerseits liegt es an den Preisen und andererseits an den übersteigerten Erwartungen der Fans. Ein New Yorker Fan kann sich vor der Saison einfach nicht mit dem Ziel Playoffplatz 8 begnügen und daher wird er bei nicht Erreichen seiner persönlichen Ansichten auch dementsprechend schlechte Stimmung verbreiten.

Die lauten Hallen z.B. in Sacramento werden die Ausnahme in der NBA bleiben. Es gibt zu wenig Eigenintitiative der Fans, zu wenig Engagement sein Team nach vorne schreien zu wollen, einfach zu wenig Europa. Wenn Mr. Stern in fernster Zukunft seine Ankündigungen doch noch wahr machen sollte und tatsächlich ein NBA Team in Deutschland aufgebaut wird, können wir den Amerikanern zeigen, was es heißt Stimmung während eines Sportereignisses zu machen. Hoffentlich sind sie lernfähig...




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Kommentare

(8 Kommentare bisher)

von primo 12.11.03 um 13:05:30


Ich habe letztes Jahr das Spiel der Warriors gegen die Lakers in Oakland gesehen und kann dem Bericht nur zustimmen. Zunächst sind die Ticketpreise auch bei einem schlechten Team wie den Warriors schon sehr hoch. Ich habe damals 40$ für einen sehr schlechten Platz gezahlt (wobei es keinen Aufpreis wegen den Lakers gab). Hinzu kommt, dass man speziell in dieser Halle nur mit dem Auto hinfahren kann und aufgrund der abgelegenen, schlechten Lage eigentlich schon den kostenpflichtigen Parkbereich vor dem Stadion benützen muss...das macht zusätzlich 15$. Wie in dem Bericht beschrieben sieht man in dem Stadion keine Menschen wo man sagen würde "die spielen selber Basketball" bzw. "sind vom selben Umfeld wie die Spieler". Die hat man nur vor dem Stadion gesehen wo sie versucht haben Karten mit Gewinn zu verkaufen weil das Spiel ausverkauft war. Während des Spiels gab es im "europäischen" Sinne absolut keine Stimmung und obwohl in der Halle 19.000 Zuschauer waren gab es keinen echten "Warriors-Fan"...so etwas besitzt die Mannschaft nicht. Natürlich sind auch keine Lakers-Fans nach Oakland gefahren, wobei die beiden Städte nicht sehr weit voneinander entfernt sind. Trotzdem war die Stimmung eher pro Lakers was denke ich daran lag, das die Zuschauer Spieler wie O´Neal und Bryant kannten, ihre eigenen aber nicht. Letztendlich war das Spiel wie ein Kino-Abend für Besserverdienende, bei geilen Dunkings (die gab es jede Menge) haben die Zuschauer gejubelt und beim Entertainment rund ums Spiel der Amerikaner ganz begeistert...



von T3QUILLA 12.11.03 um 18:51:52


Also ich war auch schon 2 mal bei einem NBA Spiel in Toronto(air canada center 16000 zuschauer) und kann nur sagen dass die Stimmung mich positiv überrascht hat.Obwohl es nur gegen die bulls im jahre 1999 oder 2000 ging war da eine sehr gute (und laute!!!) stimmung das hat mir fast die ohren weggefetzt. Und ich habe den Vergleich komme nämlich aus Kiel wo zufällig der THW die Hölle Ostseehalle(10000 Zuschauer) zum explodieren bringt.Und ich muss sagen das es phasenweise in Toronto lauter als in Kiel war.Es wurden 115 Dezibel in Toronto gemessen ( ist schon schädigend für die Ohren)... man muss bedenken das es um nichts mehr ging und Tracy Mac Grady noch kein bekannter Spieler war. Überhaupt war der einzige Star zu dem Zeitpunkt auf dem Parkett Vince.
Und das nächste ist, das Toronto zum Beispiel die "Maple Leafs" (eishockey) und Die "Blue jays" (baseball) in den jeweils obersten amerikanischen Ligen hat, die auch im letzten Jahrzehnt einigermassen erfolgreich waren. Aber vielleicht hast du in deinem Artikel ja auch vollkommen Recht und Toronto ist ne ausnahme (war ja bisher in keiner anderen NBA HAlle ausser im Air Canada Center) Aber Torontos Folks rocken echt!!!!!!!
Ok Peace out cya etc.
T3quilla VOTE FOR KKC



von reloop 13.11.03 um 14:58:04


Ich finds trotzdem etwas überheblich sich einzubilden, dass europäische Fans besser wären bzw. sind als amerikanische.
Es gibt in Europa auch genügend Mannschaften bei denen das Stadion eher einer Prärielandschaft gleicht (leer und verlassen) als einer Fan Hochburg.
Und die ULTRA Gruppierungen mit ihren dazugehörigen Ausschreitungen und regelmäßigen vandalistischen Akten seh ich alles andere als positiv.
Im Großen und Ganzen gefällt mir der Artikel nicht.

P.S.: Ich denke auch, dass europäische Schiedsrichter solche selbstgebastelten "Störanlagen" den Fans wegnehmen würden.



von Sechtemfan 13.11.03 um 17:54:10


kapiert hätte, was die gemacht haben würde ichs ja mal ausprobieren, aber so ;)



von mrand 13.11.03 um 23:43:25


Schau dir mal die europäische Fussballfaszene an und sag mir danach bitte nochmal das wir Euorpäer nicht besser sind als die amerikanischen Kollegen. Klingt zwar eingebildet und arrogant, aber ist nun mal so.



von The K-Man 15.11.03 um 15:25:46


Also wirklich, die NBA will nach Europa, weil es dort die besseren Fans gibt? Europa ist wie Asien ein Absatzmarkt, den es zu besetzen gilt - mehr nicht. Zumal die NBA nicht die Fan-Kultur, wie es sie im Fussball in Europa oder Südamerika gibt, gar nicht will. Sie wollen eine familienfreundliche Show und nicht laute Trommeln und Fans.

Ich war bei 3 NBA Spielen (in Bosten, NY und Philly) und war maßlos enttäuscht. Es ging nichts. In Bosten waren zu mindestens 1/3 Kinder in der Halle, die während des ganzen Spiels herumhüpften um auf den Videowürfel zu kommen. Es interessiert wirklich nur eine handvoll Leute, dass Bosten verliert. In NY war es noch am besten (und am teuersten). Schon alleine, weil nur das Spielfeld beleuchtet wird, entfielen die Videowürfelspiele. Philly lag irgendwo dazwischen. Aber stimmungstechnisch absolut tote Hose. 2,3 mal im Spiel das "Applause Meter" und sonst nur "Stimmung vom Band".



von ekilic 23.11.03 um 14:09:40


1) Europäische Fußball-Fans mit US-Basketball-Fans zu vergleichen, ist schonmal totaler quatsch. Außerdem könnte man bei vielen Fußball Anhängern auch behaupten, dass sie sich nicht fürs Spiel interessieren (sondern nur für die tore bzw. den sieg und natürlich bier). Richtig ist, dass sie Stimmung machen, aber das sind ganz andere Leute, die zu den Spielen gehen (zumindest in den Fankurven). Wenn es beim Fußball nur die sitzenden Tribünen-Zuschauer gäbe, wäre es ähnlich wie beim Basketball (nur, dass noch mehr gepöbelt wird.).

2) Die Ticketpreise für NBA-Spiele sind natürlich wahnsinnig hoch -da sehe ich das größte Problem. Ein reicher Geschäftsmann, der sich für 120 Euro ein Lakers-Ticket kauft, in der dritten Reihe sitzt, wird nicht wie in Griechenland oder Italien ein bengalisches Feuer zünden.

3) Bei 41 Heimspielen ist das Problem, dass die einzelnen Spiele gar nicht sooo wichtig sind. Aufgrund der Tatsache, dass die Mannschaften nicht absteigen können, geht es für viele Teams schon im Januar nur noch um die goldene Ananas. Kein Wunder, dass die Zuschauer in Atlanta nicht ausflippen bzw. gar nicht mehr kommen.

4) Es gibt genügend Arenen in der NBA, wo es richtig laut ist (besonders in den Playoffs). Und genauso gut Fußball-Stadien und europäische BB-Hallen, wo gar nichts geht.

5) Der europäische Basketball und besonders die BBL hinkt der NBA so dermaßen hinterher (es gibt nur ganz wenige Ausnahmen wie Barcelona), dass ich eher sagen würde, wir sollten erstmal vor der eigenen tür kehren. Falls der Artikel provozieren sollte, ist er gut.
Ansonsten halte ich ihn für maßlos überzogen und schwammig, auch wenn einige Ansätze schon ganz richtig sind. Aber es wird zu oft pauschalisiert und der Ami wird wieder mal als ahnungslos dargestellt und wir Europäer können denen noch ne menge beibringen. Ich denke, es ist eher umgekehrt (bezieht sich jetzt nur auf BBall)... Oder warum sind wir alle geil auf die NBA?



von Indianer 08.12.03 um 16:02:34


@reloop:

Kannst du ULTRA Gruppierungen nicht von Hooligans unterscheiden? Nein, es ist nicht das gleiche. Ultras sind nur für ihre Mannschaft da und ausschließlich an guter Stimmung interessiert. Vandalistische Akte gehören da überhaupt nicht zum Programm. Was du meinst nennt man Hooligans, die natürlich ULTRA Gruppierungen angehören können, aber keine wirklichen ULTRAs sind.



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