Alonzo Mourning
Siegerchampus statt Nierentee
Nach seiner schweren Erkrankung befand sich Alonzo Mourning bereits im Ruhestand. Doch der Wunsch nach einem NBA-Titel ließ ihn zurück kommen. Nach Shaquille O?Neals Ausfall im November hat er gezeigt, dass er es ernst meint.
Von Jens Möller |
06.12.2005 | |
Shaquille O?Neal ist immer ein Erfolgsgarant für sein jeweiliges Team gewesen, bis den "Diesel" dann einmal ein Zipperlein plagte. Konsequenz: Die Siegchancen seines Teams sackten schon mal ab wie die Beliebtheitswerte von Edmund Stoiber. Schließlich konnten die Coaches für den großen Dicken meist mangels Optionen furchteinflößende Riesen wie John Koncak oder Travis Knight aufs Parkett schicken. Als Shaqs Knöchel bereits im zweiten Saisonspiel gegen Indiana unsanft auf Ron Artests Fuß traf, zuckten die Fans der Miami Heat vor dem Fernseher zusammen und ahnten Böses.
Wenn O?Neal im Laufe dieser Woche wieder in die Line-Up der Heat zurückkehrt, stößt er zu einem Team, das in seiner Abwesenheit nicht eingebrochen ist, sondern vertraut an der Spitze der Southeast Division steht. Grund dafür ist unter anderem seine Krankheitsvertretung, ein 35-jähriger Veteran mit einer transplantierten Niere, dessen Name so zu Miami gehört wie Don Johnsons pastellfarbene Sakkos zu Little Havanna: Alonzo Mourning.
Erst im Frühjahr kehrte Mourning zu ?seinen? Heat zurück. Als der Diesel Jersey gegen Nadelstreifen tauschen musste, sprang ?Zo? ein und legte los, dass die Bilder wie ein Flashback in die 90er wirkten. Mourning, 1999 und 2000 im Trikot der Heat zum besten Verteidiger der Liga gewählt, erklärte den Luftraum um den Korb der Heat wieder zur Flugverbotszone. Schlappe neun Mal räumte er die New York Knicks beim 107:94-Sieg der Heat ab, bis sich kein Knickerbocker mehr zum Korbleger traute. Persönliche Bestleistung bei den Blocks eingestellt, das Ganze im jugendlichen Alter von 35 Jahren und zehn Monaten.
Während Dwyane Wade in der Offensive den Ausfall von O?Neal kompensiert hat, hat ?Zo? hinten dicht gemacht und das gesamte Oldschool-Centerprogramm ausgepackt. Seine Bilanz nach fünfzehn Spielen in der Ersten Fünf: vier Blocks pro Spiel, damit ligaweite Spitze, über acht Rebounds in unter 30 Minuten Spielzeit pro Partie und rund elf Punkte bei einer Feldwurfquote von 58 Prozent. Der erste Monat der jungen Saison war so etwas wie Mournings zweiter oder dritter Frühling. Dabei hatte es vor einigen Jahren noch nach einem sehr langen Winter mit Tendenz zur absoluten Eiszeit ausgesehen. Nierentee statt Siegerchampus gewissermaßen.
Die Diagnose
Der Knick in Mournings Karriere auf dem Weg in die Hall of Fame kam im Sommer 2000. Dieser begann noch perfekt für Alonzo Mourning. Mit dem US-Team gewann er in Sydney die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Für Mourning ?der schönste Moment meiner Karriere?. Der damals 29-Jährige war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Bereits fünfmaliger All-Star, konnte er stattliche Karrierewerte von 20,9 Punkten, 10,1 Rebounds und 3,1 Blocks pro Spiel vorweisen. Doch während Shaquille O?Neal, der 1992 direkt vor ?Zo? an Eins gedraftet worden war, bereits einen Championshipring am Finger trug, hatte Mourning noch nie in einem NBA-Finale gestanden. Seinen Titeltraum wollte er sich nun endlich in der darauffolgenden Saison mit seinen Miami Heat erfüllen.
Kurz nach seiner Rückkehr aus dem Land ?down under? erschien Mourning zum üblichen Medizincheck vor dem Trainingscamp zur Saison 2001/02. Eigentlich eine reine Formsache für den 2,08 Meter großen und 115 Kilo schweren Musterathleten. Sein muskelbepackter Körper hatte nie Probleme gehabt, sich nach kleineren Verletzungen oder nach einer Operation zu erholen. ?Ich hatte die Mentalität, dass mein Körper unbesiegbar sei, und dachte, dass ich so bis 40 weiterspielen könnte?, erinnerte sich Mourning später. Umso mehr warf es ihn um, als die Teamärzte bei ihm eine schwere Nierenerkrankung entdeckten.
?Focal Segmental Glomerulosclerosis? lautete die Diagnose. Dahinter steckt eine seltene und schwere Funktionsstörung der Nieren, die bei Männern häufiger als bei Frauen und bei Afroamerikanern häufiger als bei Menschen anderer Hautfarbe auftritt. Bei dieser Krankheit versagen Teile der sogenannten Nierenkörperchen, die Schadstoffe aus dem Blut filtern, nach und nach ihren Dienst. Im schlimmsten Verlauf führt dies zu einem lebensgefährlichen Nierenversagen.
Lebensgefahr? Basketball, das Olympiagold, die Saisonvorbereitung mit den Heat - all das war plötzlich weit weg. ?Würde ich weiterleben und was geschieht mit meiner Familie? Das waren meine ersten Gedanken?, erzählte der zweifache Vater dem ?Miami Herald? zu Beginn der aktuellen Saison seine damaligen Gefühle. Seine gesamte Welt geriet ins Wanken.
Vor der Diagnose war der NBA-Titel für ?Zo? das große Ziel gewesen. Nun streikte sein Körper und stellte sein Leben auf den Kopf. Der Wechsel von täglichen Trainingsübungen zu täglichen Arztbesuchen zerrte an Mournings Nerven. ?Ich fühle mich dort wie gelähmt. Ich habe Angst, was sie [die Ärzte] mir sagen werden?, gestand Mourning einmal in einem Interview kurz nach der Diagnose. Gegen Muskelverletzungen konnte er seinen Körper stählen, gegen schmerzende Knie halfen dicke Eispakete. Doch bei dieser seltenen Erkrankung lag sein Schicksal völlig in den Händen der Ärzte und einer erfolgreichen Therapie.
Mournings Rückhalt in dieser Situation war seine Familie: Ehefrau Tracey, Sohn Alonzo III und Tochter Myka Sydney. Er telefonierte in dieser Zeit auch viel mit Sean Elliot. Der ehemalige Forward der San Antonio Spurs war Ende der 90er ebenfalls an dieser seltenen Form einer Nierenfehlfunktion erkrankt und hatte 1999 eine neue Niere erhalten. Elliott bastelte bereits an seinem Comeback und baute den zweifelnden Hünen wieder auf. Auch die NBA-Fans vergaßen ihren Star nicht und wählten Mourning im Februar 2001 ins All Star-Game, obwohl die ganze Saison über das Parkett nicht betreten hatte.
Ungeduld und Rückschläge
Es war eine kleine Sensation, als Mourning nicht einmal ein Jahr nach der Diagnose wieder auf das NBA-Parkett zurückkehrte. Seine Nierenfunktionen schienen durch die Medikamente unter Kontrolle zu sein und in der nächsten Saison (2001/2002) stand ?Zo? wieder für Miami auf dem Parkett. Doch folgten bald Rückschläge. Als sich seine Nierenwerte wieder verschlechterten, saß Mourning erneut nur im feinen Anzug am Ende der Ersatzbank. So verpasste er die gesamte Saison 2002/2003, und auch ein Comebackversuch bei den New Jersey Nets scheiterte zunächst.
Schlimmer noch: Im November 2003 gab Mourning niedergeschlagen bekannt, dass sich der Zustand seiner erkrankten Niere derart verschlechtert hatte, dass nicht mehr nur seine Karriere sondern auch sein Leben gefährdet sei. Er nahm offiziell Abschied vom Profibasketball und hoffte auf den letzten Ausweg einer Nierentransplantation, wie rund 60,000 andere Menschen in den USA. Knapp einen Monat später, am 19. Dezember 2003, erhielt Alonzo Mourning ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Ein Cousin von ihm spendete ihm eine seiner beiden gesunden Nieren.
Doch auch eine Nierentransplantation ist keine absolute Lösung aller gesundheitlichen Probleme. ?Meine Ärzte sagten mir wieder und wieder, dass es immer eine 30-prozentige Chance gibt, dass mein Körper die Niere noch abstößt?, erklärt Mourning die Risiken mit einem Transplantat. Mourning muss sich seither regelmäßigen Untersuchungen unterziehen. ?Es ist eine Belastung, aber nichts im Vergleich dazu, jede Woche an eine Dialysemaschine angeschlossen werden zu müssen.? Mournings Körper schien die neue Niere gut angezunehmen zu haben, und bald waren seine Nierenwerte wieder die eines gesunden Menschen.
In dem Maße, in dem sich seine Gesundheit verbesserte, wuchs in Mourning der Drang, auf das Parkett der NBA zurückzukehren. Neun Monate nach der Operation verkündeten die New Jersey Nets, dass Alonzo Mourning in ihren Kader für die Saison 2004/05 zurückkehren würde. Der Rücktritt vom Rücktritt. Warum er nicht vom Profisport lassen kann, obwohl andere Sportler sich schon mit weit weniger schweren Blessuren in den Vorruhestand und auf den Golfplatz verabschieden? ?Ich würde es hassen, wenn ich in fünf oder zehn Jahren sagen müsste: ?Man, ich wünschte, ich hätte es versucht?.? Der Wunsch nach dem NBA-Titel war übermächtig.
Wieder zu Hause
Dass Mourning heute wieder dort spielt, wo er seine größten Erfolge erreicht hat, ?verdankt? er dem Vince-Carter-Trade aus dem vergangenen Frühjahr. Den New Jersey Nets lief bei dem Angebot aus Toronto das Wasser im Mund zusammen und sie steckten Mourning in das Spielerpaket, das nach Kanada geschickt werden sollte. So lautete die Abmachung, doch die Raptors bedeuten für einen Veteranen eher eine große Portion Frust kurz vor der Rente als eine letzte große Chance auf den Titel. ?Zo? stellte sich quer und erreichte, dass sein Vertrag in Toronto aufgelöst wurde. Prompt rief ein Freund aus guten alten Tagen an, um den wiedergenesenen Center zurück nach Florida zu locken.
?Meine Freundschaft mit Pat Riley hat einen Großteil meiner Entscheidung ausgemacht?, gesteht Mourning. Riley, sein damaliger Headcoach in Miami, bastelte als Präsident der Miami an einem Championshipteam. Mourning kam da wie gerufen. ?Ich denke, dass das Team von meiner Erfahrung, meinen Fähigkeiten und meiner physischen Präsenz profitieren kann?, erklärte Mourning zu Beginn der aktuellen Saison. Nach seinem kurzen Engagement im Frühjahr hatte er sich zu einer weiteren Saison in Miami überzeugen lassen. Zusammen mit Shaquille O?Neal bildet ?Zo? dort nun die erfahrenste Center-Combo der Liga. Ein One-Two-Punch mit Panzerkraft.
Der November und O?Neals Ausfall haben Mourning und die Heat auf eine erste Probe gestellt. ?Zo? ist sich sicher, dass diese Erfahrung das Team noch stärker machen kann. ?Es geht darum, am Ende oben zu stehen. Ich fühle, dass wir in der Lage sind, dieses Ziel zu erreichen.? Und seine eigenen Ziele? ?Ich bin erst 35 Jahre alt. Wenn ich die 75 oder 80 schaffe, dann hatte ich ein gutes Leben.?
Dann kann Alonzo Mourning auf die größte Herausforderung seines Lebens zurückblicken. Und vielleicht auch auf einen NBA-Titel aus der Saison 2005/06.






von Crossover 26.05.2012 um 16:44:39
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